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23. May 2019

Israel, der Songcontest und die Instrumentalisierung



Der Eurovision Songcontest in Israel wirft Fragen auf: Sollen Sport-, Pop- oder Kultur-Events zur Bühne für politische Forderungen und Aktionen gemacht werden? Von Tobias Riegel.

Ob internationale Sport-, Pop- oder Kultur-Events zur Bühne für politische Forderungen und Aktionen gemacht werden sollten, ist eine alte und interessante Frage. Dass diese Instrumentalisierung gängige Praxis ist, ist nicht zu bestreiten: Sehr deutlich wurde es etwa bei der vergangenen Fußball-WM in Russland, bei der viele westliche Medien und Politiker im Vorfeld moralisch gegen Land, Leute und WM agitiert haben, wie die NachDenkSeiten etwa hier berichtet haben.

Der Eurovision Song Contest findet in diesem Jahr in Tel Aviv in Israel statt, Teilnehmer aus 41 Ländern singen um die Wette. Das Finale ist am Samstag. Es gab mehrere Aufrufe zum Boykott der Veranstaltung, keine der Delegationen sagte ihre Teilnahme ab. Einzelne Zeichen des Protests aus westlichen Gefilden gab es dagegen aus der Pop-Szene, wie der „Independent“ berichtet Und vor Ort hat sich die isländische Band „Hatari“ mit Palästinensern getroffen, was die Veranstalter auf ihrer Webseite gar nicht gut heißen.

Soll der ESC gegen Israel genutzt werden wie die WM gegen Russland?

Man könnte mit Blick auf die Instrumentalisierung der Fußball-WM durch westliche Medien und Politiker sagen: Wer gegen Russland einen Boykott gefordert hat, könne erst Recht nicht nach Israel fahren, die israelische Regierung habe etwa durch die Besatzungspolitik das Recht auf einen politikfreien Raum noch viel eher verwirkt als Moskau. Aber wäre das eine gute Entwicklung? Wäre es nicht eher angebracht, zu versuchen, den Sport, den Pop und die Kultur, von der Propaganda zu befreien? In Zeiten der Konfrontation und der Meinungsmache durch große Medienkonzerne kann die persönliche Begegnung und der „zwanglose“ Austausch in einem scheinbar belanglosen Zusammenhang sehr heilsam sein – für Künstler und Publikum.

Es muss allerdings auch alles in der Relation bleiben. So wäre es fragwürdig, Russland wegen der „Besatzung“ der Krim an den Pranger zu stellen, nur kurze Zeit später aber die viel eindeutigere Besatzung fremden Territoriums durch die israelische Regierung nicht zu skandalisieren. Man stelle sich vor, der ESC würde in Moskau stattfinden und in den Tagen zuvor hätte die russische Armee Proteste auf der Krim blutig niedergeschlagen: Die folgende Kampagne in westlichen Medien wäre überwältigend. Im Vergleich zur in diesem Fall mutmaßlich zu erwartenden Instrumentalisierung wird der ESC-Gastgeber Israel aktuell von den westlichen Medien gnädiger behandelt – was nicht überrascht. Solche Vergleiche bedeuten keinen „Whataboutism“, sondern sie verdeutlichen die unterschiedlichen angelegten Standards.

Propaganda durch Unterschlagung?

Da aber viele Mediennutzer wegen ihren Erfahrung vermuten, dass ein vergleichbares Event etwa in Venezuela vom Westen exzessiv für politische Propaganda genutzt würde, kann man die jetzige (relative!) „Verschonung“ der israelischen Politik durch große westliche Medien auch als positive Propaganda für das Land und seine problematische Regierung empfinden: Eine Politisierung durch Vermeidung von Politisierung. Dabei wird auf Kritik an der Politik der israelischen Regierung nicht verzichtet – pflichtschuldig wird etwa die Besatzungspolitik erwähnt, aber oft nicht angemessen skandalisiert.

Viele westliche Medien machen statt dessen das Spiel mit, das bereits in einem verunglückten ESC-Werbespot gespielt wird: Die Konflikte und die Militarisierung werden ausgeblendet, soweit dies möglich ist. Dort, wo es nicht möglich ist, wird mit „heiterem“ Fatalismus geantwortet: Die Existenz der Gewalt als „höhere Gewalt“, der scheinbar unabänderliche „Nahost-Konflikt“.

Eskalation der Gewalt und Protest-Konzert der Palästinenser

Als Protest gegen den Eurovision Song Contest in Israel haben Palästinenser in der Stadt Gaza am Dienstag ein Konzert veranstaltet, wie etwa dpa berichtet. Es fand in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes im Gazastreifen statt. Mehrere Bands aus Gaza nahmen daran teil. Kamel Musallam von dem Musikverband Jusour in Gaza sagte, der Eurovision Song Contest sei „für Israel nur ein Vorwand, um seine brutalen Verbrechen gegen die Palästinenser zu vertuschen, vor allem gegen jene in Gaza“. Israel wolle sich der Welt so als friedlicher Staat präsentieren. Das Konzert solle zeigen, „dass Gaza singt und Frieden liebt“.

Der ESC findet statt in einer Phase der Eskalation: Palästinenser hatten vor mehr als einer Woche Raketen auf Israel abgefeuert und dabei nach offiziellen Angaben vier Menschen getötet. Bei israelischen Angriffen wurden demnach 25 Palästinenser getötet. Ägypten vermittelte eine Waffenruhe zwischen beiden Seiten.

Eskalation gab es auch am Mittwoch. Hunderte Menschen hätten wegen des Nakba-Tages protestiert, berichteten palästinensische Medien. Dabei gedenken die Palästinenser der Vertreibung und Flucht im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948. Laut palästinensischen Augenzeugen setzten die Soldaten Gummimantelgeschosse und Tränengas gegen die Demonstranten ein. Nach Angaben der israelischen Armee kamen rund 7000 Palästinenser an den Grenzzaun. Die Armee setze „entsprechende Mittel zur Auflösung der Unruhen ein“, sagte eine Sprecherin. Auf tödliche Munition wie bei früheren Unruhen sei zunächst verzichtet worden. Israel hat eine Blockade über den Gazastreifen verhängt, die von Ägypten mitgetragen wird.

Medien: „Ringelpiez mit Anschmachten“ und die „Party auf dem Pulverfass“

Sind angesichts solcher Zustände die aktuellen ESC-Schlagzeilen der großen deutschen Medien vertretbar? So verkündet die Bild-Zeitung: „Latex-Griechin versext ESC-Auftakt“. Der „Spiegel“ beschreibt „Ringelpiez mit Anschmachten“ und die „Gala“ fragt besorgt: „Ist Madonnas Auftritt in Gefahr?“ Und auch das Auslandsjournal im ZDF wiederholt die aktuell beliebten Phrasen von der „Party auf dem Pulverfass“ und dem „Tanz auf dem Vulkan“.

Das Aufladen internationaler, eigentlich „unpolitischer“ Events mit moralisch formulierter Kritik und Propaganda ist eher eine Disziplin der westlichen Medien. Dieses Verhalten ist eine indirekte Fortsetzung des westlichen Prinzips „Responsibility To Protect“. Mit diesem anmaßenden Prinzip sollen (militärische oder propagandistische) Interventionen in konkurrierende Volkswirtschaften gerechtfertigt werden. Die „Verantwortung“ speist sich dabei aus der angeblichen moralischen Überlegenheit des Westens. Dieses Propaganda-Konstrukt ist nur überlebensfähig, solange medial die geopolitischen Vergehen durch westliche Staaten klein gehalten werden, während gleichzeitig innenpolitische Defizite des zu attackierenden Landes (über-)betont werden. Zu welchen Irritationen der ESC bereits zwischen Russland und der Ukraine führte, beschreibt hier „Telepolis“.

Die Medien, die Kritik, die Heuchelei

Als Heuchelei könnte man aus dieser Erfahrung heraus das aktuelle Verhalten etwa des „Deutschlandfunks“ bezeichnen, der sich bei der „Kritik“ an konkurrierenden Staaten sonst kaum zurückhält, aber nun die während des ESC verstärkten Forderungen nach einem Boykott von Waren aus besetzten Gebieten skandalisiert und beschreibt, „wie die BDS-Kampagne den ESC benutzt“. Aktuell wird auch im Bundestag über die BDS-Kampagne diskutiert .

Dieser Text fordert keine Toleranz gegenüber einer höchst kritikwürdigen israelischen Regierung, die unhaltbare Zustände der Militarisierung, der Besatzung und der Trennung zu verantworten hat. Wohl aber soll hier prinzipiell dagegen argumentiert werden, internationale Kultur-, Sport- und Pop-Events für politische Agitation zu nutzen. Der ESC ist genausowenig eine geeignete Bühne für Propaganda wie die Fußball-WM. Denn zur Natur dieser Events zählt der Fakt, dass sie durch die Welt touren – heute hier, morgen dort. Um nicht in Heuchelei zu verfallen, müssten die Veranstaltungen dann jedes Mal politisiert werden. Der Grad der medialen Verurteilung ist dann von der jeweils verfügbaren Medienmacht abhängig – und nicht von den jeweils „realen“ Missständen.

Kann der Wettlauf der Propaganda unterbrochen werden?

Statt diesen Wettlauf der Propaganda fortzuführen: Wäre es nicht besser, internationale Sport-, Pop- oder Kultur-Events wieder ein Stück weit von der politischen Instrumentalisierung zu befreien und diese zu ächten? Diese Veranstaltungen können manchmal die letzten verbliebenen Kanäle der Kommunikation sein. Diese „Unschuld“ der Kanäle sollte nicht zerstört werden – ob die Veranstaltung nun in Israel oder in Venezuela stattfindet.

Wegen der Erfahrungen mit den Berichterstattungen etwa zu Syrien, zu Venezuela oder zur Ukraine kann man aber vielen deutschen Redakteuren mittlerweile eine gewisse Prinzipienlosigkeit unterstellen: So wurden militante Aufständische in diesen Ländern verteidigt, für die hierzulande harte Strafen gefordert würden. Aus dieser Erfahrung heraus ist die Forderung nach einer Entpolitisierung etwa des ESC kaum realistisch, da man nicht erwarten kann, dass die jetzige Zurückhaltung gegenüber Israel auch gegenüber einem kommenden Gastgeber angewandt wird.

Kein eindeutiges Urteil

Und wäre es nicht überhaupt bizarr und praktisch gar nicht durchzuhalten, ein schrilles Pop-Event in einer internationalen Konfliktzone abzuhalten, und die skandalösen militärischen und politischen Realitäten auszublenden? Die Frage nach der Instrumentalisierung internationaler Events also ist eine Frage, auf die es keine einfache und keine eindeutige Antwort gibt.

Titelbild: SARYMSAKOV ANDREY / Shutterstock



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