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9. August 2020

Longread ǀ Der Massentourismus zerstört seine Ziele — der Freitag



Von allem Unheil, das Touristen beim Ausbruch des Coronavirus erlebten, wirkte die Ansteckungsgefahr auf einem Kreuzfahrtschiff besonders dramatisch. Vergnügungspaläste verwandelten sich in kolossale Gefängnisse, auf denen sich zwischen übel riechenden Kabinen via WhatsApp Gerüchte über Infektionen an Bord verbreiteten. Während ein Hafen nach dem anderen ihnen die Landung verweigerte, waren die Touristen auf engstem Raum gefangen, gleichzeitig Opfer und möglicher Ansteckungsherd.

Zu Beginn wirkte die tödliche Falle auf See für viele noch wie der absurde Auswuchs eines chinesischen Problems. Das erste Schiff, auf dem es zu einem größeren Ausbruch kam, war die Diamond Princess. Bis Mitte Februar gab es 355 bestätigte Fälle an Bord, das Schiff wurde im Hafen der japanischen Stadt Yokohama unter Quarantäne gestellt. Zu diesem Zeitpunkt machten die positiv Getesteten auf dem Schiff mehr als die Hälfte der außerhalb Chinas bekannten Fälle aus. 14 von ihnen starben an dem Virus.

Unterdessen ist der Albtraum auf See nicht vorbei. Zwar durften die Passagiere von mehr als 30 betroffenen Kreuzfahrtschiffen an Land gehen, kamen in Krankenhäuser, Quarantäne-Hotels oder durften Charterflüge nach Hause nehmen. Aber geschätzte 100.000 Mitarbeiter blieben auf See gefangen. Einige waren in Quarantäne. Andere erhielten keine Erlaubnis, an Land zu gehen, bis ihre Chefs die Weiterreise organisiert hatten. Dieses zweite Drama führte zu einem Hungerstreik einer rumänischen Crew, die im Limbo vor der Küste von Florida gelandet war – und es führte zu einem Polizeieinsatz wegen Unruhen auf einem Schiff, das im Hafen von Cuxhaven in Quarantäne lag. Noch am 1. Juni forderten Besatzung und Mitarbeiter von mehr als 20 Kreuzfahrtschiffen in der Bucht von Manila, an Land gehen zu dürfen.

Kreuzfahrten sind zu einem Symbol der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Tourismus geworden. Ein Sektor, der bis Januar nach eigenen Angaben 150 Milliarden Dollar wert war, entlässt Mitarbeiter, nimmt Schulden auf und lockt mit Preisnachlässen, um überhaupt zu überleben. Doch auch vor dieser Krise stand die Kreuzschifffahrt symptomatisch für die durch den Tourismus verursachten Schäden.

Als Branche ist der Tourismus besonders, weil er finanziellen Profit aus Werten zieht, die ihm nicht gehören – seien es eine Aussicht, ein Riff oder eine Kathedrale. Dabei tragen die wichtigsten Kreuzfahrtunternehmen der Welt – Carnival, Royal Caribbean und Norwegian – wenig zur Erhaltung der öffentlichen Güter bei, von denen sie leben. Zudem haben sie sich in Steuerparadiesen mit geringen Umwelt- und Arbeitsrechtsgesetzen angesiedelt – genauer: Panama, Liberia und Bermuda. Dadurch zahlen die großen drei, die drei Viertel des Marktes ausmachen, niedrige Steuern und vermeiden unliebsame Regulierungen, bringen Millionen von Menschen in malerische Anlaufhäfen, die den Ansturm kaum verkraften, während Luft und Meer verschmutzen und Küsten erodieren.

Was auf Kreuzfahrten zutrifft, lässt sich auf einen Großteil der Reisebranche übertragen. Seit Jahrzehnten versuchen einige wenige ökologisch eingestellte Reformer in der Branche, nachhaltigen Tourismus zu entwickeln, der langfristige Arbeitsplätze schafft und die Schäden gering hält. Aber die meisten Hotelgruppen, Reiseveranstalter und nationalen Tourismusbehörden – wie auch immer ihre offizielle Aussagen zum Thema Nachhaltigkeit im Tourismus lauten – setzen weiter auf Skaleneffekte.

Das bedeutet mehr Touristen, die weniger Geld zahlen, und es bedeutet wachsenden Druck auf die touristischen Attraktionen. Vor der Pandemie gingen Branchenexperten davon aus, dass internationale Reisen im Jahr 2020 um drei bis vier Prozent zunehmen würden. Prognostiziert wurde, dass Reisende aus China, die die größte und am schnellsten wachsende Gruppe im Welttourismus sind, 160 Millionen Auslandsreisen machen würden – 27 Prozent mehr als im Jahr 2015.

Corona hat uns ein erschreckendes und zugleich schönes Bild von einer Welt ohne Tourismus beschert. Wir sehen jetzt, was mit öffentlichen Gütern passiert, wenn sich an bestimmten Orten keine Massen tummeln. Die Küsten erleben eine Pause von der Erosion, die durch die Kreuzfahrtschiffe verursacht wird. Wanderer, die zu Hause festsitzen, können keinen Müll in den Bergen hinterlassen. Wenig könnte die Auswirkungen des Tourismus so gut illus-trieren wie die derzeitige Auszeit davon.

Gleichzeitig erschütterte das Coronavirus das blinde Vertrauen in den Tourismus. Es zeigte auf brutale Weise, was passiert, wenn eine Branche zusammenbricht, auf die sich eine ganze Gemeinschaft stützt und dabei andere Wirtschaftsbereiche vernachlässigt. Am 7. Mai prognostizierte die UN-Welttourismusorganisation, dass die Einkünfte aus dem internationalen Tourismus in diesem Jahr um 80 Prozent niedriger ausfallen könnten als im Vorjahr, als sie bei 1,7 Billionen US-Dollar lagen. Zudem könnten 120 Millionen Arbeitsplätze verloren gehen. Da der Tourismus auf der gleichen Mobilität basiert, die die Krankheit verbreitet, und daher mit den schärfsten und anhaltendsten Restriktionen leben muss, wird er wahrscheinlich mehr als jede andere Wirtschaftsaktivität leiden.

Mit dem zunehmenden Einfluss des Tourismus auf die Welt ist die globale Wirtschaft von ihm abhängig geworden. Noch vor sechs Monaten war ein derartiges Einfrieren von Auslandsreisen unvorstellbar. Jetzt beschert es uns die Gelegenheit, uns diesem destruktiven Kreislauf zu entziehen und anders an die Dinge heranzugehen.

Viel Geld, wenig lokaler Ertrag

Der Unternehmer Lelei Lelaulu bezeichnete den Tourismus im Jahr 2007 als „den größten freiwilligen Geldtransfer von den Reichen zu den Armen in der Geschichte“. Selbst wenn viel „versickert“, weil ein Großteil des Touristengeldes nicht im Zielland bleibt, sondern an ausländische Reiseveranstalter, Fluggesellschaften und Hotelketten geht, ist nicht zu leugnen, dass Australier in Bali, Amerikaner in Cancún und Chinesen in Bangkok viel Geld gelassen haben.

Ende Januar brach die Zahl der chinesischen Touristen nach Europa ein. Damals erhielt die Gründerin der US-Reiseagentur Indagare Melissa Biggs Bradley Anrufe von italienischen Kollegen, die warnten: „Rom ist leer. Du kannst dir nicht vorstellen, wie katastrophal das wird.“ In den frühen Tagen der Krise zogen Branchenanalysten beruhigende Vergleichsfälle heran. Im Jahr 2009 war die Zahl der internationalen Touristen wegen der globalen Finanzkrise um vier Prozent zurückgegangen. Aber im Folgejahr kam die Branche mit einem Wachstum von 6,7 Prozent erfolgreich zurück. Nach einer Reihe terroristischer Angriffe in der Türkei 2016 blieben die Touristen ebenfalls weg, aber zu Spaniens Vorteil, wo die Touristenzahl an der Costa Blanca stieg.

Massentourismus in der chinesischen Wüste

Foto: STR/AFP/Getty Images

Schnell war klar, dass solche Vergleiche nur wenig helfen, eine globale Krankheit ohne Heilmittel zu verstehen. Ende März musste die Research-Firma Bernstein den Investoren gegenüber einräumen, dass ihre düstere Prognose für die Hotelbranche noch viel zu positiv gewesen war: „Noch vor zwei Wochen stuften wir einen Gewinnrückgang um 80 Prozent als ‚höchst unwahrscheinlich’ ein. Jetzt ist das die Basisannahme. Wie naiv wir waren!“ Und zu diesem Zeitpunkt hatte die Zimmerauslastung in Spanien und Italien den Tiefstand von fünf Prozent noch nicht erreicht.

Dem Vorwurf der Verschmutzung des Planeten begegnet die Tourismusindustrie regelmäßig mit einem ökonomischen Argument: Einer von zehn Arbeitsplätzen auf der Welt hängt von ihm ab. Auch Regierungen sehen Tourismus tendenziell positiv, weil er schon im Vorfeld der Eröffnung eines Hotels neue Arbeitsplätze schafft – und viel ausländisches Geld ins Land bringt.

Der Tourismus macht 15 Prozent des spanischen und rund 13 Prozent des italienischen BIPs aus. Aber so schmerzhaft der Verlust für die meisten diversifizierten Wirtschaften in Südeuropa ist, so lebensbedrohlich ist er für touristische Gebiete wie die Malediven, wo der Tourismus rund ein Drittel des BIP ausmacht, oder aufstrebende Tourismusziele wie Georgien, wo sich die Besucherzahlen im vergangenen Jahrzehnt vervierfacht haben.

Jamaika bringt der Tourismus normalerweise mehr als 50 Prozent der ausländischen Devisen. Im April beklagte der jamaikanische Tourismus-Minister Edmund Bartlett „null Einreisen am Flughafen Montego Bay, null Einreisen am Flughafen von Kingston und null Gäste in den Hotels. Zusätzlich sind 300.000 Menschen in der Transportbranche ohne Arbeit. Außerdem können Bauern, die für den Tourismus produzieren, ihre Produkte nicht verkaufen, wenn die Touristenattraktionen fehlen.“

Der Tourismus bringt also zwar viel Geld, wird aber andererseits häufig mit der Verzerrung der lokalen Entwicklung erkauft. Bauern verkaufen ihr Land an Hotelketten. Dann erleben sie, dass Produkte, die sie früher angebaut haben, für sie unerschwinglich werden. Wasser wird zum Golfplatz umgeleitet, während die Anwohner unter Wassermangel leiden. Die Straße wird bis zum Themenpark asphaltiert, nicht bis zur Schule. Die Abhängigkeit vom Tourismus mit ihrer Unterordnung der Wirtschaft unter einen mächtigen und unberechenbaren externen Motor ähnelt der Abhängigkeit von Entwicklungshilfe, die ich als Reporter nach der Invasion von 2001 in Afghanistan beobachtete. In beiden Fällen ist die schlimmste Gefahr die Möglichkeit des plötzlichen Wegbrechens.

Biggs Bradley nannte als Beispiel für derart bedrohte Orte die Inseln im Pazifik, die durch Tauchreise-Veranstalter beliebt wurden. „Erschlossen wurden sie durch den enormen Anstieg an neuen Flugrouten in den vergangenen Jahren“, sagte sie. Jetzt kommen die Flugzeuge nicht mehr. Zurück bleiben: Schulden und Arbeitslosigkeit.

Auch die Reiseagentur Traffic Travel von Tsotne Japaridze, die Abenteuerurlaub in Georgien, Aserbaidschan und Armenien organisiert, ist durch das Virus in eine existenzielle Notlage geraten – ebenso wie viele, die an ihr daran hängen. Japaridze hat drei festangestellte Mitarbeiter und beschäftigt während der Sommersaison weitere 15 Fremdenführer und Fahrer. Er organisiert Gruppenreisen durch rund 30 Weingüter, Pensionen und private Unterkünfte. Sein Unternehmen sorgte so für Einkommen, von dem hunderte Menschen lebten. Als die Krise hereinbrach, schickte Japaridze seine Angestellten in unbezahlten Urlaub. „Es war eine schwierige Entscheidung, aber ich hatte keine Wahl“, sagte er. Während der Tourismus lahm liegt, ist die Nachfrage nach Dienstleistungen gestiegen, durch die Kunden zu Hause bleiben können. Einer seiner früheren Tour-Guides, der Gruppen durch die schöne georgische Region Svaneti geführt hatte, fährt jetzt Essen mit seinem Motorrad aus.

Ein Nachteil der Abhängigkeit vom Tourismus besteht freilich darin, dass die Touristen ausbleiben können. Stärker verbreitet ist dagegen das Problem des Touristen-Ansturms auf Reiseziele, die so etwas nicht verkraften. Zum Höhepunkt der Pandemie in Norditalien sprach ich via Zoom mit Jane da Mosto von der NGO „Siamo Qui Venezia“, die will, dass der berüchtigste Touristenort der Welt lebenswert bleibt.

Während sie Gemüse fürs Abendessen schnippelte, erzählte da Mosto vom zwiespältigen Gefühl, einerseits die Apokalypse in italienischen Krankenhäusern und andererseits die Ruhe beim Blick aus ihrem Fenster zu sehen. Die Brücken sind leer, während im Canal Grande Seepferdchen schwimmen und Verkäufer von phallus-förmigen Nudeln durch Lieferanten abgelöst sind, die den Einwohnern der Stadt per Boot hausgemachte Tortellini bringen.

Als da Mosto aus dem Bild verschwand, um sich um ihre Kartoffeln zu kümmern, nahm ihr 19-jähriger Sohn Pierangelo ihren Platz ein. Seit dem ersten Tag hinter dem Lenkrad des Bootes seines Vaters ist das Wasser sein Leben. Er arbeitet als Schreiner und restauriert die berühmten kiellosen Boote der Stadt. Außerdem zeigt er Touristen auf einem Elektroboot „Venedig aus einer venezianischen Perspektive“.

Pierangelo ist einer der Bewohner der Stadt, die die Bedeutung des Tourismus einräumen, aber sich wünschen, dass sich sein Griff lockert. Mit Freunden – Designern, Studierenden, Schreinerkollegen – hat er über ein mögliches Leben nach dem Virus diskutiert. Weniger Touristen bedeuten weniger Geld und die Notwendigkeit, diesen Ausfall durch Geschäfte mit Venezianern ausgleichen zu müssen. Wie er sich fühlt, wenn er auf dem Giudecca-Kanal entlanggleitet und hinter sich ein Kreuzfahrtschiff aufragen sieht? „Klein“, lächelt Pierangelo. „Sehr klein.“

Ohne den Tourismus wäre ein Großteil von Venedigs gotischem Charme schon seit Jahren abgebröckelt oder durch Neubauten ersetzt. Gleichzeitig wurden Investoren in Hotels, Restaurants und Boote immer mächtiger, für sie ist Venedig nichts weiter als ein Geschäftsmodell. Bis heute nicht vergessen haben die Venezianer, wie am 15. Juli 1989 die internationale Musikindustrie das Kommando in der Stadt übernahm. 200.000 Menschen aus ganz Europa drängten auf die Piazza San Marco, dem spirituellen und ästhetischen Zentrum der Stadt, um das kostenlose Pink-Floyd-Welttour-Abschlusskonzert mitzuerleben, manche auch von Booten auf dem Wasser aus.

Panik schiebende Stadträte stritten fast bis zu den Eröffnungsklängen des ersten Songs Shine On You Crazy Diamond darüber, ob das Konzert wirklich stattfinden sollte. Schließlich stimmten Pink Floyd zu, die Dezibelzahlen zu senken und weniger Lieder zu spielen, während die Geschäftsleute rund um den Platz warmes Bier zum dreifachen Preis an jene Fans verkauften, die zu spät bemerkten, dass die Behörden keine einzige Toilette bereitgestellt hatten. Am folgenden Morgen waren die berühmten alten Steinplatten von Bierdosen, Zigarettenstummeln und Urinlachen übersät.

Müll auf dem Mount Everest

Foto: Doma Sherpa/AFP/Getty Images

Venedig geht unter

Als Beispiel für einen Tourismus, der öffentliches Gut okkupiert, ist die Invasion eines mittelalterlichen Stadtzentrums durch 200.000 Leute, die kein Eintrittsgeld bezahlen und es der Stadt überlassen, ihren zurückgelassen Müll aufzuputzen, schwer zu schlagen. Die Kritik an der Stadtregierung war so stark, dass zahlreiche Mitglieder zurücktraten. Lange vor der Invasion der Rockfans hatten viele Einheimische der Stadt den Rücken gekehrt. Zwischen 1950 und 2019 ging Venedigs Bevölkerung von 180.000 auf rund 50.000 Einwohner zurück, während die Zahl der jährlichen Besucher von einer Million auf 30 Millionen anstieg. Laut Tourismusexperte Jan van der Borg, der an Venedigs Ca’-Foscari Universität unterrichtet und Tourismusbehörden in ganz Europa berät, überschreitet das die „Tragfähigkeitsgrenze“ der Stadt. Die Zahl, bei der langfristig Venedigs Infrastruktur und Lebensweise keinen Schaden nehmen würde, setzt er bei mindestens zehn Millionen weniger an.

Seien es der in einer anderen Stadt lebende Gondelbesitzer, der einen Gondoliere Touristen durch die überfüllten Kanäle rudern lässt, oder die Billig-Fluglinien, die jeden Tag Tausende Touristen in einem Gebiet absetzen, das kaum eineinhalb Mal so groß ist wie New Yorks Central Park – in da Mostos Worten: „Viele Leute leben von Venedig, ohne dort zu leben.“

Laut van der Borg sind es auch die „falschen Touristen“. Rund 70 Prozent sind Tagesausflügler. Nachdem sie „aus ihren Bussen, Kreuzfahrtschiffen und Flugzeugen gespuckt wurden“, überrennen sie für ein paar Stunden das historische Herz von Venedig, „aber ohne zu seiner Erhaltung beizutragen“. Dann haben sie vielleicht 15 Euro ausgegeben – genug, um ein Tausende Kilometer entfernt produziertes Souvenir zu kaufen –, bevor sie vom Tour Guide zu ihrem nächsten Zielort gehetzt werden.

Das Denken von van der Borg und anderen Branchenstrategen ist ungerührt elitär geprägt. Demnach sollten die Ausflügler, die „starke Auswirkungen, aber wenig Geld bringen“, weniger willkommen geheißen werden als wohlhabendere unabhängige Reisende, die in einem Hotel absteigen, in Restaurants in der Nachbarschaft essen und vielleicht den Tag nach dem Besuch einer der weniger bekannten Kirchen der Stadt mit einem Bellini in Harrys Bar abrunden – so wie der Schriftsteller Truman Capote vor ihnen. Auf jeder Ebene wird so argumentiert: „Qualitäts“-Touristen tragen durch Steuern, Trinkgelder und menschliche Interaktion zum Wohl der Stadt bei.

Ist also der Pauschalurlaub auf dem absteigenden Ast? Nach einer Abta-Trendstudie für Großbritannien im Jahr 2019 war den Befragten bei der Planung ihres nächsten Auslandsurlaubs im Großen und Ganzen vor allem daran gelegen, weniger Geld auszugeben. Wenn der Pauschaltourist nur noch mäßig willkommen sein sollte, dann ist dieser Hinweis bei den britischen Touristen jedenfalls noch nicht angekommen.

In den vergangenen zehn Jahren hat der Fluch des „Werdens wie Venedig“ – die Aushöhlung eines Ortes durch Ansturm der Touristen – eine Stadt nach der anderen getroffen. Billigflieger und Airbnb machten einen Wochenendtrip ins Ausland für Millionen Menschen zur Option. Das betrifft nicht nur etablierte Ziele wie Venedig oder Paris, sondern auch schläfrige Küstenstädte wie Porto an Portugals Atlantikküste, die auf die Zahl der plötzlich auf sie losgelassenen Touristen völlig unvorbereitet waren.

Die Gegenwehr begann im Juli 2015. Damals erließ die Stadtregierung von Barcelona, deren berühmte Promenade La Rambla durch die Touristenmassen kaum noch passierbar war, ein Moratorium für neue Hotels. Im Folgejahr musste Airbnb 600.000 Euro Strafe für die Vermittlung nicht lizensierter Unterkünfte zahlen. Peanuts für ein Unternehmen, dessen Einkünfte aus einem einzelnen Viertel über eine Milliarde US-Dollar betragen können – aber es war ein Zeichen der Skepsis gegenüber einer Branche, die die Stadt in kurzer Zeit so verändern könnte, dass ihre Einwohner sie nicht mehr wiedererkennen.

2019 schob der Bürgermeister von Du-brovnik einen Riegel vor den Tourismus, als die perfekt erhaltene Altstadt der kroatischen Stadt von Besuchern überrannt wurde, nachdem sie in der TV-Serie Game of Thrones vorkam. 80 Prozent der Souvenirstände im Stadtzentrum mussten schließen, und die Stadt beschränkte die Zahl der Bus- und Kreuzfahrttouristen. Unterdessen limitierte die belgische Kanalstadt Brügge die Zahl der gleichzeitig vor Anker liegenden Kreuzfahrtschiffe und stellte jede Werbung für Tagesausflügler ein.

Die Begrenzung des Tourismus hat natürlich finanzielle Folgen. Wie Fermín Villar, der Präsident des Freundeskreises La Rambla, der die Interessen der Anwohner und Geschäfte an der Promenade vertritt, dem Guardian vor zwei Jahren sagte: „La Rambla ist vor allem ein Geschäft. Jedes Jahr laufen mehr als 100 Millionen Menschen diese Straße entlang. Stellen Sie sich vor“, sagte er begeistert, „wenn jede Person nur einen Euro ausgeben würde!“

Doch der Massentourismus verdrängt andere Geschäfte, während der Exodus vieler kreativer und produktiver Einwohner ganz eigene Kosten mit sich bringt – ebenso wie der Druck auf die lokale Infrastruktur, der eine solche Zahl an Besuchern ausübt. Laut da Mosto verliert Venedig unter dem Strich an einer Branche, die ihr Geschäft auf dem Gebiet der Stadt angesiedelt hat, aber einen Großteil der Einkünfte woandershin transferiert.

Hinter den Kampagnen gegen überhandnehmenden Tourismus steht die wachsende Anerkennung, dass öffentliche Güter, die als grenzenlos ausbeutbar galten, endlich sind und einen Wert besitzen, den der Preis für ihren Besuch spiegeln sollte. Das ökonomische Prinzip „Der Verschmutzer zahlt“ wird zunehmend in den Bereichen Landwirtschaft, Industrie und Energieerzeugung eingeführt.

Derzeit ist der Fokus im Bereich der Gegenmaßnahmen vor allem auf Tourismussteuern beschränkt, die darauf abzielen, die Zahl der Touristen zu reduzieren, aber gleichzeitig mehr Einnahmen zu generieren. Auch wenn sie moderat bleiben – Amsterdam schlägt sieben Prozent auf die Zimmerrechnung auf, zusätzlich zu pauschal drei Euro pro Person pro Nacht. Das sind vorsichtige Anfänge hin zur Beschränkung des Tourismus und der Versuch, ihn statt zum Nachteil zu einem Vorteil für die Einheimischen zu machen.

Das erfordert eine gewisse Beweglichkeit von Unternehmen, die Geld aus dem Tourismus ziehen, aber nicht als blind gegenüber seinen Auswirkungen gelten wollen. Der US-amerikanische Reiseführer-Verlag Fodor erstellt jährlich eine Liste von Reisezielen, auf deren Besuch man altruistisch verzichten sollte. Auf der diesjährigen Liste stehen die Osterinseln und der Angkor-Wat-Tempelkomplex in Kambodscha. Allerdings empfiehlt Fodor gleichzeitig „fünfundzwanzig Orte in den USA, die man gesehen haben sollte, bevor man stirbt“. Diese Liste beinhaltet Big Sur, einen kalifornischen Küstenstreifen, der kürzlich mit einem Banner geschmückt war, auf dem stand: „Zu viel Tourismus tötet Big Sur“.

Afrika: Reiche Besucher, weiße Landbesitzer

Im afrikanischen Busch in leicht gechlortem Wasser schwimmend in der Ferne auf den Mount Kenya zu blicken, wirkt wie eine erträgliche Art und Weise, die Corona-Krise auszusitzen. Aber der Infinity Pool im Zeltcamp Loisaba, einer von drei Safari-Lodges in dem 23.000-Hektar-Naturgeschutzgebiet des gleichen Namens, hat seit Monaten keinen Schwimmer mehr gesehen. Weniger als einen Monat, nachdem am 25. März die Flüge ins Land eingestellt wurden, erzählte mir Loisabas Geschäftsführer und Safaritourismus-Veteran Tom Silvester, dass er 90 Mitarbeitern kündigen musste, „und da jeder Job hier bis zu zehn Menschen ernährt, hat das große Auswirkungen“.

Der Schaden durch den Einbruch der kenianischen Tourismusbranche, die 1,6 Milliarden Dollar wert ist und 1,6 Millionen Menschen beschäftigt, ist erschreckend. Das Hotelunternehmen Elewana, das Loisabas drei Lodges betreibt, hat 24 Anlagen in ganz Ostafrika geschlossen. Um seine etwas mehr als 2000 Mitarbeiter und deren Familien finanziell zu unterstützen, greift es auf Geldreserven zurück. Ein anderes Reservat – das Nashulai – ruft auf seiner Homepage zu Geldspenden auf, um in den Dörfern, die von ihm abhängen, Hunger abzuwenden.

An vielen Orten ist die Reduzierung der Touristen der einzige Weg, eine gesunde Naturwelt wiederherzustellen. In Ländern, in denen die Tourismusbranche den Schwerpunkt auf die Umwelt legt, kann das Gegenteil der Fall sein. Als ich Elewanas Geschäftsführer Karim Wissanji sagte, das Beste für Afrikas Natur sei es, wenn die Menschen in die Städte migrieren und sie in Frieden lassen würden, schüttelte er den Kopf: „Die Zukunft unserer Tierwelt und ihrer Lebensräume sind untrennbar mit der Zukunft der Safari-Branche verbunden.“

Drei Viertel der zwei Millionen ausländischen Touristen, die im vergangenen Jahr Kenia besuchten, kamen wegen der wilden Tiere. Ohne den Tourismus würden viele der privaten Tierreservate, die wichtige Korridore für wandernde Tiere und zusätzliche Graskapazitäten für die Nationalparks des Landes darstellen, wieder zu Jagdgebieten werden oder in Ackerland umgewandelt werden. Eins der Gebiete mit der höchsten Konzentration an wilden Tieren der Welt wäre bedroht. Der Wettbewerb um Weideland, insbesondere in Dürrezeiten, hat den lange schon bestehenden Konflikt zwischen den Bedürfnissen der Dörfer in der Gegend und der einzigartigen Tierwelt der Region verschärft.

Der Strand bei Benidorm in Spanien

Foto: David Ramos/Getty Images

Wie die Geschäftsführerin der Umweltorganisation Wildlife Direct, Paula Kahumbu, im Guardian schrieb, „halten die meisten jungen Kenianer wilde Tiere für unwichtig; für etwas, von dem nur wenige profitieren, nämlich reiche Besucher und weiße Landbesitzer“. Nach gewalttätigen Überfällen auf Ranches und Tierparks in den vergangenen Jahren begannen Safari-Veranstalter nach Möglichkeiten zu suchen, wie der Tourismus die lokale Bevölkerung direkt unterstützen kann.

Der durch die Pandemie verursachte Einkommensverlust könnte allerdings die Katastrophe noch beschleunigen. Am 21. April berichtete die US-Organisation Conservation International, die Gebiete mit außergewöhnlich hoher Biodiversität schützt, von einem „alarmierenden Anstieg an Buschfleisch- und Elfenbein-Wilderei in Kenia“. Loisaba etwa war nur dank einer Spende der Umweltorganisation The Nature Conservancy, die Schutzprojekte auf der ganzen Welt finanziert und berät, in der Lage, seine Anti-Wilderei-Patrouillen aufrecht zu erhalten. Mit 48 Betten auf all diese Hektar Land arbeitet Loisaba regelmäßig mit einer Belegung von 40 Prozent.

Man könnte es daher für die qualitativ hochwertige, positive Auswirkungen bringende Antwort zum täglichen Ausspucken von tausenden Kreuzfahrtpassagieren in Venedigs Innenstadt halten. Mit täglich 700 US-Dollar für die Gesellschaft von Elefanten, Giraffen und einer arche-noah-würdigen Vielzahl an anderen Vögeln und Säugetieren zahlen Loisabas Besucher effektiv dafür, die Pflanzen- und Tierwelt vor zerstörerischem menschlichem Eindringen zu schützen. Wie The Nature Conservancy’s Afrikadirektor Matthew Brown es formulierte, ist Tourismus, der „fassbar zu Umweltschutzmaßnahmen beiträgt“, der „beste Weg zur Finanzierung von Biodiversität. Ohne ihn bricht die Idee, gleichzeitig Tiere zu schützen und den vor Ort lebenden Menschen zu helfen, schnell in sich zusammen.“

Trotz allen Geldes, das Ausländer nach Loisaba bringen, fehlt dem Reservat eine breit gefächerte Klientel, die die Basis der meisten stabilen Tourismusunternehmen ist. Der Buschtourismus zieht generell zu wenige Reisende aus Kenias wachsender Mittelschicht an. Die hohen Lebenshaltungskosten im Land zwingen sowieso viele, zu Hause zu bleiben. Und wenn, dann zieht es die inländischen Urlauber eher an die Küste.

Mit mehr Kunden aus dem eigenen Land könnten die Tierparks sich schneller erholen, sobald die derzeitigen Reiserestriktionen fallen. Das wird vermutlich für afrikanische Touristen eher der Fall sein. Im April forderte Kenias Tourismusminister Najib Balala einen „Paradigmenwechsel“ hin zu heimischem und panafrikanischem Tourismus. „Es geht nicht länger darum, darauf zu warten, dass internationale Besucher kommen“, erklärte er. „Wenn wir jetzt mit der Umstrukturierung beginnen, werden wir bei Schocks jeder Art gewappnet sein, auch bei Reisewarnungen westlicher Länder.“

Eine solche schnelle Erholung ist für die traditionellen Stars des Umweltschutztourismus, die Gorillas in den Nationalparks von Ruanda, Uganda und der Demokratischen Republik Kongo, nicht zu erwarten. Nachdem sie in den 1980er Jahren fast ausgestorben waren, erholte sich ihr Bestand dank internationaler Rettungsbemühungen, die teils vom hochpreisigen Tourismus finanziert wurden. Amerikanische Besucher gaben durchschnittlich pro Reise 12.000 US-Dollar aus. 2016 verdoppelte die ruandische Regierung die Gebühr, die Touristen für eine Stunde mit den begehrten Menschenaffen zahlen müssen, auf 1.500 US-Dollar. Das erhöhte die Einnahmen von 15 auf 19 Millionen Dollar, wobei ein Teil des Geldes an Ranger und lokale Wohlfahrtsprogramme geht. Gleichzeitig reduzierte dieser Schritt die Zahl der Besucher, die durch den Lebensraum der Primaten im Volcanoes National Park stapfen, von 22.000 auf 15.000.

Jetzt, da die Grenzen des Landes geschlossen sind und die reichen ausländischen Touristen wohl monatelang wegbleiben werden, ist eine neue Strategie gefragt. Akut fürchten Umweltschützer, dass die Menschenaffen sich mit Covid-19 anstecken. Langfristig ist die Herausforderung, sie vor einem Anstieg der Wilderei auf Gorillafleisch zu schützen und davor, in für Antilopen gelegte Fallen zu gehen.

Die Einnahmen aus dem Tourismus haben in den vergangenen Jahren eine ökonomische Diversifizierung ermöglicht, berichtete Sheba Hanyurwa, der ein in Uganda und Ruanda tätiges Tourismusunternehmen leitet. Die relativ hohen Gehälter für Ranger und Tour-Guides ermöglichten es, dass in deren Dörfern Kühe und Hühner für ihre eigenen Bedürfnisse gehalten werden. Die Regierungen von Uganda und Ruanda haben während der Krise die häufigen Patrouillen ihrer Nationalparks aufrechterhalten – mit größerem Erfolg als die Demokratische Republik Kongo, wo kürzlich im ewig unruhigen Virunga Nationalpark zwölf Ranger getötet wurden. Aber, so Hanyurwa: „Hotelmitarbeiter und Träger mussten gekündigt werden, und die Leute sind hungrig. Das einzige Einkommen in der Gegend stammt aus dem Tourismus, und es wird bis mindestens nächstes Jahr keine internationalen Touristen geben.“ Das Virus hat den Fehler im Modell „Elite-Tourismus ohne Reue“ aufgedeckt: Es gibt keinen Plan B.

Reisen ist kein Menschenrecht

Nicht jeder von der Natur lebende Tourismus ist gut für die Natur. Mit wachsendem Umweltbewusstsein haben viele Tourismusanbieter Label wie „umweltfreundlich“ und „grün“ übernommen, obwohl „das, was sie verkaufen, nichts damit zu tun hat“, wie es eine Organisation formulierte, die Tourismusnachhaltigkeit bewertet. Manchen Reisenden fällt nicht auf, dass um die halbe Welt zu fliegen, um in einer Hütte aus illegal gefällten Bäumen zu sitzen, nicht so ökofreundlich ist, wie ihr Instagram-Feed vermuten lässt. Andere scheuen vor den Kosten des Gutseins zurück. Eine Umfrage des Konzerns TUI von 2017 macht die Diskrepanz deutlich: Während 84 Prozent der europäischen Touristen es wichtig fanden, ihren CO₂-Fußabdruck zu reduzieren, waren nur elf Prozent bereit, die zusätzlichen Kosten eines nachhaltigen Urlaubs zu tragen.

Zu den Nationen, die in den vergangenen Jahren versucht haben, Wildtier-Tourismus aufzubauen, gehört Indonesien, das Heimatland des Komodowarans, der größten Echse der Welt. Im vergangenen Jahr kündigte die Regierung an, den Ausgangsort für die Inseln des Komodo-Nationalparks Labuan Bajo zu einem von zehn größeren Tourismuszielen zu machen. Dabei klingt der Titel des Regierungsprogramms eher bedrohlich: „Zehn neue Balis“.

Das Ziel ist nicht, die überlaufene Insel Bali zu entlasten, für die ein neuer großer Flughafen geplant ist, sondern Balis erfolgreichen Niedrigpreistourismus für Millionen Besucher zu übertragen. Dabei könnte sich allerdings auch Balis Problemkombination aus trockenfallenden Stränden, wachsendem Wassermangel und Müllbergen an den zehn anderen Touristenzielen wiederholen. Über Labuan Bajo berichtete ein CNBC-Korrespondent: „Früher ein kleines Fischerdorf, leidet der Ort heute unter Boomtown-Eifer und Non-Stop-Baustellen für Restaurants und Hotels“.

Zwischen 2008 und 2018 stieg die jährliche Zahl der Besucher des Komodo-Nationalparks von 44.000 auf 176.000. Eine große Attraktion ist der Preis. Nachdem man mit einem 50-Dollar-Flug aus Bali auf dem neuen Flughafen von Labuan Bajo gelandet ist, könne man – wie Glenn Wappett, der im Osten Indonesien als Skipper auf Jachten arbeitet, erzählte – „in einem Hostel übernachten, für einen Tag ein Boot mieten, um die Echsen zu sehen, und von 100 US-Dollar noch was übrig behalten“.

Wenn man vor lauter Menschen kaum noch treten kann: Der Markusplatz in Venedig

Foto: Simone Donati/TerraProject/laif

Indonesien zieht den Massentourismus einem Elite-Tourismus auch darum vor, weil so jährlich zwei weitere Millionen von jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt unterkamen. Mehr Touristen bedeuten mehr Jobs. Selbst wenn sie pro Kopf nicht viel ausgeben, brauchen Massentouristen mehr Kellner, Taxifahrer und Meereswelt-Führer als wenige extravagante Besucher.

Während mehr Touristen auf die Insel kommen, ist die Zahl der Riesenechsen zurückgegangen. Touristen störten die Paarung der Tiere, Wilderei reduzierte die Hirsche, die sie fressen, und Abholzung verringerte ihren Lebensraum. Daher wollte 2018 der Gouverneur der Provinz East Nusa Tenggara, Viktor Bungtilu Laiskodat, den Eintrittspreis auf 500 US-Dollar erhöhen, um reichere Touristen anzuziehen, die Zahl der Besucher zu reduzieren und die Echsen zu schützen. Als im März 2019 Tierschmuggler mehr als 40 Komodowarane stahlen, kündigte die Regierung der Provinz an, die Insel Komodo, Heimat von 1.700 Riesenechsen, für das ganze Jahr 2020 zu schließen, um den Reptilien und den Hirschen sowie ihrem gemeinsamen Lebensraum Erholung zu gönnen.

Doch die Versuche des Gouverneurs, die Hauptattraktion der Region zu schützen, kam bei vielen Menschen, die vom Tourismus leben, nicht gut an. „Es gab sehr viele Proteste von Tauchunternehmen, Hotels und Restaurants“, erinnert sich Wappett. Sie forderten, die Touristen auf Komodo zu lassen. Im Oktober hob die Regierung die Entscheidung des Gouverneurs auf.

Das Coronavirus schafft, was dem Gouverneur nicht gelungen ist. Der Zugang zum Komodo-Nationalpark ist für alle außer für die Bewohner der dort liegenden Fischerdörfer geschlossen. Die Echsen fressen Hirschfleisch und Fische, die laut Berichten massenhaft in die sonst so stark besuchten Gewässer zurückgekehrt sind.

Allerdings ist es nicht schwer, sich vorzustellen, was passiert, sobald wieder Tourismus möglich ist. Am 14. April schätzte der indonesische Finanzminister, dass das Corona-bedingte Ausbleiben der Touristen 5,2 Millionen Indonesier arbeitslos machen wird. Solange keine andere Möglichkeit gefunden wird, Jobs zu schaffen, wird Indonesien den Massentourismus wieder ankurbeln, so bald wie möglich.

Am 7. Mai prognostizierte die UN-Welttourismusorganisation, die Corona-Krise werde die Branche so hart treffen, dass nicht nur weitere Fortschritte in Richtung nachhaltigerem Tourismus ausbleiben, sondern eine Rückentwicklung zu befürchten ist. Tatsächlich fordern seit dem Beginn der Krise Fluggesellschaften und Kreuzfahrtanbieter Steuererleichterungen und die Lockerung von Umweltmaßnahmen.

Von Dieselverbrauch und Schadstoffen durch Jetskis bis zu Pestiziden, die den Golfrasen tränken, wirken viele unschuldige touristische Vergnügen wie weitere Schläge gegen die arme alte Erde. Dazu kommen zurückgelassene Lebensmittel im Kühlschrank und die Chemikalien, die zum Waschen der Laken nach jedem Aufenthalt für eine Nacht in einer von Airbnbs sieben Millionen Übernachtungsmöglichkeiten gebraucht werden, oder der krebserregende Treibstoff von Kreuzfahrtschiffen. Und natürlich die CO₂-Emissionen. „Tourismus ist CO₂-intensiver als andere wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten“, befindet eine in der Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlichte Studie. Zwischen 2009 und 2013 wuchs der globale CO₂-Fußabdruck der Branche auf acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen, wobei der Hauptteil durch Flüge verursacht wird.

So zerstörerisch es ist, bietet das Coronavirus auch die Gelegenheit, uns eine veränderte Welt vorzustellen – eine, in der wir beginnen, weniger CO₂ zu verbrauchen und vor Ort zu bleiben. Die Krise des Tourismus zwingt auch dazu, über Wege nachzudenken, wie die Branche auf mehrere Standbeine gestellt, indigenisiert und weniger abhängig vom CO₂-Desaster des globalen Flugverkehrs gemacht werden kann.

Für Komodo in Indonesien gehören zu einer Wende weniger Besucher, die mehr bezahlen, um den Nationalpark zu besuchen, während die Dörfer die Fisch- und Textilindustrie weiterentwickeln, von denen sie seit Jahrhunderten leben. Breiter gesprochen, sollte der Tourismus nicht als Quelle für schnelles ausländisches Geld behandelt werden. An Orten, wo der Tourismus dominant ist, muss er schrumpfen. All das muss parallel zu Bemühungen geschehen, den CO₂-Ausstoß zu senken.

Und es gibt bereits gute Ansätze. Der Stadtrat von Barcelona etwa hat einen Teil der Stadt zurückerobert, der hoffnungslos an Ferienwohnungen verloren schien. Der Gouverneur von East Nusa Tenggara versuchte, den Komodowaran durch hohe Preise weniger zu gefährden. Solche Maßnahmen sind wichtig. Denn viele haben es vergessen: Tourismus ist kein Menschenrecht. Er ist ein Luxus, der für seine Kosten aufkommen muss.

Christopher de Bellaigue ist Journalist und berichtet vor allem aus Nahost und Südostasien



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