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16. September 2019

„Ost-Mugge“ aus dem Westen: Musikalisches DDR-Erbe auf der Bühne wiederbelebt – Interview




Hits vom DDR-Plattenlabel Amiga, Stasi-Berichte und staatliche Kulturzensur: Daraus haben die Musiker Erobique und Paul Pötsch ein Konzerthappening gemischt, das am Mittwoch in Hamburg startet. Im Jahr 30 nach Mauerfall kommt „Wir treiben die Liebe auf die Weide“ als Show auf die Bühne – eine Verneigung vor DDR-Künstlern der 60er und 70er Jahre.

„Wir treiben die Liebe auf die Weide“ ist eine Songtextzeile von Nina Hagen. Und es ist ein Liederabend, an dem Musiker Carsten „Erobique“ Meyer (TV-Serie „Tatortreiniger“), und Paul Pötsch (Band „Trümmer“) mit einer 15-köpfigen Showband das musikalische Erbe der DDR der 60er und 70er Jahre untersuchen. Mit Überraschungsgästen garniert kommen Stücke von wichtigen DDR-Musikern wie der Jazz-Sängerin Uschi Brüning, Veronika Fischer, Nina Hagen und Manfred Krug auf die Bühne.

Die spezifische Gefühlswelt in der Populärmusik der DDR dieser Zeit soll erfahrbar werden – jenseits geschichtsvergessener Ostalgie. Es sei kein „Revival“ der DDR, so Pötsch im Gespräch. „Wir wollen die DDR weder erklären noch verklären“ – es sei „irgendetwas dazwischen“. Es soll jedenfalls darum gehen, die DDR-Künstlerbiographien wertzuschätzen, sei es doch längst „kein Geheimnis mehr, dass im Osten seinerzeit funky groovy jazzy Musik entstanden ist“, so der junge Künstler.

Der Musiker und Schauspieler Pötsch ist Jahrgang 1988. Geboren „quasi noch auf den ´letzten Drücker` der DDR“, wie er es nennt, kennt er die Musik durch sein Elternhaus. Künstlerkollege Erobique – gebürtiger Westfale – sei schon seit den 90er Jahren Fan von Manfred Krug.

Die Idee kam ihnen am Zürich-See bei einer Radtour: Dabei seien sie zufällig auf einen herrrenlosen Pappkarton gestoßen, der einen kompletten Satz DDR-Amiga-Schallplatten beinhaltete – das sei wie ein Zeichen gewesen.

Pötsch und seine Musikerfreunde wollten zudem verstehen, wie es war, in einem restriktiven System eigenständige künstlerische Positionen zu beziehen.

Das musikalische DDR-Erbe

Man wolle sich vor der Lebensleistung der Künstler dieser Ära verneigen und deren Stücke spielen, die im Westen weitestgehend unbekannt seien – was „wahnsinnig schade“ sei, so Pötsch. Auch, weil die Stücke von „herausragender Qualität“ seien: In der DDR mußte man ein zweistufiges Ausbildungssystem durchlaufen, so dass die Künstler alle handwerklich „etwas draufhatten“, schwärmt  Pötsch. Nina Hagen etwa hatte seinerzeit noch eine Ausbildung als Schagersängerin gemacht, erzählt er.

Die DDR-Musiker komponierten Unterhaltungsmusik, die im Radio lief, aber dennoch „hochkomplex“ und von zeitloser Qualität war: In den 60ern wie 70ern entstanden Songs mit einem Bekenntnis zu Jazz, Afrobeat, Schlager, Soul, Tropicália und Funk – sie haben nichts gemein mit dem grauen Klischee-Bild der DDR.

Poesie, haarscharf an der Zensur vorbei

„Das suche Seinesgleichen“, betrachte man den Vergleichszeitraum im Westen, schwärmt Pötsch über die Kompositionen. Zudem hätten die Texte aus dem Sozialismus eine eigene Poesie entwickelt – dadurch, dass es Zensur durch Kulturfunktionäre gab, die seinerzeit geschickt umschifft hätte werden müssen. Die versteckte Widerständigkeit und softe Subversivität der Künstler.

Ob die DDR-Künstler trotz oder wegen der Zensur so gut waren, stelle er dahin, überläßt es dem Publikum, zu werten. Auch, weil die im Stil einer Show der 70er Jahre inszenierte Produktion multimedial mit dokumentarischen Materialien angereichert ist: Per Video werden etwa Auszüge aus Stasi-Akten oder aus Protokollen der staatlichen Prüf-Kommission des Bezirkskomitees für Unterhaltungskunst vorgetragen. Auf dass der Zuschauer erfahre, unter welchen Bedingungen damals musiziert wurde.

Die Liebe zur DDR-Musik und das Projekt selbst habe aber nicht nur Freunde, denn viele würden die DDR noch mit Unrecht und Unterdrückung assoziieren, so Pötsch. Doch junge Menschen, etwa zwischen 20 und 30 Jahren, seien zunächst einmal „wahnsinnig gerührt“ und würden die Stücke vorurteilslos als das wahrnehmen, was es nun einmal ist: Musik. Sie würden gar in eine Art „Schatzgräbermodus“ verfallen, da ihnen bisher unbekanntes Material vorläge: „Warum kennt man das denn eigentlich nicht?“, so die Frage.

Neuen Blick auf die DDR wagen

Zwischen den beiden Extremen des „dunklen Bildes“ von einem Staat, der seine Bürger eingesperrt habe und auf der anderen Seite einer ostalgischen, fast plüschigen „Verniedlichung“ der DDR „mit Pitti Platsch & Co“ würde der tatsächlich erlebte DDR-Alltag, die Alltagskultur und damit auch die Musik außer Acht gelassen worden sein. Nach 1990 seien viele Arbeitsbiographien von DDR-Bürgern entwertet worden, indem sie als „Bloß-Ost-Material“ bezeichnet worden seien, was schmerzlich sei, so Pötsch.

Und so wagen die Macher von „Wir treiben die Liebe auf die Weide“ einen neuen Blick auf die DDR – 30 Jahre nach dem Fall der Mauer sei die Zeit gekommen, so einen Blick auch wagen zu können.

Euphorischem Massentanz inklusive.

Der Lieblingsmusiker von Pötsch ist übrigens der verstorbene Soul-Musiker Holger Biege – „er steht Stevie Wonder in Nichts nach“ . Mit ihm hätte der junge Künstler zu gern auf der Bühne gestanden. Aber vielleicht wird es Uschi Brüning. Die DDR-Jazz-Legende habe Interesse am Happening in Berlin signalisiert – vielleicht klappt es ja.  

Weltpremiere von „Wir treiben die Liebe auf die Weide“ im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals am Mittwoch auf „Kampnagel“ in Hamburg. Weitere Tourtermine: Dresden-Hellerau im 24.Oktober 2019, Berlin am 9. und 10. April 2020.

Hier das komplette Interview mit Paul Pötsch zum Nachhören:





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