Sie ist gut drauf, als wir uns im Volkspark Friedrichshain in Berlin treffen, der auf halbem Weg zwischen unseren Wohnorten liegt. Wir kommen beide per Rad, meins ist knallrot, ihres eher „sauerkirschig“, wozu wiederum meine rote Decke sehr gut passt. Das erste Mal trafen wir uns vor zwei Jahren – damals in einer kleinen ungarischen Runde, bei einem Bekannten.

Damals schaute ich Adel Onodi an und fragte mich, ob sie eher einem Mann oder einer Frau ähnelt. Sie war schön, mit ihren braunen halblangen Locken und Mandelaugen. Und ich wäre niemals auf die Idee gekommen, dass sie sich zur Frau operieren ließ.

Adel Onodi ist nicht als Adel Onodi zur Welt gekommen. Sie wurde in Ungarn, in einer Kleinstadt in der Provinz an der kroatischen Grenze, geboren. Ihren ursprünglichen Namen will sie nicht verraten, weil sie sich immer als Adel fühlte, sagt sie, und den männlichen Namen einfach falsch fand. Sie werde immer wieder gefragt, wann die große Erkenntnis kam, dass er eigentlich eine Sie ist. Bei ihr gab es keine, weil er nie das Gefühl hatte, dass er ein Mann wäre. „Meine Mutter erzählt, dass ich schon mit etwa drei Jahren behauptete, kein Junge zu sein. Als sie mich mit ,Komm, mein Sohn!‘ gerufen hat, habe ich sie immer korrigiert, dass ich nicht ihr Sohn, sondern ihre Tochter sei.“

Als Kind kannte sie die Kategorie oder den Begriff „Trans“ nicht, spürte aber schon immer eine Dissonanz, was alles komplizierter machte. „Das Leben in einer Kleinstadt ist sehr konventionell, deine Umgebung behandelt dich als Mann, wenn du als Mann geboren bist, egal, was du behauptest. Sie puschen dich zu diesen festen Verhaltensmustern. Mein Umfeld hat immer von mir erwartet, dass ich mich als Mann benehme. So war auch meine Erziehung: Ich musste Fußball spielen und mich maskulin kleiden, obwohl ich heimlich, als ich alleine zu Hause war, sehr gerne die Klamotten meiner Mutter trug. Ich musste also mein Selbstbild, meine Vorstellung von mir immer unterdrücken.“

Spiel einen Mann!

Adel Onodi ist heute 24 Jahre alt. Bis sie 19 war, trug sie dieses Geheimnis mit sich. „Ich lebte wie in einem Gefängnis. Vieles wäre wesentlich einfacher gewesen, wenn die Gesellschaft damit offener umgehen könnte. Viele sind bis heute der Meinung, dass wir es nicht aus Notwendigkeit machen, sondern weil es einfach in ist, das Geschlecht zu wechseln“, sagt sie.

Dann taucht sie ein, in ihre Kinderjahre. Sogar ihre Mutter hat immer gesagt, sie werde „es“ mit zunehmendem Alter hinter sich lassen und zur Einsicht kommen, „obwohl ich bereits in der 6. Klasse so eine weibliche Erscheinung hatte, dass ich von den anderen gefragt wurde, ob meine Schamhaare schon gewachsen sind. Ich habe auf viele einen weiblichen Eindruck gemacht. Auch Unbekannte dachten, ich sei ein Mädchen. Meine Haare waren lang und wellig, meine Kleidung Unisex.“ Das verwirrte die anderen.

Sie möchte Schauspielerin werden, mit 19 bewarb sie sich um einen Studienplatz an der Schauspielakademie in Budapest. Sie bekam den Rat, sich als Mann darzustellen, weil die Kommission mit einem Transsexuellen nichts anfangen könne. Adel Onodi hatte vor, die auswendig gelernten Gedichte als Mann vorzutragen, sie büffelte männliche Monologe der Weltliteratur. Aber als sie auf die Bühne kam, bekam sie kein einziges Wort heraus. „Es war einfach gegen meine Identität, es war ein Protest gegen diese Lüge.“

Ein paar Tage darauf traf sie in der Straßenbahn zufällig eine transsexuelle Frau. Es ist ihre erste Begegnung mit ihresgleichen. Sie quetschte sie aus, fragte alles, was sie wissen wollte. „Das Gespräch mit ihr hat mich dann bestätigt, dass ich diesen Weg, meinen Weg gehen will. Ich rief meine Mutter an, die schon damals in Deutschland lebte. Ich würde jetzt mit dem Prozess anfangen und sie solle mich unterstützen.“

Das, was sie Prozess nennt, geht weit über eine Geschlechtsorganumwandlung hinaus. Das Wort OP mag sie nicht, auch Umwandlung nicht. Es gab einen Fehler und dieser Fehler musste korrigiert werden, so sieht es Adel Onodi. „Meine Seele war immer weiblich, ich nahm an Männergesprächen immer als Frau teil, ich identifizierte mich mit den Frauen, wenn über Männer gelästert wurde.“ Nun musste die Seele nur noch zu ihrem Körper passen, was ohne die OP nicht möglich gewesen wäre „Ich hatte das Gefühl, dass mein Penis mich stört und nicht meiner ist.“ Sie war mit Männern im Bett, aber sie wusste, dass sie nicht schwul ist. „Ich hatte das Gefühl, dass ich den Sex auch als Frau erlebe. Deshalb stört mich diese Etikettierung anhand der Geschlechtsorgane.“

Sie konnte sich darauf verlassen, dass ihre Mutter ihr helfen wird, auch finanziell, sie wusste, dass sie ihr vertrauen kann, dass sie sich nicht gegen sie wendet. Sie hat die 4.000 Euro für die Operation ihrer Tochter in Belgrad bezahlt. In Ungarn gab es vor ein paar Jahren noch keine zuverlässigen Privatkliniken, die sich professionell mit Geschlechtsumwandlung befasst hätten. Zuerst ließ sie seinen Namen und sein Geschlecht in der Geburtsurkunde ändern. Der bürokratische Kram war damals in Ungarn die einfachste Sache der Welt, sie bezahlte zehn Euro dafür und wurde für zwei Termine zu den Behörden bestellt. Sie fing an, Östrogene und Testosteronblocker zu nehmen. Ein paar Monate später, im Mai 2016, kam die sechsstündige Operation.

Unter jungen Queers ist das Risiko für lebensbedrohliche Verhaltensweisen insgesamt deutlich höher als bei Heterosexuellen. Am stärksten betroffen sind Transgender-Jugendliche (5,87-mal erhöhtes Risiko), gefolgt von bisexuellen (4,87-mal erhöht) und homosexuellen Jugendlichen (3,71-mal erhöht). So weit die Statistik 2019 in Deutschland.

Eine US-Studie von 2018 zeigt ebenfalls erschreckende Zahlen: Mehr als 50 Prozent der jungen Transmänner wollten bereits Suizid verüben. Das geht aus einer Untersuchung der University of Arizona in Tucson hervor, die 2018 im Fachmagazin Pediatrics veröffentlicht wurde. Die Forscher unter Führung des Psychologie-Professors Russell Toomey hatten dafür Daten von mehr als 120.000 jungen Teilnehmern der „Attitudes and Behavior“-Studie ausgewertet, die Verhaltensweisen, Einstellungen und Erfahrungen von SchülerInnen und Studierenden in den Vereinigten Staaten untersucht hatte. Unter nicht binären Transpersonen – also den Befragten, die sich weder als ausschließlich männlich noch als ausschließlich weiblich ansehen – hatten 41,8 Prozent mindestens einen Selbstmordversuch hinter sich. Adel Onodi war 2019 das erste transsexuelle Model auf dem Cover der ungarischen Elle.

Gleichzeitig erhielt sie auf Facebook Morddrohungen von einem Mann aus ihrem ungarischen Heimatdorf. Er drohte, wenn sie sich nicht aufhänge, würde er es für sie tun. Das hat sie motiviert, sich öffentlich für die Trans-Community einzusetzen. Im Jahr 2018 realisierte sie als Performerin ein Ein-Frau-Theaterstück mit dem Namen Dear Future Me. Darin thematisiert Adel Onodi die alltäglichen Kämpfe, denen Menschen wie sie von Kindheit an ausgesetzt sind.

„Aus meinem Penis wurde eine Vagina operiert, alles andere blieb, wie ich war, die Titten und so, das Gesicht blieb, mein Körper blieb unverändert. Vor der OP hatte ich Angst, aber ich las bewusst nicht nach und recherchierte nicht. Meine größte Angst war, keinen Orgasmus erleben zu können. Aber es geht zum Glück auf beide Weisen, sowohl vaginal als auch an der Klitoris. Es funktioniert.“ Als sie von ihrer OP erwachte, hatte sie das Gefühl, ausgeweidet worden zu sein. „Der erste Anblick war auch nicht besonders schön.“

Sie konnte sich danach lange nicht öffnen, neue Bekanntschaften schließen. Die Umwandlung war vollzogen, das neue Leben begann. Aber es bringt nicht, was Adel Onodi erwartet hatte. Sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch im Privatleben ist ihre Transsexualität ein Hindernis. Sie will ihren Traum, Schauspielerin zu werden, nicht aufgeben. Aber von Castingagenturen, sogar in Deutschland, kommt die Antwort, es gebe keine oder sehr geringe Nachfrage nach transsexuellen Schauspielerinnen. Sie sieht ein, in Ungarn kann sie nicht leben, weil sie sich da nicht durchsetzen kann, weil es in dieser konservativen und intoleranten Atmosphäre kaum möglich ist, als Künstlerin ernst genommen zu werden oder einen Partner zu finden.

Durch Premierminister Viktor Orbán kam es in den vergangenen Jahren zur Kriminalisierung von Minderheiten, Flüchtlingen, Obdachlosen, Roma und Sinti. Mit Orbáns Zweidrittelmehrheit im Parlament wurde im April 2020 ein neues Gesetz (§ 33) gegen Transsexuelle verabschiedet, von dem 30.000 ungarische Transsexuelle betroffen sind. Demnach dürfen der Name und das Geschlecht, die in der Geburtsurkunde stehen, nicht geändert werden. Das Gesetz verbietet also die Geschlechtsumwandlung selber nicht – so entsteht eine Situation, welche für die Transsexuellen noch demütigender und peinlicher ist. Sie werden mit männlichen oder weiblichen Namen, aber mit einem völlig abweichenden Äußeren vor Behörden und Passkontrollen stehen, was unwillkürlich zu weiteren unangenehmen und unwürdigen Fragestellungen führen wird: „Selber schuld, sie könnten normal werden, wenn sie wollten!“, so hämmert es in den Köpfen.

Wir sitzen auf der Wiese, inmitten von Berlin. Die offene und inspirierende Stadt lag nahe als Wahlheimat, auch weil Adel Onodis Mutter nach Deutschland gezogen war. Es war einfacher, hier ein Leben aufzubauen. Adel Onodi kam vor zwei Jahren für sechs Tage zu einer Bekannten und blieb. Sie lebte lange von Gelegenheitsjobs, war Hundesitterin und Babysitterin, dann Stipendiatin der Open Society. Im Moment entwickelt sie ihre erste Film-Idee. Es geht um eine unmögliche Beziehung zwischen einer Trans-Frau und einem heterosexuellen Mann. Die ist auch im realen Leben kompliziert. „Trans leben mit Transen oder mit Lesben oder Schwulen, aber nur sehr wenige leben in einer heterosexuellen Beziehung. Die meisten Menschen sehen nur die Oberfläche, die Tiefe interessiert sie nicht.“ Es erschreckt sie, weil es eine Selbstanalyse ihrerseits verlangen würde.

Sogar eine reine Sexbeziehung sei schwierig, sagt Adel Onodi. „Wenn du dich outest, ist es nicht gut, wenn du dich nicht outest, dann ist das ein Problem. Man kann nie das Richtige tun, das frisst meine Energie.“ Sie ist unsicher, ob man in einer sexuellen Beziehung alles erzählen sollte. Wenn sie ihre Partner einweihe, sagen die meisten am Anfang okay, aber sie erbitten Zeit, um nachzudenken. Oder sie beschweren sich, dass sie beim ersten Date nicht alles erzählt hat. „Viele Männer wollen es sofort ohne Kondom machen, nachdem sie erfahren, dass ich keine Gebärmutter und Eileiter habe, also nicht schwanger werden kann. Das finde ich armselig und es turnt mich wiederum ab.“

Nach der Umwandlung begehen viele Transsexuelle Selbstmord. „Die Gesellschaft kann mit uns nicht wirklich was anfangen“, postete Adel Onodi vor Kurzem auf Facebook. Zwei Bekannte von ihr hatten sich das Leben genommen. „Ich war neidisch auf sie, dass sie nicht mehr in dieser Welt leben sollten. Es war seltsam, das zu spüren.“ Die Gesellschaft helfe nicht bei der Integration, sagt sie.

Sie ist oft müde, hat einen langen Weg hinter sich. Abschiede, Neubeginn – und der große Traum hat sich als Illusion entpuppt: „Es gibt kein Happy End. Ich bin kein Schmetterling geworden“, sagt Adel Onodi.Es geht ihr mal gut, mal schlecht. Im Park war sie selbstbewusst, froh, wenig später scheint ihre Lebenslust wie weggeblasen. Sie gehe regelmäßig zur Therapie, um mit den Höhen und Tiefen leben zu können. Noch will sie das.

Hilfe bei akuten Krisen bietet jederzeit die Telefonseelsorge unter 0800 11 10 111 oder auf telefonseelsorge.de



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Von Veritatis

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