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2. Juni 2020

Beethoven ǀ Die große Wucht der kleinen Besetzung — der Freitag



La politique, c’est le destin“, sagte Napoleon, als Goethe ihm mit dem Schicksal kam. Und mit dem Schicksal kommt dann immer auch Beethoven ins Spiel. Denn in seiner 5. Sinfonie op. 67 klopft es angeblich so schicksalhaft an die Tür. Beethoven und Goethe begegneten sich mehrmals. Den für Musikfreundinnen auf ewig mit Beethovens 3. Sinfonie op. 56 verbundenen Napoleon bewunderte er, ohne ihn persönlich zu kennen, hin- und hergerissen bis zuletzt. Beethoven hatte den Namen Bonaparte aufs Titelblatt gesetzt, ihm das Werk widmen wollen. Aber dann krönte sich der General revolutionärer Verteidigungskriege zum Kaiser einer kapitalistischen Nation. Der Republikaner Beethoven tobte, er rückte dem Titelblatt seiner 3. Sinfonie mit der Rasierklinge zu Leibe, sie wurde zur Eroica.

Die ist nun der Höhepunkt einer neuen Doppel-CD mit den drei ersten Sinfonien des Wiener Klassikers, interpretiert vom exquisiten deutschen Barock-Orchester Compagnia di Punto. Das auf den ersten Blick Besondere: Es handelt sich um „Arrangements“. An Streichern hört man zwei Geigen, zwei Bratschen, ein Cello, einen Kontrabass. Die Bläser erklingen mit Flöte, zwei Klarinetten, zwei Naturhörnern, das war’s. Keine Oboen, kein Fagott, nicht einmal – für Beethoven ungewöhnlich – Pauken. Der Meister wollte es so.

Die Adern, die Muskeln

Napoleons Schicksals-Diktum lässt lautmalerisch wie philosophisch den Spruch Ludwigs XIV. anklingen, demzufolge er, der Sonnenkönig, der Staat sei – Politik ergo, nach Napoleon, das den Göttern aus der Hand genommene, von Menschen gestaltete Schicksal. Held der Aufklärung für so etwas war Prometheus. Der taucht in Gestalt der Basslinie von Beethovens Ballettmusik Die Geschöpfe des Prometheus als Thema des Finalsatzes der Eroica wieder auf.

Es war der Schweizer Marxist und DDR-Musikwissenschaftler Harry Goldschmidt, der als erster begann, die neben der Revolution und einer Großneigung zur Natur weitere Quelle beethovenscher Schaffenskraft zu entdecken: die revolutionäre Vehemenz seiner erotischen Inspiration. Schon im für das Publikum der Zeit gleich am Anfang völlig überraschenden Septimenakkord auf die erst in Takt 6 erscheinende Grundtonart C-Dur hörte Goldschmidt das Echo der Liebe zur 1799 ins Beethovenleben getretenen „unsterblichen Geliebten“ Josephine Gräfin Brunsvik.

Die kleine Besetzung bringt nicht allein die Wucht des Klangeindrucks der Beethoven-Partituren zur Geltung. In begeisternder Dialektik erscheinen die überfallartigen Kontraste beethovenscher Fortissimo-Ausbrüche, die aggressiven Sforzati, die gewaltigen Tutti-Schläge „authentisch“ im Sinn von handgearbeitet und konkret. Anders als in den Tonmassen des Riesenklangkörpers eines Sinfonieorchesters meint man die Adern, die Muskeln, Nerven und Farben dieser Musik deutlicher als gewohnt zu erkennen. Aufbau, Knochen und Gelenke des Werkgefüges werden hörbar, spürbar, und die Dissonanzen erscheinen so widerborstig, wie sie schon Beethovens Zeitgenossen erschienen sein mögen.

Eine Großtat, die hoffentlich ihre Fortsetzung findet. Möge der Naturhornist Christian Binde, Gründer und Inspirator der Compagnia di Punto, uns diesen Gefallen tun. In der „Schicksals-Sinfonie“ dann aber bitte mit Pauken und Trompeten!

Sinfonien Nr. 1 bis 3 – Compagnia di Punto Beethoven (Deutsche Harmonia Mundi/ Sony Classical)



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