Reichenbach/Berlin.

Die Pianistin und Sängerin Lisa Morgenstern gilt als eines der größten Neoklassik-Talente Europas. Soeben hat die Vogtländerin, die freischaffend in Berlin lebt und arbeitet, eine neue Videosingle veröffentlicht, die erschreckend gut in die aktuelle Krise passt, dabei aber im Gegensatz zu vielen anderen aktuellen Veröffentlichungen überhaupt nicht um die schwierige Lager der Kunstlandschaft kreist. Warum? Tim Hofmann hat sich mit Lisa Morgenstern unterhalten.

Freie Presse: Viele Künstler veröffentlichen in der Coronakrise neues Material, um nicht aus dem Fokus zu geraten. Selten passt es aber so gut und tiefgründig wie Ihre neue Video-Single “Journey To The End Of The Night”. Was hat Sie inspiriert?

Lisa Morgenstern: Das Video ist nicht neu, ich habe es schon länger in der Schublade – einfach, weil der Song nicht als Single gedacht war und ich unterbewusst auf den richtigen Moment gewartet habe. Gedreht hat es der australische Medienkünstler David Ashley Kerr, der sich viel mit dem Verlust zwischenmenschlicher Beziehungen durch Technik und Social Media beschäftigt. Als er fertig war, hat der Clip emotional nicht so richtig in meine damalige Lage gepasst. Der Film war unabhängig von meinen Song entstanden. Regisseur Michael Venus führte schließlich Bild und Musik zusammen. Durch die aktuelle Situation ergibt das Ganze für mich einen tieferen Sinn. Man kann dessen Botschaft plötzlich sehr viel besser nachvollziehen. Er zeigt über die Gedanken, die man in den Gesichtern lesen kann, diese seltsame Ferne bei gleichzeitiger Nähe, fast Enge. Deswegen ist das jetzt der perfekte Moment. Ich bin sowieso nicht der Mensch, der sich besonders gut an die üblichen Veröffentlichungsregeln der Branche hält.

Ist es nicht problematisch, wenn man als Künstler von seinem Publikum quasi zwangsweise getrennt wird?

Es gab durchaus Phasen in meinem Leben, da hatte ich diese Angst, man könnte vergessen werden, wenn man länger nicht in Erscheinung tritt. Viele gehen heute ja einfach davon aus, dass man als Künstler immer präsent sein muss. Mittlerweile weiß ich aber aus eigener Erfahrung, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn man mal unter die Oberfläche abtaucht. Vor der Veröffentlichung meines Albums “Chameleon” habe ich auch mal ein Jahr gar nichts im Internet gepostet. Interessanterweise waren danach die Resonanzen intensiver als zuvor. Viele Leute machen ja jetzt Wohnzimmer-Live- streams und solche Sachen. Ich bin da etwas zögerlich und habe bisher nur ein Studiokonzert für MDR Kultur gemacht, nur Ton und ohne Bild. Solche Formate sind teils Notlösungen. Ich will aber nicht aus der Not heraus agieren und eben dann in Erscheinung treten, wenn ich etwas Substanzielles ausdrücken kann.

Immerhin hat der Bayerische Rundfunk das Konzert nochmal ausgestrahlt, bei dem Sie Ende 2019 mit dem Münchener Rundfunkorchester eigenen Kompositionen aufführen durften …

Ja, das ist ein Glücksfall. Sehr viele Menschen haben mich mit diesem Konzert überhaupt erst kennengelernt. Es ist immer schön, wenn diese Leute es nun nochmal ansehen können. Oder die, die es nicht sehen konnten, haben dann doch noch die Möglichkeit.

Für großes Orchester zu schreiben gilt unter klassischen Komponisten ja als der Heilige Gral? Wie sind Sie da herangegangen?

Ich bin ja eigentlich ein “Orchesterkind”, klassische Musik hat mich seit der Kindheit stark geprägt, bevor ich mich in meine eigene Richtung entwickelt habe. Insofern war das für mich quasi ein doppelt heiliger Gral. Ich war sehr ehrfürchtig. Ich meine, ich komme da als quasi Popkünstlerin und lege denen die Noten vor die Nase! Es war aber sehr befreiend, und es hat sehr gut funktioniert. Die Hauptschwierigkeit war, dass wir keinen Dirigenten hatten. Ich habe mich aber zum Glück sehr gut mit dem Konzertmeister Stanko Madic verstanden, der dann das Ensemble führte. Normalerweise bin ich als Solistin auf der Bühne in meiner Blase, ich bestimme alles selbst. Diese Blase durfte ich in dem Fall erweitern und die Orchestermusiker mit hineinnehmen. Es war sicher nicht das letzt Mal, dass ich so gearbeitet habe!

Also wird Ihr kommendes Album wieder opulenter?

Nun, es werden Elemente aus der Orchesterkomposition einfließen, wie auch aus meinen Arbeiten mit dem Bulgarischen Frauenchor. Aber es soll nicht zwingend opulent werden. Nur weil es viele Menschen spielen, muss es nicht groß klingen. Ich will eher die gesamte Bandbreite der Dynamik zwischen zart und energiegeladen abtasten, doch sicher wird es auch epischere Momente geben. Aktuell bin ich mitten beim Schreiben, vieles ist noch offen. Ich könnte zu Hause ein reines Klavier/Synthie-Album machen, aber ich habe auch viel geschrieben, das eben für Ensemble gedacht ist. Ensembleaufnahmen sind zur Zeit leider nicht möglich. Die Zeit macht also auch was mit dem Album, es wird sich zeigen wo sich das schlussendlich hinentwickelt.

Sie arbeiten wie viele junge Künstler rein freiberuflich. Haben wir unterschätzt, welche Rolle das in der gesamten Kultur mittlerweile spielt?

Ja, ich denke, die Situation entlarvt gerade viele Sachen, die geradegerückt werden könnten. Es kommen viele Wahrheiten ans Licht, wie Kultur in ihrer Gesamtheit gestaltet ist. Die Grenzen zwischen U und E müssen viel luftiger werden, traditionelle Klassik und Unterhaltung sind noch zu stark getrennt, das sollte man viel fließender betrachten. Die Entwicklung dahin gibt es hinter den Kulissen der Konzerthäuser schon lange, da herrscht seit vielen Jahren große Offenheit und Neugier. Die ist aber in den politischen Modellen noch nicht so verankert. Daher ist es gut, wenn sich durch diese Situation die Breite der Kulturlandschaft zeigt. Welche Überlebensmodelle es da gibt. Fast alle Künstler, die ich kenne sind Freiberufler – und meist ihre Partner auch. Und auch in der – sagen wir – konservativeren Musikwelt gibt es immer mehr freischaffende Musiker.

Das Konzert von Lisa Morgenstern mit dem Rundfunkorchester München sehen Sie, wenn Sie diesen Link anklicken.

 



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Von Veritatis

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