„Die NVA war eine Friedensarmee“, sagte Andreas Reinicke, ehemaliger stellvertretender Kommandeur für Technik und Bewaffnung eines Mot.-Schützen-Bataillons des 1. Mot.-Schützen-Regiments der NVA, gegenüber Sputniknews. „Das war keine Aggressionsarmee“, betonte der ehemalige  Hauptmann.

„Wir haben die Aufgabe gehabt, den Frieden zu sichern, so dass niemand eine Aggression gegen die sozialistische Staatengemeinschaft oder unser Land hätte führen können. Deshalb waren wir im Warschauer Vertrag integriert. Die NVA ist ja nie in einen militärischen Konflikt oder anderweitig zum Einsatz gekommen. Das war eine Armee, die nirgendwo anders und nur zur Landesverteidigung eingesetzt wurde.“

Einzige deutsche Armee ohne Krieg

Gegründet wurde die Armee des zweiten deutschen Staates offiziell am 1. März 1956. Sie wurde aus der „Kasernierten Volkspolizei“ (KVP) gebildet, die zuvor von der Sowjetunion aufgebaut und ausgerüstet worden war. Bis zum 2. Oktober 1990 bestand die einzige deutsche Armee, die nicht in anderen Ländern Krieg führte und die 1989 rund 170.000 Soldaten und Offiziere hatte.

Andreas Reinicke war noch bei der Parade der NVA aus Anlass des 40. DDR-Gründungsjubiläums am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin dabei. Er hatte die Aufgabe, sein Bataillon für die Vorbeifahrt an der Ehrentribüne vorzubereiten. Danach war nichts mehr wie vorher, berichtete er im Gespräch mit Sputniknews. In dem ging es um die Rolle der NVA im Umbruch 1989/90, wie sie am 3. Oktober 1990 von der Bundeswehr übernommen wurde und wie er das selbst erlebt hat.

Reinicke (Jahrgang 1960) wurde 1979 zur NVA einzogen und Offiziersschüler der Landstreitkräfte. Im August 1982 wurde er an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte „Ernst Thälmann“ in Löbau zum Leutnant ernannt. Über verschiedene Stationen kam er dann 1986 zum 1. Mot.-Schützen-Regiment (MSR 1) der NVA in Oranienburg, wo er Kompaniechef der Instandsetzungs-Kompanie wurde.

Kein Befehl zur Grenzschließung

Seine Einheit gehörte zur 1. Mot.-Schützen-Division (MSD 1) der NVA. „Mot.-Schützen“ waren sogenannte motorisierte Schützen, also mechanisierte Infanterie. Diese Division hätte im Falle einer militärischen Auseinandersetzung im Zusammenwirken mit Einheiten der sowjetischen Armee West-Berlin abriegeln und absichern müssen, wie Reinicke erklärte.

Der Ex-Offizier sagte, es habe um den 9. November 1989 herum, als die Grenze der DDR überraschend geöffnet wurde, keine Befehle an die Division gegeben, sich bereitzuhalten, um die Grenze wieder zu schließen. Der Historiker Hans-Herrmann Hertle berichtete in seinem Buch „Sofort, unverzüglich – Die Chronik des Mauerfalls“, aufgrund von Befehlen der obersten NVA-Führung sei die MSD 1 in „erhöhte Gefechtsbereitschaft“ versetzt worden. Er könne das nicht bestätigen, sagte Reinicke dazu.

Dagegen sei seine Einheit in der Zeit um den 7. Oktober 1989, den 40. Jahrestag der Gründung der DDR, und kurz danach in Alarmbereitschaft versetzt worden. „Wir mussten uns als Berufssoldaten alle im Regiment aufhalten und wir waren in Bereitschaft.“ Es seien Einheiten der Division im Einsatz gewesen, aber ohne jegliche Bewaffnung.

Armee nicht gegen das eigene Volk eingesetzt

Reinicke erinnerte sich, dass der 7. Oktober 1989, der „Republik-Geburtstag“ der DDR, „kein schöner Feiertag wie sonst immer“ war. Nach der Parade in Ost-Berlin sei seine Einheit nach Oranienburg zurückverlegt worden. Seit den Demonstrationen im Oktober 1989 bis zum „Mauerfall“ am 9. November des Jahres war nicht genau klar, wie es weitergehen sollte. „Aber eines  war zu 100 Prozent klar, dass keine militärische Gewalt gegen das eigene Volk eingesetzt werden würde.“

Die Soldaten, die wegen der zunehmenden Demonstrationen im Herbst 1989 in der DDR in Bereitschaft gehalten wurden, hätten vor allem Sicherungsaufgaben gehabt. „Ihre Aufgabe war es nicht, Demonstrationen niederzuschlagen. Es wurden keine Waffen mitgeführt. Die Soldaten waren auf sich selbst gestellt und wurden dem Innenministerium unterstellt. Es war ein Risiko, denn niemand wusste, wie die Demonstranten reagieren würden.“

Der ehemalige Offizier stellte klar: „Alles war völlig gewaltfrei. Das Ziel bestand nicht darin, Gewalt auszuüben und den Zerfall, der sich schon andeutete, in dieser Form aufzuhalten.“ Dafür habe die oberste NVA-Führung unter dem damaligen DDR-Verteidigungsminister Armeegeneral Heinz Keßler gesorgt, so Reinicke. Diese habe sich deutlich dagegen ausgesprochen, Militär gegen das eigene Volk einzusetzen.

DDR-Führung verantwortlich für „friedliche Revolution“

Es habe keine entsprechenden Befehle gegeben, auch nicht von SED-Generalsekretär Erich Honecker und dessen Nachfolger Egon Krenz. Beide waren als Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates der DDR Oberbefehlshaber der NVA. Die damals Verantwortlichen „sind geistig hell genug gewesen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen“.

Reinicke hob hervor: „Das sind die Leute gewesen, die diese Revolution oder diesen Umsturz, wie auch immer man das nennen mag, in diesen Bahnen gehalten haben, dass letztendlich alles so abgelaufen ist, wie es abgelaufen ist.“ Deshalb habe er kein Verständnis für die Prozesse, die gegen Egon Krenz und hohe DDR-Offiziere wegen der Toten an der Grenze der DDR und aus anderen Gründen geführt wurden.

„Die NVA war eine Volksarmee, und kein einziger General hätte den Befehl gegeben, auf das eigene Volk loszugehen oder gar zu schießen, auch Egon Krenz nicht als Chef des Nationalen Verteidigungsrates. Es war gut, dass er in der kritischen Situation an der Spitze der DDR stand.“

Mögliche Befehle nach dem 9. November 1989, die DDR-Grenze wieder dicht zu machen, hätten nur von der Führung der sowjetischen Streitkräften kommen können, so der Ex-Offizier. Ohne die hätte die NVA nicht selbstständig gehandelt. Das sei grundlegendes Prinzip in der Organisation des Warschauer Vertrages gewesen. Oberbefehlshaber der Truppen des Warschauer Vertrages sei immer ein hoher sowjetischer Offizier gewesen.

Schlendrian statt Meuterei

Reinicke konnte sich nicht erinnern, dass im Herbst 1989 und nach dem „Mauerfall“ verstärkt sowjetische Militärs in den NVA-Einheiten aufgetaucht wären. Dagegen hätten die DDR-Soldaten erfahren, dass die Sowjetunion sich aus diesem inneren Konflikt heraushalten werde.

In seiner Einheit sei nicht zu bemerken gewesen, dass die zunehmend kritische gesellschaftliche Stimmung in der DDR über die Wehrpflichtigen innerhalb der NVA in diese hineingetragen wurde. Es habe sich aber angesichts der Vorgänge, der Fluchtwelle und der Protestdemonstrationen, Unsicherheit breitgemacht, wie es weitergeht. Dadurch sei aber die militärische Disziplin und Ordnung zurückgegangen, berichtete Reinicke.

„Der Schlendrian hat sich dann in der Armee breit gemacht. Der normale Dienstbetrieb wurde dadurch teilweise außer Kraft gesetzt. Statt Ausbildung konnten die Soldaten sich über die aktuellen Ereignisse informieren. Der Fernseher lief den ganzen Tag. Alle haben den ganzen Tag davor gesessen und dann auch darüber diskutiert. In dieser Zeit haben alle nur auf die politischen Entscheidungen der DDR-Führung oder auf die des Verteidigungsministeriums gewartet.“

Die einst führende Partei ließ alle im Stich

Es habe keine zunehmende Fahnenflucht oder gar Meutereien in seiner Einheit im Herbst 1989 gegeben, sagte der Ex-Offizier. Dagegen erinnert er sich, dass von den höheren Kommandoebenen niemand in sein Regiment oder andere Diensteinheiten kam, um mit den Berufssoldaten und Wehrpflichtigen über die Lage zu sprechen oder diese darüber aufzuklären. Die NVA-Führung habe selbst nicht mehr gewusst, wie es weitergeht.

In der Folge sei ihm Ende November, Anfang Dezember 1989 bereits klar gewesen, dass die DDR nicht mehr lange existieren wird – das Land, das die NVA schützen und verteidigen sollte. „Die Luft war raus, und zwar deshalb, weil die führende Partei, die SED, ab Ende November in den Streitkräften nicht mehr aktiv war.“ Die Parteimitglieder seien allein gelassen worden, auch die in der Armee.

„Niemand hat mit uns gesprochen.“ Die DDR-Militärs hätten sich dann selbst weiter beschäftigt, indem die Technik gewartet wurde, mit technischer Ausbildung und anderen Aufgaben. Er habe im Frühjahr 1990 noch eine letzte Ausbildung zur Wasserfahrt mit den SPW mitgemacht.

„Das hat die Friedensarmee NVA nicht verdient“

Nach der letzten Volkskammer-Wahl im März 1990 war der Kurs in Richtung Einheit klar, nachdem die dafür stimmenden Parteien um die Ost-CDU die Mehrheit bekommen hatten. Damit ging es für die NVA nur noch um den Übergang in eine mögliche gesamtdeutsche Armee. Davon blieb nur noch eine „feindliche Übernahme“ durch die Bundeswehr übrig, wie Reinicke heute meint.

Er hält es rückblickend für falsch, dass im April 1990 der Pfarrer Rainer Eppelmann zum Verteidigungs- und Abrüstungsminister der Noch-DDR und damit zum Oberbefehlshaber der NVA ernannt wurde. „Man hat die Armee durch solch einen Minister ins Lächerliche gezogen“, meint Reinicke. „Das hatte die NVA als Friedensarmee nicht verdient, so zu enden, wie sie unter Eppelmann geendet ist.“ Ihm habe gefehlt, dass die Ehre der NVA bis zum letzten Tage verteidigt wurde.

Rückblickend wünschte er sich, es hätte in der Übergangszeit bei bestimmten Befehlen Protest gegeben. Als Beispiel nannte der den Wechsel der Mützenkokarde mit dem DDR-Emblem gegen das Emblem der Bundesrepublik – „obwohl die DDR noch bis zum 2.Oktober 1990 weiter existierte. Das war eine eindeutige Provokation.“

Kein Platz für DDR-Soldaten

1990 sei es nur noch darum gegangen, die NVA zu verkleinern. Das sei mit Abrüstung begründet worden. „Man konnte sich an allen fünf Fingern ausrechnen, dass die Armee verkleinert wird und nicht vollständig mit übernommen wird“, sagte Reinicke. Er habe persönlich noch gedacht, dass auch die DDR-Soldaten die Möglichkeit erhalten, sich in die Wiedervereinigung einzubringen, gestand er ein.

„Ich habe gedacht: Wir kennen unsere Technik, wenn hier abgerüstet werden muss, wenn die Regimenter aufgelöst werden müssen. Wir können das bedienen, wir wissen, wie das funktioniert. Das wäre unser Beitrag zu dieser Wiedervereinigung gewesen. Aber das war nicht gewollt. Sie wollten den Kahlschlag.“

Reinicke beklagt, wie die Bundesregierung mit den NVA-Soldaten umgegangen ist. Sie seien unter Druck gesetzt worden, von allein aufzuhören. Er habe sich später gesagt: „So, wie die sich uns gegenüber verhalten haben, hätte ich sagen müssen: Tschüss, hier habt ihr die Schlüssel, seht zu, wie ihr das Zeug von A nach B bekommt. Ihr wisst ja eh alles besser.“

Feindliche Übernahme statt Einheit

Er habe mit den Bundeswehr-Offizieren, die bereits Anfang Sommer 1990 in der NVA auftauchten, „mehr negative als positive Erfahrungen gemacht. Sie waren oft überheblich und arrogant.“ Nur einmal habe ihm ein Bundeswehr-Offizier gesagt, dass er sich die Art und Weise des Zusammengehens der beiden Armeen anders vorgestellt habe. „Diesem einen Offizier der Bundeswehr, den ich in Brandenburg kennengelernt hatte, habe ich es geglaubt.“ Insgesamt gesehen habe es sich um eine „unfreundliche Übernahme“ der NVA durch die Bundeswehr gehandelt, die auch als „feindliche Übernahme“ gesehen werden könne, so Reinicke.

Was seit 30 Jahren als „Wiedervereinigung“ bezeichnet wird, die Übernahme der DDR, sieht der Ex-Offizier heute als „feindliche Übernahme“. „Es war eine Annexion der DDR“, fügte er hinzu. „Unsere Errungenschaften wurden zerstört und unser Volkseigentum geraubt und verhökert.“ Die NVA sei bewusst zerstört worden. Viele Menschen der bewaffneten Organe der DDR seien mit Gefängnis, Strafrenten, Berufsverbot und Nichtanerkennung ihrer Bildungsabschlüsse behandelt worden.

Für ihn ist die NVA am Ende eine „verratene Armee“ gewesen. Ihre Soldaten seien im Stich gelassen worden, ohne jegliche Hilfe beim Übergang ins zivile Leben. Das habe er selber schmerzhaft erlebt, als er im Juli 1991 „in eine ungewissen Zukunft“ entlassen wurde. Er habe zwar eine Berufsausbildung als Elektromechaniker mit Abitur gehabt, aber die stammte von 1979. Das hatte ihm aber nichts mehr genutzt, auch nicht seine offizielle Hochschulausbildung an der NVA-Offiziershochschule.

Traditionspflege mit Gleichgesinnten

Seit seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr hat Reinicke nach seinen Worten vor allem wechselnde Jobs im Einzelhandel gehabt. Auf dem Gebiet der untergegangenen DDR habe er keine Arbeit gefunden. Da seien alle ihm als ehemaligem NVA-Offizier gegenüber auf Distanz gegangen. Seinen ersten zivilen Job habe er in den westdeutschen Bundesländern gefunden.

Heute ist er politisch wieder aktiv, als Berliner Landesvorsitzender der 1990 noch in der DDR neugegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Seit einigen Jahren ist er Mitglied im „Verband zur Pflege der Traditionen der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR e.V.“ In dem Verband gehe es aber nicht um rückwärtsgewandte Beschäftigung mit der Geschichte. „Dort bin ich unter Gleichgesinnten“, so Reinicke, die die Traditionen der NVA und der DDR pflegen, aber sich ebenso mit den heutigen Fragen von Krieg und Frieden beschäftigen würden.

 





Source link

Von Veritatis

Schreibe einen Kommentar