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23. August 2019

58 Jahre Mauerbau – Fluchttunnel in die Freiheit



Am 13. August 1961 spielten sich dramatische Szenen in Berlin ab. Bevor 15.000 DDR-Polizisten Stacheldraht verlegten, flüchteten letzte Wagemutige Richtung Westen. Später gruben Fluchthelfer Tunnel in den Osten, um ihre Familien rüber zu holen. Dank des Vereins „Berliner Unterwelten“ kann man einen solchen Fluchttunnel nun besichtigen.

Ab 1 Uhr nachts rückten 15.000 Mann Betriebskampfgruppen, Grenz- und Volkspolizei der DDR an, um die erste provisorische Berliner Mauer zu errichten. In den ersten Jahren nach dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 gelang noch ein paar Hundert Mutigen die Flucht in den Westen. Bei der Bernauer Straße im heutigen Prenzlauer Berg war der Brennpunkt der Fluchtversuche. Hier wurden in den 1960er Jahren mehrere Fluchttunnel gebaut. Einer davon wurde von dem Verein „Berliner Unterwelten e.V.“ wieder freigelegt und zugänglich gemacht. Sputnik traf sich in der Fluchttunnel-Gedenkstätte in der Bernauer / Ecke Brunnenstraße zu einer Führung mit Dietmar Arnold, dem Vorsitzenden der Unterwelten.

Oma Schulze springt aus dem Fenster

„Bei der Bernauer Straße war das Besondere, dass die südliche Häuserfront gleichzeitig die Staatsgrenze der DDR war“, erzählt Arnold. „Die haben dann am 13. August unten die Haustüren zugemacht, und die Leute, die da wohnten, mussten über die Hinterhäuser, über die Nachbarstraßen in den Ostsektor zurück. Vorn ging’s nicht mehr raus, da standen Wachposten der Volkspolizei. Einige Leute haben trotzdem die letzte Gelegenheit genutzt und haben ihre Sachen aus dem Fenster im Erdgeschoss geschmissen und sind rausgesprungen.


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Sputnik /

Flucht nach die BRD

Es gab über 200 dieser Fenstersprünge, wo Menschen in ihrer Verzweiflung gesprungen sind, weil sie nicht im Osten bleiben wollten. Da gab es zum Beispiel diese Oma, Frieda Schulze, die wollte gerade aus dem Fenster klettern, als Stasi-Leute die Tür aufbrachen und sie noch am Fenstersims erwischten. Sie wurde dann oben von der Stasi gehalten und unten haben sie Westberliner Studenten auf das Sprungtuch der Feuerwehr gezogen. Da gab es ganz dramatische Situationen.“

Die Häuser an der Bernauer Straße wurden im September und Oktober 1961 zwangsgeräumt und über 2000 Menschen umgesiedelt. Anschließend wurden die Gebäude vermauert und 1965/66 im Zug des Neuausbaus des Todesstreifens abgerissen. Über die erste Mauer 1961 konnte man noch drüber gucken. Diese hat man dann später erhöht und dahinter einen breiten „Todesstreifen“ angelegt. 

„Zu retten, was zu retten ist, im Berliner Untergrund“

Dietmar Arnold hat den Verein „Berliner Unterwelten“ vor über zwanzig Jahren gegründet, um „zu retten, was noch zu retten war, im Berliner Untergrund“.

„Unsere Prämisse war, eine Lobby für den Berliner Untergrund zu sein, um geschichtlich relevante Räume hier zu erhalten“, erklärt Arnold. „Denn im Untergrund speichert sich Geschichte viel besser als an der Oberfläche. Wie in einer Zeitkapsel erhält sich das hier. Gerade nach dem Fall der Mauer ist unglaublich viel an ganz spannenden Orten verschwunden im Berliner Untergrund. Also haben wir uns bemüht, solche Orte unter Denkmalschutz zu stellen. Da ist uns einiges gelungen, wofür der Verein auch mehrfach ausgezeichnet wurde.“

145 Meter, um Frau und Tochter zu retten

In der Gedenkstätte in der Brunnenstraße 143 kann man unter anderem den Nachbau eines Originaltunnels von 1964 besichtigen. Der Fluchthelfer Klaus Köppen wollte damals seine Frau und seine zweieinhalbjährige Tochter aus dem Osten rausholen. Die Köppens waren eine von 13.000 durch den Mauerbau getrennten Familien. Köppen hat den ganzen Sommer 1964 gegraben und zusammen mit sechs Helfern Tag und Nacht einen 145 Meter langen, 1,20 Meter hohen Tunnel angelegt. Über ein Plastikrohr wurde vom Tunneleingang Frischluft zugeführt. Außerdem gab es ein Kabel für die Beleuchtung und eines für die Kommunikation über Feldtelefone.

Zentral war ein Wagen, auf dem über selbst verlegte Schienen das abgetragene Erdreich in Eimern nach draußen transportiert wurde. Am Tag schafften die sieben Freunde nur zwischen 80 Zentimetern und zwei Metern. Das Erdreich wurde im Einstiegskeller auf der Westseite gelagert. Es war absolute Vorsicht geboten, damit der Fluchttunnel nicht aufflog. Die Westseite konnte von den ostdeutschen Wachtürmen aus eingesehen werden. Die Stasi hat auch geheime Informanten rübergeschickt, um die Grenzhäuser zu kontrollieren.

Berlin als Testballon für Brandts Entspannungspolitik

Der Tunnel von Klaus Köppen war nicht erfolgreich und wurde von einem Spitzel verraten. Seine Frau und Tochter wurden verhaftet. Neun Monate nachdem der Tunnel im September 1964 aufgeflogen war, durften sie jedoch die DDR verlassen. Dies war auch der Entspannungspolitik von Willy Brandt und Egon Bahr zu verdanken, wie Arnold erzählt:

„Wir hatten seinerzeit den Bürgermeister Willy Brandt in Berlin. Und der war an einer Entspannungspolitik mit dem Osten interessiert. Brandt war ja der spätere Bundeskanzler, der die Ostpolitik geändert hat. Der hat dann seinen Unterhändler Egon Bahr rübergeschickt, der mit den einschlägigen Genossen geredet hat und zu ihnen gesagt hat: Diese Männer werden immer wieder Tunnel graben, um ihre Frauen und ihre Kinder zu sich zu holen. Also was wollt ihr für sie haben?“

Zwischen 1964 und 1989 wurden etwa 33.800 politische Häftlinge für über 3,7 Milliarden D-Mark von der BRD freigekauft.


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Sputnik / Phillip Mandelartz

Dietmar Arnold – Vorsitzender Berliner Unterwelten

„Sternstunde der Menschheit“

Von 75 nachgewiesenen Tunnelprojekten sind nur 19 erfolgreich gewesen, über die zwischen 300 und 450 Menschen geflüchtet sind, darunter viele Frauen und Kinder. Der erste Tunnel wurde 1961 gebaut. Nach 1964 hat der Tunnelbau rapide abgenommen, da die Grenzsicherungen erheblich verschärft wurden. Der letzte erfolgreiche Tunnel wurde im Jahre 1972 fertiggestellt. Zum letzten Tunnelversuch kam es 1984.

30 Jahre ist es her, dass die Mauer gefallen ist. Dietmar Arnold war selbst einer der ersten, der in der Nacht des 9. November 1989 über die erste offene Grenzstelle an der Bornholmer Straße nach West-Berlin gegangen ist. Noch heute bewegt ihn dieser Moment:

„Für mich ist das eine Sternstunde der Menschheit gewesen. Es ist ein Wunder, dass nicht einmal geschossen wurde und nicht ein Tropfen Blut vergossen wurde. Darum war das für mich eine Sternstunde der Menschheit.“

Mehr Informationen unter: www.berliner-unterwelten.de





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