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7. Juli 2020

Das Rätsel von Trypillja: Wer die erste Stadt auf der Erde baute




In den 1960er Jahren entdeckten Archäologen in Rumänien, Moldawien und in der Ukraine große Siedlungen, die von Vertretern der Trypillja-Kultur vor 6000 Jahren errichtet worden waren – Hunderte Hektar groß, Tausende Gebäude und mit einer städteähnlichen Struktur.

Womöglich handelt es sich bei den Siedlungen um die direkten Vorgänger der Städte von Mesopotamien. Wie die ältesten Protostädte entdeckt wurden und welche Rückschlüsse aus dieser Entdeckung gezogen werden können, erfahren Sie in diesem Artikel.

Frucht der gemeinsamen Arbeit

An der Grenze der Stein- und Bronzezeit wurde die fruchtbare Gegend zwischen Dnjepr und dem Südlichen Bug von Ackerbauern und Viehhütern besiedelt, die zahlreiche Artefakten hinterließen – Behausungen, Grabhügel, Geschirr, Werkzeuge. Archäologen führen sie auf die Cucuteni-Tripolje-Kultur zurück.

Verbreitungsgebiet der Cucuteni-Tripolje-Kultur

In der Sowjetzeit entdeckten Wissenschaftler mithilfe von Luftaufnahmen Spuren von archäologischen Denkmälern, die an Siedlungen erinnerten. Bei Ausgrabungen wurde diese Hypothese bestätigt. Das größte Objekt: Nebeljowka, 3000 Holzhäuser auf einer Fläche von 320 Hektar. Hinzu kommen Majdanezkoje und Taljanki. In der Fachterminologie werden sie als Megasiedlungen eingestuft. In Rumänien, Moldawien und in der Ukraine gibt es rund 20 dieser Siedlungen.

Megasiedlungen sind nach einem Kreisprinzip konzipiert – in der Mitte ein großer leerer Raum, umringt von zwei Linien von Gebäuden mit einer Pufferzone dazwischen. Es gab auch Häuser am Rande. Mitte der 2000er Jahre wurden mit geophysischen Methoden die äußeren Grenzen in einigen Siedlungen festgestellt. So waren die Gräben in Nebeljowka sechs Meter lang,

Eine sensationelle Entdeckung wurde hier bei Ausgrabungen im Jahr 2012 gemacht: ein 20×40 Meter großes zweigeschossiges Haus mit einem großen Hof. Die Spitze über dem Eingang wurde durch einen Halbmond mit Hörnern nach oben geschmückt, ein Symbol, das ständig unter den Artefakten der Trypillje zu finden ist. In ganz Europa gab es damals keine größeren Bauwerke als diese. Die Ausrichtung nach  den Himmelsrichtungen, ihre Größe, die großen Altäre im Erdgeschoss, mehrere Pokale, Backformen, viele gebrochene Gefäße, Tierknochen – das alles wies darauf hin, dass es sich wohl um einen Tempel handelte, wo Rituale und Opferzeremonien organisiert wurden.

Computerrekonstruktion vom Tempel in Nebeljowka

Die meisten Bauten, darunter der Tempelhof, waren ausgebrannt, als sie entdeckt wurden. Das ist eines der Rätsel der Trypillja-Kultur. Ukrainische und britische Wissenschaftler gelang es sogar, nachzuweisen, dass die Häuser absichtlich in Brand gesetzt worden waren.

Union der Gleichen

Nebeljowka ist die größte Siedlung der Kupferzeit in Europa und vielleicht auch in der ganzen Welt – sie existierte nur 700 Jahre. Ihre Bedeutung und Funktionen sind bis heute nicht in Gänze aufgeklärt worden. Forscher der Durham University (Großbritannien) weisen auf ein Paradox hin. Auf der einen Seite kennzeichnen die Größenordnung, die zahlreichen Bauten einen fundamentalen Charakter dieser Siedlung. Nicht zufällig gelten solche Komplexe als Protostädte.

Computerrekonstruktion von Talianki, der größten Siedlung der Cucuteni-Tripolje-Zeiten

Auf der anderen Seite gibt es dort keine Merkmale der Verwaltungsbürokratie und sozialen Ungleichheit, die gerade für Städte typisch sind. Die Häuser sind alle gleich, nichts weist auf eine Teilung in reich und arm hin. Erstaunlich ist, dass die Natur um dieser Megasiedlung keinen Schaden nahm, was bei einer großen, ständig funktionierenden Stadt gewöhnlich vorkommt.

Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass Nebeljowka im Sommer als Ort für rituelle Versammlungen diente. Hierher kamen Familien aus den benachbarten Siedlungen in 100 km Entfernung. Sie brachten Gegenstände, Geschirr, Essen, Haustiere mit und veranstalteten gemeinsame Rituale. Zuvor wurden speziell Gebäude für Versammlungen und Tempel errichtet, der Platz für Feierlichkeiten ausgestattet, ein abgrenzender Graben angelegt.

Zum Wohnen wurden Behausungen gebaut, doch nach ein bzw. zwei Besuchen wurden sie in Brand gesetzt. In der kalten Jahreszeit gab es nur eine kleine ständig bewohnte Siedlung, deren Infrastruktur bis zur nächsten Saison betrieben werden konnte.

Die bemalte Keramik des dritten Jahrtausends von der Cicuteni-Kultur

In einem kürzlich veröffentlichten Wissenschaftsartikel kamen der Archäologe John Chapman und seine Kollegen zu dem Schluss, dass die Megasiedlungen verschiedene gleichberechtigte Gemeinschaften umfassten, die in einem bestimmten Raum miteinander auskamen, indem sie sich  als Teil einer einheitlichen Kultur fühlten. In diesem Sinne können solche riesige Dörfer mit geringer Dichte als Alternative für Städte betrachtet werden. Nicht ausgeschlossen ist, dass sie auch in anderen Teilen der Welt entdeckt werden.

Vatersgründer und Migranten

Nach den aktuellen Vorstellungen entstanden die ersten Städte in Mesopotamien – ungefähr in derselben Zeit wie die Megasiedlungen in der waldigen Steppe Osteuropas. Doch solche Siedlungen erfordern eine stringente Verwaltung, weil sie den Interessen kleiner Machtgruppen dienen.

Seit 1976 erforschen Wissenschaftler aus Großbritannien die Stadt Tel Brak im Nordosten Syriens, vor allem ihren zentralen Teil, der einst dicht besiedelt war (erste Ausgrabungen wurden hier von britischen Archäologen bereits 1937 aufgenommen). Mithilfe von Luftaufnahmen und geophysischen Methoden wurde diese Gegend erforscht und festgestellt, dass die Fundstätte eine viel größere Fläche wegen der Vorstädte mit einer kleinen Bevölkerungsdichte einnimmt.

Vor etwa zehn Jahren analysierten Wissenschaftler aus Harvard, University of Edinburgh und McDonald Institute for Archaeological Research die Verteilung der Artefakten und Bauten und schlussfolgerten, dass Tel Brak sich dank den Migranten ausdehnte, die am Rande wohnten. Sie wohnten in einzelnen Gruppen – damals gab es wohl keine Integrationsmechanismen.

Auffallend ist der autonome zentrale Teil der Stadt, wo sich die Bürokratie befand.

Als älteste Stadt in der Welt galt bis vor kurzem Uruk im Süden des heutigen Iraks. Einer Legende zufolge wurde sie vom sumerischen König Gilgamesch gegründet. Doch immer mehr Fakten weisen darauf hin, dass Tel Brak früher entstanden ist. Als älteste der ununterbrochen existierenden Städte gilt Jericho im Westjordanland. Die britische Archäologin Kathleen Mary Kenyon, die dort in den 1950er Jahren Ausgrabungen organisierte, ist der Ansicht, dass sie 10.000 Jahre alt ist. Jericho wurde von Sammlern gegründet, die in Erdhütten wohnten. Später entstand hier eine große landwirtschaftliche Kommune. Menschen errichteten eine Mauer um die Stadt und einen 8,5 Meter hohen Turm, vielleicht auch mehrere. Die Entdeckungen der letzten Jahre zeigten, dass die Bewohner der Stadt schon damals öffentliche Gebäude zur Lagerung von Ernte und für Versammlungen und vielleicht Tempel bauten.





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