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20. September 2019

Kindeswohl in Deutschland bedroht – Statistisches Bundesamt: Höchster Anstieg seit 2012



Gesellschaft

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Laut einem Bericht des Statistischen Bundesamtes war im Jahr 2018 die Kindeswohlgefährdung in Deutschland auf dem höchsten Stand seit 2012. Mit mehr als 50.000 Fällen registrierten die Jugendämter im vergangenen Jahr rund 4.700 zusätzliche Fälle oder 10 Prozent mehr als 2017. Knapp die Hälfte aller Fälle galt als „akut“. Ein Anstieg um 15 Prozent.

Das Statistische Bundesamt (Destatis) verweist im Allgemeinen gerne darauf, dass es primär für korrekte Zahlen, aber nicht für korrekte Deutungen derselben zuständig ist. Dennoch erschien wohl auch der Wiesbadener Behörde das Zahlenwerk so signifikant verändert, dass in ihrer Pressemitteilung vom 6. September 2019 immerhin zu lesen war:

„Rein demografisch lässt sich der Anstieg der Kindeswohlgefährdungen nicht erklären: Zwar stieg die Zahl der Minderjährigen von 2017 auf 2018 ebenfalls, aber nur um 0,5 %. Rechnerisch waren damit von 100 000 Kindern und Jugendlichen 372 von einer Kindeswohlgefährdung betroffen. 2017 hatte dieser Wert noch bei 339 gelegen. Damit wurde 2018 auch bereinigt um demografische Veränderungen der höchste Stand in der Zeitreihe erreicht.“

Die Jugendämter in Deutschland haben 2018 mehr als 157.000 Verdachtsfälle von Kindeswohlgefährdung überprüft. Das nennt sich in der Fachsprache der Ämter „Gefährdungseinschätzung“. Dazu heißt es im eigentlichen Bericht von Destatis:

„Eine Gefährdungseinschätzung ist dann zur Statistik zu melden, wenn dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen bekannt werden, es sich daraufhin einen unmittelbaren Eindruck von dem/der Minderjährigen und seiner/ihrer persönlichen Umgebung verschafft und die Einschätzung des Gefährdungsrisikos anschließend im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte erfolgt.“

Anstieg der „akuten“ Fälle von Kindeswohlgefährdung und bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder

In mehr als der Hälfte aller gemeldeten Fälle bestätigte sich der Verdacht nicht. Gleichwohl befanden die Jugendämter in mehr als 53.000 Fällen, dass es „Hilfe- und Unterstützungsbedarf“ gibt. Bei den mehr als 50.000 Fällen, in denen die Ämter die Gefährdung des Kindeswohls konstatierten, beunruhigt die Experten der Jugendämter vor allem der deutliche Anstieg der „akuten“ Fälle. Diese nahmen um immerhin 15 Prozent zu, verglichen mit 2017. Die Zahl der sogenannten „latenten“ Fälle stieg im gleichen Zeitraum um 6 Prozent. Als latent werden Fälle bezeichnet, bei denen die Frage nach der tatsächlich bestehenden Gefahr nicht eindeutig beantwortet werden kann, aber dennoch ein begründeter Verdacht besteht oder nicht ausgeschlossen werden kann.

Mit 60 Prozent aller Fälle sind Anzeichen von Vernachlässigung das häufigste Indiz für eine Kindeswohlgefährdung. Mit 31 Prozent folgen psychische Misshandlungen wie etwa Demütigungen, Erniedrigungen, Einschüchterungen, Isolierung oder schlicht emotionale Kälte. 26 Prozent aller Fälle haben mit körperlicher Gewalt zu tun. Und in 5 Prozent aller Fälle liegt sexuelle Gewalt vor. Häufig liegen mehrere Indizien gleichzeitig vor.

Obwohl mit 5 Prozent der Anteil sexualisierter Gewalt an Kindern vergleichsweise niedrig erscheint, sind die Jugendämter bestürzt, dass die Zahl dieser Fälle 2018 um sage und schreibe 20 (!) Prozent angestiegen ist, im Vergleich zu 2017. In absoluten Zahlen bedeutet dies ein Zuwachs von etwa 2.500 Fällen sexualisierter Gewalt an Kindern. Rund 67 Prozent, also zwei Drittel aller Opfer sind Mädchen.

Ursachen des Anstiegs der Fallzahlen bislang unklar

Für derartige Sprünge in der Statistik, wie sie für das Berichtsjahr 2018 vorliegen, muss es einleuchtende Gründe geben. Doch die kann Destatis naheliegender Weise nicht liefern, sondern maximal mögliche statistisch begründbare Erklärungen anbieten, die sich aus den vorliegenden Daten ableiten lassen können. Das Statistische Bundesamt gibt in seiner Übersicht „Vorläufige Schutzmaßnahmen“ Hinweise auf mögliche Erklärungsansätze für einen Teil des statistischen Phänomens. Dabei geht es um das Instrument der sogenannten Inobhutnahme durch die Jugendämter. In der speziellen Übersicht heißt es dazu beispielsweise auf Seite 6 „Interpretation der Ergebnisse“:

“Grundsätzlich werden in der Statistik Fälle von Inobhutnahmen gezählt und keine Personen. Das gilt ab 2017 insbesondere für die Inobhutnahme nach unbegleiteten Einreisen, bei denen verstärkt Mehrfachzählungen von Personen auftreten können und plausibel sind, denn bei einem Großteil der Fälle schließt an eine vorläufige Inobhutnahme (…) eine reguläre Inobhutnahme der gleichen Person (…) an.”

Die sogenannte Inobhutnahme ist für das Jugendamt verpflichtend, wenn Kinder und Jugendliche darum bitten oder aber die dringende Gefahr einer Kindeswohlgefährdung besteht. Das wird bei alleine nach Deutschland einreisenden Kindern und Jugendlichen angenommen. In den „Erläuterungen zur Statistik“ erklärt das Statistische Bundesamt noch: „Nach einer Gesetzesänderung im SGB VIII wird ab dem Berichtsjahr 2014 nicht mehr nach der Art der vorläufigen Schutzmaßnahme (Inobhutnahme bzw. Herausnahme) unterschieden.“ Ob sich aus diesen Fakten allerdings die signifikant angestiegenen Fallzahlen der Kindeswohlgefährdung erklären lassen, müssen andere beurteilen.





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