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9. Juli 2020

Rassismus ǀ Wie dumm wir sind — der Freitag



Wie oft verlieren sich Debatten über Rassismus nicht in Gerede darüber, was gesagt werden dürfe und was nicht. Wo es doch ums Zuhören ginge und darum, das Richtige zu tun. Heißt für Polizisten: nicht jemandem auf den Hals knien. Könnte für Kunstmuseen heißen: afrikanische Künstler zeigen, und zwar nicht im Kämmerchen unter dem Dach, sondern als große Nummer, als Totale im ganzen Haus.

So wie das Kunstmuseum Bern zurzeit. Mitte März eröffnete es eine große Ausstellung des Ghanaers El Anatsui. Der Zeitpunkt war ungünstig. Zwei Tage nach der Vernissage schlossen die Behörden die Museen wegen Ansteckungsgefahr. Die Einzige, die die Ausstellung fortan noch sehen konnte, war die Frau vom Sicherheitsdienst. Doch jetzt ist sie wieder allen zugänglich. Und was hängt da? Ein Kontinent. Ach was einer, viele: Platten in der Vertikalen, hart und brüchig, unerschütterlich und fragil, in glänzenden Falten, als wär’s Brokat und ist doch nur nichts anderes als Blech. Der Anfang und das Ende, Schwere und Anmut, Die Haut der Erde in Streifen heißen die fliegenden Riesen an den Wänden des Kunstmuseums Bern, eine poetische Landkarte in enormen Fragmenten.

Triumphant Scale ist die erste große europäische Einzelausstellung des 1944 in Ghana geborenen El Anatsui – endlich. Seit den 1970er Jahren lebt der Künstler in Nigeria, wo er an der Universität von Nsukka Skulptur unterrichtete. Zu höchster internationaler Anerkennung gelangte Anatsui spätestens 2015 mit dem Goldenen Löwen von Venedig. Seine metallenen Tapisserien sind zu einem Markenzeichen geworden, das mittlerweile zu Preisen gehandelt wird, die sich eine Institution wie das Kunstmuseum Bern, nicht das größte Kunsthaus in der Schweiz, „nicht mehr leisten kann“, wie Kathleen Bühler, die Kuratorin der Abteilung Gegenwart, sagt.

Typischerweise bestehen diese Werke aus mit Draht zusammengehefteten Kronkorken oder farbigen Resten von Schraubverschlüssen. Sie stammen von Spirituosen und werden von Anatsuis Mitarbeitern vernäht, bevor der Künstler selbst daraus die riesigen Flächen formt. Gefaltet und fixiert werden sie erst am Ort der Ausstellung. Anatsui will, dass die Werke in Bewegung bleiben, Skulptur interessiert ihn als offene Form, morphologisch und sozial.

Die Ausstellung Triumphant Scale ist nicht in Bern entstanden. Sie kommt aus Doha und wird nach Bilbao weiterreisen, präsentiert wurde sie aber erstmals im Haus der Kunst in München. Die Berner Variante ist abgespeckt, die raumgreifendsten Arbeiten fehlen, zum Beispiel der Fassadenvorhang, den Anatsui in München vor das Haus der Kunst gehängt hatte, oder die begehbare Installation Logoligi Logarithm, an der ein ganzes Dorf ein Jahr lang gearbeitet hatte. Dennoch wirken einige der verbleibenden Werke zu groß für das Kunstmuseum Bern, das vor dem „triumphalen Maßstab“ seines eigenen Vorhabens beinahe kapitulieren muss.

Afrikanische Renaissance

Und das ist nur gerecht. Kathleen Bühler weist auf die zeitliche Nähe der Eröffnung des Hauses (1879) und der Berliner Kongokonferenz (1885) hin, auf der die Aufteilung Afrikas unter den Kolonialmächten verhandelt wurde. Zwischen den beiden Anlässen besteht kein direkter Zusammenhang, die annähernde Koinzidenz macht aber deutlich, gegen welchen in historistischer Architektur festgehaltenen Zeitgeist El Anatsuis Werke antreten. Das war in München allerdings kein bisschen leichter. Das Haus der Kunst ist ein Gigant, gebaut von Hitlers erstem Lieblingsarchitekten Paul Ludwig Troost. El Anatsui triumphierte. Weit über 100.000 Menschen sahen die Ausstellung, die erfolgreichste des Hauses in den letzten zehn Jahren.

Dass sich die Berner Ausstellung etwas zurücknehmen muss, hat umgekehrt den Vorteil, dass die älteren, räumlich weniger ausladenden Werke Anatsuis mehr Gewicht erhalten. Holzreliefs, Holzteller und Holzsäulen, versehen mit symbolischen Zeichen der westafrikanischen Adinkra-Schrift. Diese Arbeiten sind inspiriert von der Sankofa-Bewegung, die sich im Zuge der Befreiung der afrikanischen Staaten für eine Wiederbelebung ghanaischer Traditionen starkmachte. Besonders beeindruckend in der Skulptur Erosion, bestehend aus einem gefällten Stamm brasilianischen Holzes, das Anatsui mit Schriftzeichen, Spuren von Kultur, versah, den Strunk dann aber mit der Motorsäge in Stücke riss: Metapher für zerstörerische Gewalt des Kolonialismus.

Rätselhafter die verwunschene Terrakotta-Serie Broken Pots, die sich auf die Kunst und die Mythologie der nigerianischen Nok-Kultur bezieht. In der verständnislosen Betrachtung dieser Objekte zeigt sich, was der Kolonialismus auf der Seite der Kolonialisten angerichtet hat: Dummheit, Ignoranz, die gähnende Leere des Nichtwissens. Die Dekolonialisierung des europäischen Blicks würde eben auch bedeuten, die Geschichte Afrikas als Teil der eigenen Geschichte zu begreifen, um das doppelte Gift von Ausbeutung und Herabsetzung zu mildern. Anatsui lädt hier, im Gemäuer europäischer Neorenaissance, dazu ein, sich auf dem Weg in eine afrikanische Renaissance von der Kunst führen zu lassen.

Triumphant Scale ist auch ein Vermächtnis des 2019 verstorbenen Okwui Enwezor. Es ist die letzte von ihm gestaltete Ausstellung, er hat sie zusammen mit dem Kunstprofessor Chika Okeke-Agulu, der in Princeton unterrichtet, organisiert. Enwezor war ein Weltstar unter den Kuratoren. Er leitete die Biennalen von Johannesburg, Sevilla und Gwangju, kuratierte 2002 die documenta in Kassel und 2015 die Biennale von Venedig, die er in seiner Ausrichtung als Kritik am Kunstmarkt verstanden wissen wollte. Enwezor habe einer „globalen Sicht auf die Gegenwartskunst“ zum Durchbruch verholfen, schrieb die New York Times. Seit 2011 war Enwezor Direktor am Haus der Kunst München, 2018 legte er dieses Amt nieder, aus gesundheitlichen Gründen und weil ihm das politische und kulturelle Klima in Deutschland zusetzte. Kein Jahr später starb Okwui Enwezor im Alter von 55 Jahren, wenige Tage nach der Eröffnung der Ausstellung seines Freundes El Anatsui.

El Anatsui. Triumphant Scale Kunstmuseum Bern, bis 1. November 2020

Martin Bieri, 1977 geboren in Bern, ist ein Schweizer Schriftsteller, Dramaturg und Journalist. Er schreibt Gedichte, Theaterstücke und ist als literarischer Übersetzer tätig. Als freier Journalist berichtet Martin Bieri über Kunst und Fußball



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