Chemnitz.

Mit Fiktion hatte es Tom Kummer immer schon mehr als mit der Realität. Im Jahr 2000 löste der Schweizer mit seinen erfundenen Interviews von Hollywood-Größen wie Brad Pitt, Sharon Stone oder Kim Basinger ein mittleres Medienbeben aus. Die beiden Chefredakteure des SZ-Magazins Richard Kämmerling und Ulf Poschardt mussten daraufhin ihren Hut nehmen und mit der Journalisten-Karriere von Tom Kummer war es (trotz einiger Comeback-Versuche) erst einmal vorbei.

Folgerichtig erscheint es, wenn dieser Mann jetzt also Romane schreibt. Gerade ist sein neuer erschienen. Er heißt “Von schlechten Eltern” und schließt an Kummers Buch “Nina & Tom” (2017) an, in dem der 1961 in Bern geborene Autor erbarmungslos offen den Krebstod seiner Frau Nina verarbeitete. Gemeinsam lebten die zwei ein Leben mit Sex, Drugs und Rock ‘n’ Roll.

Alles vorbei! Ich-Erzähler Tom ist mittlerweile mit seinem jüngeren Sohn Vincent zurück in die Schweiz gezogen. Als Nachtchauffeur für einen Limousinen-Fahrdienst versucht er seiner Trauer zu entfliehen und transportiert im Mercedes S 560 dubiose afrikanische Diplomaten, die sich ihre Aktenkoffer ans Handgelenk ketten. Ein Monsieur Mutombo aus dem Kongo erzählt ihm von seinem Sohn, aus dem er einen NBA-Star machen will. Der libysche Oberst Khaled Muhamad Kaiba lässt sich von Tom zu einer Absprungstelle für Basejumper bringen und begeht dort dann Selbstmord.

Fast wie die Möglichkeitsformen eines traumatisierten Lebens muten die Fahrgäste an. Können sie Tom eine Antwort geben, wie sich nach einem solchen Verlust weiterleben lässt? Immer wieder erscheint ihm seine verstorbene Frau Nina vor Augen, wenn er nachts durchs Schweizer Bergland fährt. Einziger Lichtblick sind ihm seine beiden Söhne. Der 18-jährige Frank, der in L. A. geblieben ist, und der zwölfjährige Vincent, zu dem Tom sich morgens ins Bett legt, wenn er von seinen Nachtfahrten zurückkehrt. Der Geruch des schlafenden Sohnes erinnert ihn an Nina. Sie haben das gleiche durchgemacht. Und doch kommt Vince damit so viel besser klar als sein Vater. “Süß leuchtendes Leben” breitet sich vor Tom aus, “ein unfassbares Glück”, wenn er seine Söhne vor sich herlaufen sieht. “Und mit jedem meiner Schritte scheint die Krankheit aus mir herauszufließen.”

Es ist ein seltsames Buch, das Tom Kummer da geschrieben hat. Man merkt ihm an, dass der, der da schreibt, immer noch mittendrin in der Krise steckt, den Weg noch nicht gefunden hat. Manchmal hat er eine vage Ahnung. Mehr aber auch nicht. Alles ist dunkel. Nur in der Nacht, wenn die Straßen wie ausgestorben wirken, erträgt Tom noch die Welt. Hießen die beiden Jungs in “Nina & Tom” noch Jack und Henry, so hat Kummer ihnen im neuen Roman jetzt andere Namen gegeben, um den fiktionalen Charakter seines Textes zu unterstreichen. Gerade so, als habe er die eigene Geschichte auf Distanz bringen wollen. Irgendwie würde man sich nicht wundern, wenn in dem Text weniger erfunden ist, als man zunächst annehmen würde. Die tiefschwarze Stimmung spricht aus jeder einzelnen Zeile.

Tom Kummer nimmt seine Leser mit auf eine Nachtfahrt mit unbekanntem Ziel. Er hat einen Episodenroman geschrieben, der in einer Art Apotheose endet. Alles bleibt offen. Die Trauerarbeit geht weiter. Das Leben hat Tom Kummer vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Tage der gefälschten Interviews sind vorbei. Ausgerechnet die harte Realität, von der er nie etwas hielt, hat ihn zu einem Schriftsteller werden lassen. Er hat jetzt einen Stoff, an dem er sich noch in vielen Romanen abarbeiten kann. Das mag zynisch klingen. Ist für einen Autor aber immerhin eine Aufgabe, an der er sich aufrichten kann.

Das Buch

Von schlechten Eltern

Autor Tom Kummer

ISBN: 78-3-608-50428-6

246 Seiten

Preis: 22 Euro



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Von Veritatis

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