Am letzten Montag kam es zu einem Gigantenkampf im deutschen und Berliner Kulturleben. Es traten an: die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, sekundiert von Marina Münkler, Leiterin eines Evaluationsteams des Wissenschaftsrats, und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Der Wissenschaftsrat hat die Empfehlung ausgesprochen, diesen letzten Rest Preußens zu „restrukturieren“. Marina Münkler macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass von „zerschlagen“ nie die Rede gewesen sei. Umso deutlicher bedankt sich Monika Grütters gleich mehrmals für die klaren Worte. Dem Archäologen Hermann Parzinger wird nun aller Voraussicht nach die unerfreuliche Aufgabe zufallen, seinen eigenen Gigantenthron zu schleifen.

Wo liegt das Problem? Darauf gibt es eine kurze Antwort: bei den Museen. Weder stimmen die Besucherzahlen, noch sind sie den Prüfern „digital“ genug. Den Zug ins 21. Jahrhundert haben sie verschlafen. Dazu kommt ein gelähmter Apparat mit „tiefer“ Hierarchie voller ungeklärter Zuständigkeiten, eine administrative Hölle also. Das Totalversagen bei der Rückgabe von kolonialem Raubgut fanden übrigens weder die Evaluierer noch die Ministerin groß der Rede wert.

Ob diese Mängel sich durch die Empfehlungen des Wissenschaftsrats korrigieren lassen, steht zu bezweifeln. Ein Vorgeschmack auf die Vorlieben von Grütters scheint durch, als sie ausgerechnet das Museum Berggruen als positives Beispiel hervorhebt. Von allen Häusern der Stiftung ist es das biedermeierlich-gutbürgerlichste. Mit einem derart konventionellen kulturellen Zuckertörtchen und seiner zweitklassigen Privatsammlung gut abgehangener klassischer Moderne wird im viel beschworenen internationalen Wettbewerb kaum auch nur ein Trostpreis zu gewinnen sein. Aber wahrscheinlich stimmen die Besucherzahlen, solange man nur nicht auf das Durchschnittsalter schaut. Insgesamt geben die Empfehlungen des Wissenschaftsrats kaum Anlass zur Hoffnung. Auf dem Weg in das 21. Jahrhundert ist dieses Expertengremium kaum weiter vorangekommen als die Stiftung, die es zu beurteilen hatte. Mit zwanzig Jahren Verspätung laufen sie den Fehlern internationaler Museen hinterher. Der Bericht fordert „eine höhere Frequenz großer, publikumswirksamer Sonderausstellungen“, die dann eben „intensiver beworben werden“ sollen. Kurz gesagt: mehr Blockbuster-Müll mit noch mehr Verkauf. Das ist in der Tat vorausschauend gedacht. Denn wahrscheinlich wird man mangels Substanz und Ideen gar nicht darum herumkommen, die Publikumswirksamkeit mit immer größeren Werbebudgets herbeizusimulieren. Herzlich willkommen in der globalen Provinzstadt Berlin. Auch was Digitalisierung betrifft, weist der Bericht beileibe nicht den Weg ins 21. Jahrhundert. Schon vor zwanzig Jahren hätte man die Digitalisierung der Bestände und ein frei zugängliches Internet in Museen genauso fordern können. Es findet sich kein Wort zu neuen Museumsstrategien in Zeiten sozialer Medien. Dass sich im Netz längst kulturelle Verhaltensweisen breitgemacht haben, die an Museen ganz neue Anforderungen stellen, bleibt unerwähnt. Dass die Governance-Strukturen nicht nur intern entkrustet gehören, sondern sich in Zeiten immer wichtiger werdender Online-Plattformen zu einer tatsächlichen Beteiligung des Publikums öffnen sollten, taucht nirgends auf. Ganz offensichtlich hängen die zur Evaluierung bestellten Experten selbst noch tief im letzten Jahrhundert fest. So haben zwar die Götter den Kampf gegen die Giganten wieder gewonnen, aber es sind die Götter von gestern.



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Von Veritatis

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