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11. Juli 2020

Porträt ǀ „Hier sind wir zusammen, Araber und Juden“ — der Freitag



Wenn Doktor Riad Majadlas 20-Stunden-Tage morgens um fünf beginnen, ist es noch dunkel im arabischen Dorf Baka al-Garbiyeh, im Bezirk Haifa. Kurz darauf ist er auf dem Weg ins 50 Kilometer südlich liegende Scharon-Hospital. Er leitet dort die Coronavirus-Abteilung im einzigen Krankenhaus des Landes, das speziell für Menschen vorgesehen ist, die mit dem Virus infiziert sind.

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Majadla, der langjährige Internist, war vor Corona Chef der Notaufnahme des Krankenhauses. Bevor er nun seine Visite-Runden beginnt, legt der 63-Jährige einen Ganzkörperschutzanzug an, mit Kapuze, Maske und Plastik-Gesichtsschutz. Die heikelsten Corona-Fälle liegen auf der Intensivstation, die gemäßigteren werden auf verschiedenen Stationen behandelt – alle unter seiner Aufsicht. Wenn seine Schicht um vier endet, schlüpft sein zweitältester Sohn Amer für seine 16-Stunden-Schicht in den Schutzanzug. Der 29-Jährige wird jetzt Patienten überwachen, EKGs checken und Blutbilder analysieren. In anderen Krankenhäusern behandeln derweil Riads ältester Sohn Omar (31), dessen Frau Nadine (28) und sein Schwiegersohn Kadri Mawassy (37) ebenfalls Covid-19-Patienten. Sie alle sind Teil einer Familie arabischer Israelis: fünf Ärzte und Ärztinnen, die sich am gemeinsamen Kampf des Landes gegen das Virus beteiligen.

Gegen fünf ist Riad Majadla zurück in Baka al-Garbiyeh bei Haifa, wo er als Hausarzt bis zum Praxisschluss Patienten behandelt. Zurück zu Hause, geht Majadlas Einsatz im Kampf gegen die Pandemie weiter. Die nächsten drei Stunden – fast bis Mitternacht – verbringt er damit, Fragen arabischer Mitbürger zu beantworten, die auf die Mailbox gesprochen haben, SMS oder Facebook-Nachrichten schicken – bis zu 300 am Abend können es sein. Außerdem hält er auf Facebook Livevorträge für arabische Ärzte oder die Einwohner arabischer Städte.

„Ich esse nicht gut. Ein Snack hier, ein Snack da. Es ist eine stressige Zeit, aber wir müssen durchhalten und zusammenarbeiten. Wenn wir nicht unseren Teil beitragen, wer soll es dann tun?“, sagt Majadla am Telefon, aus seinem Büro im Scharon-Krankenhaus.

Politiker hetzen

„Wir“, damit sind Kollegen gemeint, in seinem Fall gehören seine vier Kinder und ihre Ehepartner dazu. Seine Frau Fadwa, die als Sprechstundenhilfe in seiner Praxis arbeitet, und Tochter Areen, die als Sozialarbeiterin Klienten hilft, jetzt finanzielle und psychologische Unterstützung zu finden.

Fünf Ärzte gibt es in Riad und Fadwa Majadlas Familie (den jüngsten Sohn, der Zahnmedizin studiert, nicht mitgezählt). Sie gehören zur wachsenden Zahl arabischer Israelis, die im Gesundheitswesen beschäftigt sind. Rund 20 Prozent der Bevölkerung Israels sind Araber, sie stellen fast ein Fünftel der Ärzte im Land. Laut offiziellen Angaben gehören auch ein Viertel der Krankenpflegerinnen – 24 Prozent – und 48 Prozent aller Apotheker zu dieser Gruppe. In einem Land, in dem es für arabische Bürger schwierig ist, Fuß zu fassen, sehen viele den Medizinerberuf als Weg zu finanzieller Sicherheit und sozialem Prestige. In der freien Wirtschaft werden hochqualifizierte Jobs häufig über persönliche Beziehungen unter jüdischen Israelis vergeben, die gemeinsam in der Armee gedient haben.

Nach drei nationalen Wahlen in einem Jahr – mit massiver Hetze gegen den arabischen Bevölkerungsteil durch rechte Politiker inklusive Premierminister Benjamin Netanjahu – spielen arabische Mitbürger derzeit Schlüsselrollen bei der Rettung von Leben in der Coronavirus-Pandemie. „In den Krankenhäusern arbeiten Juden und Araber zusammen gegen das Virus, für das alle Menschen gleich sind“, erklärte Majadla.

Nach mehreren Wochen fast komplettem Lockdown hat Israel Schritte zur Lockerung eingeleitet. Wird die Krise sich als Wendepunkt erweisen, der arabischen Gemeinschaft volle gesellschaftliche und ökonomische Gleichheit und Würde bringen? Wird der Einsatz auf den Krankenstationen einen Einfluss auf die Welt draußen haben? Die Vereinigte Arabische Liste – eine Koalition aus arabischen Parteien – gewann bei den Märzwahlen 15 Sitze in der Knesset, was sie zur drittgrößten Partei im Parlament machte. Das weckte Hoffnungen auf eine Beteiligung an der nächsten Koalitionsregierung, doch Netanjahus regierende Likud-Partei blockte die Vorstellung sofort als absurd und verglich sie damit, Terroristen in die Regierung zu lassen (siehe Kasten).

Riad Majadla ist solches Gerede leid. „Wieso werde ich als Bürger zweiter Klasse gesehen, wenn ich gleichzeitig Leiter der Coronavirus-Abteilung in unserem Krankenhaus bin?“, fragt er. „Das tut weh. Wir sehen uns als integralen Teil dieses Landes und fordern volle Gleichberechtigung.“

Als erster arabisch-israelischer Arzt unterstützte Majadla eine Online-Kampagne. Unter dem Motto „Gemeinsames Schicksal, gemeinsame Regierung“ zeigte ein Video arabisch-israelische Mediziner bei der Behandlung von Covid-19-Patienten. Es ging in Israel viral, wurde mehr als 1,9 Millionen Mal angesehen und macht auf Zehntausende arabische Bürger aufmerksam, die in Israel Ärzte sind, doppelte Schichten arbeiten, ihr Leben riskieren. „Jetzt bezeichnen wir sie als Helden. Jetzt applaudieren wir ihnen alle.“ Dann wird gefragt, was sein wird, wenn die Krise vorbei ist.

Werden Araber an einer künftigen Regierung beteiligt? In den Augen seiner Gemeinschaft sei besonders Israels Nationalstaatsgesetz unerhört, sagt Doktor Majadla. Es erklärte Israel 2018 zu einem vor allen Dingen jüdischen Staat und stufte Arabisch als sekundäre Nationalsprache herab.

Vor unserem Treffen hatte Majadla ein Interview mit Israels Radiosender in arabischer Sprache, wo er jeden zweiten Tag ein Update zur Corona-Krise liefert. Er war zudem mehrfach in arabischsprachigen Fernsehsendern zu sehen. (Die bisher einzige Einladung zu einer hebräischsprachigen Sendung endete damit, dass er dreißig Minuten wartete und der Moderator dann keine Zeit mehr hatte, mit ihm zu sprechen.)

Drei Wahlgänge und keine Regierung: Israels politische Krise des Landes dauerte über ein Jahr. Dann brachte die Corona-Krise die Parteien zusammen – allerdings nicht so, wie es sich viele Wähler erhofft hatten. Benjamin Netanjahu, Anhänger der rechten Likud-Partei und seit 2009 Ministerpräsident Israels, und sein ehemals erbitterter Gegner Benny Gantz, Angehöriger der Mitte-Partei Blau-Weiß, bilden nun eine Koalition. Trotz einer laufenden Korruptionsklage gegen Netanjahu dürfe die Koalition zustande kommen, entschied das Gericht in Jerusalem. Ein Abkommen sieht vor, dass sich Netanjahu und Gantz als Ministerpräsidenten abwechseln. Die neue Regierung begann mit einem Notstandskabinett. Viele Israelis dürfte diese Übereinkunft überrascht haben. Kritiker gehen scharf mit Benny Gantz ins Gericht.

Politiker der linken Meretz-Partei sagten auf Twitter, Gantz habe sich mit dem Bündnis zum „Fußabtreter eines wegen Korruption Angeklagten, Hetzers und Rassisten“ gemacht. Enttäuscht dürften vor allem Teile der arabischen Bevölkerung Israels sein. Arabische Parteien sprachen sich für Gantz als Ministerpräsidenten aus. Dann koalierte er doch mit Netanjahu, der jede Zusammenarbeit mit arabischen Parteien ausschließt und sie in die Nähe des Terrorismus rückt. In dem kleinen Land im Nahen Osten wohnen etwa 1,9 Mio. nicht jüdische Araber, sie machen etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Formal sollen sie in Israel gleichgestellt sein, realiter erleben viele von ihnen aber nach wie vor Ausgrenzungserfahrungen. Ein politisches Aufbegehren galt lange Zeit als aussichtslos. Mit der neuen Koalition wurden viele Hoffnungen, das sich das ändern könnte, begraben.

Es habe lange gedauert, bis das Gesundheitsministerium Social-Distancing-Richtlinien und Informationen über das Coronavirus ins Arabische übersetzt hatte, sagt Majadla. Nur ein Bruchteil von Israels Covid-19-Fällen wurde bisher in der arabischen Gemeinschaft diagnostiziert, obwohl die Infektionsraten in manchen Regionen hoch sind. Arabische Mitbürger wurden weniger getestet, wodurch die Zahlen wenig verlässlich sind. Die israelischen Gesundheitsbehörden befürchten, die Zahlen könnten im Fastenmonat Ramadan steigen, in dem traditionell die Familie zusammenkommt. Als der Leiter des Gesundheitsministeriums Moshe Bar Siman Tov kürzlich erste Lockerungen ankündigte, appellierte er auf Hebräisch an Israels Muslime, sich im Ramadan nicht in großen Gruppen zu versammeln.

Riad Majadla wuchs als ältester Sohn von sieben Kindern in Baka al-Garbiyeh auf, an der Oberschule gab es keine Möglichkeit, den Schwerpunkt Mathe und Naturwissenschaften zu wählen. Sein Vater, der Schulleiter im Dorf war, meldete ihn an einer jüdischen Schule im Nachbarort Hadera an, wo Majadla fürs Abitur auch Fächer wie den Talmud und die Hebräische Bibel belegte. Er war der einzige arabische Schüler. Mit fünfzehn war er so sehr von Biologie fasziniert, dass er seine Freizeit in einer örtlichen Praxis verbrachte, wo die Krankenschwestern ihn seine Fragen stellen ließen. Da wusste er, dass er Arzt werden wollte, studierte an der Sackler-Fakultät an der Universität Tel Aviv, an der er heute selbst lehrt.

Sein ältester Sohn Omar macht gerade seinen Facharzt in der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung des Assaf-Harofeh-Hospitals in Tzrifin. Wie sein jüngerer Bruder Amer wollte auch er Arzt werden, nachdem sie als Kinder ihren Vater oft in die Klinik oder Praxis begleitet hatten.

In seinem Krankenhaus werden jetzt alle zur Behandlung von Corona-Patienten eingesetzt: Omar pendelt zwischen der Intensivstation und seiner eigenen Abteilung, wo Routineuntersuchungen plötzlich eine mögliche Ansteckung bergen. Seine Frau Nadine Ashkar-Majadla wollte gerade ihre Facharztzeit zur Gynäkologin beginnen, als das Coronavirus ausbrach. Die Kinderbetreuung wird zum Problem, wenn sich ihre Schichten überschneiden. Die kleine Raseel weint oft, wenn ein Elternteil zur Arbeit geht.

Abends heim, kaputt

„Und wenn wir dann heimkommen, sind wir körperlich und emotional erschöpft“, sagt Ashkar-Majadla, die in einem Krankenhaus in Nahariya arbeitet. Auf ihrer Instagram-Seite veröffentlicht sie Corona-Gesundheitsinfos auf Arabisch. „Schwangere, insbesondere Frauen mit einer Risiko-Schwangerschaft, haben viele Fragen und es gibt viel weniger Informationen auf Arabisch. Daher versuche ich Antworten zu geben“, sagt sie. Das sei schwer, weil das Virus noch so neu sei. „Sprache und eine kulturelle Sensibilität sind sehr wichtig, wenn man mit arabischen Frauen arbeitet. Ich bin froh, dass ich helfen kann.“

Auch ihr Schwager Kadri Mawassy hilft, den Informationsstand in der arabischen Community zu verbessern. Der Kinderarzt arbeitet in zwei Kliniken und engagiert sich ehrenamtlich in einem neuen Komitee in Baka al-Garbiyeh, das die lokale Bevölkerung auf Arabisch informieren will.

Er testete vor ein paar Wochen drei junge Frauen in Baka al-Garbiyeh auf Corona, von denen alle positiv waren; eine wurde so krank, dass sie ins Krankenhaus musste. „Es fühlt sich gut an, Teil des Kampfes zu sein, auch in Zukunft, denn wir wissen nicht, wie lange noch.“

Der Kontrast zwischen der täglichen Arbeit mit Patienten und Kollegen, von denen viele Juden sind, und der politischen Rhetorik seitens der Rechten ist frappierend. „Wir hören in den Nachrichten, dass Araber nicht in die Regierung gehören, aber im Krankenhaus herrscht eine andere Welt, in der der Rassismus neutralisiert ist“, erklärt Ashkar-Majadla. „Hier sind wir zusammen, Araber und Juden. Ich wünschte, die Regierung würde uns als ein Volk behandeln. Wir arbeiten an der Front, wir behandeln jeden Patienten mit der gleichen Sorgfalt und wir erwarten, in der Gesellschaft und in der Regierung gleichberechtigt zu sein.“

Dina Kraft ist Korrespondentin für die israelische Zeitung Haaretz, wo der Text zuerst erschienen ist



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