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4. Juli 2020

Ausstellung ǀ Küssen verboten — der Freitag



Soll man den Touchscreen wirklich berühren? In diesen Tagen? Die Arbeit Bicycle Built for Two Thousand von Aaron Koblin und Daniel Massey schaue ich mir lieber in Ruhe zu Hause an. Die über 2.000 Sprachaufnahmen von Menschen aus 71 Ländern, die für je USD 0,06 über den Webdienst „Amazon Mechanical Turk“ von den Künstlern beauftragt wurden, kurze Soundbytes eines Liedes zu imitieren, und später zusammengeschnitten einen Chor der Unterbezahlten bilden, hören sich auch interessant an, ohne dass man dabei Maske trägt. Aber soll ich mich in die stickige, fensterlose Pförtnerloge mit dem Video setzen, in dem sich Joseph Beuys, Nam June Paik und Douglas Davis 1974 über gesellschaftsverändernde Visionen globaler Kommunikation unterhalten? Vielleicht doch besser die Kernaussagen im Katalog nachlesen. Denn wie viele Lebewesen mögen hier vor mir eingetreten sein?

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Beim Besuch der Gruppenausstellung Eintritt in ein Lebewesen. Von der Sozialen Skulptur zum Plattform-Kapitalismus im Berliner Kunstraum Kreuzberg wirkt der Titel unerwartet auf die Ausstellungserfahrung zurück. „Eintritt in ein Lebewesen“ – das klingt wie ein alternativer Verleihtitel für Richard Fleischers 1966er-Film Die phantastische Reise, in dem mikroskopisch klein geschrumpfte Wissenschaftler*innen in einem Mikro-U-Boot einen menschlichen Körper von innen operieren. Es klingt aber eben auch wie eine umwundene Beschreibung jenes zuletzt dutzendfach als Computergrafik gesehenen Moments, in dem Sars-CoV-2-Viren den menschlichen Körper besiedeln. Für die von dem Berliner Autor und in Mainz lehrenden Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel kuratierte Ausstellung bedeutet die aktuelle Situation ein unerhofftes Glück im Unglück: Zwar musste der Beginn der Ausstellung um mehrere Wochen verschoben werden. Aber dass ein Konzept, das künstlerische Aussagen zur „nicht regulierten, globalen Dienstleistungsindustrie“, zur Monetarisierung von Nutzerdaten und zu Crowdsourcing zusammenbringt, just in dem Moment realisiert werden muss/kann, in dem wachsende Halden minderwertiger Lieferdienst-Pappen vermutlich schon aus dem All sichtbar sind, macht die über zwei Jahre hinweg geplante Ausstellung unbeabsichtigt zu einem Nutznießer der medial-viralen Gegenwart.

Virus goes Kunst

Tatsächlich konnte das Virus sogar kurzfristig bei einer der gezeigten Arbeiten integriert werden: Tritt man ein, verpflichtet man sich mit dem Lesen der von Jonas Lund erstellten, an Nutzungsbedingungen von Software angelehnten „Terms of Service“ – zwei Meter Abstand zueinander zu halten, niemanden in der Ausstellung zu küssen oder das eigene Gesicht nicht zu berühren. Tatsächlich aber beziehen sich Konzept und Titel der Ausstellung auf eine historische Begebenheit: denn Eintritt in ein Lebewesen lautete der Titel eines Vortrags, den Joseph Beuys im August 1977 im Rahmen des von ihm mitbegründeten Arbeitskollektivs der Free International University (FIU) auf der documenta 6 in Kassel hielt. Dort breitete er seine Idee des Lebewesens, des Revolutionärs und der Sozialen Plastik aus. Es war jene documenta, auf der der Künstler mit seiner Installation Honigpumpe am Arbeitsplatz 150 Liter Honig per Steigleitung und Schlauch in einem geschlossenen System durch einen zentralen Teil des Fridericianums zirkulieren ließ. Für Baumgärtel, den die Arbeit als Kind beeindruckte und der sich seit den 1990er Jahren publizistisch mit Netzkunst befasst, war der von Beuys als „Soziale Skulptur“ konstruierte Zusammenhang von Honigpumpe und benachbarter FIU, von „starrer Technik und fluidem Denken“, Anlass genug, diese Anordnung in ein Verhältnis zu heutiger Kunst mit und über digitale Netzwerke zu stellen. Einer Kunst, die sich mit den sozialen und ökonomischen Bedingungen und Folgen einer allerdings nunmehr zu Zwecken der Profitmaximierung geronnenen Idee und also pervertierten Version von „Sozialer Skulptur“ aka Plattformkapitalismus auseinandersetzt.

Dementsprechend tauchen in der Ausstellung nicht nur immer wieder entsprechende Werke und Dokumente von Beuys auf, viele der gezeigten Arbeiten von zeitgenössischen Künstler*innen rechnen mit den Geschäftsmodellen von Digitalkonzernen ab, lassen dabei aber auch die eigene Rolle nicht außen vor: Sebastian Schmieg zeigt den Kurier-Rucksack, mit dem er im Rahmen seinen Projekts „Gallery.Delivery“ seit 2018 Multiple-Ausstellungen nach Hause liefert, Constant Dullaart ließ von ihm hierfür bezahlte Clickworker*innen über die Dienstleistungsplattform „fiverr“ eine nach Kriterien von Funktionalität vollkommen nutzlose Website des Netzkunstduos JODI hinsichtlich ihrer User*freundlichkeit analysieren. Ralph Schulz bezahlte über fiverr Schauspieler*innen dafür, mittels eines von ihm vorgeschriebenen Textes über ein fiktionales Kunstwerk, dieses (und somit also die dabei entstehende eigene Videoarbeit mit dem Titel Testimonials) über alle Maßen zu loben.

Die Frage, was an derlei Bildern Fundus, was Beute, was Konstrukt, was Zynismus, was gar Solidarität ist, stellt sich bei jeder Arbeit neu: Guido Segni ließ 300 Mechanical Turker für USD 0,50 den Mittelfinger zeigen, was sich in der Ausstellung in Form einer Fototapete manifestiert, Natalie Bookchin ordnete Ausschnitte aus Youtube-Videos, in denen sich Nutzer*innen über ihren Gewichtsverlust auslassen, hinsichtlich der dort genannten Zahlen. Sozial durchbrochen, wie sich das Beuys, Paik und Davis vielleicht vorgestellt hätten, wird der Bildschirm bei solchen Arbeiten nie, denn die Honigpumpe am isolierten Arbeitsplatz arbeitet dieser Tage effizienter denn je.

Eintritt in ein Lebewesen. Von der Sozialen Skulptur zum Plattform-Kapitalismus im Kunstraum Kreuzberg, bis 16. August 2020

Martin Conrads lebt als freier Autor und Dozent in Berlin



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