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2. Juni 2020

Corona-Krise und der ‚real existierende Pflegealltag‘ in stationären Einrichtungen der Altenhilfe



Jetzt ist also die Krise da. Und dann ist sie auch noch viel schneller gekommen als erwartet. Wir stellen uns aufgrund der Corona-Krise auf einen Pflegenotstand ein, der seit Jahren gebetsmühlenartig prognostiziert wird. Bereits in den 80er Jahren haben Zeitungen ihre Beiträge mit „Pflege. Es ist 5 vor 12“ überschrieben. Seitdem berichten die Medien mit verlässlicher Regelmäßigkeit über den zu erwartenden Pflegenotstand und führen hellseherische Prognosen mit Zahlen zu Entwicklungen bis 2035 an. Darüber gab und gibt es viel Wehklagen in Politik und Gesellschaft. Aber getan hat sich außer Flickschusterei nicht allzu viel. Im Gegenteil: wie in anderen Bereichen des Gesundheitssektors auch, bei Krankenhäusern vor allem, werden Heime weiterhin geradezu kaputtgespart. Seitdem immer mehr forsche Betriebswirte das Sagen haben, leiden Bewohner wie Personal unter dem Druck der „schwarzen Zahlen“ und Renditevorstellungen von Einrichtungsträgern. Von Claus Völker.

Nun also, in der allgemeinen Corona-Panik, appellieren Ministerien, Verbände, Einrichtungsträger und andere Institutionen an alle, die in der Pflege ausgebildet wurden und nun andere Tätigkeiten ausüben oder bereits berentet sind, sich doch bitte zur Rekrutierung zu melden. Ziel sei es, das im Rahmen der COVID19-Lage bereits stark strapazierte Personal in den Einrichtungen bei Bedarf zu unterstützen. Gesucht werden auch ehemalige Ärzt*innen, die bereit sind, in der Krise zu helfen[1]. Die political correctness bei der Aufzählung des Adressatenkreises wird dabei natürlich nicht außer Acht gelassen. Was formelle Korrektheit betrifft, sind wir Deutschen immer vorne dabei.

Gegen diese Aufrufe gibt’s im Grunde nichts einzuwenden. Im Gegenteil: kommen die Appelle den Menschen in den Einrichtungen, Bewohnern, Patienten und Personal, zugute, darf man sich zu Recht freuen.

Aus dem einen oder anderen Bundesland werden auch schon erfreuliche Zahlen gemeldet: „1000 Pflegekräfte melden sich binnen eines Tages“[2]

Solidarität und tatkräftige Mithilfe von ausgebildetem Pflegepersonal und Medizinern sind also auch in Zeiten neoliberaler Wirtschaftspolitik nicht völlig verschütt‘ gegangen. Jetzt wird sogar ein Wort wie Solidarität wieder salonfähig.

Die Frage fällt einem allerdings bei der Lektüre gleich ein, warum nicht auch „Laien“ das Personal in besonders schwierigen Zeiten unterstützen können? Jede und jeder, der einen Angehörigen zu Hause betreut und (mit oder ohne einen Pflegedienst) gepflegt hat, weiß, was zu tun ist. Noch dazu, wenn es um nichtpflegerische Tätigkeiten geht wie Betreuung bei Essenszeiten, Wechsel von Bettwäsche, Gespräche und Spaziergänge mit Heimbewohnern usw. und „die Laien“ – soweit nötig – von erfahrenem Personal behutsam begleitet werden. Ich bin überzeugt, dass sich zu diesen Diensten nicht wenige Menschen und bestimmt nicht des Geldes wegen melden würden. Es wäre ja zudem nur ein temporär zu behebender Notstand. Besonders dann, wenn Heime am untersten Personallimit herumkrebsen sollten.

Aber mal über die momentan zu erwartende außergewöhnliche Krise aufgrund des Virenangriffs hinausgedacht:

Hängt man denn hierzulande immer noch der irrigen Auffassung an, Personalnotstand außerhalb von Krisenzeiten wie dieser wiege nicht so schwer und die Heime sollten über die Jahre hinaus dann wieder weiter wie bisher rumwursteln? Ist die Corona-Krise vorüber, gehen die Freiwilligen wieder nach Hause. Alle schnaufen durch: geschafft. Und dann geht wieder alles im alten Trott weiter?

Bei diesen Appellen an die sog. systemrelevanten Kräfte[3] fällt es den aktuell oder ehemaligen Beschäftigten schwer, den Halbsatz „im Rahmen der COVID19-Lage bereits stark strapazierte Personal in den Einrichtungen“ ohne Murren und Kopfschütteln zu schlucken.

Diese jetzt auf einmal systemrelevanten Kräfte (diesen Begriff hörte man erstmals bei der Finanzkrise) kennen die aufreibende Situation – allein in den stationären Einrichtungen der Altenpflege – seit vielen Jahren nur allzu gut.

Es kracht auch ohne irgendwelche virulenten Erreger an allen Ecken und Enden. Viele Heime finden kaum noch ausgebildete Pflegefachkräfte, können nur schwer den vereinbarten Personalschlüssel und die gesetzlich festgezurrte Fachkraftquote erfüllen. Selbst diejenigen Einrichtungen, bei denen nicht die oft saftige Rendite des Einrichtungsträgers, verbunden mit einer mageren Bezahlung des Personals, im Vordergrund steht (die gibt es leider nicht gerade selten), tun sich schwer, die Bewohner adäquat zu versorgen.

Kein Wunder, wenn man sich die Entwicklung und die Situation in der stationären Altenpflege ansieht.

Die Pflege und nicht nur die ist inzwischen zum Markt der grenzenlosen Verdienstmöglichkeiten mutiert. Könnte man nicht endlich mal Standards in den Heimgesetzen der Länder einführen, die für den Betrieb einer Einrichtung klare Mindestvoraussetzungen wie z.B. Personalschlüssel (und zwar nicht nur marginal höher als zurzeit), ausreichende Besetzung des Nachtdienstes (Nachtdienstschlüssel), Anbindung eines Heimarztes (ohne dass die freie Arztwahl deswegen aufgegeben werden darf) usw. vorsehen? Dazu müssten auch von den Einrichtungsträgern die Bildung finanzieller Rücklagen und Personalpools aus bestehendem Personal, verbunden mit zusätzlichen, freiwilligen Pflege- und Betreuungskräften für Krisen jeglicher Art gefordert werden. Manche Einrichtungen machen das schon und gewähren diesen Kräften z.B. Extra-Urlaub, besondere Vergünstigungen, Zulagen für sog. „Springerdienste“. Es gibt gute Beispiele und gute Ideen.

Gesundheit und die pflegerische Versorgung der Menschen sind keine Ware, die nach kaufmännischen bzw. spekulativen Gesichtspunkten zu bewerten ist[4].

Leider hat sich der längst bestehende Pflegenotstand auch zu einer Spielwiese von selbsternannten Experten, Funktionären und Professoren entwickelt, die sich gegenseitig die Bälle zuwerfen und an Vorschlägen überbieten, die die Heime und ihr Personal letztendlich doch überfordern. Von den Missständen, die sie bestimmt bekämpfen wollen, kann man sich durchaus gut ernähren.

Sie alle haben die Anforderungen an die Heime und das Personal mit den Jahren immer höhergeschraubt, ohne dass es dabei nur um eine Verbesserung der Pflegehandlungen zugunsten der Bewohner selbst geht.

Immer wieder werden neue sog. Qualitätssicherungsmaßnahmen (welches Level sollte eigentlich die ständig beschworene Qualität aufweisen?) und ausgeklügelte Dokumentationssysteme entwickelt, die den Einrichtungen aufgezwungen und in langwierigen Prozessen umgesetzt werden. Allein die Schulung dieser sich regelmäßig ablösenden Systeme und die jeweilige Umstellung auf EDV rauben Zeit und Nerven des Personals. Menschen, die sich bei der Entscheidung für ihren Beruf vorgenommen hatten, mit den pflegebedürftigen Menschen an Bett und Tisch zu arbeiten und ihnen die verbleibende Lebenszeit so angenehm wie möglich zu gestalten, hatten nicht die Absicht, halbe Bürokraten zu werden. Sie wollten bestimmt nicht immer mehr und immer wieder neuen administrativen Anforderungen am PC nachkommen. In den Einrichtungen gibt es viele Menschen, die sprachlich und von den Befähigungen her vom hochgepriesenen Qualitätsmanagement schlicht überfordert sind, aber ausgezeichnete Arbeit für die pflege- und betreuungsbedürftigen Bewohner leisten. Sie demotiviert und frustriert man eher, als dass sie durch die permanent veränderten Neuerungen unterstützt werden.

Stattdessen „generiert“ (auch so ein Wort aus der Plastikmüllsprache) man immer wieder neue Expertenstandards, die ein Idealbild anstreben, das mit dem „real existierenden Pflegealltag“ nur wenig zu tun hat. Diese Expertenstandards gibt’s für verschiedene Themen wie Ernährungsmanagement, Dekubitus- und Sturzprophylaxe, Harnkontinenz, Entlassmanagement usw. Voller kluger und richtiger Empfehlungen und Anleitungen. Gar keine Frage. Nun finden die Pflegekräfte in den Schubladen für alles eine Anleitung.

So haben sich vor kurzem blitzgescheite Experten auf den Weg gemacht und einen Expertenstandard „Beziehungspflege bei Menschen mit Demenz“ gebastelt. Die Frage muss erlaubt sein, was man denn die ganze Zeit über in den Heimen gemacht hat? Nicht erst, weil das jetzt festgeschrieben ist, sollte der Mensch in den Genuss einer besseren „Beziehungsqualität“ kommen. Das ist das A und O von Betreuung und Pflege! Und das weißt auch jede halbwegs motivierte Pflegekraft.

Man glaubt, jede Pflegesituation und jeder Handlungsablauf müsse reguliert und reglementiert werden. Phantasie und Eigeninitiativen haben da nicht mehr viel zu suchen. Die Aberziehung von Verantwortung führt beim Personal immer mehr zu einem Gefühl der Ohnmacht. Man traut sich selber nicht mehr. Aber die Pflege- und Betreuungskräfte sind durchaus in der Lage, selbständig zu denken und auch fachlich korrekt zu handeln.

Merksatz für alle klugen Leute, die sich außerhalb von Heimen befinden und/oder inzwischen meilenweit vom Pflegealltag entfernt haben:

Das Personal in der Schicht – besonders bei prekärer Besetzung – macht das und kann auch nur das machen,

  1. was es zu sehen in der Lage ist, was es aus der Erfahrung und Routine kennt und in das es sich einfühlen kann bzw. will,
  2. wozu die Zeit ausreicht und das
  3. jeweils nach Vorbild und ausreichender Unterstützung sowie Anleitung der Leitungskräfte und Qualitätsbeauftragten.

Was meinen die Experten eigentlich, wieviel zum Beispiel von der als so wertvoll gepriesenen Biographiearbeit in den Köpfen des Personals gegenwärtig ist, wenn sie kaum das Nötigste in der Schicht erledigen können oder wollen?

Leider hat man noch keinen Expertenstandard „Gesunder Menschenverstand“ gebastelt. Da wären wahrscheinlich auch die falschen Leute am Werk.

Da schwadroniert dann auch noch der eine oder andere Experte davon, dass in Deutschland die Akademisierung der Pflegeausbildung fehle. Dass Grundlagenwissen erforscht und evidenzbasierte Pflegehandlungen entwickelt werden müssen.

Nicht nur ich bin stattdessen der Auffassung, dass die Verwissenschaftlichung der Pflege überhaupt nicht gutgetan hat.

Ist Pflege nur bei akademischer Ausbildung richtig und gut zu leisten? Sind denn, so fragen auch viele Pflegekräfte, Pflegedienst- und Einrichtungsleitungen, einfühlsame und gute Betreuung und Pflege wirklich so schwer hinzukriegen? Das, was in der Pflege zu tun ist, sei im Grunde relativ gut nachvollziehbar und nicht allzu kompliziert zu vermitteln. Dies bedeute keinesfalls, dass die zu erbringende Leistung nicht genügend „wertzuschätzen“ wäre.

„Gediegene“ Fachlichkeit und ein Blick für die Belange des Menschen sind dabei nach wie vor wesentlich. Aber Pflege muss ich vom Herzen her verstehen, vom Herzen her ausüben. Und das Hirn eingeschaltet lassen.

Auch Leitungskräfte werden unter der Last der Neuerungen schlichtweg erdrückt. Diese Positionen in der Pflege möchte kaum mehr einer übernehmen. Und nun besetzen diese wichtigen Schaltstellen häufig Personen, die zwar formelle Ausbildungen haben, denen jedoch die Praxis und leider oftmals auch die Lebenserfahrung fehlen. Wechsel in Leitungspositionen sind an der Tagesordnung.

Diejenigen, die etwas von den Strukturen und den Prozessen in einer Einrichtung verstehen, sehen, dass die Pflege unter den gegenwärtigen Voraussetzungen kaum mehr vernünftig zu schultern ist. Die Themen Zeit füreinander, Menschlichkeit, Obhut, Zugewandtheit, Empathie, Humor und (auch das von mir in diesem Zusammenhang verwendete, inzwischen verschmähte Wörtchen) Fürsorge haben schon lange keine Priorität mehr. Und doch sind gerade dies die Kernthemen einer menschlichen Pflege.

Aber sollen die Experten alle ruhig weiterentwickeln und forschen und nicht schlecht an der ganzen Misere profitieren. Doch sie mögen sich bitte nicht einbilden, dass dadurch der Pflegealltag in den Heimen sonderlich beflügelt wird. Oder womöglich gar auf einen Stand gebracht werden kann, der den Wünschen der Bewohner oder unseren eigenen Wünschen entspricht, wenn wir mal selbst ins Heim ziehen müssen.

All diese wichtigen Experten (oder auch Politiker, aber bitte ohne Vorankündigung und ohne das anschließende obligatorische Händeschüttel- bzw. Ghettofaustfoto in der regionalen Zeitung) sollten mal – nach Abflauen der Krisenpanik – an Feiertagen, an Wochenenden oder nur in den Abendstunden in die Heime gehen, wenn der Dienstplan so ausgedünnt ist, dass vom Personal kaum das erledigt werden kann, was unbedingt nötig ist. Muss das Heim dann noch unmotivierte Kräfte beschäftigen, weil man keine besseren finden konnte, potenziert sich der ständige Krisenalltag. Es gibt nämlich, wie in jedem anderen Beruf, auch unter Pflegekräften MitarbeiterInnen, die nur ungenügend das kleine 1 x 1 ihres Berufsstandes beherzigen. Pflegekräfte, die in ihrer Schicht mit derartigen KollegInnen zusammenarbeiten müssen, wissen ein Lied davon zu singen.

Zur Veranschaulichung hier ein paar kleine, aber nicht unbedeutende, von mir und Kolleginnen häufig selbst beobachtete Situationen:

Da wäre man z.B. schon froh, wenn an einem heißen Sommertag im Zimmer einer bettlägerigen alten Frau genügend zu Trinken da ist. Und zwar so, dass sie an das Getränk rankommt und es auch zum Mund führen kann. Dass nachgefüllt wird. Und zwar so, dass sie das Getränk nicht mit ihrer zittrigen Hand über Bettdecke und Nachthemd ausschüttet.

Dass mal jemand Zeit hat und auf die Idee kommt, einen kühlenden Waschlappen auf die Stirn der schwitzenden Bewohnerin zu legen.

Dass man ihr nicht einfach eine dicke, langärmelige Bluse anzieht, nur, weil die im Schrank vornedran hängt.

Dass die Jalousien runtergelassen sind und die Sonne nicht aufs Bett knallt.

Dass nicht vom letzten Verbandswechsel die blut- und eiterverkrusteten Lappen auf dem Boden liegen und vor sich hinstinken. Weil die Pflegekraft nach dem Verbandswechsel erstmal in die Pause ging und dann schusselig vergessen hatte, das Zeug wegzuräumen.

Und dass Windeln dann gewechselt werden, wenn sie voll sind und nicht erst dann, wenn der planmäßige Zeitpunkt erreicht ist. Der dann auch schnell mal verpasst werden kann.

Dass die Leute nicht schon um 19 Uhr zur Bettruhe verdonnert werden.

(Um die meisten dieser „Kleinigkeiten“ könnten sich übrigens in der von den Appellen angesprochenen Krise auch Laien kümmern, die ihre Angehörigen betreut und gepflegt haben, genügend Erfahrung mitbringen und die Problematik kennen.)

Schließlich die sich mal wieder verändernden Begutachtungsrichtlinien des MdK, deren Prüfer aus den erfahrenen (und vom MdK besser bezahlten) Kräften der Heime rekrutiert werden, die diesen natürlich fehlen. Auf diese rules & regulations müssen sich Träger, Einrichtung und Personal jedes Mal über langwierige und teure Schulungen einstellen.

Vor einer schwierigen Aufgabe stehen die Prüfer der Heimaufsichtsbehörden der Länder, zumeist Landratsämter und kreisfreie Städte, die viel zu selten von MitarbeiterInnen unterstützt werden, die eigene Erfahrung aus der Praxis mit in ihre Tätigkeit einbringen. Es gibt zwar eine ganze Menge von fachlichen Anforderungen an die Stellen im Heim, aber nicht an das Fachpersonal der Heimaufsichtsbehörden.

Die Richtlinien, Dokumentationssysteme und Standards dienen vor allem den externen Kontrolleuren dazu, möglichst ohne Aufwand über Papier bzw. Bildschirm prüfen zu können, um dann mit noch immer viel zu hohem bürokratischen Aufwand Noten oder sonstige Bewertungen, Ermahnungen und Hinweise abzugeben. Die Albernheit der bisherigen MdK-Noten, die den Level von Note 1 – 1,5 = „hervorragend“ zumeist nicht überschritten haben, muss ich nicht eigens erklären.

Es ist für die Einrichtungen seit langem wichtiger geworden, den Richtlinien externer Kontrolleure (zumeist über Dokumentationen und Anweisungen usw.) zu entsprechen als darauf zu achten, dass „der Laden gut läuft“.

Dazu gibt es noch ein internes Qualitätsmanagement, das auch nicht viel anders aussieht als Kontrolle mit der Absicht, alles zu beschleunigen und in nicht seltenen Fällen Mitarbeiter zu disziplinieren. Die sog. Qualitätsbeauftragten werden zumeist teilweise oder ganz vom praktischen Dienst freigestellt, um Schreibtischarbeit zu erledigen. Wenn man sich schon solche Stellen leistet, dann sollten die Qualitätsbeauftragten die Beschäftigten in der Pflege am Bett und anderswo in der Einrichtung praktisch anleiten. Das Pflegepersonal wird es ihnen danken, wenn es sich bei den Qualitätsbeauftragten nicht um notorische Besserwisser handelt.

Insgesamt leistet sich unser Land ein ineffektives und teures System, an dem die Akteure am wenigsten Schuld tragen! Es würde ausreichen, lediglich eine einzige Prüfinstitution zu bilden, die unabhängig von politischen und/oder finanziellen Interessen der Auftraggeber arbeiten kann. Die hierfür benötigten fachlich und rechtlich versierten Kräfte kämen dem Steuerzahler bei weitem „kostengünstiger“ als die Vielzahl des momentan sich tummelnden Kontrollpersonals.

Der Pflegealltag jedenfalls wird durch das ganze Instrumentarium zur Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung (wie es so schön heißt) nicht verbessert, sondern ausgebremst.

Noch ein Blick auf die wohlmeinenden Qualitätsanforderungen der (Landes-) Heimgesetze, die von den Einrichtungen schon lange nicht mehr erfüllt werden können[6]:

Nehmen wir die von den Heimgesetzen geforderte Sicherstellung von Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung der Bewohner. Wenn ein Mensch kognitiv stark abgebaut und jede Menge Erkrankungen und Behinderungen hat, braucht er, um selbständig, selbstbestimmt und noch dazu selbstverantwortlich zu leben, verständnisvolle und einfühlsame Unterstützung durch das Personal. Diese Unterstützung geht häufig aus den genannten Gründen (Personalknappheit, Zeitmangel usw.) im Pflegealltag unter.

Im Werteranking findet man auch Würde ganz oben auf der Liste. Dem als selbstverständlich geltenden Anspruch kann in seinen vielfältigen Komponenten kaum mehr entsprochen werden. Aber nicht, weil das Personal nicht ausreichend die Standards inhaliert hat, sondern weil es – ich muss mich wiederholen – einfach „nicht rumkommt“. Ich kann dieses kaputtgequatschte Wort „Würde“, das in jedem Leitbild eines jeden x-beliebigen Pflegeheimes auftaucht, jedenfalls nicht mehr hören, ohne leichten Brechreiz zu verspüren.

Alle diese Anforderungen, die sich aus den verfassungsrechtlich verankerten Grundrechten ableiten, befinden sich natürlich im Leitbild jeder Einrichtung. Ich bin da wirklich „geplättet“, welch phantasiereiche Variationsbreite das so gern beschworene christliche Menschenbild in der täglichen Praxis aufweist. Man möge mir verzeihen, dass ich dem Leser und mir die Aufzählung von Beispielen, die ein Hohn auf Leitbilder darstellen, erspare.
Aber in all diesen Leitbildern steht natürlich der alle überzeugende Satz „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt“. Jedem in der Szene fällt dazu die verkalauerte Fortsetzung ein „…und da steht er vor allem im Weg rum!

Mal ehrlich. Wir lügen uns doch gegenseitig die Hucke voll. Hinter vorgehaltener Hand geben mir die Verantwortlichen bei Verbänden, Einrichtungsträgern und Heimen Recht. Öffentlich beteuern aber fast alle, dass in der eigenen Einrichtung alles nach wie vor bestens laufe und die Grundrechte sowie die Interessen und Bedürfnisse der Bewohner (und auch des Personals) selbstverständlich beachtet werden. Kommen dann noch Politiker und Medienvertreter zu Besuch, wird ein Bild präsentiert, das man gerne nach außen zeigen möchte, das aber leider nur in den seltensten Fällen stimmig ist. Fragen sich die Verantwortlichen denn niemals, dass sie auf diese unkluge Weise nicht das Geringste bewirken können? Doch, sicherlich. Aber sie bleiben bei ihren Verhaltensmustern, denn es könnte ja sein, dass die Konkurrenten auf dem freien Heim-Markt von der Ehrlichkeit eines Trägers profitieren und weiterhin behaupten, in ihren Heimen aber kenne man überfordernden Pflegealltag nicht.

Und immer wieder und derzeit besonders hören wir das Lob der Politiker, Vorstände und Medien an die systemrelevanten Kräfte in den Einrichtungen à la Ihr seid die Helden der Nation!
Mögen sie sich diese wohllautenden Worte sparen und stattdessen endlich dafür sorgen, dass sich die Pflegekräfte in den Einrichtungen nicht länger im Stich gelassen fühlen. Jetzt auf einmal werden diese mal wieder „wertgeschätzt“. Das erleichtert nicht die Arbeit, fördert nicht den Spaß am Beruf und verbessert weder die Laune noch das Einkommen. Ganz nebenbei: nicht die (noch immer ungenügende) Bezahlung macht die Pflege- und Betreuungskräfte mürbe. Sie fühlen sich seit langem, wie ausgeführt, im Stich gelassen, denn sie möchten vor allem Unterstützung und echte Wertschätzung, nicht immer nur diese ewig gleichen Floskeln. Würde man mal eine diesbezügliche Umfrage starten, käme man zu keinem anderen Ergebnis.

Daseinsvorsorge (ein leider auch antiquiertes Wort) muss von der Politik, dem Gesetzgeber, wieder ernsthaft aufgegriffen werden. Und das betrifft alle Menschen bzw. Berufszweige in diesem Land, denn alle sind auf ihre Art und Weise systemrelevant.

Ich fürchte allerdings, dass nach Abebben des Corona-Hypes alles schnell vergessen wird und man wie üblich wieder beginnt, neue Expertenrunden und Arbeitskreise zu bilden, die erforderliche Veränderungen aufzeigen sollen, die dann nach langen Verhandlungen in unzureichenden Kompromissen, vor allem wegen mangelnden Geldes (schwarze Null), verwässert werden. Und dann gebiert der behäbige Elefant mal wieder eine schüchterne Maus.

Es ist nicht nur die Politik, die sich bewegen muss. Es sind auch die Verbände, denen die privaten und gemeinnützigen Einrichtungsträger angeschlossen sind. Es ist die Pflegeselbstverwaltung, die wohl für mehr verantwortlich ist, als man sich gemeinhin vorstellen kann. Und nicht zuletzt die Gesellschaft – jeder Einzelne von uns, der sich nicht nur dann für die hilfs- und/oder pflegebedürftigen Menschen in unserer Mitte oder am Rande interessieren darf, wenn ihn selbst gesundheitliche und sonstige Bedrohungen treffen könnten.
Schuld sind ja erfahrungsgemäß immer die anderen. Sterben tun glücklicherweise auch immer die anderen. Man kann es ja täglich in den Todesanzeigen nachlesen.

Claus Völker, Würzburg, 26. März 2020

Titelbild: Suwin/shutterstock.com



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