Chemnitz.

Die Frau versucht eine Annäherung, liest ihrem Begleiter das Schild vor: “Vorversuchendes Mikro-Kontaktkombinat.” Kurze Pause, weiter: “Im Bereich des Problemfeldes Natur-Subjekte-Triebgefühlfühler-Sprache.” Daneben das Kunstwerk: Kritzeleien auf durchscheinendem, nacheinander angeordnetem Papier. Nur ein kurzer Blick darauf, dann ist die Annäherung vorbei, die Frau geht weiter, der Mann folgt, während nun andere näher heran treten an diese drei Wände, die in der Jubiläumsausstellung der Chemnitzer Kunstsammlungen Clara Mosch gewidmet sind – der Künstlergruppe und Produzentengalerie aus Karl-Marx-Städter-Zeiten, die einst mit nicht staatskonformer Kunst einigen Krawall verursachte. Unter ihnen: Carlfriedrich Claus. Der mit dem “Vorversuchenden …”, Sie wissen schon.

Draußen vor dem Museum gibt es an diesem sonnigen Samstag zur Eröffnung eher keine Problemfelder – stattdessen Cocktails, arabische Spezialitäten, Kaffee, Eis und Liegestühle für die Besucher, die die Sitzmöbel schon vor Mittag in Beschlag nehmen. Die elektronischen Klänge der DJane auf der Wiese dringen in einige der Museumsräume. Darunter in den, der für die Ausstellung mit “Arbeit – Wohlstand – Schönheit” überschrieben ist. Auch hier Kommende und Gehende, Frauen mit Sommerhüten begrüßen sich und vertiefen sich in Gespräche vor den Wänden mit Werken von Corinth, Daumier und Klinger, die Frauen gemalt haben, schöne und sozialistische. “Schau mal, hier von Klinger! Toll!”, sagt eine Frau zu dem Mann neben ihr. Es ist Eva Nitzsche vom Förderverein der Kunstsammlungen. “Immer wieder ist es erstaunlich festzustellen, was wir Bürger an Kunst besitzen, denn das hier in den Kunstsammlungen gehört uns ja allen”, sagt sie. Dem ist – es ist ja eine städtische Einrichtung – nicht zu widersprechen. “Eigentlich bräuchten wir dafür aber ein größeres Haus, um mehr aus dem Fundus zeigen zu können”, sagt Nitzsche.

Immerhin: Für die Jubiläumsausstellung wurden nicht nur zahlreiche Werke aus dem Depot hervorgeholt, auch ein während der Ausstellung geöffnetes Archiv ermöglicht tiefere Einblicke: das Carlfriedrich-Claus-Archiv. Hier erklärt Archivleiterin Brigitta Milde Besuchern gerade, wie Claus auch Träume notierte. Dass die Zeichnungen und Schriften dieses Mannes mit seinem Mega-Gedankenkosmos nicht leicht zu verstehen sind und verwundern können, macht schon der Blick auf diesen Gesamtnachlass klar – Bücher und Kisten mit Briefen und Manuskripten reichen bis zur Decke. Claus hatte in der DDR das Kunststück fertiggebracht, sich mit Intellektuellen aus gefühlt der halben westlichen Welt zu schreiben.

Im gegenüberliegenden Raum steht die Zeit stiller, findet sich die Romantik mit gut erkennbaren Motiven wie dem “Blick vom Schloßberg auf Chemnitz” von 1870. “Das gefällt mir!”, sagt Regine Flade. “Auch die Landschaften, das erinnert an Urlaub”, sagt sie. Kustodin Kerstin Drechsel erklärt in ihrer Führung hier die italienischen. “Eine Italienreise gehörte früher zum guten Ton!”, betont Drechsel.

Und zum guten Ton im Erzgebirge gehörte es, zu klöppeln. Selbst diese Technik findet sich in der Ausstellung. Im Raum, der einen Einblick in die Textilsammlung des Hauses gibt, steht Besucherin Heiderose Schwarz vor einer Vitrine, die eine große Klöppeldecke der tschechischen Textilkünstlerin Emilie Palicková von 1927 zeigt. “Umwerfend”, sagt die Besucherin. “Das ist so ein dünnes Garn, so ein Haufen Arbeit, das kann man sich gar nicht vorstellen.” Studenten der Fakultät für Angewandte Kunst in Schneeberg können das vermutlich schon: Das Museum zeigt derzeit auch eine kleine Ausstellung ihrer Arbeiten, darunter zu floralen Motiven geklöppelten Metalldraht.

In einem Museum, das solch gegenwärtige Kunst zeigt, kommen manchmal auch die dazugehörigen Künstler vorbei. War auch am Samstag so, Thomas Ranft und Gregor-Torsten Kozik zum Beispiel, die neben Claus, Michael Morgner und Dagmar Ranft-Schinke zur Clara Mosch gehörten. Tolle Ausstellung, meinten beide, nachdem sie sich draußen einen Platz zur Pause gesucht hatten.

Karl Schmidt-Rottluff lässt sich so nicht mehr treffen. Der im heutigen Chemnitzer Stadtteil Rottluff geborene Maler starb 1976, seine expressionistischen Bilder sind ein Sammlungsschwerpunkt, viele sind in der Ausstellung zu sehen. “Seine Bilder haben mich ein Leben lang begleitet”, sagt Besucherin Margarete Uhlig. “Schon in der Schule wurden wir an seine Kunst herangeführt. Ein Mädchen aus meiner Klasse soll ihm sogar Modell gestanden haben”, erzählt die 87-Jährige. “Aber das Bild, das haben wir nie gesehen.”

Aber die Jubiläumsausstellung am Samstag, die haben nach Museumsangaben 792 Besucher gesehen.



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Von Veritatis

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