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Kosmisches Traditionswrstchen

Eine alte Galaxie mit modernen Datenstandards: nichts teilen, nichts tauschen, Daten (bzw. Gas) fr sich behalten: ‘Bedin I’, 30 Millionen Lichtjahre von der Milchstrae entfernt (NASA/ESA/L. Bedin).

Bei der Untersuchung eines Kugelsternhaufens mit dem Hubble Weltraumteleskop haben Astronomen eine Zwerggalaxie entdeckt, die bei frheren Durchmusterungen aufgrund ihrer fehlenden Leuchtstrke bersehen wurde und die sich durch ihr bemerkenswertes Einsiedlerdasein
auszeichnet.

Kleines Wrstchen auf dem Grill oder Zwerggalaxie vor der Linse – manche Dinge bleiben gerne gleich, ob gegrillt oder gravitativ.
Im ersten Fall das wahrscheinlich lteste ‘Fast-Food-Restaurant’ Deutschlands, die Regensburger ‘Wurstkuchl’, das Schweinswrstchen seit
nach 600 Jahren unverndertem Rezept herstellt; letzteres eine leuchtschwache Mini-Galaxie, die sich seit 13 Milliarden Jahren jeder gravitativen Wechselwirkung
entzogen zu haben scheint.

Bei der Untersuchung des Kugelsternhaufens ‘NGC 6752’ (bekannt seit 1826 und nach 47 Tucanae und Omega Centauri der dritthellste Haufen)
mit dem Hubble Weltraumteleskop haben Astronomen berraschend eine sehr leuchtschwache Entdeckung gemacht: die kugelfrmige Zwerggalaxie
‘Bedin I’, benannt nach dem Leiter der Beobachtungsmission, die nur 30 Millionen Lichtjahre von der Milchstrae entfernt ist und sich durch
ihre konsequente Einsiedelei auszeichnet: das Galaxienzwerglein zeigt wenig bis keine Anzeichen fr Wechselwirkungen mit (greren)
Galaxiennachbarn – ein extrem seltener und daher fr wissenshungrige Astronomen ein besonderer Glcksfall.

Galaxien knnen untereinander gravitativ wechselwirken – in den dichteren Frhphasen des Universums deutlich hufiger als heute. Dabei
kann es neben Neukonstellationen, einem umfangreichen Austausch von Gas und Staub auch zu einer vlligen Verschmelzung der beiden Galaxien kommen:
Insbesondere die heute zu beobachtenden Elliptischen (Riesen-)Galaxien werden als Verschmelzungprodukt von Scheiben- oder Spiralgalaxien
interpretiert. Bekannte wechselwirkende Objekte sind etwa ‘die Muse’, ein Spiralgalaxien-Prchen (NGC 4676), das aufgrund der
Gezeitenwechselwirkung zwei leuchtende ‘Museschwnze’ zeigt – die ‘Herzen’ der Galaxien sind allerdings noch nicht verschmolzen und lassen
daher noch zwei getrennte Objekte erkennen. Anders die ‘Antennengalaxie’, entdeckt am 7. Februar 1785 von William Herschel, die schon einen Schritt weiter
ist: die Kerne der kollidierenden Einzelgalaxien sind schon zusammengezogen und haben nun einen gemeinsamen ‘Haushalt’.

Theoretische Modelle gehen davon aus, das die meisten – frher sehr hufigen – Zwerggalaxien bis etwa eine Milliarde Jahre nach dem
Urknall miteinander verschmolzen sind oder etwa als Satellitengalaxien von greren Scheibengalaxien gravitativ massiv beeinflusst wurden.
Bisher sind nur eine Handvoll sphrischer Zwerggalaxien mit genau bestimmter Entfernung bekannt, die geringen Wechselwirkungen mit
Nachbargalaxien unterworfen waren (Cetus, Tucana oder KKR-25).
Die komplexen Wechselwirkungen zeigen sich in einer vielschichtigen Sternhistorie: erste Sterne entstehen, die meisten bleiben
ihrem Heimathaufen treu, andere werden fortgerissen. Wasserstoffgas, der Grundstoff fr neue Sterne, wird durch Gezeitenwechselwirkungen
aus der Zwerggalaxie gezogen oder kommt neu hinzu, sodass eine neue Sterngeneration entstehen kann. Die neu entdeckte Galaxie ‘Bedin I’ zeigt nun nichts von all den galaktischen Tauschbrsen: ihre Sterne gehren einer einzigen Generation an, die seit ihrer Entstehung ungestrt auf ihrer kosmischen Parkbank sitzen (seit nunmehr
13 Milliarden Jahren) und sich aus dem galaktischen Trubel ihrer Nachbarn raushalten. Die Untersuchung solcher ungestrter Sterninseln ist dabei von
groem Interesse, da viele zustzliche, das Verstndnis erschwerende Faktoren in erster Nherung vernachlssigt werden knnen.

‘Einfach nicht hingucken’ war wohl auch der Grund
fr die Kleinheit der Regensburger Traditions-Minigrillwrstl: sie waren so klein, dass man sie auch noch nach den gesetzlichen ffnungszeiten
durchs Schlsselloch schieben konnte – vielleicht auch fr hungrige Astronomen nach einem angestrengten (teleskoplosen…) Blick in den Himmel.
10.02.2019

  

11.02.2019 00:02 Uhr, Ilka Petermann



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