Steigende Erwartungen aus aller Welt. Das ist das Kernresultat aus Interviews mit 154 Personen aus 24 Ländern. Es geht um die internationale Rolle Deutschlands, um Flucht und Migration, Staat und Werte, Wirtschaft, Bildung, Kultur und Medien. In einer Zeit geprägt von vielerlei Krisen, wird von Deutschland eine klare Führungsrolle erwartet. „Zieht die größeren Schuhe an“, hieß es schon in der ersten Serie an Interviews im Jahr 2012, die die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) führt und veröffentlicht. Die mittlerweile dritte Deutschlandstudie zeigt im Kern, dass sich diese internationale Haltung gegenüber der Bundesrepublik nicht verändert hat. Im Gegenteil, denn die Empfehlung mehr Verantwortung zu übernehmen aus dem Jahr 2012, wurde 2018 mit einer Aufforderung ersetzt. „Was die USA zu viel machen, macht Deutschland zu wenig. Sich zum Beispiel einmischen“, war hierzu aus Ghana zu hören.

Deutschland soll endlich seine Zurückhaltung aufgeben

Bei all den internationalen Erwartungshaltungen und dem Aufruf als Gegengewicht zu den USA, Russland und China zu fungieren, gab es allerdings auch Lob. Vor allem in Sachen Flüchtlingskrise. „Was Deutschland in der Flüchtlingskrise geleistet hat, ist fantastisch und ehrenhaft. Die Deutschen sollten auf ihr Geleistetes stolz sein“, sagte Saudi-Arabien. Im Gesamten betrachtet, hat der Umgang mit Flüchtlingen der Bundesregierung, aber auch dem Volk, eine erhebliche humanitäre Anerkennung verschafft. Gleichzeitig blickt die Welt aber auch kritisch auf das politische hin und her in Fragen Einwanderung in Deutschland. Die fehlende gemeinsame Marschrichtung der großen Koalition wirft auch die Frage nach den Motiven der zunächst so offenen Haltung Berlins auf. Wollte Merkel die niedrige Geburtenrate durch Flüchtlinge in den Griff bekommen? In jedem Fall steht laut Kanada fest, dass Deutschland die Aufnahme von Migranten „zum einen aus menschlichen Gründen, zum anderen aber maßgeblich auch aus demografischen Gründen heraus“ zulässt. Viele wünschen sich deshalb eine noch offenere Haltung, wobei die Hürden und Herausforderungen von Integration nicht übersehen werden. Deutschland müsse „die Rolle als Hüter einer offenen und transparenten Gesellschaft annehmen“, hieß es beispielsweise aus Brasilien. Es ginge dabei um die Erhaltung und Verteidigung westlicher Werte, aber auch um die Rolle des Schlichters bei internationalen Krisen.

Wenngleich das deutsche Volk als äußerst diszipliniert wahrgenommen wird und gar als treibende Kraft hinter der Bewältigung der Flüchtlingskrise von 2015 gilt, sieht das Ausland die Bundesregierung vielerorts als unflexibel. Während die Disziplin der Deutschen löblich sei, gilt die Disziplin der Bundesregierung als anstrengend. Dies schlägt sich auch auf den Wähler nieder, dem eine gewisse Politikverdrossenheit nachgesagt wird aufgrund mangelnde Authentizität der Parteien. „Wofür stehen die Parteien heute eigentlich noch? Sie inspirieren nicht mehr, so wie es Genscher, Brandt und Schmidt konnten“, meint hierzu die USA. Der Wähler sei unzufrieden mit den klassischen Parteien, der großen Koalition und das zeige sich auch im Aufkommen der stetig wachsenden Zahl an kleinen Parteien im Bundestag. Deutschland solle dies „als Warnung, als rote Warnlampe“ verstehen. „Es ist ein Ausdruck der Unzufriedenheit mit den klassischen Volksparteien, die nicht mehr genug auf die Sorgen der Menschen eingehen.“ fügt die USA an. Das parteipolitische Erstarken der AfD sei hier ein weiteres, klares Indiz für die erwähnte Unzufriedenheit des deutschen Volkes.

Deutschland: stabil, aber etwas unmodern

Auf der anderen Seite wird Deutschland wegen seines fortschrittlichen Staatssystems im Ausland
sehr geschätzt. „Am meisten beeindrucken mich in Deutschland die funktionierenden Institutionen und deren
Zusammenwirken untereinander“, meinte hierzu China. Dieser Erfolg sei vor allem der Diskursfähigkeit, besonders der Parteien, zu verdanken. Aber auch dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Um die Disziplin der Deutschen nochmals aufzugreifen: diese gilt auch als Eckpfeiler des wirtschaftlichen Erfolges. Der Wirtschaftsstandort Deutschland gilt weiterhin als hervorragend, unsere leistungsorientierte und international starke Wirtschaft wird im Ausland bewundert. Deutschland besitzt starke Marken und hohe Qualität bei seinen Produkten. Die anwendungsorientierte Forschung und unser duales Bildungssystem werden als fortschrittlich angesehen. Deutschland gilt als Vorreiter in Sachen Technologie und Umweltschutz. Gerade deshalb war das Ausland empört über den Dieselskandal. Aber auch anderenorts stellt Kanada Probleme fest: „Die Außensicht auf Deutschland als wirtschaftlich und politisch erfolgreiches Land relativiert sich, wenn man von innen genauer hinschaut. Deutschland hat ausgeprägt niedrige Löhne und leidet heute noch unter den wirtschaftlichen Folgen der Wiedervereinigung. Je näher man heranzoomt, desto größer sind die Probleme.“ Tunesien denkt gar, dass die schwarze Null, „die vielfach gerühmt wird“, in der Realität gar nicht gesehen wird. „Es gibt zwar weniger Arbeitslose, aber dafür mehr Leiharbeiter. Ein Leiharbeiter verdient jedoch nicht mehr als ein Hartz-IV-Empfänger. Die Regierung muss diesen Euphemismus beenden.“

Auch sieht das Ausland in Sachen Digitalisierung großen Nachholbedarf und hat Bedenken, ob Deutschland nicht gar den Anschluss verliere. „Wenn man vom Erfolg der Vergangenheit im Maschinenbau und der Autoindustrie zu verwöhnt ist, besteht das Risiko, künftige Erfolgsfelder bei der Informations- und Kommunikationstechnologie zu verschlafen“, meint Jordanien. China fügt an: „Die Deutschen schreiben noch Briefe. Mit der Hand. Sie stecken sie in einen Briefumschlag, dann gehen sie damit zum Postamt und stellen sich in eine lange Schlange. Und jetzt kommt das Beste: Sie bezahlen dafür sogar noch mit Bargeld.“ Auch gesellschaftlich habe Deutschland Nachholbedarf. Thema Frauen und Gleichberechtigung etwa. Manche der Befragten halten diese Gleichberechtigung für „aufgesetzt“, was gegen das Bild eines modernen Staats spricht. Zudem stellen viele der Befragten, bei aller deutscher Sorgfalt und Rechtsstaatlichkeit, verblüfft fest, dass der Reichtum in Deutschland nur einer kleinen Gruppe Wohlhabender gehört. Das spricht abermals gegen den modernen Sozialstaat, der Gleichheit und Gerechtigkeit propagiert.

Die Deutschen legen viele Eier, aber sie gackern nicht

Dabei sollten die Deutschen „manchmal mehr gackern und weniger Eier legen“, meint Brasilien. Der Deutsche gilt weiterhin als „etwas reserviert“. Aber gleichzeitig auch als emotional und lebensfroh. Er wickelt kühl seine Geschäfte ab, fiebert aber am Wochenende mit seinem Fußballverein mit. Deutsche benehmen sich meistens, stehen ruhig und geduldig in Warteschlangen oder an der roten Ampel. Es scheint fast so, als liebe der Deutsche seine Regeln und seine Ordnung. Und wenn es an einem nicht fehlt in Deutschland, dann an Regeln und Gesetzen. Fast scheint es, als würden diese Regeln eine befreiende Wirkung auf das deutsche Volk haben. Wir planen alles mit Sorgfalt und Strenge, denn wir wollen, dass es so perfekt wie möglich wird. Sei es der Urlaub, das Eigenheim oder gar der Nachwuchs. Bei all der strengen Planung scheint Deutschland die eigene Vermarktung jedoch zu vergessen. „Für deutsche Kultur gibt es im Goethe-Institut dreißig Plätze, Briten und Amerikaner bringen die Leute ins Stadion“, meint hierzu treffend Äthiopien. Es bleibt zu hoffen, dass Deutschland in 2019 zu mehr Einigkeit und mehr Lockerheit findet. Denn in turbulenten Zeiten ist es umso wichtiger Anschlüsse nicht zu verlieren und das eigene Land geschickt zu vermarkten. Nur so kann Deutschland den Forderungen nach einer internationalen Führungsrolle gerecht werden und diese Rolle auch mit gewohnter Qualität a la „Made in Germany“ ausführen.

Autor: Thomas Schmied

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Von Veritatis

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