Spontan im Schwimmbad abtauchen, das kann gerade niemand. In Zeiten von Corona werden Termine online vergeben und online bezahlt. „Smartphone-Apps sind so praktisch!“ oder „PayPal, so easy, man muss nicht mal die Kreditkarte aus dem Portemonnaie holen, um die Prüfnummer zu suchen“, so können nur jene reden, für die das eine Selbstverständlichkeit ist. Die natürlich ein Smartphone und eine Kreditkarte besitzen. Deren Schufa-Auskunft keine Geschichte aus ihrem Leben erzählt und die noch nie Bargeld zusammenkratzen mussten, um die Kinder ins Freibad schicken zu können.

An kaum einem Ort offenbaren sich die Klassenunterschiede in Zeiten von Corona derzeit deutlicher als im Freibad. Eigentlich müssten sie bis zum letzten möglichen, wenn auch pandemiebedingt beschränkten Platz gefüllt sein, denn viele verreisen in den Sommerferien dieses Jahr nicht – und doch ist es leer. Es fehlen jene, für die das neue Corona-Bezahlsystem ausgrenzend wirkt: den Schwimmbadbesuch eine Woche vorplanen, online buchen, bargeldlos mit Kreditkarte, PayPal oder Giropay bezahlen. Das ist nicht immer eine reine Frage des Geldbeutels, sondern auch eine des Lebensstils: Wer ist es gewohnt, Termine so weit im Voraus zu planen?

Auftraggeber des PayPal-Freibad-Vergnügens sind die Kommunen. Sie finanzieren damit ein Online-Bezahlsystem mit, das von dem Investor Peter Thiel mitgegründet wurde, zusammen mit dem in Brandenburg gerade omnipräsenten Tesla-Chef Elon Musk. Der Milliardär Thiel, der in den USA die Republikaner unterstützt, steht für einen rechts-libertären Kurs. 2002 verkaufte er das Unternehmen an eBay. Auch ohne Thiel an der Spitze fließt hier einiges – PayPal verlangt hohe Bearbeitungsgebühren – ins Silicon Valley. Geld, das man in vielen Kommunen bestimmt gut gebrauchen könnte.

Verbraucherschützer warnen zudem seit Jahren vor PayPal, weil es wie ein Bankhaus handelt, aber noch weniger regulierbar ist. Rechtliche Streitereien sind mit PayPal schwerer zu regeln als mit der Sparkasse. Und dennoch bieten etwa die Berliner Bäderbetriebe unter dem rot-rot-grünen Senat neben Giropay weiter PayPal an – ein Senat, der seit Beginn der Regierungszeit von Datensouveränität spricht.

Bis vor kurzem galt das Freibad als eines der letzten Soziotope, in denen sich Alte und Junge, Arme und Reiche begegnen – und als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Unter Corona wird der Schwimmbadbesuch zum Online-Shopping, ausgrenzend und undurchsichtig. Nein, dieses Tool ist nichts für den öffentlichen Swimmingpool.

Paypal und Kreditkarte statt Scheine und Münzen? Warum das die Armen besonders trifft, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Freitag (32/20) – in unserem Wochenthema rund um das Bargeld



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Von Veritatis

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