Chemnitz.

Früher kamen die Seuchen nach dem Krieg, oder sie entsprangen Stätten größter Armut. Heute schleichen sie sich ein, ohne dass eine Katastrophe vorausgeht. Es reichen “Warenströme, der Tourismus, überhaupt unser sorgloses Alltagsverhalten” (der Politologe Herfried Münkler in der “Zeit”). Ein Übel, das auf einem chinesischen Marktplatz zum Menschen übersprang, greift nach der ganzen Welt. Das Epizentrum wandert um den Globus wie ein Weltenbummler, der die Taschen immer voll hat.

Menschliches Verhalten gilt als Schlüssel zur Bekämpfung einer Pandemie. Das war schon vor hundert Jahren bei der Spanischen Grippe so. “Wir wehren uns wie anno 1918: mit Abstand halten und Masken”, so der Chemnitzer Infektiologe Thomas Grünewald. Die Folgen der Plage treffen Gesunde wie Ignorante. Das “Normale”, Akzeptierte, wird hinterfragt. Trauer, Stress und der “Ekel vor der Zukunft, den man Besorgnis nennt” (Albert Camus in “Die Pest”) schüren den Wunsch nach Veränderung.

In den bislang sechs Corona-Monaten in Deutschland fanden Forscher Belege, dass Menschen weniger und nachhaltiger konsumierten, Familien und Freunde höher schätzten, Entlastung und Entschleunigung herbeiwünschten – soweit es ihnen möglich war. Abseits von Krankheitsfolgen und wirtschaftlicher Not, die noch immer viele hart treffen, gilt als schlimmste Konsequenz der Pandemie, dass menschliche Kontakte verloren gingen (wobei unerwünschte Berührungen und ein ritueller Austausch von Krankheitserregern zur Begrüßung manchen Leuten längst nicht geheuer waren). Der Franzose Camus schrieb 1947 in seinem weltberühmten Pest-Roman, einem Gleichnis auch auf Faschismus und Widerständigkeit, dass “das Getrenntsein das größte Leid war, das allgemeinste und tiefste”.

Die Weltreise von Sars-CoV-2 wird von einer Infopandemie begleitet, die Zusammenhänge auf ein Kindermärchen schrumpfen lässt. Was immer passiert, bei uns oder in anderen Ecken der Welt, hat abwechselnd mit den Kommunisten in Peking, börsennotierten Pillendrehern oder dem dämonischen Dollarmilliardär Bill Gates zu tun – wenn es nicht sowieso erstunken und erlogen ist oder mindestens obszön übertrieben.

Angst vor dem Tod steht am Anfang aller Sklaverei, lautet ein Kalenderspruch, ein anderer: In der Vorsorge ist kein Ruhm. Inzwischen liegen Studien zur Wirksamkeit staatlicher Maßnahmen in der Pandemieabwehr vor. So sollen in der ersten Phase der Pandemie in den USA 60 Millionen und in China 275 Millionen Infektionen mit dem neuen Corona-Virus verhindert worden sein. Epidemiologen des Imperial College in London ermittelten vor einigen Wochen, dass durch politische Maßnahmen in elf europäischen Ländern die Infektionsraten um durchschnittlich 82 Prozent gesenkt und mehr als drei Millionen Menschenleben gerettet wurden.

Die Debatte um die richtigen Methoden der Abwehr hält an, es ist ein Merkmal demokratischer Staaten, dass sie überhaupt geführt werden kann. Unruhe hat die These ausgelöst, unser Leben unter Corona-Bedingungen sei eine “neue Normalität”. Zuerst hatte Österreichs Regierungschef Sebastian Kurz im April davon gesprochen, dann nahmen die Bundesminister Scholz und Spahn die Formel in Deutschland auf. Als ihr Urheber gilt Paul Sailer-Wlasits, Sprachwissenschaftler in Wien, der 2018 die Renaissance populistischer und autokratischer Führer als “Neue Normalität” beschrieb und geißelte. Da die Formel so griffig daherkommt, gibt es auch andere und ältere Fundstellen für “neue Normalität”.

Sailer-Wlasits hält den Ausdruck inzwischen für beschönigend, einen Euphemismus, da die “neue Normalität” in den globalen Beziehungen “nichts Gutes” beinhalte und “nichts Schönes” an sich habe, wie er in einem Interview mit dem Webportal Telepolis sagte. Von “neuer Normalität” könne auch bei Corona keine Rede sein, hielt die Oppositionsführerin in Wien dem Bundeskanzler Kurz entgegen, eher von “Ausnahmezustand”: 650.000 Österreicher ohne Arbeit und “Frauen in veralteten Rollenbildern”, das sei “alles andere als normal”.

Der Begriff ist also nicht so harmlos, wie er klingt. In Deutschland kritisierte ihn die frühere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bei “Anne Will”: Ein Krisenzustand dürfe nicht zum Normalzustand umetikettiert werden – eine erzwungene, vorübergehende Beschränkung von Freiheitsrechten gehöre nicht rhetorisch “normalisiert”. Sailer-Wlasits empfahl, beim Lockdown von einem “temporären Ausnahmezustand” zu sprechen. Nur weil etwas so ist, wie es ist, dürfe nicht gefolgert werden, dass es so bleiben solle. Der Essayist Hans Martin Esser schrieb, die Fortführung eines Ausnahmezustands werde nie zur “Normalität”, da sich diese an längeren Linien, vor allem am statistischen Durchschnitt, orientiere.

Weltweit hat die Art, wie Staaten dem Virus begegnen, bei allen Facetten viel Gemeinsames – und findet ihre Basis in der Wissenschaft. Selbst die USA, Schweden und Deutschland, bei allen Unterschieden im Detail, stehen sich näher als Diktaturen wie Nordkorea und Turkmenistan, die Gefahren leugnen und die Wahrheit unter Strafe stellen. Zumeist regiert doch die Vernunft. Die Vereinten Nationen verzichten in diesem Jahr – zum ersten Mal in ihrer Geschichte – auf das Treffen aller Staats- und Regierungschefs im September in New York. Saudi-Arabien hat die Wallfahrt nach Mekka eingeschränkt, statt Millionen dürfen womöglich nur einige Saudis und Ausländer, die im Land leben, ab Ende Juli dorthin. Donald Trump sagt neuerdings Parteitage ab und trägt Maske.

,,Unsere Mitbürger waren nicht schuldiger als andere”, schrieb Albert Camus, “sie vergaßen einfach nur, bescheiden zu sein, und sie dachten, alles sei für sie noch möglich, was voraussetzt, dass Plagen unmöglich sind. Sie machten weiter Geschäfte, sie bereiteten Reisen vor, und sie hatten Meinungen. Wie hätten sie an die Pest denken sollen, die Zukunft, Ortsveränderungen und Diskussionen aufhebt? Sie hielten sich für frei, und niemand wird je frei sein, solange es Plagen gibt.”

Der britische Thronfolger Prinz Charles, nach überstandener Covid-19-Erkrankung, schöpfte aus seiner Erfahrung neue Motivation für sein Engagement im Umweltschutz. Vielleicht ist es nicht das Virus, das eine “neue Normalität” erschaffen kann, sondern die neue Nachdenklichkeit, die es hervorgebracht hat.


Wie die Corona-Pandemie nach Deutschland kam 

Dezember

31. Dezember. Das WHO-Landesbüro in China wird über eine Häufung von Patienten mit einer Lungenentzündung unbekannter Ursache in Wuhan informiert. Es handelt sich um 27 Fälle, darunter sieben schwere.

Januar

7. Januar. Das Virus SARS-CoV-2 wird identifiziert und als Ursache der Erkrankungen in Wuhan festgestellt.

23. Januar. Wuhan wird isoliert, der Verkehr dorthin eingestellt.

27. Januar. Das Coronavirus erreicht Deutschland. Ein Mann aus Bayern hat sich bei einer aus China eingereisten Person infiziert.

Februar

15. Februar. Flugreisende aus China werden in Deutschland ab sofort nach Kontakt mit Infizierten und Aufenthalten in Infektionsgebieten befragt.

22. Februar. Die italienischen Behörden melden gehäufte Fälle in der Lombardei, Piemont und Venetien.

24. Februar. Angesichts der Entwicklung in Italien rechnet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn damit, dass sich das Coronavirus auch in Deutschland ausbreiten kann.

27. Februar. Bundesinnen- und Bundesgesundheitsministerium setzen einen Krisenstab ein.

März

10. März. Der Krisenstab empfiehlt die Absage aller Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern.

16. März. Deutschland schließt seine Grenzen zu Dänemark, Frankreich, Luxemburg, Österreich, Schweiz.

18. März. Alle Schulen und Kitas sowie die Kindertagespflege in Sachsen werden geschlossen.

19. März. Sachsen schließt ab Null Uhr fast alle privaten und öffentlichen Einrichtungen und untersagt alle Veranstaltungen. Ab sofort gelten Ausgangsbeschränkungen.

20. März. Erster Corona-Todesfall in Sachsen (Landkreis Bautzen).

30. März. Die Ausgangsbeschränkungen in Sachsen werden bis 20. April verlängert.

April

14. April. Einige Staaten wie Österreich, Tschechien oder Dänemark beginnen mit einer Lockerung ihrer Maßnahmen gegen die Pandemie.

20. April. Sachsen hebt die allgemeine Ausgangssperre auf und erlaubt Öffnungen im Einzelhandel. Im Nahverkehr und in Geschäften ist ein Mund-Nasen-Schutz obligatorisch.

27. April. In allen Bundesländern besteht nun eine verordnete Maskenpflicht in ÖPNV und Geschäften.

Mai

2. Mai. Hunderte Menschen demonstrieren erstmals in Mitteldeutschland gegen Corona-Einschränkungen.

15. Mai. In Sachsen dürfen Gaststätten, Theater, Hotels und Kinos unter Auflagen wieder öffnen.

16. Mai. Die Bundesliga nimmt den Spielbetrieb auf, ohne Zuschauer.

18. Mai. Kitas und Schulen im Primarbereich öffnen in Sachsen wieder.

21. Mai: Weltweit sind mehr als fünf Millionen Infektionen registriert.

Juni

6. Juni: Weitere Lockerungen treten in Sachsen in Kraft.

16. Juni. Die Bundesregierung startet die Corona-Warn-App.

29. Juni: Kindergärten und Krippen in Sachsen nehmen den Regelbetrieb wieder auf.

Juli

26. Juli. Die Johns Hopkins Universität beziffert die Zahl der Infizierten weltweit auf 16 Millionen Menschen, die Zahl der Toten auf 645.000. Für Deutschland hat das Robert Koch-Institut 205.000 Covid-19-Fälle registriert, darunter 9100 Todesfälle. (ros)


“Wir haben verdammt viel richtig gemacht” 



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Von Veritatis

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