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15. September 2019

Marco Wenzel über seine Erfahrungen mit Luxemburger Maoisten



Der NDS-Beitrag “Das Auswärtige Amt war einmal geführt und gesteuert von Maoisten. Das merkt man heute noch.” vom 4. Juni hat den NachDenkSeiten-Mitarbeiter Marco Wenzel dazu animiert, von seinen eigenen Erfahrungen in Luxemburg zu berichten. Sein Text hat den Vorteil, den Beitrag vom 4. Juni anschaulich zu ergänzen und gleichzeitig über den Hintergrund eines NDS-Mitarbeiters zu informieren. Zu wissen, wer hinter der Arbeit für die NDS steckt, ist für unsere Leserinnen und Leser ja auch von Interesse. Albrecht Müller.

Marco Wenzel lebt mit seiner Familie in Thailand. Das hat für die NachDenkSeiten und für ihn den Vorteil, dass er die Hinweise des Tages ohne Nachtarbeit vormittags bis etwa 12:00 Uhr zusammenstellen und kommentieren kann. Dann kommen sie immer noch rechtzeitig etwa gegen 6:00 Uhr in Deutschland an, werden im konkreten Fall von Jens Berger ergänzt und wurden Ihnen heute zum Beispiel dann um 8:07 Uhr zur Verfügung gestellt.

Die NachDenkSeiten verdanken Marco Wenzel übrigens nicht nur die Zusammenstellung der Hinweise jeweils am Mittwoch. Marco Wenzel schreibt eigene Beiträge, er macht Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen, wenn wir sonst keine schnelle Chance zum Übersetzen haben. Also wir NachDenkSeiten-Macher (und Leser) haben allen Grund, uns über die Entdeckung seiner Person zu freuen und ein Dankeschön nach Fernost zu schicken.

Nun aber zum eigentlichen Gegenstand, zum Bericht von Marco Wenzel über seine Erfahrungen mit Maoisten in Luxemburg. Es ist zugleich ein Bericht über die damalige Lebenswirklichkeit einer Arbeiterfamilie in unserem westlichen Nachbarland:

Lieber Albrecht:

Zu Deinem Beitrag von gestern über die Maoisten möchte ich Dir meine persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen in Luxemburg mitgeben.

Ich war 1975 gerade 18 Jahre alt und hatte von Politik keine Ahnung. Meine Eltern und Großeltern waren zwar Sozialdemokraten, waren aber nie politisch aktiv. Meine beiden Großväter und mein Vater haben, wie damals die meisten Arbeiter im Süden Luxemburgs, in der Stahlindustrie gearbeitet (ARBED) und durch hartes Arbeiten und mit Schichtarbeit gutes Geld verdient. Das war nach dem Krieg. Sie waren, wie fast jeder Arbeiter damals Mitglied in der sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaft. Denn damals ist auf der Hütte gleich am ersten Arbeitstag ein Vertreter des Betriebsrates zu jedem Neuen gegangen und hat ihn in die Gewerkschaft aufgenommen. In jedem noch so kleinen Dorf gab es damals eine Lokalsektion der Gewerkschaft, wir hatten bei uns im Dorf eine Lokalsektion, einen gewerkschaftseigenen kleinen Supermarkt für Lebensmittel mit Vorzugspreisen für Gewerkschaftsmitglieder und eine gewerkschaftseigene Bibliothek, in der man sich Bücher ausleihen konnte. Wir haben gleich neben dem Büro der lokalen Gewerkschaftssektion gewohnt. Das ist das Umfeld in dem ich groß geworden bin.

Luxemburg hatte damals kaum 300.000 Einwohner und 30.00 davon arbeiteten in der Stahlindustrie und in den Bergwerken. Die hohen Löhne, die in der Eisenindustrie gezahlt wurden und die ständige Nachfrage nach Arbeitskräften hatte auch viele Einwanderer, meist aus Italien, angezogen und so gibt es in Luxemburg heute noch viele Luxemburger mit italienischen Familiennamen. Die Bergwerke (Eisenerz) schlossen bereits in den 70er Jahren, das Eisenerz wurde jetzt aus Brasilien importiert, weil es dort viel eisenhaltiger war und dann in Luxemburg weiterverarbeitet. Dafür hat man in den 60er Jahren sogar die Mosel kanalisiert und einen Binnenhafen gebaut.

1975, nach der Stahlkrise, verlor die Eisenindustrie immer mehr an Bedeutung. Heute gehört die einst so stolze Luxemburger Stahlindustrie dem Inder Mittal und hat, wenn es hochkommt, vielleicht noch 2000 Beschäftigte, dafür ist die Einwohnerzahl Luxemburgs aber jetzt auf über 400.00 gestiegen.

Aber zurück zu mir und den Maoisten.

Ich bin damals schon gerne fischen gegangen und plötzlich kam in der Regierung die Idee auf, in Remerschen, keine 5 Kilometer vom heute legendären Schengen entfernt, auf luxemburgischem Boden an der Mosel ein Atomkraftwerk zu bauen. Die Mosel macht dort die Grenze zwischen Luxemburg und Deutschland, die französische Grenze (Dreiländereck) ist keine 10 Kilometer entfernt und bis nach Trier, der Geburtsstadt von Karl Marx, sind es keine 50 Kilometer.

Ein Atomkraftwerk an der Mosel, da wo wir immer gefischt haben, das ging für einen leidenschaftlichen Angler wie mich natürlich gar nicht. Dann würden ja unsere Fische radioaktiv verseucht werden und auch die Mosel wäre ja dann durch das Kühlwasser wärmer geworden. Wer weiß, welche Auswirkungen das auf die Rotaugen gehabt hätte, die ich immer so gerne geangelt habe.

So wurde ich durch in einem Artikel unserer Gewerkschaftszeitung, auf die wir ja alle abonniert waren und die überhaupt die einzige Zeitung in meinem Elternhaus war, auf eine Versammlung der Anti-Atom Bewegung aufmerksam und ging auch prompt wenige Tage später dahin, zur Versammlung.

Das war, glaube ich, 1975.

Aktivisten waren in der Anti-AKW-Bewegung natürlich gerne willkommen. Die Bewegung bestand damals zu einem guten Teil aus Maoisten und einigen wenigen Trotzkisten. Nach der eigentlichen Versammlung der Bürgerinitiative, die in einem Gasthaus stattgefunden hatte, ging ich in die an den Versammlungssaal anschließende Gastwirtschaft um noch ein Bier zu trinken und war flugs umgeben von 3 oder 4 Maoisten, die sich zu mir an den Tisch setzten und wir diskutierten bis Feierabend. Über eine bessere Welt und wie die aussehen könnte. Ich hatte überhaupt keine Ahnung damals, ich studierte Elektrotechnik, aber sie erklärten mir, dass in China der Sozialismus herrsche, was ich nicht wusste, und dass da alles viel besser und gerechter sei. Und überhaupt bestimme da das Volk.

Nun ja, ich wusste es nicht besser und glaubte ihnen alles. Daraufhin bin ich regelmäßig zu den Versammlungen der Bürgerinitiative gegen die Atomkraft gegangen und nach kurzer Zeit habe ich mich auch fast täglich mit den Maoisten getroffen. Wir haben viel über Politik und über Sozialismus diskutiert und so ist meine Leidenschaft für Politik geweckt worden. Unnütz natürlich zu erwähnen, dass ich bald dem Vorstand der lokalen Gruppe der Bürgerinitiative angehörte und dort aktiv mitmachte. Maoist bin aber nie geworden.

Denn bald ist mir aufgefallen, dass die Maoisten, es gab damals sogar 3 oder 4 verschiedene Gruppen von ihnen, mit jeweils nicht mehr als 1o Leuten, sehr hierarchisch strukturiert waren. Was ja eigentlich den sozialistischen Werten widersprach. Und ich habe schnell gemerkt, dass diese Gruppen eigentlich nichts als Sekten waren, die sich um die richtige maoistische Ideologie gegenseitig aufrieben. Sie verehrten neben Mao auch „Väterchen“ Stalin, kannten die Mao Bibel, das rote Buch, auswendig und zitierten ständig daraus. Oft waren die Zitate aus jedem Zusammenhang gerissen. Der große Sprung nach vorn, die Kulturrevolution, lasst 100 Blumen blühen, das alles waren in ihren Augen weise Entscheidungen des großen Vorsitzenden. Die Viererbande, unter ihnen Mao’s Witwe, waren Verräter des Volkes, denen das Politbüro der KPCh glücklicherweise die Maske heruntergerissen hatte. Sie nannten sich Revolutionäre und wollten in Luxemburg einen Arbeiter-und Bauernstaat errichten. Dass es schon damals kaum noch Bauern in Luxemburg gab, konnte sie darin nicht beirren. Eine Klassenanalyse haben sie nie gemacht, ihr revolutionäres Gerede baute auf keiner konkreten Grundlage auf, außer, dass alles so sein sollte wie in China. Natürlich fanden auch die Luxemburger Maoisten das Pol-Pot Regime großartig und meinten, Kambodscha sei auf dem richtigen Weg zum Sozialismus. Und wie in China haben sie auch immer ganz zerknirscht Selbstkritik geübt und sich gegenseitig konterrevolutionäres Verhalten vorgeworfen und regelrechte Tribunale gegen abtrünnige Genossen abgehalten. Ich sage hier Genossen, denn Genossinnen gab es bei ihnen keine. Die Grüppchen nannten sich „Kommunistischer Bund“, „Kommunistische Organisation“, „Marxisten-Leninisten“ und einige hatten auch Kontakte zum deutschen KBW.

Für sie war der Hauptfeind dann auch nicht das Kapital, sondern die sowjetischen Sozialimperialisten und die Verräter in den eigenen Reihen, die sich unter sie geschlichen hatten und die es zu demaskieren galt.

Da ich mich inzwischen ständig in linken Kreisen bewegte, lernte ich auch die Trotzkisten kennen, die luxemburgische Sektion der 4. Internationale. Deren Vorstellungen von Politik und vom Sozialismus waren weit fundierter und so habe ich mich den Trotzkisten angeschlossen und bin Mitglied in der Partei geworden. Später aber wurde mir auch das Leben als Mitglied der trotzkistischen Partei in Luxemburg immer unerträglicher, nicht wegen der politischen Ideen, sondern weil auch diese Gruppe von etwa 30 Leuten sich immer nur im eigenen Kreise bewegte und immer mehr etwas Sektenhaftes bekam. Auch sie war nie in der Arbeiterschaft verwurzelt.

Kurzum, das Atomkraftwerk in Luxemburg wurde dann doch nicht gebaut. Dafür baute man keine 30 km entfernt auf französischer Seite an der Mosel das Atomkraftwerk von Cattenom. Dort gab es kaum Widerstand in der Bevölkerung und die CRS knüppelten sowieso allen Widerstand systematisch nieder. Unsere Bürgerinitiative versuchte anfangs noch, sich mit französischen Atomkraftgegnern zusammen zu schließen. Aber da gab es kaum Aktivisten. Die Landesgrenzen, damals gab es ja das Schengen-Abkommen noch nicht, trugen ihr Übriges dazu bei, die Zusammenarbeit zu erschweren. Und so wurde die Bürgerinitiative Moseltal aufgelöst. Die Maoisten sanken ab in die Bedeutungslosigkeit und verschwanden mehr oder weniger von der Bildfläche.

Wenige Jahre später aber, Anfang der 80er, waren sie plötzlich alle wieder da, mit ein paar konfusen Gutmenschen im Schlepptau, die irgendwie für die Natur waren, manche alte Sympathisanten aus der früheren Anti-AKW-Bewegung, die von Politik noch weniger Ahnung hatten als die Maoisten, und gründeten die grüne Partei. Von Klassenkampf war nun keine Rede mehr. Von Revolution und Sozialismus schon gar nicht. Wir, die Linken, die nicht da mitmachen wollten, haben ihnen damals schon vorausgesagt, wo sie einmal enden würden. Und leider ist alles so gekommen, wie wir es vorausgesehen hatten. Die Grünen erreichten erste Erfolge bei den Wahlen, sind auch gleich ins Parlament gewählt worden. Einer ihrer ersten Abgeordneten war ausgerechnet ein Volksbarde, der früher auf den Festen der Anti-Akw Bewegung Volksmusik in luxemburgischem Dialekt gesungen hat. Davon verstand er am meisten. Sie sind in die Gemeinderäte eingezogen und haben später ab und zu mal den Bürgermeister gestellt. Sie waren sogar in einer sogenannten Gambia-Koalition (ROT-Grün-Blau), wobei die Blauen in Luxemburg die Liberalen sind, in der Regierung und machten dort , in der Luxemburger Steueroase, neoliberale Politik fürs Kapital.

Und mit jedem ihrer „Erfolge“ machten sie eine weitere Kurve nach rechts. Sie haben damals als Maoisten keine Klassenanalyse gemacht, und machen es heute als Grüne schon gar nicht. Sie haben damals als Maoisten keinen Bezug zur Arbeiterschaft gehabt und haben ihn bis heute als Grüne auch nicht. Und so wie ihr revolutionäres Gefasel damals als Maoisten mit der Wirklichkeit nichts gemein hatte, so sind ihre Vorstellungen und ihre Politik als Grüne heute noch genauso so weltfremd wie damals. Mit einem Unterschied: sie sind jetzt angepasst an die kapitalistische Gesellschaft und im Zweifelsfall immer auf dessen Seite.



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