Aufgeregt gestikulierend stürzt die Frau auf den Fotografen zu: „Nicht Foto, gib D-Mark!“, ruft sie, und noch mal nachdrücklich: „Gib D-Mark!“ Wenige Minuten zuvor ist sie aus dem D370 gestiegen, dem Pannonia-Express Sofia – Berlin, mit Kurswagen aus Bukarest. Nun versucht sie, Taschen und Bündel in einem Schließfach des Ostberliner Bahnhofs Lichtenberg zu verstauen. Der Mann lässt verlegen stotternd den Fotoapparat sinken, dessen Blitzlicht ohnehin nicht funktioniert hat. Da beide nicht handelseinig werden, der Mann sieht auch nicht nach D-Mark aus, muss er ohne Bild von der rumänischenZigeunersippe* abziehen.

An diesem Montag, drei Tage nach den Einreisebeschränkungen für Rumänen, sind sechs Familien angekommen, die kleinste besteht aus sechs, die größte aus 13 Personen. Während in den Tagen zuvor der Bahnhof von Flüchtlingen und Asylbewerbern aus Rumänien und Bulgarien überquoll, meldeten sich diesmal nur zwei der Familien beim Roten Kreuz im Gang hinter den Schließfächern. Die anderen steuern zielbewusst den S-Bahn-Steig an, um sich dort noch mal zu teilen; in jene, die in Richtung Friedrichstraße fahren – das sind die besser Gekleideten –, und jene, die sich am Streckenplan der Route nach Wilhelmshagen, im südöstlichen Zipfel Berlins, vergewissern, um ins Auffanglager Hessenwinkel zu gelangen. Auf das weist auch ein Schild an der Bahnhofsmission hin.

Noch vor kurzem hatte so mancher DDR-Bürger mit einer gewissen Häme beobachtet, wie Asylanten und Übersiedler nach Westberlin und ins Bundesgebiet strömten; man konnte so bequem sagen: „Soll’n die doch in die DDR kommen, wenn es ihnen zu Hause so schlecht geht oder angeblich ihr Leben bedroht ist, aber denen ist die DDR ja nicht genug.“ Und plötzlich registrieren sie erstaunt, dass durch ihre Wohnviertel bettelnd bunt gekleidete Frauen mit Kleinkindern auf dem Arm laufen und Gruppen von martialisch anmutenden Männern. Schien ihnen solch ein Anblick auf Urlaubsreisen noch pittoresk, stört der zu Hause das deutsche Gefühl für Ordnung und Sicherheit. Erregt wird nach der Polizei gerufen, die man einst fürchtete, dann verachtete und zuletzt ignorierte.

Lederjacken, Geldbündel

Was sich vor einigen Tagen noch auf dem Bahnhof Lichtenberg abspielte, war allerdings auch nichts für Gemüter, denen jahrelang nur Lippenbekenntnisse zur internationalen Solidarität abverlangt wurden und von deren Lohn man automatisch (Solidaritäts-)Beiträge abzog.

Auf dem Parkplatz neben dem Bahnhof hat ein Bulgare die Rückbank aus seinem Wartburg gebaut und wirft sie nun fluchend ins angrenzende Gebüsch. Er hätte sonst seinen Einkauf nicht verstauen können, der besteht aus großvolumigen Kartons, und die scheinen vor allem japanische Unterhaltungselektronik zu enthalten. Daneben nimmt durchs Fenster eines gepflegten Lada ein wohlbeleibter Herr mit Sommerhut und dicken Ringen Geldbündel von jungen Männern in Lederjacken entgegen. Lederjacken und Stonewashed Jeans sind auch die bevorzugten Kleidungsstücke der bessergestellten Rumänen. Deren Revier ist die Empfangshalle des Bahnhofs, einst war sie Prunkstück der Ostberliner Reichsbahndirektion und sollte nur vom Glanz des neuen, aber verkehrstechnisch kaum brauchbaren Hauptbahnhofs übertroffen werden. Nun stapfen die Besucher aus Osteuropa durch Müllberge.

Zwischen ihren Füßen kampieren familienweise ihre mittellosen Landsleute auf Decken und Mänteln. Die sind nicht so geschäftig. Nur einige spielen Musik, betteln oder versuchen, Vorübergehenden aus der Hand zu lesen, die meisten von ihnen sind Roma. Unter ihnen sitzen etwa ein Dutzend einheimische Alkoholiker. Durch das Gewühl läuft verunsichert eine Streife der Bahnhofspolizei. Während sich die Teams der verschiedenen Fernsehanstalten die bildträchtigen Szenen nicht entgehen lassen, schreit ein schmächtiges Männchen in die Kamera: „Ein einfacher Arbeiter aus …“, hier zögert er kurz, und dann fällt ihm ein: „… aus der Deutschen Demokratischen Republik lässt sich nicht von Ausländern ausbeuten!“ Eine Frau zetert: „Hier sieht es ja aus wie Bahnhof Zoo.“ Andere Passanten empört das. „Die wollen doch auch leben“, sagt jemand, und andere erinnern sich nur zu gut an die Zeit, als DDR-Flüchtlinge die ČSSR und Ungarn überschwemmten. Doch Fremdes, Andersartiges existierte bisher nur am Rande des Bewusstseins, man brauchte es nicht zu akzeptieren oder zu tolerieren, bestätigten einem doch alltäglich alle Medien, dass sich die DDR und ihre Werktätigen in der besten aller Daseinsformen befänden.

Noch sind die Reaktionen der Deutschen zwiespältig. Leute aus der Bahnhofsumgebung bringen Waschwasser, heiße Suppe, viele verschenken Kleidung. Man gibt sich Mühe, aber letztlich stehen Bürger und Beamte hilflos vor dieser unerwarteten Seite der neuen Freizügigkeit. Um 21.30 Uhr ist der Spuk vorbei. Die Händler sind abgefahren, und den zurückgelassenen Müll haben Reinigungskolonnen zusammengefegt. Doch immer noch sitzen über 100 Rumänen und Bulgaren in Ecken und auf Bänken, ein Grüppchen vom Roten Kreuz geht herum und registriert sie als Asylbewerber – allerdings existieren keine Asylgesetze. Gegen Mitternacht bringt ein Bus die meisten in eine leerstehende Kaserne des ehemaligen Staatssicherheitsregiments „Feliks Dzierżyński“. Nur zwei Familien bleiben zurück, ihnen erscheint der Bahnhof sicherer oder heimischer.

Vor einer Biesdorfer Kaserne lagern in bunten Grüppchen Zigeunerfamilien* , einige Männer dösen in Dacias. Aus einem Trabant steigt ein Oberrat der Volkspolizei – früher nannte man den Dienstgrad Oberstleutnant. Er will die Ankömmlinge melderechtlich erfassen, „damit alles wenigstens ein bisschen seine Ordnung hat“, sagt er. Auf meine Frage, ob er sie auch als Asylanten registrieren würde, hebt er nur resigniert die Schultern. „Es gibt noch überhaupt keine Gesetze, wir wissen nicht, was wir machen sollen, wir sind hilflos.“

Am Tor wird er von einer Reihe weiterer Polizisten erwartet. Während sie ins Innere der Kaserne gehen, werde ich vom (Armee-)Offizier vom Dienst aufgehalten. Auch der Presseausweis nützt nichts: „Wenden Sie sich an die Presseabteilung des Ministeriums des Innern“, sagt der Leutnant. Ohne Anmeldung durch die Presseabteilung erfahre ich von ihm nicht einmal die Telefonnummer. Durch Zufall kann ich lediglich mithören, dass die Kaserne keine Kleiderspenden mehr entgegennimmt, die Lager seien bis zum Rand voll.

Ich gehe zum Auto zurück. Während ich abfahre, reißen Soldaten – schon ältere Herren in Arbeitsuniform – die Zäune ab. Wie es hinter denen aussieht, kann ich mir dank eines ZDF-Berichts ausmalen. Über 1.500 Personen sind in den ohnehin spartanischen Stuben des Objekts zusammengepfercht, das für knapp 500 Soldaten geplant war, die sanitären Bedingungen nähern sich den Zuständen in der Prager Botschaft im vergangenen Herbst. Es drohen Seuchen, und auch die Mentalität der Gäste entspricht nicht im Geringsten den deutschen Organisationsbedürfnissen, von den täglichen Prügeleien und auch Messerstechereien zwischen den Familien ganz zu schweigen.

„Wir sind eigentlich völlig überfordert“, sagt Ulrike Dommel, Mitarbeiterin des DRK-Bahnhofsdienstes. „Für so etwas sind wir nicht ausgebildet. Am Anfang, das war im Februar, kamen die Ersten, Ende März wurden es mehr, und seit drei Wochen erleben wir diesen irrsinnigen Ansturm. Jetzt arbeiten wir an einem Konzept: Wie kann man mit der Flüchtlingswelle umgehen, was wird gebraucht, wer hilft uns überhaupt?“ Gibt es denn keine Erfahrungen mit den Immigranten aus Chile?„Ach Gott“, sagt Frau Dommel, „das war doch schon 1973 – da war ich gerade zehn Jahre alt.“

In diesem Augenblick kommt ein junger Mann aus den Südbezirken ins Zimmer. Er macht gerade Urlaub bei seiner Tante in Eiche und bietet seine Hilfe an.

Da gibt es eine Zigeunerfamilie* mit sechs Erwachsenen und einem frisch entbundenen Baby, die seit 14 Tagen auf den Bänken des Bahnhofs lebt, bettelt und nicht dazu zu bewegen ist, in ein Übergangsheim zu ziehen. Die junge Mutter wirft die schmutzigen Windeln weg und lässt sich in der Bahnhofsmission täglich neue geben. Eine andere Frau holt jeden Tag neue Sachen aus dem Spendenfonds, eine weitere verliert täglich ihren Gepäckschein und lässt sich jedes Mal andere Koffer gegen Verlustprotokoll aushändigen.

Betteln, Stehlen, Hehlerei

Auf die Frage, ob aus Rumänien nun Sinti oder Roma kämen, antwortet mir eine deutschstämmige Rumänin, so etwas kenne sie nicht, die Begriffe habe sie das erste Mal gehört. Sie kenne nur rumänische Zigeuner*, ungarische Zigeuner* und dann die Unterscheidung zwischen organisierten und nichtorganisierten Zigeunern*. Die organisierten würden arbeiten gehen, zum Teil in Betrieben oder als Nicht-Sesshafte in den traditionellen Berufen wie Scherenschleifer, Messer- oder Kesselschmied, die nichtorganisierten, und das wären die meisten der rumänischen, würden betteln, stehlen und von Hehlerei leben, sie seien im Gegensatz zu den ersten auch schmutzig. Meine Vorhaltung, dass sie voreingenommen sei, weist sie energisch zurück: „Im Gegensatz zu den Deutschen hier sehe ich das nur realistisch. Sie hier haben ein schlechtes Gewissen den Zigeunern* gegenüber und versuchen, Wiedergutmachung durch Verdrängung der Probleme zu erreichen. Ich habe eine Reihe von Zigeunern* zu Freunden, zu engen Freunden, und darum kann ich das auch sagen.“

Unter verschiedenen Deutsch-Rumänen spüre ich Angst, dass sich unter der DDR-Bevölkerung Aggressivität gegenüber allen Rumänen entwickeln könnte, die eigentlich aus der Ablehnung der Zigeuner* resultiere. Ein Mann erzählt mir erregt von einem kleinen Ostberliner Hotel, in das er ziehen wollte. Die Zimmerbestellung erledigte er problemlos auf Englisch, doch als er seinen Pass über den Tisch der Rezeption reichte, war plötzlich nicht einmal mehr gegen Vorkasse ein Zimmer frei. „Irgendwie bin ich ganz froh, dass die Roma hier wieder weg sind“, gibt etwas schamhaft ein Straßenbahnfahrer zu. Er wohnt gegenüber der Turnhalle, in der die ersten Flüchtlinge untergebracht waren. „Irgendwie hat man doch Vorurteile, also ich habe immer die Fenster zugehalten.“ Trotzdem müsse man alle Asylsuchenden aufnehmen. „Unseren Leuten haben sie doch auch geholfen, und die wollten auch bloß besser leben.“ Er hat, sagt er, einer sechsköpfigen Familie 100 Mark gegeben und sie zweimal durchgefüttert. Als die am nächsten Tag aber wieder 100 Mark von ihm haben wollte, habe er sie rausgeworfen.

* Die Red. hat diesen historischen Text im Original belassen, lehnt aber die Verwendung des Begriffs im modernen Sprachgebrauch ab.

Ernst-Michael Brandt war bis 1990 Redakteur beim Sonntag



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Von Veritatis

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