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6. August 2020

Nerd-Pop ǀ Beat, Melodie, lustvoll freidrehen — der Freitag



Im Frühling veröffentlichten Khruangbin plötzlich richtige Songs. Texas Sun hieß die EP, und auf dem Klangteppich, den die Band auslegte – feinste Ware, weich und anschmiegsam – erzählte der Soul- und hier Gastsänger Leon Bridges Geschichten über Land und Liebe. Sein Gesang war höhenlastig produziert, klang wie auf einer alten Vinyl-Single aus den Frühsiebzigern. Der Titeltrack hätte gut in einen Tarantino-Film gepasst, wobei: vielleicht sogar noch besser in irgendein B-Movie, das man in einer rauschhaften Nacht direkt vorm Einschlafen bei Youtube entdeckt. Am nächsten Tag möchte man es all seinen Freunden schicken, aber man kann es nicht mehr finden. Oder hat man die ganze Angelegenheit doch nur geträumt?

Nun ist Sommer und ein neues Album von Khruangbin erschienen. Es trägt den Titel Mordechai und spielt sich einmal durch die ganze Welt. Wir hören Latin-Patterns ebenso wie Erinnerungen an Bollywood-Soundtracks, Funk trifft auf Psychedelic und Disco, manchmal grätscht auch noch der Studio-One-Sound Jamaikas hinein. Wo das Trio bisher meistens instrumental agierte, spielt plötzlich Gesang eine Rolle. Auf einen Sprachraum lassen sich die Texaner dabei nicht festlegen.

Sie zitieren Zitate

Das angenehm groovende Time (You And I) ist in Englisch gehalten, die Single-Auskopplung Pelota auf Spanisch. In Connaissais De Face laufen französische Spoken Words der Serge-Gainsbourg-Schule. Trotzdem besteht das Album eher aus Tracks denn aus Songs. Die Vocals legen Spuren, die man unmöglich verfolgen kann, sie erzählen genauso viel oder wenig wie der Bass, die durch verschiedenste Effektgeräte gejagten Gitarren oder Orgel, Flöte und Percussion.

Erstaunlich ist dieser Eklektizismus vor allem deshalb, weil Khruangbin zu Beginn ihrer Laufbahn eher engmaschig agierten. Ihr Debütalbum von 2015 speiste sich daraus, dass die Musiker, deren Wurzeln in einer Gospel-Gruppe liegen, obsessiv thailändischem Funk aus den 60er- und frühen 70er-Jahren nachstiegen. Auch der Bandname leitet sich von diesem Sound ab: Khruangbin, das bedeutet auf Thailändisch soviel wie Flugzeug. Die Methodik lag dabei nicht nur im Musizieren, sondern auch in langen Tresengesprächen, akribischen Blogdurchsuchungen und genauem Hinhören bei einschlägigen Mixtapes. Ab 2014 entstand ein kleiner Hype um die Band, auf Con Todo El Mundo von 2018 erweitert sich ihr Wirkungskreis um lateinamerikanische Einflüsse, sie leisten so auch die Vorarbeit für Mordechai. Heute sind Khruangbin Generalisten des Abseitigen: Sie klingen wie Binge-Shopping in zwölf sehr guten Secondhand-Plattenläden auf einmal. Aber genau aus diesem Nerdtum generieren sie eine eigene, durchaus massenkompatible Ästhetik. Man erkennt Khruangbin-Platten sofort, hat man ein paar Stücke der Band gehört.

Vorwürfe kultureller Aneignung laufen ins Leere: Denn die Musik, bei der sich Khruangbin ohne jeden Zweifel bedienen, ist selbst keine originäre. Die Texaner zitieren Zitate. Sie zeigen, wie angloamerikanische Populärmusik andere Genres prägte. Dabei drehen sie deren Modifikationen noch ein Stück weiter. Sie verdichten den Sound, schaffen ein stabiles Gleichgewicht aus Beat und Melodie, aus Struktur und lustvollem Freidrehen.

All das, so merkte der New Yorker kürzlich an, klinge beinahe wie das Ergebnis eines auf Hörgewohnheiten programmierten Algorithmus, ganz so, als habe jemand die Songs noch einmal durch den Sampler gejagt und dann die besten Stellen zusammengesetzt. Mittlerweile dienen Khruangbin selbst anderen als Quelle: Der tiefenentspannte Groove von Friday Morning schmückte als Sample zuletzt Tracks von Hiphop-Künstlern wie Adam Snow und Chevy Woods. Eine weitere Runde im ewigen Spiel mit den Zitaten – schön.

Mordechai Khruangbin Dead Oceans



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