Chemnitz/São Paulo.

Man tritt ein, sieht sich um, versteht und ist begeistert. Das reicht eigentlich, um das Konzept der Dauerausstellung des MASP zu umreißen – des Museu de Arte de São Paulo in Brasilien, das sich für einen virtuellen Rundgang übers Portal Google Arts & Culture besonders eignet.

Schon das Architekturkonzept des gegenüber einem der raren Parks gelegenen Museumsgebäudes inmitten des Zwölf-Millionen-Einwohner-Molochs an sich ist sehr cool: An zwei massiven, rot gestrichenen Stahlbetonbügeln hängt der zweigeschossige Baukörper über einer Freifläche, die für diverse öffentliche Aktivitäten, Märkte etwa, genutzt wird. Diese betonierte Fläche wiederum ist das Dach eines zweigeschossigen, T-förmigen Sockelgebäudes für Verwaltung et cetera. Es ist in den von der Zugangsseite abfallenden Hang hineingebaut. Das erste Geschoss im über der Freifläche hängenden, über eine Treppe durch den Boden zugänglichen Ausstellungsbau beherbergt Bibliothek, Foyer und Cafeteria nebst Sonderausstellungsflächen. Die Krönung des 1968 errichteten, in Gegenwart von Queen Elisabeth II. eröffneten Baus der Architektin Lina Bo Bardi, der Frau des Museumsgründers Pietro Maria Bardi, besteht aus dem darüber liegenden, rund 2000 Quadratmeter großen rechteckigen, pfeilerlosen, rundum verglasten, mit Jalousien abgedimmten Saal. Der bietet in einer chronologisch geordneten Dauerausstellung rund 120 Kunstwerken aus der Zeit vom 4. Jahrhundert v. u. Z. bis ins 21. Jahrhundert Platz – mit einem attraktiven Konzept: Die Bilder hängen nicht an Wänden – es gibt ja nur Fenster -, sondern an massiven Glasplatten, die stehend in ebenso massive, aber mobile Betonwürfel eingespannt sind. Alle Bilder wenden sich dem über die Treppe hereinkommenden Betrachter zu. Der kann sich kreuz und quer mäandernd von den stetig wechselnden Aussichten und Blickfängen leiten lassen – und sieht auch, wie solche Kunstwerke von der Rückseite aussehen. Dort befindet sich auch die jeweilige Werkbeschreibung. Weiterer Vorteil dieser Stellweise: Gibt das Museum ein Bild als Leihgabe außer Haus, entsteht kein leerer Fleck an einer Wand, sondern man räumt einfach die leere Glasstele weg. Und es ist durchaus bedeutende Weltkunst an diesem Ort versammelt, die auch anderenorts Museen zur Zierde gereicht: Rafael, Sandro Botticelli, Lukas Cranach d. Ä., Tizian, Rembrandt, Peter Paul Rubens, Diego Velazquez, Francisco Goya, Gustave Courbet, Edgar Degas, Édouard Manet, Claude Monet, Camille Corot, Eugène Delacroix, Paul Cézanne, Pierre Auguste Rénoir, Vincent van Gogh, Henri de Toulouse-Lautrec, Paul Gauguin, Pablo Picasso, Amadeo Modigliani, und meist mehr als ein Werk – aber freilich auch brasilianische Maler, die in Europa weniger bekannt sind. Ernesto de Fiori (1884 – 1945) zum Beispiel, Emiliano Di Cavalcanti (1897 – 1976) oder Candido Portinari (1903 – 1962), dessen Bildsprache stark der Pablo Picassos ähnelt. So ist auch im Dezember 2007 je ein Bild von beiden Künstlern aus besagtem Museum gestohlen worden. Wert: 70 Millionen Dollar. Im Januar darauf waren sie wieder da.

Wie dem auch sei: Der virtuelle Weg durch diese Ausstellung bietet einen so faszinierenden wie kurzweiligen und facettenreichen Spaziergang durch die Kunstgeschichte – nicht nur in Zeiten, in denen man nicht auf die Straße darf.

Den Rundgang durch das Museu de Arte de São Paulo können Sie starten, wenn Sie www.freiepresse.de/masp eingeben. 



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Von Veritatis

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