Jetzt kommen wieder die bekannten Bilder. Das Technische Hilfswerk packt seine Koffer. Die Sprecherin betont die große Expertise ihrer Leute im Auffinden von Verschütteten. Experten aus anderen europäischen Ländern werden auch noch kommen. Die Bundeswehr bietet ein Feldlazarett an und die Hilfsorganisationen bitten um Spenden für Notfallhilfe.

Diese Art von technischem Humanitarismus hat etwas ungeheuer Einleuchtendes und Beruhigendes. Er hat aber einen Haken. Denn er suggeriert, dass Hilfe von außen die Katastrophe vor Ort lösen könnte und missachtet die Tatsache, dass die erste Hilfe vor allen Dingen Selbsthilfe vor Ort ist. So auch im Libanon. Schon dieser mediale Einstieg stellt ein Verhältnis her, das an tradierte koloniale Sprechweisen erinnert, in denen die Kolonisatoren den „Wilden“ die Zivilisation brachten. Wenn es nicht gelingt, diese Betrachtungsweise, die von „Wir – die Helfenden“ und „Sie – die hilflosen Opfer“ spricht, zu überwinden, endet die absolut notwendig Unterstützung, Solidarität und Hilfe von außen in einer Absicherung der bestehenden katastrophalen Situation.

Verstörend ist in diesem Kontext der Besuch von Frankreichs Präsident Emanuel Macron, der von einer Petition von Libanes*innen begleitet wird, die fordern, Frankreich solle den Libanon übernehmen. Der Präsident der ehemaligen Kolonialmacht forderte in der Kurzvisite grundlegende Veränderungen im Libanon ein und verwies auf den Internationalen Währungsfonds und dessen „Reform“-Vorschläge. Während er durch die Menge lief, riefen Demonstranten „Alle meint Alle“ – die Losung der libanesischen Demonstrationen im letzten Jahr. Sie fordern die Abschaffung der gesamten politischen Klasse, deren Herrschaft und ihr Versagen eine lange Vorgeschichte hat, aus der sich Europa, das nun helfen will, nicht herausstehlen kann.

Spielfeld und Projektionsfläche

Der Libanon, der seit dem Ende des Osmanischen Reiches vor allen Dingen als Brückenkopf der Kolonialmächte in den Nahen Osten betrachtet wurde, ist Spielfeld und Projektionsfläche der internationalen Akteur*innen, die mit dem Ende des Kalten Krieges nicht weniger geworden sind. Die Befürchtungen, dass die Hilfsangebote aus Frankreich, Deutschland und der Europäischen Union, den Vereinigten Emiraten, dem Iran und Israel nicht so altruistisch sind, wie sie klingen, sind da mehr als angebracht.

Das System Libanon, sein Staatsversagen und sein klientelistisch-religiöse aufgesplitterte Verwaltung und Politik, die unfähig ist für ein Gemeinwohl aller zu sorgen, ist ohne die internationalen Einflüsse, die ihre jeweiliges Klientel gezielt fördern, nicht zu denken und zu erklären. Jede internationale staatliche Hilfe hat eine eigene politische Agenda, die sich den Floskeln der Humanität bedient. Wenn die alte Kolonialmacht Frankreich mit Präsident Macron als erstes im Libanon aufschlägt und strukturelle Veränderungen verlangt, lässt das wenig hoffen und viel fürchten. Es ist ein Wettrennen um politische Einflussnahme und Vormachtstellung, das jetzt über das Vehikel der Nothilfe stattfindet.

Bei allen guten Ankündigungen besteht das vornehmliche Ziel darin, den Libanon – angesichts der unsicheren Lage der gesamten Region – zu stabilisieren. Diese eher hilflose Versuch den Status Quo zu Wahren will verhindern, dass sich Flüchtlinge von dort nach Europa aufmachen, dass der Einfluss des Iranszu groß wird, dass die Banken wieder funktionieren und man die Hölle der Armut, zu der große Teile des Libanons geworden sind, nicht allzu offensichtlich sieht.

Eine solche interessensgeleiteter Hilfe ist Teil der Katastrophenursache und nicht Teil ihrer Lösung sein. Wenn Macron so tut, als wisse er, wie die schwierige Lage im Libanon zu lösen ist, dann verbirgt sich dahinter nur die Fixierung auf alte Rezepte und die Hoffnung auf schnelle Ergebnisse, die sich, wie das aus anderen humanitären Krisen schon bekannt ist, im Nachhinein als fatale Konzepte neoliberaler Provinienz erweisen.

Die Zivilgesellschaft ist die Lösung

Gerade in heutigen Zeiten, da postkoloniale Diskurse zum guten Ton gehören, muss sich auch im Katastrophenfall die Blickrichtung der Hilfe, der Spender*innen und Geber*innen ändern. Wir können uns nicht als die Akteur*innen inszenieren, sondern müssen die Ressourcen der libanesischen Bevölkerung in dieser Katastrophe in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung und unserer Unterstützung rücken.

Nicht Emanuel Macron weiß, worin die strukturellen Ursachen liegen, sondern ein Viertel der libanesischen Bevölkerung, die letztes Jahr jenseits von religiöser Zuschreibung für einen demokratischen Libanon all seiner Bewohnerinnen und Bewohner demonstrierten. Jetzt bilden sie die informellen Räumkommandos, weil sie in die gegebene staatliche Nichtstruktur kein Vertrauen haben. „Wir sind hier, die Revolutionäre, und kümmern uns – was eigentlich der Staat machen müsste. Wir räumen auf und bringen Betroffenen zu essen und zu trinken. Wir übernehmen die Rolle des Staates und tun das Beste, um den Menschen zu helfen”, sagte Rana Maqdaz gegenüber der ARD. Diese starke Zivilgesellschaft, die Künstler*innen des Landes, die in ihren Werken längst begonnen haben, die Bürgerkriegstraumata aufzuarbeiten und in eine Kraft der Selbstbehauptung und der Emanzipation umzuwandeln, die Selbstorganisationen der Flüchtlingshilfe und Migrant*innen – sie alle sind jetzt die Kräfte, die an runde Tische gehören, die die Mittelvergabe überwachen sollten und die an der Aufarbeitung der tatsächlichen Ursachen für diese Katastrophe beteiligt werden müssen.

Das aber ist kein Programm von wenigen Wochen des Schuttwegräumens. Ein Libanon mit einer funktionierenden öffentlichen und sozialen Infrastruktur ist möglich, weil eine politische Bewegung dafür vorhanden ist. Dieser Horizont verlangt ein anderes politisches Denken, das nicht mehr Containment und Stabilität als Eckpfeiler hat, die nur den Status Quo der Untragbarkeit sichern. Ein Denken zudem, das mit Katastrophe geradezu sinnbildlich in Flammen aufgegangen ist.

Die Libanes*innen brauchen finanzielle Unterstützung, Hilfe und Solidarität. Aber es wird sich nur grundlegend etwas ändern, wenn sie die zentralen Akteur*innen eines Veränderungsprozesses werden, dessen Ausgang offen ist. Das ist es, was europäischer Politiker*innen auch eingedenk der eigenen kolonialen Geschichte mit aller Gründlichkeit endlich lernen müssen und was uns als Zuschauer*innen mit schlechtem Gewissen ebenfalls zwingt, nicht unsere Hilfe zu feiern, sondern die handelnden Bewohner*innen eines Landes und einer Stadt, die die Sängerin Fairuz so besang: „Du bist Wein aus der Seele des Volkes, Brot und Jasmin aus dem Schweiß des Volkes, wie wurde dein Geschmack nur zu Feuer und Rauch?“

Katja Maurer arbeitet für medico international . Dort verantwortet sie unter anderem das medico-Rundschreiben. Sie arbeitet außerdem als Autorin. Zuletzt erschien Haitianische Renaissance: Der lange Kampf um postkoloniale Emanzipation (Brandes & Apsel)



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Von Veritatis

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