Go to ...
RSS Feed

21. March 2019

Januar 1919 in Berlin: Kampf um Revolution und der Mord an Luxemburg und Liebknecht




Bis heute werden die Kämpfe im Januar 1919 in Berlin zwischen revolutionären Kräften und Truppen der Gegenrevolution als „Spartakusaufstand“ bezeichnet. Diese Legende setzten jene in die Welt, die von ihrer eigenen Verantwortung für die blutigen Ereignisse und Folgen ablenken wollten, allen voran die führenden Kreise der MSPD um Friedrich Ebert. Sie benutzten die Ende 1918 und Anfang 1919 aus dem Spartakusbund hervorgegangene junge KPD mit ihren führenden Köpfen wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht als Sündenböcke.

Immer noch stellen nur wenige das Geschehen vor 100 Jahren so dar, wie es war und in der DDR beschrieben wurde: als Januarkämpfe 1919. Zu den Wenigen gehört der aus der DDR stammende Geschichtswissenschaftler Gerhard Engel, der sich seit Jahrzehnten mit der deutschen Arbeiterbewegung beschäftigt.

„Diese Ereignisse im Januar 1919 waren eine erste massenhafte Reaktion der vom bisherigen Verlauf der Revolution Enttäuschten“, sagte der Historiker im Gespräch mit Sputnik.

„Viele hatten sich mehr vorgestellt als das, was in den ersten Wochen erreicht worden ist. Sie waren frühzeitig, bereits im Dezember 1918, mit erheblichen Aktivitäten der Konterrevolution konfrontiert und mussten befürchten, dass über kurz oder lang auch die Errungenschaften der ersten Wochen der Revolution liquidiert werden könnten.“

Zornige Arbeiter

Das habe vor allem die Arbeiter in Berlin zornig gemacht, insbesondere in Folge des Angriffs auf die Volksmarinedivision zu Weihnachten 1918. Laut Engel führte dann die Entlassung des linken Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) am 4. Januar 1919 zu einem spontanen Massenprotest. Den hätten vor allem die Revolutionären Obleute in den Berliner Betrieben und die Berliner USPD unterstützt.

Kräfte aus der zum Jahresbeginn 1919 gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) seien mit auf den Zug aufgesprungen, so der Historiker. Diese hätten ebenso wie die Revolutionären Obleute und die USPD die Situation so eingeschätzt, dass nun die Revolution weitergeführt werden könne. So sei der revolutionäre Aktionsausschuss entstanden, der versucht habe, sich an die Spitze der spontanen Bewegung zu setzen. In dem Gremium hätten die Kommunisten aber eine klare Minderheit abgegeben. Unter den 33 Mitgliedern befanden sich zwei Vertreter der KPD: Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck.

„An diesen Tagen hatten beide Seiten Angst voreinander“, schrieb dazu Sebastian Haffner 1969 in seinem Buch „Die verratene Revolution“, „auch die Regierung vor der Revolution“.

Der Historiker Wolfgang Malanowski gab das in seinem Buch „November-Revolution 1918 – Die Rolle der SPD“ aus dem gleichen Jahr so wieder: „Den Volksbeauftragten in der Reichskanzlei schien die Situation so prekär, daß sie sich, so Scheidemann, ‚mit aller Vorsicht aus dem Hause schlichen‘: ‘Einer hinter dem anderen, mit 300 Schritten Abstand.‘ Ebert erwog wieder einmal, Berlin zu verlassen.“

Überraschte Revolutionäre

Doch die Gefahr war den Historikern zufolge geringer als sie erschien: Selbst die Mitglieder dieses Ausschusses seien davon überrascht gewesen, wie massiv der Aufruhr in Berlin war, meinte Engel. Das ist auch bei Haffner zu lesen: „Niemand wurde von diesem gewaltigen Massenausbruch mehr überrascht als die Leute, die ihn ausgelöst hatten. Sie hatten keine Ahnung gehabt, was für eine Lawine sie lostraten.“

Historiker Engel weiter dazu: „Sie hatten keinen Plan, was nun wie passieren sollte. Das führte zu einer Situation, dass die Massen auf der Straße waren, aber keine Orientierung erhielten, was sie denn nun eigentlich tun sollten.“ Relativ spontan seien dann am 5. Januar 1919 für strategisch wichtig gehaltene Punkte in der Hauptstadt wie Bahnhöfe, öffentliche Gebäude und vor allem das Zeitungsviertel Berlins mit Verlagen und Redaktionen besetzt worden.

Die Führungslosigkeit der Massen sieht Engel als entscheidende Ursache dafür, dass im Januar 1919 „eigentlich gar nichts erreicht worden ist“. Die Gegenrevolution habe ihre Kräfte gesammelt und Fronttruppen sowie Freikorps aus dem Berliner Umland herangeführt, beschrieb der Historiker die Reaktion. Gegen diese hätten die Aufständischen militärisch keine Chance gehabt. Ab dem 8. Januar 1919 wurde drei Tage lang „auf Befehl Eberts die Revolution in der Hauptstadt zusammengeschossen“, wie es Haffner beschrieb.

Eingeschleuste Spitzel

Die massenhaft bewaffneten Demonstranten und Aufständischen hatten erstaunlicherweise die kaum bewachten Regierungsgebäude weitgehend verschont. Laut Malanowski gab es einen Angriff auf die Reichskanzlei, der aber von dort stationierten Soldaten zurückgeschlagen worden sei. Ebenso sei es bei der Kaserne in Moabit gewesen. Warum das so war, darauf gebe es keine schlüssige Antwort, sagte Engel dazu.

Er verwies auf den Bericht des Untersuchungsausschusses der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung über die Januar-Unruhen 1919 in Berlin. Darin sei der Verdacht zu finden, dass Lockspitzel bzw. Agents provocateurs unter den Demonstranten am 5. Januar dazu aufgerufen hatten, die Verlage und Zeitungen zu besetzen – „vorbei an den eigentlichen Machtzentren, die in das Blickfeld der Aufständischen hätten geraten müssen“.

Zu den Ursachen für die Kämpfe gehört für Historiker Engel, „dass die Konterrevolution sehr schnell ihr Haupt erhoben hatte. Das waren ja nicht nur bewaffnete Kräfte, nicht nur die Bildung und der Einsatz der Freikorps. Das war auch die öffentliche Hetze gegen die Revolution, so dass befürchtet wurde, es könnte alles umsonst gewesen sein, was errungen wurde. Keiner hat daran gezweifelt, dass das in den ersten Wochen Errungene wertvoll war. Nur es schien nicht sicher zu sein, ob es Bestand hat. Das hat diese Unruhe enorm befeuert.“

Breites Misstrauen

Es habe ein verbreitetes Misstrauen gegen die sozialdemokratische Führung um Friedrich Ebert gegeben, so der Historiker. Diese Unzufriedenheit sei schon während des 1914 begonnenen Krieges gewachsen und habe sich gegen die MSPD ebenso wie die sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaften gerichtet.

„Man hatte während des Krieges die Erfahrung gemacht, dass diese Partei, die als Friedens-Partei bis 1914 in der Arbeiterbewegung hohes Ansehen genoss, nun die Kriegskredite befürwortete, bis zum Schluss der kaiserlichen Regierung die Treue hielt und nun plötzlich an die Spitze der Revolution gespült wurde. Was sie machte, war immer von einem gewissen Misstrauen begleitet: ‚Meinen die das ernst, was die da tun?‘“

Zur Legende vom angeblichen „Spartakusaufstand“ im Januar 1919 meinte der Historiker, es handele sich dabei um einen Kampfbegriff gegen die damals junge KPD. Unter „Spartakusaufstand“ verstanden die Historiker der DDR den von Spartakus geführten Sklavenaufstand im antiken Rom.

Nützliches Schreckgespenst

Obwohl die KPD nur die kleinste Gruppe der Revolutionäre gestellt habe, sei ihr die Verantwortung für die Ereignisse zugeschoben worden. Außerdem seien während der im November 1918 begonnenen Revolution alle, die links vom MSPD-Kurs unter Ebert standen wie die USPD, als „Spartakisten“ bezeichnet worden, erklärte Engel.

„Das ist ja oft so, dass alle Linken in einen Topf geworfen werden und zwischen ihnen nicht differenziert wird. Hinzu kommt, dass sich in der Novemberrevolution eine sehr ambivalente Wirkung der russischen Oktoberrevolution bemerkbar gemacht hat: Auf der einen Seite war sie Inspiration für die Linken; auf der anderen Seite ist sie von denen, die die Revolution nicht weitertreiben wollten, mit dem ‚Bolschewismus‘ zu einem Schreckgespenst hochstilisiert worden.“

Für Engel ist manche Kritik an den russischen Ereignissen nach 1917 verständlich, „weil die bedrohte Sowjetmacht auch Mittel nutzte und Wege gegangen ist, die mit dem Demokratieverständnis damaliger Zeit überhaupt nicht übereinstimmten“. Damals sei in Deutschland eine „Welle von Antibolschewismus und Antikommunismus ausgeschüttet worden“, die Mark Jones 2017 in seinem Buch „Am Anfang war die Gewalt“ untersucht und beschrieben habe.

Unklare Richtung

Der Einfluss der massiven Propaganda der von Industriellen finanzierten „Antibolschewistischen Liga“ um Eduard Stadtler habe sich lange Zeit in der deutschen Geschichtsschreibung ausgewirkt. Diese habe den Faktor Konterrevolution weniger erforscht als die Aktionen der Revolutionäre selbst, stellte Engel fest. Das habe sich erst mit dem 100. Jahrestag der Ereignisse erkennbar geändert und trage dazu bei, das Bild der Novemberrevolution und ihrer Folgen zu schärfen.

Zur Rolle der Kommunisten sagte der Historiker, der sich mit der Gründungsgeschichte der Ende 1918 gegründeten KPD seit Jahrzehnten beschäftigt, dass diese Partei bereits mit inneren Widersprüchen entstanden sei. Selbst jene, die sie gründeten, seien sich über den richtigen Zeitpunkt dafür nicht einig gewesen. Die Mitglieder des Spartakusbundes, der zur USPD gehörte, hätten lange Zeit geglaubt, mit dieser linkssozialdemokratischen Partei die Revolution weiter vorantreiben zu können. Das habe sich aber im Dezember 1918 als Illusion erwiesen.

Es habe bereits während des Krieges Forderungen und den Versuch gegeben, eine „Internationale Sozialistische Partei Deutschlands“ zu gründen. Ein darauf gerichtetes illegales Treffen von Anhängern der Bremer linksradikalen Richtung habe im August 1917 in Berlin stattgefunden, das aber von einem Spitzel an die Polizei verraten worden sei. Die verschiedenen Gruppen, die eine solche Partei gewollt hätten, hätten aber zum Teil nicht vereinbare politische Vorstellungen gehabt.

Anerkannte Wortführer

Nach der Vereinigung von Spartakusbund und den „Internationalen Kommunisten Deutschlands“ in der KPD seien solche Differenzen, die vor allem die Stellung zum Parlamentarismus und zu den Gewerkschaften sowie die Parteistruktur betrafen offen ausgetragen worden. Das habe zu Flügelkämpfen und zu Abspaltungen von der KPD geführt. Der spätere Einfluss aus Moskau habe dabei eine wichtige Rolle gespielt, betonte Engel. Er verwies auf die Ereignisse in Deutschland in den frühen 1920er Jahren mit Putsch- und Aufstandsversuchen, bei denen sich das gezeigt habe.

Zur Rolle von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die vor 100 Jahren ermordet wurden, sagte der Historiker: „Sie waren die Wortführer derer, die auf die Straße gingen. Sie hatten beide – Liebknecht vielleicht noch mehr als Rosa Luxemburg – geradezu einen Nimbus in der Arbeiterbewegung. Liebknechts Autorität beruhte auf seinem konsequenten Antimilitarismus schon vor dem Ersten Weltkrieg.

Rosa Luxemburg sei eine begnadete Rednerin gewesen, die vor allem in den Wahl- und Wahlrechtskämpfen Massen in großen Sälen begeistert habe. Das sei ihr durch ihre Argumentationen gelungen, die die Zuhörenden mitdenken ließen. Es sei ihr anders als den meisten Parteirednern fremd gewesen, Losungen in den Saal zu rufen, so Engel.

„Sie galt deshalb als eine wichtige Gestalt in der Arbeiterbewegung.“

Vorbereiteter Mord

Liebknechts Rolle habe sich dadurch erhöht, dass er 1914 als Reichstagsabgeordneter als Erster offen die Kriegskredite ablehnte und in öffentlichen Reden und Flugblättern den imperialistischen Krieg geißelte. Dafür sei er vor Gericht verurteilt und ins Zuchthaus gesteckt worden. Als beide im Oktober bzw. November aus der Haft freigekommen seien, hätten sie sofort begonnen, die revolutionäre Bewegung voranzubringen, Luxemburg mit der „Roten Fahne“ und Liebknecht auf den Straßen. „Wo Liebknecht sprach, da gingen die Leute hin. Auf Bildern ist zu sehen, dass er stets von Tausenden umringt war, wenn er ohne technische Mittel zu ihnen sprach.“

„Beide waren Wegweiser“, schätzte der Historiker die Beiden ein. „Insofern wussten ihre Gegner, wenn sie getroffen und getötet werden, würde dem vermeintlichen kommunistischen Gespenst der Kopf abgeschlagen.“ Er fügte mit Blick auf die Vorgeschichte ihrer Ermordung hinzu: „Das war kein ‚Blitz aus heiterem Himmel‘, dass das geschah. Es hat ja vorher schon Aufrufe gegeben, sie durch eine Verhaftung mundtot zu machen, und schließlich, sie durch Mord zu liquidieren.“

Der Chef der „Antibolschewistischen Liga“, Stadtler, hatte am 12. Januar 1919 im Berliner Hotel „Eden“ Hauptmann Waldemar Pabst von der Garde-Kavallerie-Schützen-Division erklärt. „wenn es auf unserer Seite vorerst keine Führer“ gebe, „dann darf wenigstens die Gegenseite auch keine haben“. Nachzulesen ist das unter anderem in dem gerade erschienenen Buch „Der Fall Liebknecht/Luxemburg“. Pabst war nachweislich derjenige, der den Befehl zum Mord an den beiden Kommunisten gab.

Ausgeschaltete Matrosen

Zur Rolle der Volksmarinedivision, der vermeintlichen „Schutztruppe der Revolution“, in diesen Kämpfen, stellte Engel klar, dass es sich dabei nicht um eine „Revolutionsarmee“ gehandelt habe. Die Division sei eine bunt zusammengesetzte Einheit mit rasch wechselnden Kommandeuren gewesen, einschließlich unterschiedlicher politischer Orientierung. Sie habe zwar wie die Sicherheitswehr des Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) und die Republikanische Soldatenwehr des Stadtkommandanten Otto Wels (MSPD) Sicherungsaufgaben übernommen. „Aber eine ‚Rote Garde der Revolution‘ waren sie alle nicht.“

Zudem habe die Volksmarinedivision nach den Weihnachtskämpfen 1918 infolge der Verhandlungen ihren bisherigen Status verloren. Sie sei als Untereinheit in die Republikanische Soldatenwehr des Stadtkommandanten eingeordnet worden. „Sie war im Grunde genommen weitgehend neutralisiert“, so Engel. Deshalb habe sie bis auf einzelne Matrosen in den Januarkämpfen 1919 keine aktive Rolle gespielt.

Literaturtipp:
Marx-Engels-Stiftung, Gerrit Brüning, Kurt Baumann (Hrsg.): „Die Novemberrevolution 1918/19. Ereignis. Deutung. Bedeutung“
u.a. mit einem Beitrag von Prof. Dr. Gerhard Engel
Verlag Neue Impulse 2018. 296 Seiten. ISBN: 9783961700165; 19,80 Euro





Source link

Download Premium WordPress Themes Free
Premium WordPress Themes Download
Download Nulled WordPress Themes
Download Nulled WordPress Themes
free download udemy paid course

Tags: , , , , , ,

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

More Stories From Allgemein