Enorme politische Turbulenzen in letzter Zeit in Deutschland wirken sich auf die deutsch-russischen Beziehungen aus, erklärte auf der Jahreskonferenz der Gesellschaft „Russland-Deutschland“ ihr Präsident, der Ex-Botschafter Russlands in Berlin, Wladimir Grinin.

Er verwies darauf, dass neben politischen und wirtschaftlichen Faktoren die Kommunikation zwischen den Zivilgesellschaften beider Länder die gegenseitigen Beziehungen in der aktuellen Situation zunehmend prägt. „Daraus ziehen wir praktische Schlussfolgerungen.“

Der Sonderbeauftragte des russischen Präsidenten für internationale kulturelle Zusammenarbeit, Michail Schwydkoi, sprach darüber, warum die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen für die historischen Verhältnisse ziemlich bald eingetreten ist.

„Diese Versöhnung hat schon in der Nachkriegszeit den Charakter der freundschaftlichen Beziehungen angenommen. Auch die Ostpolitik von Willy Brandt, bewusst und wohlbedacht betrieben, stieß auf eine starke öffentliche Anerkennung in der Sowjetunion. Dies geschah keinesfalls, weil man etwa von oben erzwungen hätte, sich mit Deutschland anzufreunden.“

Auf die Frage, warum man in Russland auf die Beziehungen mit Deutschland einen so hohen Wert lege, erinnerte Schwydkoi daran, dass allein in der Zeit des Bestehens der DDR sie von 30 Millionen Sowjetbürgern besucht wurde. „Der ständige Umgang der Menschen miteinander und die Einsicht, dass dies einen sehr wichtigen geistigen Nutzen bringt, gehört zu den entscheidenden Faktoren, die es Russland und Deutschland erlaubt haben, sich im 20. Jahrhundert zu versöhnen.“

Schwydkoi könne bezeugen, dass Armeeangehörige aus dem fernen Tadschikistan sich mit ungeheuchelter Wärme an Leipzig erinnerten. „Darauf basieren die menschlichen Beziehungen. Unser Verhältnis hat eine politische, eine wirtschaftliche und eine kulturelle Dimension, aber nichts kann die Institutionen der Zivilgesellschaft ersetzen, die das allereinfachste von allen Dingen pflegen, nämlich die menschliche Freundschaft.“

Deutschlandjahr in Russland

Im Hinblick auf den großen Umfang der Beziehungen, die zwischen Deutschland und Russland bestehen, so der Politiker, werde das laufende Jahr außergewöhnlich aktiv sein. „Gegenwärtig läuft das Jahr der Hochschulkooperation zwischen Deutschland und Russland, das Jahr des wissenschaftlichen Austauschs. Im Herbst wird mit der Ausstellung der Kunstsammlungen Dresden ‚Romantik – Träume von Freiheit‛ das Deutschlandjahr in Russland starten.“

Das Vorstandsmitglied der Gesellschaft „Russland – Deutschland“, der angesehene Ökonom Ruslan Grinberg, betonte die Wichtigkeit der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland in der jetzigen „globalen Wirre“ und bezeichnete die Entfremdung der letzten Jahre als albern.

„In den Zeiten von Breschnew und Brandt ist alles Denkbare für unsere Annäherung getan worden, und zwar trotz der ideologischen Unterschiede. Nun haben wir jetzt nicht unterschiedliche Ideologien, sondern absolut gleiche christliche Grundlagen der Moral. Aber diese Entfremdung, die wir zurzeit erleben, ist ein ernsthafter Fall. Daher sollte man sich keinen Illusionen hingeben, dass etwa die gesellschaftlichen Organisationen dieses Problem lösen könnten. Allerdings kommt gerade in diesem Zusammenhang der Gesellschaft ‚Russland – Deutschland‘ eine außerordentlich wichtige Bedeutung zu.“

Der hochrangige Mitarbeiter des russischen Außenministeriums Oleg Krasnizki plädierte, an diesen Gedanken anknüpfend, für die Überwindung der „vorübergehenden Entfremdung zwischen Russen und Deutschen“ und gegen eine Zerstörung der Freundschaft und Partnerschaft, die von vorigen Generationen gelegt worden ist. „Mit dem russisch-deutschen Verhältnis steht es im Moment tatsächlich nicht zum Besten. Auch fallen die Prognosen für seine Weiterentwicklung unterschiedlich aus. Wichtig ist, eine weitere Abkühlung zu verhindern. Dies wird Anstrengungen erfordern, auf der russischen wie auf der deutschen Seite.“

Die geopolitische Lage hängt mit dem Wandel der internationalen Beziehungen zusammen, so der Diplomat. „Eine neue internationale Ordnung ist im Werden. Das gefällt nicht allen. Einige möchten ihre frühere vorherrschende Position zurückgewinnen. Und da wir in Deutschland mit antirussischer Propaganda konfrontiert werden, kann die Volksdiplomatie, vertreten durch die Gesellschaft ‚Russland – Deutschland‛, den Ausbau des deutsch-russischen politischen Dialogs fördern. So steht bei der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz der russischen Delegation der Außenminister Sergej Lawrow an der Spitze. Wir werden wie immer sicher auftreten und rechnen damit, auch erhört zu werden.“

Russischlehrer reisen nach Deutschland

Das Außenministerium will laut Krasnizki das Erlernen der russischen Sprache in Deutschland bzw. der deutschen Sprache in Russland unterstützen. Das russische Bildungsministerium ist seinerseits im Begriff, eine große Gruppe von Russischlehrern nach Deutschland zu entsenden. „Große Hoffnungen werden ferner in die ehemaligen Sowjetbürger gesetzt, von denen in Deutschland gut fünf Millionen leben. Sie sind Träger nicht nur der russischen, sondern auch, nach vielen Jahren in Deutschland, der deutschen Kultur und können ein Bindeglied zwischen uns werden.“

Alexander Urban, langjähriger TASS-Korrespondent in Deutschland, schlug auch vor, den alten, aus der Sowjetzeit stammenden Namen „Gesellschaft für Freundschaft mit Deutschland“ wiederherzustellen. „Gerade heute ist es sehr wichtig“, resümierte er.


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Sputnik / Nikolaj Jolkin

Jahreskonferenz der Germanisten Russlands





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Von Veritatis

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