Eine Knarre, die früh ihren Auftritt in einer Geschichte hat, verleitet Rezensenten verlässlich dazu, Anton Chekhov zu zitieren. Aber konzentrieren wir uns auf die Waffe: Gekauft hat sie Rose. Im Internet. 650 Euro. „Keine kleine Investition und eine Ansage.“ Rose, um die 50, wohnt im ostfranzösischen Lothringen, Nancy. Aufgewachsen ist diese Rose „umgeben von Schweigen und Groll, ein winziges Kaff mit zwei Fabriken und den Reihenhäusern der Arbeiter gleich gegenüber, toten Winkeln und einem Hass, der bis auf die deutsche Besatzung zurückging“. Unter Leuten, die „Kanonenfutter“ waren, „den Fabriken zum Fraß vorgeworfen, (…) Zielgruppe Nummer eins für das Privatfernsehen, Nichtwähler, Kirmesbesucher, die Wirklichkeit des Landes“.

„La France périphérique“, Frankreichs Randgebiete, hat Christoph Guilluy solche Gegenden genannt. Der war eine Zeit lang sehr gefragt, weil er mit einem Modell, das auf unseren Nachbarn links des Rheins, wo alle Wege nach Paris führen, besonders gut passte, eine Erklärung dafür versprach, warum die „classes populaires“ aufmuckten, als im Zentrum beschlossen wurde, dass der Umwelt oder dem Staatssäckl (der in der Hauptstadt verwaltet wird) zuliebe der Sprit teurer werden sollte. Warum sich also diese Leute die gelben Warnwesten überzogen, die sie gehalten sind mitzuführen in ihren Autos – überlebenswichtig für Pendler und Leute, die da wohnen, wo sich Monoprix und Auchan am Rand verwaister Kleinstadtzentren ansiedeln – , Verkehrskreisel lahmlegten, einen Hauch von Brotrevolte über die Republik verbreiteten und Progressive schockten, die immer fest an eines geglaubt hatten: The revolution will not be televised by RTL 2.

Dass die Revolte auch im Hochglanzmagazin wohlwollend interpretiert wurde, etwa von den Fab Three einer Rückkehr zum Klassenstandpunkt, Didier Eribon, Eduard Louis und Geoffroy de Lagasnerie: schwacher Trost für den Schreck, dass diese Gelbwesten ni droite, ni gauche sind wie Macron, so weiß, manchmal rassistisch oder antisemitisch, Kleinbürger mit bescheidenen Jobs und mickrigen Hoffnungen, „sogar ihr Unglück war erbärmlich, das allgemeine wie das konjunkturbedingte. Sie wurden entlassen, geschieden, betrogen und bekamen Krebs. Sie waren ganz schön normal“. So beschreibt Nicolas Mathieu in Wie später ihre Kinder, geschrieben und ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt vor der Revolte, aber mit einigem Erklärungspotenzial dafür, sein Personal.

Kleinstadt, die Hochöfen kalt

Ein realistischer Roman, keine Autofiktion war dieses zweite Buch des wie Louis und Eribon studierten Soziologen, 1978 geboren nahe der Vogesenstadt Epinal. Vier heiße Sommer in einer imaginären Kleinstadt, in der die Hochöfen schon lange kalt sind, eine Geschichte, die ihren Lauf nimmt, weil ein Franzosenbengel seinem Vater das Motorrad mopst und es sich gleich wieder von einem Marokkanerbengel mopsen lässt.

In Rose Royal ist es die „Neun Milimeter, fünf Patronen“, die die Dinge ins Laufen bringt: „Nach elf Tagen kam die Waffe in einer Paketstelle in ihrer Nähe an. Als sie das Ding aus der Polsterfolie zog, war sie überwältigt von seiner beinahe übernatürlichen Schönheit, silbern und schwarz, gleichzeitig üppig und erstaunlich fest.“ Kaufgrund: „Die Angst sollte die Seiten wechseln.“ Die Angst, das sind die Männer, denen Rose nach ihrer Scheidung kräftig zugesprochen hat. Dem Alkohol auch. Männer, denen die Hand ausrutscht, häusliche Gewalt. Ihren ersten Einsatz jenseits der Drohung hat die Knarre aber eines Kneipenabends. Da steht Luc mit einer angefahrenen Hündin im „Royal“. Rose verpasst ihr neun Millimeter Gnade. Incipit tragoedia. Man trinkt gern zusammen, ist sich ähnlich (geschieden, nicht mehr links), Luc, der alte Häuser aufmöbeln lässt, verkörpert das Versprechen von ein wenig Luxus. Und ist ein Narzisst. Geht Auseinandersetzungen aus dem Weg, verschwindet für Tage, bleibt nicht hart und kann nicht damit umgehen. Ein neuer Hund wird nicht angeschafft. Und dann ist da noch die Neun Millimeter.

Rose Royal Nicolas Mathieu Lena Müller, André Hansen (Übers.), Hanser Berlin 2010, 96 S., 18 €



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Von Veritatis

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