Im Deutschen Bundestag wurde gestern über den Antrag der Grünen für ein generelles Tempolimit von 130 Km/h abgestimmt. Für den Antrag stimmten 126 Abgeordnete, dagegen 498. Das ist ein niederschmetterndes Ergebnis. Es zeigt, dass die Mehrheit der Abgeordneten – und ursächlich wohl vor allem die CDU/CSU – die Gesamtzusammenhänge nicht begreift und außerdem wohl von der Automobilwirtschaft beeinflusst wird. Die Bedeutung, die die Geschwindigkeitsbegrenzung insgesamt für unser Zusammenleben haben könnte, sieht die Mehrheit im Deutschen Bundestag offensichtlich nicht. Albrecht Müller.

Vor kurzem kamen wir im Gespräch mit zwei meiner besten Freunde auf die Geschwindigkeitsbegrenzung zu sprechen. Sie meinten, eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung sei schon deshalb Unsinn, weil eine Geschwindigkeitsbegrenzung schon auf fast allen Autobahnen gelten würde. Auf der A5 und auf der A8, und auf der A6 und auf der A1 und auf der A2 usw. gelte immer mal wieder eine Begrenzung auf 130 oder 100. Das sei doch schon eine nahezu allgemein gültige Geschwindigkeitsbegrenzung. – Ich habe daraufhin versucht zu erklären, dass diese einzelnen Einschränkungen, und seien es noch so viele, wichtiges nicht ändern: den aggressiven Geist, der auf unseren Straßen und insbesondere auf den Autobahnen herrscht. Dieser muss gebrochen werden. Wir müssen hierzulande das erreichen, was zum Beispiel Frankreich mit seiner Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 auf den Autobahnen und 80 auf Landstraßen erreicht hat: ein unaufgeregter Umgang miteinander auf den Straßen.

In Frankreich wird die Geschwindigkeitsbegrenzung zusätzlich effizient kontrolliert und das bedeutet, dass allenfalls jene, denen eine hohe Strafe finanziell nichts ausmacht, meinen könnten, sie könnten den allgemeinen Konsens mit ihren protzigen Autos durchbrechen. Das geschieht aber wenig. Die Atmosphäre ist verändert.

Die allgemeine und kontrollierte Geschwindigkeitsbegrenzung könnte der Einstieg dafür sein, den Umgang miteinander grundsätzlich zu verändern: kommunikativer, rücksichtsvoller, weniger egoistisch, solidarischer.

Das würde gehen und das hätte große Auswirkungen für unsere Gesellschaft und für das Wohlergehen jedes einzelnen. Denn wie wir uns fühlen, und wie es uns geht, das hängt ja nicht nur davon ab, was wir verdienen oder haben, ob wir einen festen Arbeitsvertrag oder einen befristeten haben, und auch nicht nur davon, ob wir gesund sind oder nicht, ob wir in einer guten Partnerschaft leben und einen interessanten Freundeskreis haben, oder nicht. Es hängt auch davon ab, wie wir alle miteinander umgehen, ob Egoismus die allgemein anerkannte Verhaltensweise ist und die Parole, jeder sei seines Glückes Schmied, geglaubt wird, oder ob Solidarität, Mitgefühl, Höflichkeit und Rücksicht den Umgang miteinander prägen.

In fast allen Menschen schlagen zwei Herzen – der Wille, die eigenen Interessen zu verfolgen, und die Bereitschaft, an andere zu denken, solidarisch zu sein und Rücksicht zu nehmen.

Es kommt darauf an, welche unserer gegenläufigen Möglichkeiten und Einstellungen angesprochen wird. Hier kommt das ins Spiel, was Helmut Kohl einmal etwas verschroben die “geistig moralische Erneuerung” genannt hat. Hätte er sich an diese Idee gehalten, dann wäre vieles anders gelaufen. Aber im Prinzip ist richtig, dass das Verhalten von Menschen und speziell ihr Umgang mit anderen auch davon abhängt, was Konsens in der Gesellschaft ist und dies wiederum wird wesentlich von Menschen geprägt, die das Denken und Fühlen prägen, jedenfalls mitprägen können. Das können Schriftsteller, Schauspieler, Philosophen, Sportler und Politiker sein. Ein praktisches Beispiel aus der Vergangenheit: der Schauspieler Manfred Krug und die Deutsche Telekom haben mit ihren Werbespots für die Telekom-Aktie – Beispiel siehe hier – in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts die in bestimmten Kreisen herrschende Lebensphilosophie “ordentlich” geprägt. Spekulation war in. Ähnliches gilt für den ADAC, der die Versuche des damaligen Verkehrsminister Volker Hauff, 1982 eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung einzuführen, mit der Kampagne “Freie Fahrt für freie Bürger” niedergemacht hat.

Spitzenpolitiker können viel dazu beitragen, die Leitlinien des Umgangs miteinander zu prägen. Vor vielen Jahren, als ich noch Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt bei Helmut Schmidt war, haben wir gelegentlich über diese Fragen gesprochen. Er war eher ein Politiker, der daran glaubte, dass die Menschen vor allem darauf schauen, ob die Kasse stimmt, oder in seiner damaligen Sprache ausgedrückt, was in der Lohntüte ist. Gelegentlich konnte ich ihn davon überzeugen, in seinen Reden doch auch die im Wesen vieler Menschen angelegte altruistische Komponente anzusprechen. So nannten wir das damals. Gelegentlich berichtete er dann davon, die Reaktion sei ausgesprochen positiv gewesen. Auch neuere Versuche haben dies bestätigt.

Die allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung wäre ein Anfang. Darauf ließe sich aufbauen und dann sähe unsere Gesellschaft am Ende anders aus als heute. Besser.



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Von Veritatis

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