Es sind schon eigenartige Zeiten, in denen jeder Hinweis auf Geschichten jenseits von Corona als „Whataboutism“ daherkommt. Eine Langzeitdokumentation über einen amerikanischen Soldaten und seine zwei Söhne – wo ist da der aktuelle Bezug? Die Frage ist wiederum schnell beantwortet: in der Gewissheit, dass Probleme nicht verschwinden, nur weil ihnen andere Nachrichten den Rang ablaufen. Wo ihre Geschichte enden würde, konnten Leslye Davis und Catrin Einhorn, die Regisseurinnen von Father Soldier Son, vor zehn Jahren, als sie zum ersten Mal mit der Familie Eisch drehten, nicht absehen. Aber man meint schon den ersten Aufnahmen anzumerken, dass sie mit einer Offenheit an ihr Projekt herangingen, die im Dokumentarfilmgenre selten geworden ist.

Bei näherer Betrachtung entpuppt sich diese Offenheit als eine willentliche Einengung des Blickfelds: Brian Eisch, US-amerikanischer Berufssoldat, kommt 2010 während seiner ersten Tour im Afghanistan-Krieg für zwei Wochen nach Hause zu seinen beiden Söhnen Isaac, 12, und Joey, 7, die ihn mit absolut herzergreifender Freude begrüßen. Außer der eingestreuten Information, dass der Krieg da schon ins neunte Jahr geht, untersagen sich die Filmemacherinnen jeden Kommentar dazu; es ist eine gewollte Entpolitisierung, die mancher Zuschauer für grenzwertig halten mag. Erst recht, als man entdeckt, dass der Vater von der Fortsetzung seiner „Tour“ Wochen später verletzt zurückkommt. Und dass ab da alles anders ist für Brian, Isaac und Joey. Selbst vier Jahre später sind die Dinge nicht wieder gut. Im Gegenteil. Mit Maria, der neuen Freundin des Vaters, kommen zwar liebevoll-warme Unterstützung und Hochkitschmomente wie ein öffentlicher Heiratsantrag in die Chronik. Dann schlägt das Schicksal noch mal übel zu. Wieder wird auf grausam unwiderrufliche Weise alles anders. Später wird ein neuer Sohn geboren. Aber der kann so süß in die Kamera lachen, wie er will: Man weiß, so richtig gut ist für die Eischs nichts mehr.

Ohne ideologisches Framing

Bis dahin hat man entdeckt, dass Davis und Einhorn die Entpolitisierung zur Strategie gemacht haben: Sie entpolitisieren nicht nur den Afghanistan-Krieg, sie entziehen auch alle anderen Konflikte, die ihnen in zehn Jahren der Beobachtung des Vater-Söhne-Trios vor die Linse kommen, dem üblichen ideologisch aufgeladenen Framing. Dass da ein Vater seine zwei Söhne unbedingt auch in die Armee stecken will, dass es demselben Vater über Jahre nicht gelingt, mit einer verletzungsbedingten Behinderung zurechtzukommen, dass sein jüngster Sohn darüber immer „patriotischer“ wird – das alles unter der Kategorie „toxische Männlichkeit“ abzuheften, fiele fast zu leicht. Indem Davis und Einhorn jeden Kommentar unterlassen und stattdessen die Aufmerksamkeit auf die einzelnen Protagonisten in ihrer rigorosen Privatheit richten, ergibt sich aus der Blickfeldeinengung so etwas wie Empathie: Als Zuschauer ist man genötigt, einfach mal zuzuhören und nicht gleich zu urteilen.

Die Protagonisten, Brian, Isaac, Joey und später Maria sind keine geschickten Selbstdarsteller. Im Gegenteil, sie verhalten sich vor der Kamera mit jener Unbeholfenheit, die die beständige Sorge anzeigt, zu viel von sich preiszugeben. Die Filmemacherinnen gehen mit dieser Unbeholfenheit wunderbar diskret, ja zärtlich um. Umso markanter schneiden sich manche der gesprochenen Sätze ins Ohr des Zuschauers. Die Klage Brians, als Invalide keine Identität außer „ich konnte das mal“ zu haben. Joeys glühende Bereitschaft, in den Krieg, egal welchen, zu ziehen. Und Isaacs selbstmitleidlos vorgetragener Plan, seinen eigenen Kindern ersparen zu wollen, was er selber habe durchmachen müssen. Als Zuschauer kann man sich zu alledem seinen Teil denken, der Film lässt einen zugleich spüren, dass damit zu leben noch mal was ganz anderes ist.

Father Soldier Son Leslye Davis, Catrin Einhorn USA 2020, 99 Minuten, Netflix



Source link

Von Veritatis

Schreibe einen Kommentar