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23. Oktober 2019

Die ewige Leier von den „einfachen Antworten“ in einer „komplexen Welt“



Skeptiker als Spinner darzustellen, wird immer wieder versucht, indem bestimmte Phrasen stur wiederholt werden. Dabei werden offizielle Versionen von unbequemem Fragen abgeschirmt: indem diese Fragen bereits als „verrückte“ Theorien bezeichnet werden. Ein aktuelles Beispiel. Von Tobias Riegel.

Ein aktueller Beitrag im „Deutschlandfunk“ (DLF) zum Thema Verschwörungstheorien soll hier betrachtet werden – nicht, weil er Interessantes oder Neues zum Thema beinhalten würde, sondern im Gegenteil: Weil er erneuter Ausdruck einer in vielen großen Medien verteidigten Linie ist, die stetig wiederholt wird und die es darum immer wieder zu kritisieren gilt: Die pauschale Darstellung von Skeptikern als Spinner oder Rechtsextreme. Betrieben wird für diesen Zweck eine Diffamierung von berechtigten Fragen, indem sie mit „irren“ Mythen auf eine Stufe gestellt werden. In zahllosen Varianten wiederholt wird auch die – in der Allgemeinheit darum aber nicht weniger falsche – Losung: „Verschwörungstheoretiker suchen einfache Erklärungen in einer komplexen Welt“.

Die Zusammensetzung der Beispiele am Anfang des Artikels ist bezeichnend:

„Die Mondlandung war nur vorgetäuscht, die Anschläge auf die Twin Towers in New York wurden von den USA selbst inszeniert und für den Mord an John F. Kennedy ist mal die CIA mal Fidel Castro verantwortlich. Es herrscht kein Mangel an Verschwörungstheorien in der modernen Welt.“

Hier wird – wie in zahllosen anderen Artikeln zum Thema – Ungleiches auf eine Stufe gezwungen, denn die Frage zur Mondlandung ist für politische Debatten weitgehend irrelevant. Sie wird einerseits nur noch in ziemlich abgeschlossenen Kreisen thematisiert. Andererseits aber immer wieder von großen Medien als eine Theorie dargestellt, die angeblich auch von Skeptikern zum Kennedy-Mord oder zu den Anschlägen auf das World Trage Center (9/11) sozusagen „gleichwertig“ diskutiert würde: In der Hoffnung, dass die „Verrücktheit“ der Mond-Theorie auf berechtigte offene Fragen etwa zu 9/11 abfärbt.

Wer nachfragt, muss ein Spinner sein

Im Zusammenhang mit dem Kennedy-Mord und 9/11 wird zudem Vieles bereits als Theorie gebranntmarkt, obwohl es sich tatsächlich um Fragen handelt. Wahlweise wird auch behauptet, es würden Fragen gestellt, zu Dingen, die „längst aufgeklärt seien“. Auch in diesem Text sollen keine Theorien verbreitet werden. Es soll aber das Recht (vielleicht sogar die journalistische Pflicht) verteidigt werden, offene Fragen zu offiziellen Darstellungen auch beharrlich zu stellen. Zumal die offenen Fragen zu 9/11 oder zum Kennedy-Mord neben einem politischen, vor allem einen naturwissenschaftlichen Charakter haben – etwa, ob es physikalisch möglich ist, dass 1963 in Dallas ein einzelner Schütze die zahlreichen Verletzungen an diversen Personen verursacht haben kann.

Mit diesen Fragen fordert man keine bestimmten oder gar vorformulierten Antworten, sondern eine angemessene Untersuchung. Das Ergebnis dieser Untersuchung kann auch zum „Nachteil“ der Fragesteller ausfallen. Das wäre dann zu akzeptieren. Inakzeptabel ist aber die Verweigerung von Untersuchungen mit dem Verweis, die Fragestellungen seien „verrückt“ oder „rechtsradikal“.

Fragwürdige historische Bezüge

Die Strategie, Unbequemes als rechts zu diffamieren, nutzt auch indirekt der DLF-Beitrag, etwa wenn der Bogen von aktuellen Fragen zu offiziellen Versionen bestimmter Vorgänge (zB 9/11) bis zur Nazi-Theorie von der „jüdischen Weltverschwörung“ gezogen wird. Auch hier werden Dinge indirekt auf eine Stufe gestellt, die zunächst nichts miteinander zu tun haben. Mit dieser Feststellung leugnet man nicht die Existenz rechter Deutungen, von denen sich hier distanziert wird.

Offensichtlich falsch liegt der DLF-Bericht auch bei weiteren historischen Bezügen, etwa wenn gesagt wird: „Seit den 60er Jahren waren Verschwörungstheorien verpönt.“ Eher das Gegenteil ist der Fall. Die mutmaßlich/möglicherweise politischen Morde an den Kennedy-Brüdern und Martin Luther King und deren (bis heute) unbefriedigende Aufarbeitung haben damals ebenso wie Episoden des Vietnamkriegs oder offengelegte FBI-Skandale oder etwas später die Watergate-Affäre eine wahre Flut an (begründeten) sogenannten Verschwörungstheorien befördert.

Fehlende Aufarbeitung fördert Theorien

Verschwörungstheorien entstehen erst dann, wenn die offizielle Deutung viele Bürger skeptisch stimmt. Wer auf skeptische Nachfragen keine befriedigende Antwort erhält, der sucht weiter nach Antworten, die glaubwürdiger sind als jene, die etwa die Regierungen liefern. Diese Suche haben viele Journalisten aufgegeben. Zusätzlich diffamieren sie Menschen, die auf zahlreiche unbeantwortete und berechtigte Fragen Antworten einfordern, als Spinner. Wer schon die Fragen zu Sachverhalten abschmettert, öffnet das Feld erst für die Verführer, die allseits beklagt werden. Dieses Abschmettern bereits von Fragen durch große Medien ist auch Selbstschutz: Denn die nicht verstummenden Fragen zu 9/11 oder zu den Versionen des Syrienkriegs oder des „Maidan“ sind immer auch Anklagen gegen die große Mehrheit der etablierten Journalisten, die hier ihre beruflichen Pflichten vernachlässigt haben.

Die Zeiten, in denen „kritische Intellektuelle oder Journalisten Meldungen und Meinungen aussortieren konnten, weil sie nicht plausibel erschienen“, seien vorbei, sagt der Tübinger Professor Michael Butter im DLF-Beitrag. Er scheint das zu bedauern. Dabei merkt er nicht, dass genau dieses Aussortieren von bestimmten Fragen aus dem öffentlichen Diskurs eine Voraussetzung für ungezügelte Theorien ist.

Die Verschwörungstheorie als „einfache Erklärung in einer komplexen Welt“

Noch ein Wort zu der in zahllosen Beiträgen geäußerten Floskel von der Verschwörungstheorie als „einfache Erklärung in einer komplexen Welt“ – diese Definition für skeptisches Nachfragen ist in mehrfacher Hinsicht falsch: Zum einen ist es die anmaßende Darstellung, dass diese komplexe Welt nur von etablierten Journalisten durchschaut werden kann – diese tun das jedoch allzu oft, indem sie sich offizielle Deutungen zueigen machen und sie von berechtigten Zweifeln und Fragen abschirmen. Zum anderen sind die Versionen der Skeptiker oft erheblich komplexer als etwa die offiziellen Darstellungen des syrischen Konflikts als „Volksaufstand“ oder des ukrainischen Umsturzes als „Sieg der Zivilgesellschaft“.

Dennoch wird die Phrase von der „komplexen Welt“, die die Skeptiker einfach nicht durchschauen wollen, gnadenlos wiederholt, etwa in der „Zeit“, in der „Welt“, in der „Tagesschau“, im „Spiegel“, in der „Süddeutschen Zeitung“, in der „FAZ“, oder im „Tagesspiegel“. Die Tatsache, dass sich zahlreiche lange als „Theorie“ verlachte Vorgänge schließlich als zutreffend erwiesen haben, wird beispielsweise von Bayerischen Rundfunk so kanalisiert:

„Natürlich gibt es auf dieser Welt eine Menge Aktionen staatlicher Akteure oder Interessensgruppen, die mehr oder weniger im Geheimen auf ein Ziel hinarbeiten. Und natürlich haben sich auch schon in der Vergangenheit als Verschwörungsdenken abgetane Theorien im Nachhinein als tatsächliche Geheimdienstoperationen herausgestellt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die meisten populären Verschwörungstheorien Quatsch sind.“

Das Thema „Verschwörungstheorien“ auf den NachDenkSeiten

Die NachDenkSeiten haben sich bereits in zahlreichen Artikeln mit dem Phänomen und dem Kampfbegriff „Verschwörungstheorie“ auseinandergesetzt, etwa hier zur Diffamierung Daniele Gansers, hier zum Thema NSU, hier und hier und hier zum Thema „Stay-Behind“ und „GLADIO“, hier zum Thema Giftgas oder hier zur praktizierten Gleichsetzung von Skeptikern und „Spinnern“.

Titelbild: Atstock Productions / Shutterstock



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