Das grundlegende Gefühl | Rubikon

Das grundlegende Gefühl | Rubikon


Von der Furcht als emotionale Befindlichkeit hat Heidegger in Paragraph 30 von „Sein und Zeit“ eine exemplarische Abhandlung gegeben. Sie lässt sich nur verstehen, wenn wir nicht vergessen, dass das Dasein (das ist der Terminus, der (Anm. d. Übers.: bei Heidegger) die menschliche Existenzweise bezeichnet) immer schon in einer emotionalen Befindlichkeit vorfindlich ist, die seine ursprüngliche Weltoffenheit ausmacht.

Gerade weil in der emotionalen Situation der ursprüngliche Weltzugang zur Diskussion steht, geht sie dem Bewusstsein immer schon voraus, und letzteres kann folglich weder darüber verfügen noch glauben, sie nach seinem Belieben beherrschen zu können.

Die emotionale Befindlichkeit ist tatsächlich nicht mit irgendeinem psychischen Zustand zu verwechseln, sondern hat die ontologische Bedeutung einer Erschlossenheit, die den Menschen in seinem Dasein immer schon offen für die Welt gemacht hat und von der aus einzig Erlebnisse, Betroffenheit und Erkenntnisse möglich sind. Die „Reflexion (kann) nur deshalb ‚Erlebnisse‘ vorfinden (…), weil das Da in der Befindlichkeit schon erschlossen ist“. Sie befällt uns, aber „(s)ie kommt weder von Außen noch von Innen, sondern steigt als Weise des In-der-Welt-seins aus diesem selbst auf“.

Andererseits impliziert diese Erschlossenheit nicht, dass das, gegen das hin sie öffnet, als solches erkannt wird. Im Gegenteil manifestiert sie nur eine nackte Faktizität:

„Das pure ‚dass es ist‘ zeigt sich, das Woher und Wohin bleiben im Dunkel.“

Deshalb kann Heidegger sagen, dass die Befindlichkeit das Dasein im „Geworfensein“ und „Ausgeliefertsein“ zum eigenen „Da“ hin öffne. Die Erschlossenheit, die in der Befindlichkeit vorfindlich ist, hat also die Form eines Seins, das an etwas überlassen ist, das nicht annehmbar ist und dem man — ohne Erfolg — zu entkommen versucht.

Das offenbart sich in der Verstimmung, in der Langeweile und in der Depression, die, wie jede Stimmung, das Dasein „ursprünglicher als jede Selbstwahrnehmung“ erschließen, aber auch „hartnäckiger als jedes Nicht-wahrnehmen“ verschließen. So wird „das Dasein ihm selbst gegenüber blind, die besorgte Umwelt verschleiert sich, die Umsicht des Besorgens wird missleitet“; und dennoch ist auch hier das Dasein ausgeliefert an eine Erschlossenheit, von der sie sich auf keine Weise befreien kann.

Vor dem Hintergrund dieser Ontologie der Stimmungen muss die Abhandlung über die Furcht gesehen werden. Heidegger beginnt mit der Untersuchung dreier Aspekte des Phänomens: des „Wovor“ der Furcht, des „Fürchten(s) selbst“ und des „Worum“ der Furcht. Das „Wovor“, das Objekt der Furcht, ist immer ein innerweltlich Seiendes. Das, was erschreckt ist immer — was auch seine Natur sein mag — etwas, das sich in der Welt darbietet und das als solches den Charakter des Bedrohlichen und des Abträglichen aufweist. Dies ist mehr oder minder bekannt, „mit dem es nicht ‚geheuer‘ ist“, und was auch die Entfernung sei, aus der es naht, es situiert sich in einer bestimmten Nähe.

„Das Abträgliche ist als Drohendes noch nicht in beherrschbarer Nähe, aber es naht. In solchem Herannahen strahlt die Abträglichkeit aus und hat darin den Charakter des Drohens. (…) Als Herannahendes in der Nähe aber ist das Abträgliche drohend, es kann treffen und doch nicht. Im Herannahen steigert sich dieses ‚es kann und am Ende doch nicht‘. (…) das Abträgliche als Nahendes in der Nähe trägt die enthüllte Möglichkeit des Ausbleibens und Vorbeigehens bei sich, was das Fürchten nicht mindert und auslöscht, sondern ausbildet“ (S. 140f., Anm. d. Übers.: Die Seitenzahlen gelten für die italienische Übersetzung von Heideggers „Sein und Zeit“ durch Pietro Chiodi ebenso wie für die deutschen Ausgabe aus dem Max Niemeyer Verlag).

(Dieser Charakter sozusagen einer „gewissen Ungewissheit“ der Furcht offenbart sich auch in der Definition Spinozas: eine „unbeständige Unlust“, bei der man „über den Ausgang einer Sache, die (man) hasst, zweifelt“).

Hinsichtlich des zweiten Charakteristikums der Furcht, des „Fürchten(s) selbst“ präzisiert Heidegger, dass nicht zuerst rational ein zukünftiges Übel vorhergesehen wird, das dann, in einem zweiten Schritt, gefürchtet würde: das Ding, das naht, wird vielmehr von Anfang an in seiner Furchtbarkeit entdeckt.

„Und fürchtend kann dann die Furcht sich, ausdrücklich hinsehend, das Furchtbare ‚klarmachen‘. Die Umsicht sieht das Furchtbare, weil sie in der Befindlichkeit der Furcht ist. Das Fürchten als schlummernde Möglichkeit des befindlichen In-der-Welt-seins, die ‚Furchtsamkeit‘, hat die Welt schon darauf hin erschlossen, dass aus ihr so etwas Furchtbares nahen kann“ (S. 141).

Die Furchtsamkeit als ursprüngliche Erschlossenheit des Daseins, geht stets jeder bestimmbaren Furcht voraus.

Hinsichtlich schließlich des „Worum“, des „um wen und um was“ die Furcht fürchtet, ist es immer das Seiende selbst, das sich fürchtet, das Dasein, dieser bestimmte Mensch.

„Nur Seiendes, dem es in seinem Sein um dieses selbst geht, kann sich fürchten. Das Fürchten erschließt dieses Seiende in seiner Gefährdung, in der Überlassenheit an es selbst“ (ebenda).

Die Tatsache, dass man gelegentlich Furcht um das eigene Haus empfindet, um die eigenen Güter oder um die anderen, ist kein Einwand gegen diese Diagnose: Man kann sagen, man „fürchte“ um einen anderen, ohne deshalb wirklich zu erschrecken, und wenn wir wirklich Furcht empfinden, so um uns selbst, insofern, als wir fürchten, dass der andere uns entrissen werde.

Die Furcht ist in diesem Sinne ein fundamentaler Modus der Befindlichkeit, der den Menschen in seinem immer schon ausgesetzten und bedrohten Sein öffnet. Diese Bedrohung tritt natürlich in verschiedenem Grade und Maße auf: wenn etwas Bedrohliches, was vor uns steht mit seinem „zwar noch nicht, aber jeden Augenblick“, plötzlich auf dieses Sein hereinstürzt, wird die Furcht zu Erschrecken; wenn das Bedrohliche noch nicht bekannt ist, sondern den Charakter tiefster Fremdheit hat, wird die Furcht zu Grauen. Wenn es in sich diese beiden Aspekte vereinigt, dann wird die Furcht zu Entsetzen. Auf jeden Fall zeigen all die verschiedenen Formen dieser Gestimmtheit, dass der Mensch in seiner Weltoffenheit konstitutiv „verängstigt“ (Anm. d. Übers.: Hier unterscheidet die deutsche Sprache nicht hinreichend: Es geht um den Zustand der Furcht, nicht der Angst).

Die einzige andere Gestimmtheit, die Heidegger in „Sein und Zeit“ untersucht, ist die Angst und es ist die Angst — und nicht die Furcht —, der der Rang einer fundamentalen Gestimmtheit zugeschrieben wird. Und dennoch kann Heidegger deren Natur gerade im Verhältnis zur Furcht definieren, indem er „das, wovor die Angst sich ängstet, von dem“ unterscheidet „wovor die Furcht sich fürchtet“ (S. 186). Während die Furcht es immer mit einem Etwas zu tun hat, ist „(d)as Wovor der Angst (…) kein innerweltlich Seiendes“.

Nicht nur hat die Bedrohung, die hier entsteht, nicht den Charakter eines möglichen Schadens durch eine bedrohliche Sache, „(d)as Wovor der Angst ist“ vielmehr „völlig unbestimmt. Diese Unbestimmtheit lässt nicht nur faktisch unentschieden, welches innerweltliche Seiende droht, sondern besagt, dass überhaupt das innerweltlich Seiende nicht ‚relevant‘ ist“ (ebenda). Das „Wovor“ der Angst ist kein Seiendes, sondern die Welt als solche. Die Angst ist also die ursprüngliche Erschlossenheit der Welt als Welt (S. 187) und „nur weil die Angst latent das In-der-Welt-sein immer schon bestimmt, kann dieses als besorgend-befindliches Sein bei der ‚Welt‘ sich fürchten. Furcht ist an die ‚Welt‘ verfallene, uneigentliche und ihr selbst als solche verborgene Angst“ (S. 189).

Es ist nicht zu Unrecht angemerkt worden, dass das Primat der Angst vor der Furcht, das Heidegger konstatiert, leicht umgekehrt werden kann: anstatt die Furcht als eine verminderte und an ein Objekt verfallene Angst zu definieren, lässt sich die Angst gleichermaßen legitim als eine ihres Objekts beraubte Furcht definieren. Wenn man der Furcht ihr Objekt nimmt, verwandelt sich diese in Angst. In diesem Sinne wäre dann die Furcht die fundamentale Gestimmtheit, in welche zu fallen der Mensch schon immer in Gefahr ist. Daher ihre essentielle politische Bedeutung, die sie zu dem macht, worin die Macht, wenigstens seit Hobbes, ihr Fundament und ihre Rechtfertigung gesucht hat.

Versuchen wir, Heideggers Analyse anzuwenden und ihr zu folgen. Bedeutsam aus der Perspektive, die uns hier interessiert, ist, dass sich die Furcht immer auf ein „Ding“, auf ein innerweltlich Seiendes bezieht (im gegenwärtigen Fall, auf das kleinste aller Dinge, ein Virus). Innerweltlich bedeutet, dass es jede Beziehung zur Erschlossenheit der Welt verloren hat und faktisch und erbarmungslos existiert, ohne jede mögliche Transzendenz. Wenn die Struktur des In-der-Welt-seins für Heidegger eine Transzendenz und eine Erschlossenheit impliziert, so ist es genau diese Transzendenz, die das Dasein an die Sphäre der Dinglichkeit ausliefert. In-der-Welt-sein bedeutet tatsächlich als gleichursprünglich zwischen die Dinge zurückgestellt zu sein, welche die Erschlossenheit der Welt entdeckt und erscheinen lässt. Während das Tier, das nicht über Welt verfügt, ein Objekt nicht als Objekt wahrnehmen kann, kann der Mensch, insofern er sich der Welt öffnet, ohne Entrinnen eines Dings als Dings zugeordnet werden.

Daher die ursprüngliche Möglichkeit der Furcht: Sie ist die Gestimmtheit, die sich erschließt, wenn der den Nexus zwischen der Welt und den Dingen verlierende Mensch sich unerbittlich an das innerweltlich Seiende ausgeliefert findet und seiner Beziehung zu einem „Ding“, das bedrohlich wird, nicht auf den Grund gehen kann.

Ist seine Beziehung zur Welt einmal verloren gegangen, ist das „Ding“ an sich furchteinflößend. Die Furcht ist die Dimension, in die die Menschheit fällt, wenn sie sich als einer Dinglichkeit ohne Entrinnen verschrieben vorfindet, wie dies in der Moderne geschieht.

Das erschreckende Seiende, das „Ding“, das in den Horrorfilmen die Menschen anfällt und bedroht, ist in diesem Sinne nur eine Inkarnation dieser nicht greifbaren Dinglichkeit.

Daher auch das Ohnmachtsgefühl, das die Furcht auszeichnet. Wer Furcht empfindet, versucht sich in jeder Weise und mit jedem erdenklichen Trick vor dem Ding zu schützen, das ihn bedroht — zum Beispiel durch das Tragen einer Maske oder indem er sich zuhause einschließt —, aber das beruhigt ihn in keiner Weise, wodurch er seine Ohnmacht, sich dem „Ding“ entgegenzustellen, noch offensichtlicher und beständiger erscheinen lässt. In diesem Sinne lässt sich die Furcht als das Gegenteil des Willens zur Macht definieren: Das wesentliche Charakteristikum der Furcht ist ein Wille zur Ohnmacht, das Ohnmächtig-sein-Wollen angesichts der Sache, die Furcht einflößt.

Analog kann man sich, um sich zu beruhigen, jemandem anvertrauen, dem man eine gewisse Autorität in der Angelegenheit zutraut — zum Beispiel einem Arzt oder Zivilschutzbeamten —, doch beseitigt dies in keiner Weise das Gefühl der Unsicherheit, das die Furcht begleitet, die ja konstitutiv ein Wille zur Unsicherheit, ein Unsicher-sein-Wollen ist. Und das trifft in einem solchen Maße zu, dass die selben Menschen, die beruhigen sollten, stattdessen die Unsicherheit nähren und nicht müde werden, im Interesse der Furchterfüllten, daran zu erinnern, dass das, was Furcht einflößt, niemals ein für allemal besiegt und ausgelöscht sein kann.

Wie kann man diese fundamentale Gestimmtheit, in die der Mensch konstitutiv immer im Begriff ist zu stürzen, ergründen? Von dem Moment an, in dem die Furcht dem Bewusstsein und der Reflexion vorausgeht und sie vorherbestimmt, ist es nutzlos, den Verängstigten mit Beweisen und rationalen Argumenten überzeugen zu wollen: Die Furcht ist zuallererst die Unmöglichkeit, zu einer Schlussfolgerung zu kommen, die uns nicht diese Furcht eingeflüstert hätte.

Wie Heidegger schreibt: Die Furcht „verwirrt und macht kopflos“ (S. 141). So konnte man sehen, wie angesichts der Epidemie die Veröffentlichung von Daten und Meinungen, die gewiss aus zuverlässigen Quellen stammten, systematisch ignoriert und unterschlagen wurde,zugunsten anderer Daten und Meinungen, die sich nicht einmal als wissenschaftlich zuverlässig erwiesen.

Wegen des ursprünglichen Charakters der Furcht ließe sie sich nur ergründen, wenn es möglich wäre, Zugang zu einer gleichermaßen ursprünglichen Dimension zu erlangen. Eine solche Dimension existiert und ist die Erschlossenheit der Welt selbst, in der allein die Dinge erscheinen und uns bedrohen können.

Die Dinge werden schrecklich, weil wir ihre Mitzugehörigkeit zu der Welt vergessen, die sie transzendiert und gleichzeitig gegenwärtig macht.

Die einzige Möglichkeit, das „Ding“ von der Furcht zu scheiden, von der sie untrennbar zu sein scheint, ist, sich an die Erschlossenheit zu erinnern, in welcher sie immer schon entlarvt und enthüllt ist. Nicht die Argumentation, sondern die Erinnerung — das Erinnern unserer selbst und unseres Seins in der Welt — kann uns den Zugang zu einer Dinglichkeit frei von Furcht zurückgeben. Das „Ding“, das mir Furcht einflößt, ist, insofern es für den Blick sichtbar ist, wie all die anderen innerweltlich Seienden — wie dieser Baum, dieser Bach, dieser Mensch — erschlossen in seiner reinen Existenz. Nur weil ich in der Welt bin, können die Dinge mir erscheinen und mir schließlich Furcht einflößen. Sie sind Teil meines In-der-Welt-seins und dies — und nicht eine abstrakt getrennte und zu Unrecht zur Herrscherin erhobene Dinglichkeit — diktiert die ethischen und politischen Regeln meines Handelns.

Gewiss, der Baum kann brechen und auf mich fallen, der Bach kann über die Ufer treten und das Dorf überfluten und dieser Mensch kann mich unversehens schlagen: wenn diese Möglichkeit sich plötzlich realisiert, legt eine gerechtfertigte Furcht die angemessenen Maßnahmen nahe, ohne der Panik zu verfallen und den Kopf zu verlieren und dadurch zuzulassen, dass andere ihre Macht auf meiner Furcht gründen und, indem sie die Notlage in eine stabile Normalität verwandeln, willkürlich entscheiden, was ich tun kann und was nicht, und die Regeln, die meine Freiheit garantierten, auslöschen.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien mit dem Titel „Che cos’è la paura?“ auf Quodlibet.



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