Eine Frikadelle von einem Schwein essen, das immer noch fröhlich auf der Wiese grunzt? Was paradox klingt, wird wahr, wenn „Kulturfleisch“ an die Fleischertheke kommt. Das deutsche Unternehmen „Innocent Meat“ will auf diesem Markt mitmischen – in Bio-Qualität.

Es trägt viele Namen: Kulturfleisch, Kunstfleisch, Laborfleisch, Retortenfleisch oder „Clean Meat“. Aber egal, wie man es gerade nennt, im Kern geht es dabei immer um Fleisch, das aus einzelnen Zellen unter laborähnlichen Bedingungen heranwächst und für das – wenn die Produktion funktioniert – künftig vielleicht keine Tiere mehr sterben müssen.

Seit 2013 das erste Hamburgerpatty aus dem Labor erzeugt wurde, ist Kulturfleisch im Kommen und gibt das Versprechen ab, dass die Fleischproduktion der Zukunft darauf umgestellt werden wird. Das Argument: Neben dem Verzicht auf die Tötung von Tieren soll die Produktion auch umweltfreundlicher sein, im Vergleich zu gigantischen Weideflächen nur ein Prozent der Landnutzung beanspruchen, entsprechend auch viel weniger Wasser verbrauchen und mit einem deutlich geringeren Ausstoß von Treibhausgasen verbunden sein.

Kulturfleisch nach EU-Standards

Da das alles sehr positiv klingt und zum Zeitgeist passt, nimmt auch die Zahl der Unternehmen zu, die sich der Erzeugung dieses Fleisches verschrieben haben. Aus demselben Grund unterstützen auch Fleischgiganten wie Wiesenhof oder KFC solche Entwicklungen. Ein sehr junges und zugleich das erste deutsche Unternehmen in diesem Bereich nennt sich „Innocent Meat“, was so viel wie „Unschuldiges Fleisch“ bedeutet. Im Gegensatz zu den großen US-Konkurrenten wie Memphis Meat, in die auch Bill Gates investiert, und bei denen auch Gentechnik zum Einsatz kommt, sollen hier aber EU-Standards berücksichtigt werden, und das Fleisch soll über Bio-Qualität verfügen.

Kein Wunder, denn die studierte Wirtschaftsinformatikerin Laura Gertenbach betreibt ein Bio-Fleischgeschäft und kommt aus einer Landwirtsfamilie. Als solche sieht sie bei weiterem Wachstum der Menschheit künftig Probleme bei der Versorgung kommen, die mit herkömmlicher Landwirtschaft nicht mehr gestemmt werden. „Innocent Meat will Technologien entwickeln, um Fleischherstellern oder Lebensmittelherstellern die Produktion von „Clean Meat“ zu ermöglichen“, erklärt sie im Sputnik-Interview.

Elektrostimulation: Auch Laborfleisch braucht Auslauf

Die Idee klingt einfach: Einem Wirtstier – im Fall von „Innocent Meat“ zunächst dem Schwein – Zellen entnehmen, diese aufreinigen und diese in einem pflanzlichen Nährmedium in einem Bioreaktor bei etwa 37 Grad Celsius wachsen zu lassen. Für eine natürliche Entwicklung von Muskelgewebe, das aufgebaut werden muss, kommt zudem eine elektrische Stimulation zum Einsatz. „Am Ende des ganzen Prozesses kann man dann ‚Hackfleisch ernten‘“, so Gertenbach.

Hackfleisch als erstes Produkt hat das Jungunternehmen gewählt, da es derzeit noch zu kompliziert ist, Steaks mit Blutgefäßsystemen zu züchten, die die Zellen mit den Nährstoffen versorgen. Für das pflanzliche Medium dagegen hat man sich entschieden, weil sonst das Kulturfleisch nicht wirklich ohne Tierleid auskäme, denn in der Vergangenheit kam hier Kälberserum zum Einsatz und dafür müssen – wie der Name schon sagt – Kälber geschlachtet werden.

Einmal Bio, immer Bio?

Aber wieso eigentlich sollte das Fleisch Bio-Qualität haben und wie kann man das in irgendeine Kategorie einfügen? Der Trick ist hier die Wahl des Zellspenders: „Wenn der Wirtsorganismus ein Freilandtier ist, hätten wir schon einmal die Grundvoraussetzungen“, findet Gertenbach. Das Fleisch käme danach nie mehr in Kontakt mit der Außenwelt und bleibt damit rein logisch betrachtet „bio“. „Aber das ist zu diskutieren“, merkt die „Innocent-Meat“-Gründerin an.

Was will das Essen eigentlich essen?

Was mit Schweinehackfleisch anfängt, kann theoretisch auch auf weitere Tierarten und in ferner Zukunft auch auf komplexere Produkte bis hin zum Steak ausgeweitet werden. Aber derzeit muss das Unternehmen erst einmal die nötige Technologie für ihr erstes Produkt ausfeilen. Dazu gehört auch die Lösung der Frage, wie die Zellen ernährt werden sollen: „Wenn ich eine Zelllinie habe, muss ich herausfinden, welche Ingredientien meine Zellen am liebsten zum Futtern haben, und das muss ich dann ersetzen“, drückt Gertenbach die Aufgabe aus. Außerdem müssten die teuren Zertifizierungsprozesse für kultivierte Zellen aus der Pharmabranche vereinfacht und damit auch kostengünstiger gemacht werden.

Es gibt noch keine Zulassung

Nicht zu vergessen ist auch die Zulassung des neuen Nahrungsmittels.

„Es gibt viele Tests, um die Unbedenklichkeit zu prüfen. Dafür gibt es in Europa die Novel-Food-Zulassung. Quinoa musste auch durch die Novel Food Zulassung, weil das ein Lebensmittel ist, das hier keiner so kannte.“

Ob die EU dem Kulturfleisch grünes Licht gibt, ist also abzuwarten; ob die EU-Bürger dieses auch wirklich essen wollen, steht ebenfalls noch in den Sternen.





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Von Veritatis

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