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4. Juli 2020

Vietnam ǀ Durchatmen in Hanoi — der Freitag



Ein giftgrünes kleines Monster schwebt grinsend im virtuellen Raum. Zwei Menschen mit Mundschutz tanzen mit ihm über einen Handy-Bildschirm. Phuc, Hoang und Trang – vier, fünf und neun Jahre alt – biegen sich vor Lachen. Die beiden Jungen und ihre Schwester tanzen mit. Zu Hause in Hanoi haben sie die Lautstärke bis zum Anschlag aufgedreht, zur Freude ihrer 61-jährigen Großmutter Cao thi Minh. Wie Millionen von jungern Menschen im ganzen Land singen ihre Enkel den Corona-Song: „Mitten im Frieden taucht ein Virus auf“, heißt es da. „Obwohl es klein ist, ist es grausam. Wasch deine Hände, reib, reib, reib gleichmäßig! Berühre nicht deine Augen, Nase und den Mund! Vermeide den Besuch übervoller Orte! Schlag das Virus zurück!“ Im Zeichentrickfilm übernehmen das zwei Finger einer Hand im weißen Schutzhandschuh. Rasant, wie sich das Virus in der Welt ausbreitete, ging die Botschaft durchs Internet. Über 47 Millionen Klicks verzeichnete das Video bisher auf Youtube. Viele junge Vietnamesen fühlten sich von der Melodie, einem bekannten Vietnam-Hit, angesteckt. Krankenschwestern, Hotel- und Büropersonal, unzählige junge Frauen und Männer, von Bergbewohnern bis hin zu Beschäftigten im Airport Cam Ranh am Südchinesischen Meer, performten dazu, stellten ihre eigenen Aufnahmen auf die Video-App Tiktok.

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Mit dem Video scheint dem Gesundheitsministerium, das dafür mit Künstlern wie dem jungen Tänzer und Choreografen Quang Dang zusammenarbeitete, ein Coup gelungen zu sein. Anstelle von Parolen der Partei auf den sonst über Hauptstraßen gespannten roten Transparenten verpackten die Behörden geschickt die für die Bekämpfung von Covid-19 wichtigen Anweisungen in ein Lied. Per Social-Media Kanäle brachten sie es unters Volk. Das ist jung, zwei Drittel der rund 96 Millionen Einwohner Vietnams gehören zu den unter 35-Jährigen. Nur 7,9 Prozent der Menschen sind 65 Jahre und älter. Längst gelten Handys nicht mehr als Statussymbol. Bereits 2018 entfielen 147.200 Mobilfunkanschlüsse auf 100.000 Einwohner.

Leere und Stille

Bereits einige Tage nachdem Hanoi am 23. Januar den ersten Infizierten gemeldet hatte, erklärte die Regierung von Premier Nguyen Xuan Phuc dem Virus öffentlichkeitswirksam „den Krieg“. Während der Nachbar China mit der Wahrheit über den Ausbruch von Covid-19 in Wuhan rang, wurde in Vietnam zielorientiert gehandelt. Wer das Tet-Fest zum Neuen Jahr im Ausland verbracht hatte, wurde in eigens dafür geschaffenen, separierten Unterkünften für 14 Tage isoliert. Die Betroffenen erhielten Gesundheitschecks, kostenlose Mahlzeiten und, wie im letzten Weiler Vietnams üblich, W-Lan. Fast schien es, als habe das südostasiatische Land noch Zeit, sich auf den Ernstfall einzustellen. Aber dann landete am 2. März eine Maschine der Vietnam Airline aus London kommend in Hanoi. Wie sich herausstellte, war das Virus auf dem Flug 0054 mitgereist und hatte sich unter den Passagieren verbreitet. Vietnamesen trugen es nach Hause, Ausländer zu touristischen Zielen wie der berühmten Ha-Long-Bucht im Norden. Am 15. März kappte Vietnam die Verbindungen nach Europa, zuvor waren Direktflüge nach Südkorea und China ausgesetzt worden.

Von Anfang an versuchten die Behörden akribisch, potenzielle Träger des Virus aufzuspüren. Dafür genutzt wurden die Volkskomitees in den Städten wie den Provinzen bis hin zum Dorfbürgermeister. Positiv auf Covid-19 Getestete wurden zeitweise unter Quarantäne und selbst danach unter strenge Bewegungsauflagen gestellt. Auf der Website des Gesundheitsministeriums sind alle Fälle für jedermann einsehbar und ausführlich beschrieben, mit Staatsangehörigkeit, Beruf, Geschlecht, Alter und Verwandtschaftsgrad bis hin zu Informationen, wer sich wo infiziert hat.

Als sich Ende März herausstellte, dass eine der renommiertesten Kliniken des Landes, das Bach Mai Krankenhaus in Hanoi, zu einem Hotspot der Pandemie wurde, erreichte diese Neuigkeit die Einwohner nicht per Buschfunk, sondern über Nachrichtensendungen im Fernsehen. Da dieses Hospital landesweit einen guten Namen hat, nehmen jährlich viele Vietnamesen einen weiten Weg auf sich, um dort behandelt zu werden.

Um einen Überblick zu gewinnen, wer sich seit dem 10. März dort aufgehalten oder mit dem Personal Kontakt hatte, mobilisierte die Regierung landesweit Nachbarschaftskomitees. Quartierverantwortliche gingen mit Listen von Tür zu Tür, darunter auch Minh in Hanoi. „Die Leute mussten uns nicht nur versichern, dass sie nicht im Bach Mai waren, sondern ihre Aussagen auch unterschreiben“, erzählt sie. Jeden Tag bekam sie mehrere SMS mit Informationen der Gesundheitsbehörden. Im Land entwickelte Corona-Apps, mit deren Hilfe sich infizierte Personen verorten ließen, fanden großen Zuspruch. Und das trotz der Erfassung sensibler Daten wie Name, Adresse und Gesundheitszustand. Im Vergleich zu Deutschland hatte Vietnam früh eine sehr hohe Test-Dichte. So kamen etwa am 5. April auf einen Infizierten 360 getestete Personen, in Deutschland waren das zu diesem Zeitpunkt gerade einmal zehn. Von der WHO zertifizierte Test-Kits stellt das Land selbst her und exportiert sie mittlerweile auch nach Europa. Stets liefen die Fäden zur Corona-Abwehr bei Ministerpräsident Nguyen Xuan Phuc zusammen, der sich für Appelle ans Volk gern einer bei den über 60-Jährigen unvergessenen Kriegsrhetorik bediente. Was sich so anhörte: „Jeder Haushalt, jede Gemeinde, jeder Bezirk und jede Provinz ist eine Festung. Jeder Einzelne ist ein Soldat, der die Pandemie bekämpft.“

Es darf wieder gespielt und gewartet werden

Foto: Linh Pham/Getty Images

Das vor Lebensfreude sprühende Hanoi verfiel in einen Dämmerzustand. Das Leben zog sich hinter alte Mauern oder die Fassaden der vielen Hochhäuser zurück. Hotels, Restaurants, Märkte und Einkaufscenter wurden geschlossen. Wer konnte, arbeitete von zu Hause aus oder musste dort bleiben, weil der Arbeitsplatz verloren ging. Wo sich sonst Tausende Mopeds in der Altstadt ihren Weg frei hupten und Reiseleiter mit ihren Gästen das Überqueren der Fahrbahn wie das Schwimmen durch einen Fluss übten – gab es Leere und Stille. Vogelstimmen aus unzähligen Käfigen vor Hauseingängen und Balkonen vereinten sich zu einem Frühlingskonzert. So ein Hanoi, sagten die Alten, hätten sie noch nie erlebt, ohne den Singsang der Straßenhändler, die ihre Waren anpreisen, ohne den gewohnten Schwatz mit den Nachbarn vor der Haustür.

Schwebendes rotes Herz

Vietnams prosperierende Ökonomie traf der Lockdown wie ein Schlag ins Gesicht. Bis zur Krise boomten die Dienstleistungen, besonders die Logistik- und Tourismusbranche. 2018 kamen 15,5 Millionen Besucher ins Land, doppelt so viele wie noch drei Jahre zuvor. Laut World Travel and Tourism Council sorgten touristische Dienstleistungen für 9,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Man konnte zuletzt einen Jahresumsatz von etwa 28 Milliarden Dollar verbuchen, nun aber schätzt die Tourismusbehörde, dass Covid-19 einen Schaden von bis zu 7,7 Milliarden Dollar anrichten kann. Nur Flugverbindungen innerhalb des Landes wurden bisher wieder aufgenommen.

Auch der Handel mit Reis blieb von alldem nicht unberührt. Vietnam ist nach Indien und Thailand weltweit drittgrößter Exporteur. Im Vorjahr wurden für umgerechnet 2,6 Milliarden Euro gut 6,4 Millionen Tonnen dieses für die einheimische Bevölkerung wichtigsten Grundnahrungsmittels ausgeführt. Dann stoppte die Regierung wegen der Pandemie zunächst den Verkauf ins Ausland, um sich inzwischen auf das Ziel einzulassen: Im Jahr 2020 gehen sechs Millionen Tonnen in den Export, 65 Millionen bleiben für das Land.

Seit einigen Wochen gibt es überall „Reis-ATMs“: Einfache Automaten, die für den Erfindungsgeist und die Flexibilität der Vietnamesen stehen. Über Nacht hatten sich Geschäftsleute zusammengetan, um die lebenswichtigen Spenden zu ermöglichen. Sie kommen unter anderem denen zugute, die als Arbeitsnomaden durch das Land ziehen, oft von der Hand in den Mund leben und versorgt werden müssen.

Nach Regierungsangaben haben etwa 35.000 Unternehmen im ersten Quartal Konkurs angemeldet. Als im April ein Mitarbeiter von Samsung Hanoi positiv auf das Virus getestet wurde, stoppte das die Produktion. Zwei Hilfspakete von umgerechnet 10,5 Milliarden und 1,8 Milliarden Dollar soll es geben, um der Wirtschaft zu helfen. Nur ist unabhängig davon jetzt schon klar, dass Vietnam seine Zielmarke von 6,8 Prozent Wachstum 2020 nicht erreichen wird und mit schmerzhaften Einbußen rechnen muss. Denkbar erscheint dennoch ein Zuwachs von 2,7 Prozent, der höchste Wert in Südostasien, doch hat Premier Nguyen Xuan Phuc in der Kabinettssitzung vom 5. Mai dafür plädiert, dies unbedingt überbieten zu wollen.

Ende April begann die bedachtsame Rückkehr zur Normalität. Nach wochenlanger Isolation genießt man einen Spaziergang oder sitzt in den wieder geöffneten Straßenrestaurants. Die aus dem vietnamesischen Alltag nicht wegzudenkenden Karaoke-Bars und Diskotheken bleiben geschlossen, und im öffentlichen Nahverkehr müssen in Bussen Plätze frei bleiben. Seit dem 4. Mai erteilen die Schulen in Hanoi und in allen 63 Provinzen wieder Unterricht, unter Auflagen, versteht sich, wozu das Messen der Körpertemperatur ebenso zählt wie das häufige Händewaschen. Mundschutz müssen die Schüler nur in den Pausen tragen. Das laufende Schuljahr wird erst am 15. Juli enden, eineinhalb Monate später als üblich. Lehrer genießen in Vietnam eine hohe soziale Anerkennung. Da sie mit am stärksten unter Auswirkungen der Pandemie zu leiden hatten, solidarisierten sich viele Eltern, spendeten Geld oder kauften ihnen Produkte ab, die auf dem Land lebende Angehörige selbst hergestellt hatten, etwa Saft und Klebereis.

Die Regierung beharrt auch weiterhin auf Maßnahmen wie Quarantäne, dem Testen von Personen, die in Verbindungen zu bestätigten Fällen stehen, und dem frühzeitigen Erkennen kleiner Hotspots, um zu verhindern, dass sie größer werden. Zum Alltag gehören Mund- und Nasenschutz, den viele Menschen schon vor dem Virus gegen Abgase und Luftverschmutzung getragen haben. Wird sich Vietnam als katastrophenresistente Nation von der Pandemie schneller erholen als andere Gesellschaften in Südostasien? Bis Anfang dieser Woche wurden 326 Menschen positiv getestet, 272 gelten als genesen, Neuinfektionen gab es seit dem 16. April nur durch einreisende Fluggäste; Vietnam verzeichnet bisher keinen Todesfall durch Covid-19. Im Comic zum Corona-Song stehen sich am Ende zwei junge Menschen gegenüber, Mann und Frau. Sie tragen Masken. Zwischen ihnen schwebt ein rotes Herz.

Heike Baldauf ist freie Journalistin und hat Vietnam seit 1997 mehrmals beruflich und privat bereist. 2016 erschien von ihr ein Sachbuch zu Land, Leuten und Kultur im Christoph Links Verlag



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