Das haben wir uns selbst eingebrockt. Und sitzen jetzt alle im selben Boot. Bald wörtlich. Wenn Polkappen und Gletscher schmelzen, heißt’s schwimmen. Selbst schuld, die Menschen. Aber wirklich alle Menschen? „Falsch“, sagt Andreas Malm. Diese Story, die auf den Namen „Anthropozän“ hört, verkennt etwas Entscheidendes. Dem hat der 43-jährige Schwede den 500-Seiten-Wälzer Fossil Capital. The Rise of Steam Power and the Roots of Global Warming (Verso 2016) gewidmet.

Fossil Capital war ein Versuch, zum Beginn unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zurückzugehen“, erzählt Malm. Die Dampfmaschine sei die erste Antriebsmaschine gewesen, die auf Kohle basierte. Malm untersuchte den am weitesten fortgeschrittenen Zweig der Ersten Industriellen Revolution, die Baumwollindustrie in Großbritannien. Seine Leitfrage: „Was waren die Motive für den Wechsel von der traditionellen Energiequelle, Wasserkraft, zu einer auf fossilen Brennstoffen basierenden Antriebsmaschine?“ Daran, dass Kohle billig oder Wasser knapp war, lag’s nicht. Der große Vorteil der Dampfmaschine, fand Malm heraus, bestand darin, dass sie überall aufgestellt werden konnte. Auch da also, wo es billige Arbeitskraft gab. Wassermühlen hatte man außerhalb der Städte errichten müssen. Dampfmaschinen waren perfekt für die städtische Fabrik. „Ich versuchte also, die Verlagerung auf fossile Brennstoffe in den Kontext der Klassenbeziehungen im Großbritannien des 19. Jahrhunderts zu stellen, was meiner Meinung nach bei Studien zu ihrem Aufstieg übersehen wurde.“

Alles neu macht der Mensch, aber nicht alle Menschen im gleichen Maße. Hier kommt das Anthropozän ins Spiel, dieses Kompositum aus altgriechisch ánthropos ‚Mensch‘ und καινός ‚neu‘. Die Vorstellung, dass wir in einem Erdzeitalter leben, in dem wir, als Spezies, zum wichtigsten Einfluss auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Vorgänge auf dem Planeten werden. Doch „diese Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen ist kein Ergebnis der natürlichen Evolution des Menschen“, weiß Malm. „Das war abhängig von ganz bestimmten Umständen in Zeit und Raum. Natürlich kam es zu einer Universalisierung dieses Modells in der ganzen Welt. Aber das hat nichts mit einer inhärenten Neigung der menschlichen Spezies zu tun.“ Die politische Konsequenz: „Wir können uns von fossilen Brennstoffen befreien, aber nur, wenn wir uns mit der sozialen Dynamik auseinandersetzen, die unsere Abhängigkeit von ihnen antreibt.“

Er sei nicht unbedingt gegen die Verwendung des Begriffs „Anthropozän“, sagt er. „Mein Problem ist die Erzählung, die besagt, dass der Mensch als Spezies dieses Durcheinander geschaffen habe. Weil sie die historischen Beweise nicht in Rechnung stellt. Es war nicht der Homo sapiens, der in großem Maßstab Kohle verbrannt hat. Das war ein historisches Produkt einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Ortes. Um es ein wenig krude auszudrücken: Es waren irgendwelche reichen weißen Männer in einer bestimmten Ecke der Welt, die dieses Produkt entwickelt haben und es dann erst mithilfe der Macht, die sie daraus gewannen, in aller Welt verbreiten konnten. Die Ausbreitung dieses Energiesystems geschah also nicht durch irgendeine Art natürlicher Anpassung, sondern wurde anderen Teilen der Menschheit aufgezwungen. Dass wir alle, einige sagen sogar: alle Menschen, die jemals gelebt haben, dazu beigetragen haben, ist völlig unvereinbar mit den historischen Beweisen. Heute noch sieht man unglaubliche Unterschiede zwischen Arm und Reich bei Energienutzung und Emissionen.“

Nicht alle leiden gleich

Grundlegend falsch also, dass wir uns das alle gemeinsam eingebrockt haben. Genauso falsch: zu sagen, dass wir alle in diesem Boot sitzen: „Die Geschichte des Anthropozän, insofern sie diesen Linien folgt, verschleiert die extremen Ungleichheiten innerhalb der menschlichen Spezies, sowohl was die Verursachung des Problems als auch was das Leiden daran betrifft.“ Malm hat den Begriff „Kapitalozän“ vorgeschlagen, ‚Erdzeitalter des Kapitals‘.

In Berlin haben wir uns verpasst. Eigentlich sollte er jetzt hier sein, als Gast am Humanities and Social Change Center an der Humboldt-Universität. Aber Malm ist nicht hier, nicht mehr, er ist Anfang Mai abgereist. Die Pandemie hatte auch den Universitätsbetrieb ins Internet verdrängt.

Andreas Malm,1977 im schwedischen Fässberg i Mölndal in der Nähe von Göteborg geboren, engagierte sich im „Syndikalistiska Ungdomsförbundet“, einer anarcho-syndikalistischen Jugendorganisation, die sich für die Unterstützung von unabhängigen Arbeitskämpfen starkmacht. Er arbeitete als Journalist, bevor er sich der Forschung und Lehre zuwandte. Malm ist promovierter Humanökologe an der Universität von Lund und lebt in Malmö. Im Frühjahr 2020 war er als Gastforscher der Plattform Kritische Theorie und vom Humanities and Social Change Center an der Humboldt-Universität in Berlin eingeladen. Auf Deutsch erscheinen im Herbst Klima|x und Wie man eine Pipeline in die Luft jagt, im Frühjahr die Übersetzung von The Progress of this Storm (Verso 2018) bei Matthes & Seitz Berlin.

Also sind wir auf Zoom, wie die deutsche, wie auch die schwedische universitäre Forschung und Lehre insgesamt, erzählt Malm, auf seiner Couch in Malmö, das lichte rote Haar leicht verstrubbelt, weit ausgeschnittenes T-Shirt, sieht aus, als hätte er das selbst mit der Schere so zugeschnitten. Auf dem ersten Porträtfoto, das man von ihm im Netz findet, sieht er aus wie ein Fußballspieler kurz vor der Hymne. Der, der mich da jetzt aus dem Computerbildschirm anschaut, könnte auch in einer Folkpunkband aus den 90ern spielen. Nein, unterrichten muss er dieses Semester nicht, wegen des Gastaufenthalts in Berlin, den Covid-19 ins Wasser hat fallen lassen, ein bisschen Betreuung für Studierende fällt an, aber das geht auch online.

Malms Arbeitgeber ist das „Institutionen för kulturgeografi och ekonomisk geografi“ an der Universität von Lund in Schwedens südlichster Provinz Skåne län, wo auch Malmö liegt. Kultur- und Wirtschaftsgeografie also, aber Geograf ist Malm nicht. Es hat sich nur so ergeben, dass er an einem Geografieinstitut forscht und lehrt, das eine Abteilung für Humanökologie hat, zu der auch er gehört. Promoviert hat er in dieser „eigenartigen Wissenschaft, die eigentlich nirgendwo sonst existiert, oder zumindest nur an einigen wenigen Orten“.

Was er vor allem betreibe, sei Umweltgeschichte. Wie eben in Fossil Capital. Die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi nennt ihn eine prominente Stimme eines erneuerten ökologischen Marxismus. Er sei ein kritischer Realist, sagt Malm. Gegen die Vorstellung, dass alles auf der Welt erst dann existiert, wenn der Mensch sich einen Begriff davon gemacht hat, hat er ein ganzes Buch geschrieben: The Progress of this Storm. Nature and Society in a Warming World (Verso 2018). Natur, das ist Malm wichtig, ist etwas anderes als Gesellschaft. Umwelt, Klima, all das gibt es ohne Menschen. Was aber keinesfalls heißt, dass es da nichts gibt, was sich ohne den Menschen nicht ganz anders darstellen würde: Der Klimawandel ist in überwältigenden Teilen Produkt menschlichen Handelns. Und Versagens. Was auch heißt, dass der Mensch diesen Prozess verändern kann.

Auch deshalb ist Malm Teil eines Forschungsprojekts zum Solar Radiation Management, also zum Strahlungsmanagement, das dafür sorgen könnte, die Erderwärmung lokal und künstlich zumindest zeitweise zu stoppen. Ein Bereich, den viele Linke meiden wie der Teufel das Weihwasser. Aus Gründen, die auch Malm teilt. Unvorhersehbare Nebeneffekte. Und weil es sich dabei um reine Symptombekämpfung handelt. Doch kommt es zum Schlimmsten, dann ist das eine Option für kurzzeitige Linderung, meint Malm. Die sich mit einer radikalen Abkehr von fossilen Brennstoffen verbinden muss.

Das erinnert mich an Reaktionen auf die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung. Sobald die gegriffen hätten, hätten viele gedacht, wir könnten nun wieder weitermachen wie bisher. Die Gefahr sei ja gebannt. Ganz energisches Nicken jetzt in Malmö, man vergesse, dass diese Pandemie, das ist Thema von Malms neuestem Buch Corona, Climate, Chronic Emergency, nicht denkbar wäre ohne Klimawandel. Die Erhitzung des Planeten vertreibt immer mehr Tierarten aus ihren ursprünglichen Umwelten, Fledermäuse etwa, die als eine Quelle für die Übertragung des Covid-19-Erregers auf den Menschen gehandelt werden. Die kommen erst so in Kontakt mit Menschen und können Krankheiten übertragen. Zoonose nennt sich das, die Übertragung von Kranheiten von Wirbeltieren auf den Menschen. Und vice versa. Wenn wir diese Entwicklung nicht aufhalten, war Covid-19 nur der Anfang, und Pandemie wird auf Pandemie folgen. „Flattening the curve“ ist Symptombehandlung. Indem die Einhegung der Pandemie aber als Lösung des Problems verstanden wird, bleibt der Zusammenhang zwischen menschengemachtem Klimawandel und Pandemie unsichtbar.

Corona stoppt die Rechten

Verheerend, denn der Höhenflug derer, die darauf aufmerksam machen könnten, ist von ebenjener Pandemie jäh gestoppt worden. Er habe sich auf die Teilnahme an Umweltaktionen in Deutschland gefreut, sagt Malm. Versteht er sich noch als Aktivist? Früher war er Teil einer anarcho-syndikalistischen Gruppierung, später engagierte sich Malm in der Bewegung für Klimagerechtigkeit. „Ich kann nicht mehr für mich beanspruchen, Aktivist zu sein. Ich mache keine organisierten Sachen, bin in diesem Sinne nicht aktiv. Ich nehme zwar ab und zu an Aktionen zum Klimawandel teil, wenn ich die Möglichkeit dazu habe, wie bei Ende Gelände und ähnlichen Aktionen in Europa, aber es wäre vermessen, mich als Aktivisten zu bezeichnen“, sagt er.

Der Punk in mir, sage ich, wird instinktiv skeptisch, wenn sich die Linke auf die Seite der Macht stellt, etwa Angela Merkel für ihr Pandemie-Notfallmanagement lobt. Da müsse doch was faul sein. Komische Bemerkung eigentlich, denn wer sieht hier eher nach Punk aus? Der nickt aber wieder, erzählt, dass die Linke in Schweden sich an das ganz andere Notfallmanagement dort angelehnt hätte, nur die Rechte hätte schärfere Maßnahmen gefordert. Eigenartig auch, dass das „liberale“ schwedische Modell zum feuchten Traum rechter US-Amerikaner werden konnte, die den Lockdown eher heute als morgen loswerden wollen. Verkehrte Welt. Zwar verliert die Rechte in Deutschland wie in Schweden in Umfragen. Die Pandemie hat aber auch die zum Schweigen gebracht, die man jetzt so sehr bräuchte. Extinction Rebellion, Ende Gelände zum Beispiel, sagt Malm. Weshalb er die Black-Lives-Matter-Proteste in den USA begrüßt. Die wären ohne Pandemie wahrscheinlich noch größer gewesen, aber immerhin hätten sie die Leute zurück auf die Straße gebracht. Öffentliche physische Präsenz sei die Grundlage für den politischen Kampf. Sagt Andreas Malm hier auf Zoom. Und hat wahrscheinlich recht.



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Von Veritatis

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