Geschichten sind Gedankenspiele, die gut erzählt die Fantasie zu fesseln vermögen, auch wenn sie noch so unwahrscheinlich erscheinen. Was wäre, wenn … In den letzten Jahren entstand in der Literatur, aber auch in der Serienfiktion, vor allem der angloamerikanischen, ein Subgenre mit Narrativen, die eine jüngere Vergangenheit Amerikas reflektieren, die so nie stattgefunden hat. Erstaunlich oft geht es dabei um Nazis und um die Frage, was wäre, wenn sie auch in den Vereinigten Staaten an die Macht gekommen wären. Die Amazon-Serie The Man in the High Castle (2015 – 2019), die lose auf Philip K. Dicks Roman Das Orakel basiert, spielt in einer solchen Alternativwelt, in der die Alliierten den Zweiten Weltkrieg verloren und die Nazis und die Japaner große Teile der USA besetzt haben. Die faschistische Machtübernahme in den USA imaginiert auch der Mehrteiler The Plot Against America nach dem gleichnamigen Roman von Philip Roth, der aktuell auf Sky zu sehen ist. Zu diesen, in ihrer spekulativen Auseinandersetzung durchaus ernsthaften und erhellenden Literaturadaptionen gesellt sich nun mit Penny Dreadful: City of Angels ein bewusst trashiges Derivat, das erst gar keinen Hehl daraus macht, Pulp Fiction zu sein. Penny Dreadful hießen die Groschenhefte im Vereinigten Königreich des 19. Jahrhunderts – billige Heftchen, die wöchentlich Horror- und Schauergeschichten unters Volk brachten und die Popkultur ihrer Zeit waren.

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Dieses Prinzip hatte Serienschöpfer John Logan bereits 2014 aufs Bewegtbild übertragen und mit ebendiesem Titel eine Serie geschaffen, die viktorianischen Gothic Horror wie Dracula und Frankenstein im Cliffhanger-Erzählmodus mit der starbesetzten Opulenz des Pay-TV verband. 2016 war nach drei Staffeln Schluss, nun wird das Konzept für eine neue Reihe wiederbelebt, als Penny Dreadful: City of Angels mit komplett neuen Figuren und neuer Handlung. Vom düsteren London der 1890er Jahre wechselt das Spin-off ins sonnendurchflutete Los Angeles des Jahres 1938. Dort gibt es zum einen Konflikte zwischen der weißen und der Latino-Bevölkerung, zum anderen führt der wirtschaftliche Aufschwung zur Gentrifizierung und zur Verdrängung der sozial Schwachen. Beides entspricht grob den Tatsachen. Auch den Amerikadeutschen Bund gab es als nationalsozialistische Organisation in den USA wirklich, der hier als Wegbereiter des „Dritten Reichs“ auf amerikanischem Staatsgebiet dient.

Damit beginnt die Parallelhistorie. Das Schrecken verbreitende Böse ist also sehr real, auch wenn es von übernatürlichen Kräften gesteuert wird, die der Genrelogik folgend am Werk sind. Es beginnt mit einem Ritualmord, bei dem vier Leichen im trockenen Kanalbett von Los Angeles gefunden werden, ihre Gesichter mit mexikanischem Totenkult-Make-up entstellt, ihre Herzen aus den Brustkörben gerissen, an der Betonwand eine mit blutroten Buchstaben geschmierte Drohung: „Wenn ihr unser Herz raubt, rauben wir das eure.“ Das Ermittlerduo – Michener (Nathan Lane) und sein junger Kollege Vega (Daniel Zovatto) – vermutet eine Verbindung zu einem von Mexikanern bewohnten Viertel, das durch einen geplanten Highway-Bau bedroht ist.

Nazi-Autobahn am Pazifik

Der Schmelztiegel Amerika mit seinem Konfliktpotenzial spiegelt sich bereits in diesem Polizeiduo wider: Tiago Vega ist der erste Latino-Detective des LAPD und steht damit zwischen allen Stühlen, muss sich gegen die rassistischen Strukturen in der Polizei behaupten und sich vor der eigenen Familie und Community gegen den Vorwurf des Verrats an seiner Herkunft verteidigen. Der gutmütige Grantler Michener, der seinen jungen Partner stets verteidigt, baut heimlich mit Freunden eine jüdische Widerstandsgruppe gegen den zunehmenden Einfluss der Nazis in der Stadt auf, die unter der Leitung von Richard Goss (Thomas Kretschmann) als skrupellosem Stadtplaner zunächst Autobahnen und letztlich die Ausweitung des „Dritten Reichs“ an der Pazifikküste anstreben.

Als ihre eigentliche Widersacherin jedoch erweist sich die Dämonin Magda (Natalie Dormer), die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln einen Rassenkrieg und damit die Apokalypse heraufbeschwören will.

City of Angels aalt sich regelrecht in seiner kolportageartigen Handlung und den überzeichneten Charakteren, nutzt Los Angeles als mythischen Sehnsuchtsort von Glücksrittern und Gangstern, vermengt Film Noir und Gruselmärchen, Telenovela und Culture-Clash-Drama mit politischen Verschwörungen. Das hat seinen ganz eigenen kruden Charme, auch wenn Löcher in der Handlungslogik das Vergnügen bisweilen schmälern.

Dass nicht jede Alternativwelt-Geschichte zwangsläufig dystopisch sein muss, zeigt eine andere aktuelle Serie, die wie City of Angels in einem revisionistischen L.A. angesiedelt ist, eine knappe Dekade später. Ryan Murphy huldigt in Hollywood der Goldenen Ära der Traumfabrik und imaginiert eine Utopie, in der ethnische und queere Minderheiten im Rampenlicht stehen. Beiden Serien ist jedoch gemein, dass sie gar nicht vertuschen wollen, dass es sich bei ihnen um reine Fiktion handelt. Und beide sind opulent inszenierte visuelle Nostalgiefeiern, die sich in ihren Dekors und Kostümen ein bisschen zu sehr gefallen. Das Penny-Dreadful-Spin-off aber hat ein grundsätzlicheres Problem: weniger spannend als das Original, erscheint der Plot oft konfus, während die vielen interessanten Charaktere eindimensional bleiben, auch weil es schlicht zu viele sind. Das Personal des Originals hingegen basierte in weiten Teilen auf wohlbekannten Ikonen der Literaturgeschichte, da genügten oft Anspielungen, um im Rückverweis auf die Konnotationen ihrer Vorlagen aus dem Vollen zu schöpfen.

Penny Dreadful: City of Angels John Logan USA 2020, 10 Folgen, seit 8.6. auf Sky



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Von Veritatis

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