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6. August 2020

Sächsische Landesausstellung: “Macht was mit Menschen” | Freie Presse



Zwickau.

Am Samstag eröffnet in Zwickau die zentrale Landesschau “Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen”. Konzipiert hat sie Kurator Thomas Spring als eine ausgesprochen lehrreiche Reise durch die Zeit, bei der viele Aspekte des erst einmal sperrig klingenden Themas sehr zugänglich angeschnitten werden. Wie das geht? Tim Hofmann hat bei Thomas Spring nachgefragt.

Freie Presse: Herr Spring, wie geht man denn an die Konzeption einer auf Breitenwirkung ausgerichteten Ausstellung zu einem so komplexen und erst einmal ja abstrakten Thema wie Industriekulturgeschichte heran?

Thomas Spring: Es gibt, wenn man etwas Erfahrung im Ausstellungsmachen hat, bestimmte Methoden, wie man sich da nähert. Als ich eingeladen wurde, für Sachsen eine solche Schau zu gestalten, habe ich zwar ein Konzept geschrieben – davon ist in dem, was man jetzt zu sehen bekommt, aber nur wenig geblieben. Das Ergebnis ist anders, weil letztlich ja auch der Raum des Audi-Baus eine wesentliche Rolle spielt. Was geblieben ist, ist die Patchwork-Puzzle-Methode als Leitfaden: Es sollte keine reine Technikgeschichte werden. Ich wollte konfrontieren, welche Auswirkung die Industrialisierung ins Soziale hat und in die Gesellschaft. Wie reagiert Architektur, was machen die Künstler? Wichtig war mir auch die Rolle des Körpers, die eine ganz herausragende ist: Durch die Industrialisierung wird die Arbeit schließlich bis ins Unerträgliche hinein formalisiert. Das spielt heute nicht mehr die Rolle, für einen Dreher um 1910 aber sehr wohl. Das alles macht etwas mit den Menschen! Es geht in den 500 Jahren ja aus dem Handwerk in die Fabrik – erst in die serielle Fertigung und dann zum Fließband – und mittlerweile auch wieder heraus zu anderen Arbeitswelten. Das fand ich einen wichtigen Prozess, den ich unbedingt abbilden wollte. Und die sozialen Aspekte: Die industrielle Gesellschaft hat ja beispielsweise sehr starke Auswirkungen auf Frauen, sei es für Emanzipation oder Familie – sei es, weil Frauen in die Fabrik mussten oder weil es plötzlich Fahrräder gab.

Mit diesem Puzzle überlassen Sie dem Besucher viele Gedanken über die großen Linien selbst. Immer wieder flammt in der Schau beispielsweise ein sehr zentraler Antriebsmechanismus der Industriegesellschaft auf, nämlich das Versprechen auf wohlstandsfördernde Problemlösung gegen Mühe und Anstrengung als quasi selbsterhaltender Prozess, weil dabei ja gleichzeitig immer neuer Probleme aufgehäuft werden. Passieren solche Darstellungen unterschwellig?

Solche Linien wollten wir natürlich auch zeigen. Das Problem ist nur, dass man derlei ja kaum direkt in Objekten abbilden kann. Da gibt es höchstens mal ein Plakat als Andeutung. Oder Firmenwerbung, die mit glorifizierenden Bildern arbeitet. Interessant ist ja, dass das erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich sichtbar wird. Also muss man diesbezüglich einiges über Texte lösen und über den Audioguide. Man kann da immer nur Ankerpunkte setzen, zwischen denen der Besucher sich selbst ein Gedankennetz spannen kann.

Die Zentralausstellung ist in der Tat ein sehr dichtes Netz solcher Ankerstellen geworden. Wie schaffen Sie es, darin Ihre Linie deutlich zu machen?

Oh, das will ich gar nicht. Das Anliegen ist eben das möglichst dichte Netz. Ich werte nicht. Sicher, es gibt ein paar sehr klare Punkte, etwa zur Kinderarbeit! Im Wesentlichen aber halten wir uns zurück und versuchen, das Gesamtbild durch Zeigen der Objektwelten evident zu machen. Die Ausstellung soll das Thema für die Besucher so anzünden, dass sie auch etwas länger darüber nachdenken wollen.

Auffällig ist, dass vielen positiven Aspekten mit einer gewissen dringlichen Beiläufigkeit auch negative Seiten beigemischt werden: Am Rand des glänzenden Berggeschreys findet sich etwa das recht drastische Präparat einer kaputten Lunge zur “Schneeberger Krankheit” . Wie wichtig sind solche Brüche in der Ausstellung?

Wir wollten ausdrücklich keine Heldengeschichten erzählen. Die Ausstellung zeigt natürlich viele Helden, die sind ja durchaus zentral von Bedeutung. Aber die dazugehörigen Heldengeschichten sind ja immer auch Konstruktionen, die zu jeder Zeit politisch nach Gusto ausgebeutet wurden. Das ist der Kern! Ich glaube zudem, dass die Zeit der Heldengeschichten vorbei ist. Was wir zeigen, sind deshalb die Identifikationspunkte, und die werden auch in keiner Weise denunziert, ganz im Gegenteil. Allerdings setzen wir mit der Schau eben nicht noch einen zu den Legenden drauf, sondern konfrontieren die Helden mit der jeweiligen Realität der Zeit, eben weil die immer neuen Probleme, die die Industriegesellschaft immer wieder mitbringt, so essenziell sind: Interessant ist doch, was man aus Schwierigkeiten heraus an Lösungen findet. Nehmen sie Oswald Barthel, der im Berg verschüttet wurde: Sein Leichnam wurde nach 60 Jahren konserviert wieder aufgefunden, weil er in vitriolhaltigem Gewässer lag. Dadurch wurde er zur Legende, die bis heute in der Erinnerungskultur lebendig ist: Die Folge war unter anderem die Erfindung des Vorsorgeprinzips für Bergleute sowie der Knappschaftskasse, auf der letztlich unser Sozialsystem beruht.

Aber ist das nicht auch paradox? Ja, es entstehen Lösungen – zuvor wurden aber ja auch die Probleme quasi gemacht …

Ja, das ist so. Aber das ist ein Prozess, dem ich erst einmal gar nicht wertend gegenüberstehen will. Gut ist doch, dass Lösungen gesucht und gefunden werden für Probleme, die da sind. Die Frage ist ja, ob Probleme nicht auch von ganz allein auftreten. Wir können zudem aus der Geschichte ja nicht aussteigen. Nehmen sie die ganzen Umweltprobleme: Dieses lassen sich ja nicht durch sofortiges Abschalten der verursachenden Technik lösen. Stattdessen brauchen wir kreative Ansätze. Den Weg, auf dem man sich befindet, muss man immer erst einmal weitergehen, um dann die richtige Kurve zu finden. Ein gutes Beispiel ist für mich Stresemann in der Schau, der als Unternehmerverbandsvertreter in einer Streiksituation nach genau solchen echten Lösungen gesucht hat, indem er gesagt hat, wir brauchen so etwas wie einen Tarifvertrag. Die Alternative damals wäre ein Bürgerkrieg gewesen. Klar, die Industrialisierung schafft Probleme, ihr Lösungspotenzial ist aber eben auch immens.

Gerade in der aktuellen Klimakrise gibt es einige Stimmen, die einfach weitermachen wollen in der Hoffnung auf irgendeine noch unbekannte technische Lösung. Hat sich in den letzten 500 Jahren nicht auch ein mitunter irriges, quasireligiöses Vertrauen in dieses industrielle Lösungspotenzial entwickelt?

Das kann man sich fragen, ja. Man darf ja auch die gesellschaftlichen Dynamiken und die politische Steuerung nicht außer Acht lassen. Und die persönliche Haltung! Darauf verlassen, dass die Industrialisierung es schon lösen wird, sollte man sich nicht. Es gibt da ja keine allmächtigen Selbstheilungskräfte, die Ausstellung zeigt dazu ja auch viele Irrwege. Wir sollten nicht zu gläubig sein. Corona ist für mich da das beste Beispiel: Alle gehen davon aus, dass es nächstes Jahr einen Impfstoff gibt. Wieso? Gegen das HI-Virus gibt es auch keinen, und da forschen Wissenschaft und Industrie seit fast 40 Jahren dran. Manchmal gibt es auch gar keine Lösung.

Manche systematischen Aspekte, etwa Macht- und Besitzverhältnisse in der Industriekultur werden dagegen wenig herausgestellt, obwohl sie gerade am Anfang bei August dem Starken deutlich angerissen werden. Warum?

Wir wollten die üblichen Themen etwas unterlaufen, und es sollte auch nicht unendlich viel vorgeben werden. Der Besucher soll sich, gelenkt von seinen Interessen, seinen eigenen Weg durchbahnen. Nichtsdestotrotz kommt das Thema ja vor. Bei der Nazizeit spielt das eine Rolle. Dann ist da das Beispiel Freital, wo die Sozialdemokraten einst ihre utopische Stadt gebaut haben. Und auch in der DDR-Zeit findet man dazu einiges, die besteht ja aus ziemlich vielen guten Ideen, die nicht zum Zuge kommen, weil das System es nicht zulässt oder nicht zulassen kann. Nehmen sie nur die originale Malimo-Maschine – das erste DDR-Patent, das die Amerikaner gezogen haben, und das war auch nur möglich, weil es über den Tisch von Walter Ulbricht persönlich ging. Ich finde, die mit dem Fortschritt einhergehenden Unterdrückungskonflikte kommen in der Abteilung “Marx und May” gut heraus, wenn auch auf wenig gewöhnliche Weise.

Ihr Schlussbild reißt sehr imposant die ganze Ambivalenz des Themas auf: Man kommt quasi aus den letzten 500 Jahren und man steht plötzlich vor Videos mit Gründern und Aktivisten, die ihre Ideen für die Zukunft vorbringen. Und plötzlich muss der Besucher entscheiden, ob diese Unsinn erzählen oder wirklich einen guten Weg weisen …

Dazu wollten wir absichtlich keine Objekte mehr zeigen. Man soll spüren, dass die Wirklichkeit nunmal sehr fordernd ist. Die Geschichte hat ja gezeigt, dass vermeintliche Innovationen in der Tat manchmal wirklich clevere Lösungen sind – manchmal aber eben auch nur leere Versprechen. Was was ist, sieht man oft erst im Nachhinein, entscheiden muss man aber vorher, jetzt.

In modernen Ausstellungen wird gern mit viel Interaktivität, Touchscreens und Projektionen gearbeitet, was mitunter aber zur Spielerei gerät. Welche Rolle spielt das für Sie?

Wenn man ein Besucherspektrum von 7 bis 77 hat, muss man für alle Bedürfnisse etwas anbieten, das gehört dazu. Deswegen haben wir auch viele Experimentierstationen zum Ausprobieren, gerade für Jugendliche ist so etwas ein wichtiger Zugang. Man darf aber nie zuviel auf Touchscreens auslagern, und durch Corona sind einige dieser Sachen leider auch nur höchstens eingeschränkt nutzbar. Der Kern der Schau ist aber eine klassische Ausstellung, sehr gegenständlich, mit der man das Thema wie ich finde wirklich gut durchdringen kann.


Thomas Spring

Der Ausstellungsmacher wurde 1954 in Frankfurt (Main) geboren und lebt in Berlin. Er studierte Kunst und Philosophie, arbeitete als Rundfunkjournalist und Kulturverleger. Ausstellungen kuratiert und entwickelt er seit 1998, unter anderem für das Deutschen Bergbaumuseum Bochum, das Smac Chemnitz und das Deutsche Hygienemuseum in Dresden.



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