Anette Sorg: FĂŒnf Tatsachen stören mich gewaltig am Internationalen Frauentag.

  1. Dass die BlumenhĂ€ndler erst kĂŒrzlich entdeckt haben, dass man Frauen am 8.MĂ€rz mehr als eine Rose auf dem Marktplatz schenken kann, dass auch richtige BlumenstrĂ€uße an diesem Tag auf neue Besitzerinnen warten. So viele Jahre musste ich also zwischen Valentinstag und Muttertag ohne BlumenstrĂ€uße durchs Leben wandeln. Mit viel zu großer VerspĂ€tung wird mir jetzt erst die Zeit zwischen diesen beiden Hoch-Tagen des Blumenhandels versĂŒĂŸt. So viele trostlose, blumenlose FrĂŒhlinge liegen wegen solch verschlafener HĂ€ndler hinter mir. Unentschuldbar!
  2. Dass ich mir – wie der Wetterreporter Phil im Film „Und tĂ€glich grĂŒĂŸt das Murmeltier“ – jedes Jahr die gleichen, langweilig-monotonen Reden zum Frauentag anhören muss: „Viel erreicht, blabla, noch viel zu tun, blabla
“. Wie bei der wiederholten Neujahrsansprache unserer Kanzlerin seinerzeit. Und keiner merkt’s, weil nach dem zweiten Satz eh‘ alle schlafen.
  3. Dass pĂŒnktlich zum 8.MĂ€rz selbsternannte HĂŒter der deutschen Sprache sich schĂŒtzend vor dieselbe werfen und deren „Entmannung“ (und ich muss zugeben auch deren Verhunzung durch „Sternchen*“,“SchrĂ€gstrich/“ und „Binnen-I“) „mutig“ mit einem Aufruf (diesem z.B stop-gendersprache-jetzt.de) zu verhindern versuchen.
  4. Dass viele Gegnerinnen einer tatsĂ€chlichen Gleichberechtigung in den eigenen Reihen sitzen. Solche, die den Beifall der MĂ€nnerwelt erheischen und zielsicher jene Frauen denunzieren, die es nun ĂŒberhaupt nicht verdient hĂ€tten, dem Manne gleichberechtigt zu sein.
  5. Dass er immer noch notwendig ist, dieser Frauentag. Schließlich haben wir schwarz auf weiß im Grundgesetz stehen, dass der Staat fĂŒr eine tatsĂ€chliche Gleichberechtigung aktiv werden muss. Warum mĂŒssen wir ihn also alljĂ€hrlich daran erinnern?

So weit, so lustig. Oder auch nicht. Je nach Blickwinkel. Die ernsthafte(re) Auseinandersetzung beginnt hier:

PR-Desaster

In diesem Jahr genießt der Internationale Frauentag besonders hohe Aufmerksamkeit. Das ist einerseits der Adelung dieses Tages zum Feiertag in Berlin zu verdanken, andererseits der Tatsache, dass sich in diesem Jahr das von Frauen fĂŒr Frauen erkĂ€mpfte Wahlrecht zum einhundertsten Male jĂ€hrt.

Dass Public-Relations-Spezialisten diesen „Hype“ fĂŒr ihre Auftraggeber nutzen möchten, ist daher nachvollziehbar. Bei der international agierenden Immobilienfirma Engel & Völkers dĂŒrften die Schöpfer eines Tweets jedoch zwischenzeitlich um ihren Arbeitsplatz bangen. Das ist der Grund.

„FĂŒnf FĂŒhrungskrĂ€fte von Engel & Völkers, die fĂŒrs Bild gut ausgeleuchtet auf einem Dach in der Hamburger Hafencity auf ein StĂŒck Holz gestiegen sind, sprechen in dem Artikel ĂŒber Frauen, die sie „besonders beeindruckend“ finden. Wer dabei nicht zu Wort kommt: eine Frau. Und so loben die fĂŒnf Herren, also alle Vorstandsmitglieder, die Engel & Völkers zu bieten hat, neben einigen weiblichen Persönlichkeiten aus der Wirtschaft auch MĂŒtter und GroßmĂŒtter fĂŒr ihre Verdienste um die Familie, genauso eine Nachbarin, die mit 97 Jahren den Haushalt ohne fremde Hilfe schaffe und Gartenarbeit ihr Hobby nenne.

„Großen Respekt“ wird auch den Maklerinnen der Firma gezollt, die „auch dank ihrer emotionalen Intelligenz“ so erfolgreich seien.

Man weiß wirklich nicht, ob man angesichts solcher zur Schau getragener Ignoranz lachen oder weinen soll. Solche AbsurditĂ€ten sind möglich, wenn man Frauen nicht explizit erwĂ€hnt, nicht darstellt, nicht sichtbar macht. Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Schrattenholzer hat sich mit diesem PhĂ€nomen in der Sprache auf den Nachdenkseiten bereits auseinandergesetzt.

Geschlechterrollen, sexualisierte Gewalt

Solche AbsurditÀten passieren auch, wenn man zementierte Geschlechterrollen vorlebt und gedankenlos an die nÀchste Generation weitergibt. In einem Àlteren Stern-Artikel wird diese Verfestigung so beschrieben.

„Äußert man sich zu irgendeinem Thema rund um Geschlechterrollen – sei es die Frauenquote, Überraschungseier nur fĂŒr MĂ€dchen oder sexistische Werbung – wird gerne genervt mit den Augen gerollt. Stellt euch doch nicht so an, wir sind doch lĂ€ngst durch mit dem ganzen Gleichberechtigungszeug. Frauen dĂŒrfen wĂ€hlen, arbeiten, sich ihre Kleidung und den Ehemann selbst aussuchen, wo ist denn bitte das Problem? Nun, das Problem liegt in diesen fiesen, fest zementierten Geschlechterbildern, 
 Die man gar nicht mehr bemerkt und die trotzdem so viel Einfluss haben.”

So lange wir Aktionen wie #Aufschrei und #metoo benötigen, um die Wahrnehmung fĂŒr vollkommen inakzeptables Verhalten von MĂ€nnern gegenĂŒber Frauen schĂ€rfen zu können, solange pro Jahr in Deutschland etwa 16.000 Frauen mit fast ebenso vielen Kindern Zuflucht in einem Frauenhaus suchen mĂŒssen – FrauenhĂ€user, die bei weitem nicht ausreichen und deren Finanzierung selten gesichert sind -, wird der Internationale Frauentag weiter benötigt werden. Vom Internationalen „Tag gegen Gewalt an Frauen“ im November wird nĂ€mlich fast noch weniger Notiz genommen als vom Internationalen Frauentag. Sexualisierte und andere Gewalt an Frauen sind Auswirkungen eines nicht akzeptablen MachtgefĂ€lles. Dass diese Gewalt in der katholischen Kirche besonders hĂ€ufig vorkommt, muss uns zwar entsetzen, aber leider nicht verwundern. Nirgendwo wird das MachtgefĂ€lle zwischen den Geschlechtern eindrucksvoller dargestellt als in den zutiefst patriarchalen Strukturen dieser Glaubensgemeinschaft.

Tag der gleichen Bezahlung und EntgeltlĂŒcke

Um die ungleiche Bezahlung kĂŒmmert sich seit ein paar Jahren der „Equal Pay Day“ und entlastet damit den Frauentag ein wenig. Dass aber ungleiche Bezahlung die logische Folge der ungleichen Verteilung der Ressourcen „Macht, Geld und Zeit“ ist, sollte am Internationalen Frauentag weiter thematisiert werden. Zeit z.B., die in Kinderbetreuung, Pflege und Ehrenamt investiert wird, kann nicht gleichzeitig in die Karriere investiert werden. FĂŒr den daraus folgenden „gender pay gap“, also die EntgeltlĂŒcke, machen MĂ€nner, deren Frauen ihnen den RĂŒcken fĂŒr die eigene Karriere freihalten, gerne die Frauen selbst verantwortlich. Vielleicht haben sie sich zu lange Auszeiten genommen oder zu schlecht verhandelt oder ĂŒberhaupt den falschen Beruf gewĂ€hlt, so die BegrĂŒndung der Besserverdienenden.

Der Bachelor und seine Objekte

So lange Frauen sich nicht entblöden, an primitiven Kuppelshows Ă  la „Der Bachelor“ teilzunehmen und sich dort zur vom Manne auserwĂ€hlten Ware degradieren zu lassen, ist ein Tag, an welchem auf erkĂ€mpfte – keinesfalls geschenkte – Rechte von Frauen aufmerksam gemacht wird, offensichtlich dringend notwendig. Wer sich als Objekt zur VerfĂŒgung stellt, muss sich nicht wundern, wenn sie als Objekt behandelt wird. Vermutlich drehen sich die vier MĂŒtter des Grundgesetzes angesichts solcher RĂŒckschritte im Grabe rum.

Krieg und Frieden

Wir brauchen den Frauentag auch weiter, weil Frauen auf der ganzen Welt in vielfĂ€ltiger Weise von Kriegen betroffen sind. In jedem Krieg wird Vergewaltigung als Waffe eingesetzt. Mit teilweise verheerenden Folgen fĂŒr die körperliche und seelische Gesundheit der betroffenen Frauen und deren Familien. Nicht umsonst hat die UN-Generalversammlung 1977 den 8. MĂ€rz zum “Tag fĂŒr die Rechte der Frau und den Weltfrieden” ausgerufen. Stimmen, wie die von Bertha von Suttner, die sich nicht nur fĂŒr Frauenrechte, sondern auch fĂŒr den Frieden einsetzte, wĂ€ren gerade jetzt wieder nötig.

Wer ein bisschen in die Geschichte des Internationalen Frauentags eintauchen möchte, dem/der seien folgende links empfohlen:

Titelbild: Rawpixel.com / Shutterstock



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Von Veritatis

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