Willkommen in der „neuen Normalität“

Willkommen in der „neuen Normalität“


Eine „neue Normalität“ wird von zahlreichen Medien ausgerufen. Der Vorgang belegt nicht nur einen fragwürdigen journalistischen Herdentrieb. Er provoziert auch die Frage: Soll so der Corona-Ausnahmezustand verewigt werden? Von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ein Teil des Unbehagens, das viele Bürger im Zusammenhang mit der Corona-Episode empfinden, beruht auf dem Verhalten vieler großer Medien. Diese fallen nicht nur als kritische Institutionen aus: Weder wird der politische Umgang mit dem Virus auf seine Verhältnismäßigkeit geprüft, noch die handelnden Personen auf ihre Redlichkeit, noch die verkündeten Zahlen auf ihre Seriosität. Viele Medien gehen aber noch über diese Untätigkeit, die den erlebten unwissenschaftlichen Umgang mit „Fallzahlen“ etc. erst erlaubt, hinaus: Geradezu beflissen fügen sich zahlreiche Redakteure, aber auch Institutionen, in eine von manchen Bürgern als Kampagne empfundene Dynamik ein. Eine zentrale Vokabel dabei lautet: die „neue Normalität“. Soll damit die Akzeptanz eines dauerhaften Ausnahmezustands erhöht werden?

„Ausnahmezustand als neue Normalität“

Der Begriff wurde seit April dieses Jahres eingeführt und ist mittlerweile allgegenwärtig. So fragte die „Zeit“: „Neue Normalität?: Was Corona-Tests mit dem Urlaubsgefühl machen“. Die FAZ stellte fest: „Lockdown light : Die neue Normalität“. Der „Spiegel“ beschreibt eine „neue Corona-Normalität“. Laut „Deutsche Welle“ stolpert Deutschland in eine „neue Normalität“. Die „Tagesschau“ bezeichnete bereits früh den „Ausnahmezustand als neue Normalität“. Bei einem aktuellen Beispiel erklärte am Wochenende der Deutschlandfunk seinen Hörern, dass „wir ja gerade in einer neuen Normalität“ leben würden, einige Anrufer wiesen den Begriff zurück. Beispiele für die internationale Verbreitung des Begriffs folgen weiter unten.

Kritik ist hier auf zwei Ebenen angebracht: Auf der einen erscheint es grundsätzlich befremdlich, wenn zahlreiche große Medien zeitgleich einen identischen Begriff übernehmen und diesen großflächig nutzen und etablieren. Der Eindruck eines kritiklosen und auf die passenden Reizworte anspringenden Herdentriebs entsteht – auch wenn die „neue Normalität“ in Details medial unterschiedlich definiert wird. Auf der anderen Ebene geht es um die Inhalte dieser „neuen Normalität“: Sind diese zu begrüßen und kann man darüber überhaupt noch diskutieren, wenn sie doch schon zur Normalität erklärt wurden? Hat es, außer in internen Redaktionssitzungen, eine gesellschaftliche Abstimmung über das Einführen einer „neuen Normalität“ gegeben?

„Neue Normalität“ als höhere Gewalt

Die breitflächige Etablierung des Begriffs „neue Normalität“ ist keine Petitesse, er transportiert folgende Aspekte: 1. Der Ausnahmezustand ist keine Ausnahme, sondern soll verstetigt werden, also „normal“ werden. 2. Ist diese Sicht einmal etabliert, müssen die einzelnen Aspekte des Ausnahmezustands nicht mehr debattiert bzw. überprüft werden, denn sie sind ja dann Teil einer „Normalität“, die nicht immer wieder in Zweifel gezogen werden soll. Diese Normalität ist wie eine höhere Gewalt über uns gekommen. 3. Der Tonfall des Begriffs ist eher positiv, er soll Lust machen, sich an diese „neue Normalität“ anzupassen, alles andere wäre ja „unnormal“: Wie verbreitet und teils übersteigert diese Lust ist, hat Jens Berger in seinem Artikel „Angst machen mir die Ja-Sager und Mitläufer“ beschrieben.

Als besonders negative Begleiterscheinungen der „neuen Corona-Normalität“ empfinden viele Bürger eine nochmals verstärkte ökonomische Ungleichheit in der Gesellschaft, eine nochmals verstärkte Selbst-Zensur vieler großer Medien, Tendenzen zur gesellschaftlichen Vereinzelung und zu einer problematischen „Digitalisierung“ der Bildung sowie Tendenzen zu Gängelei, Isolation und Willkür. Besonders betroffen von dieser Aufzählung sind Alte und Kinder – sowie Arbeitnehmer, die einer bis vor kurzem unvorstellbaren Tendenz zur Überwachung ausgesetzt sein könnten. Eine Tendenz zur breiten Akzeptanz von Überwachung und persönlicher Kontrolle trifft zudem potenziell die ganze Gesellschaft. Die NachDenkSeiten haben die hier genannten Aspekte in zahlreichen Artikeln beschrieben haben, Links dazu finden sich unter dem Text.

Angesichts der großen potenziellen Gefahren, die in einer Akzeptanz der nun verkündeten „neuen Normalität“ lauern, ist es bedenklich, dass sich viele Skeptiker der Regierungslinie zu Corona automatisch der Kritik ausgesetzt sehen, man wolle egoistisch und neoliberal die Wirtschaft schützen und „nur sein altes Leben zurück“. Eine Verteidigung der aktuellen Corona-Politik wird so von manchem indirekt als Widerstand gegen den Neoliberalismus dargestellt. Gibt es denn aber Anzeichen dafür, dass im Schatten von Corona und in der „neuen Normalität“ auch Konzernmacht langfristig beschnitten wird? Werden nicht eher bereits negative Strukturen nochmals gefestigt und der Protest dagegen erschwert?

Skeptiker sind zum Teil verantwortungsvoller als die Medien

Bei einer auf seriöser Datenlage festgestellten gravierenden Gefahr können Maßnahmen bis hin zu einem konsequenten Lockdown gerechtfertigt sein – man kann eine Unterordnung des einzelnen Bürgers dann auch verlangen und durchsetzen. Das muss aber zeitlich begrenzt sein und die Kriterien für Anfang und Ende der Maßnahmen müssen ganz klar sein, damit nicht der Eindruck einer willkürlichen Verlängerung entsteht – begründet durch aus dem Zusammenhang gerissene „steigende Infektionszahlen“. An dieser Datenlage bestehen erhebliche Zweifel und teils besteht der Eindruck, die Gefahr durch Corona solle künstlich dramatisiert werden.

Hier soll keine Kritik an den Anfangs-Maßnahmen gegen das Virus entfaltet werden, mutmaßlich wusste man zu Beginn nicht genug für eine verhältnismäßige Reaktion: Bis zum Beweis des Gegenteils soll für diese erste Zeit ein aufrichtiges Bemühen bei den verantwortlichen Politikern und Chefredakteuren unterstellt werden. Ebenso muss aber endlich festgestellt werden: Inzwischen gibt es eine Fülle an Indizien dafür, dass die Folgen der Maßnahmen gegen Corona nicht im Verhältnis stehen zum tatsächlichen Gefahrenpotenzial des Virus. Diese Indizien rechtfertigen schon lange eine öffentliche, ergebnisoffene, aber kritische Neuverhandlung über das Umgehen mit Corona. Es sei hier auch betont, dass nur wenige Menschen das Virus „leugnen“. Es geht der großen Mehrzahl der Skeptiker um fehlende Verhältnismäßigkeit, um unterdrückte Debatten und um das Gefühl, mit dramatisierten Zahlen manipuliert zu werden.

Zur pauschalen Abwertung der Corona-Skeptiker als rechte Egoisten sei erwähnt, dass sich deren Sorgen auch auf die Zukunft beziehen – und nicht nur auf akute lästige Einschränkungen wie die Maskenpflicht: Wenn auf einer mutmaßlich unseriösen Grundlage so schnell und so einfach ein Ausnahmezustand kreiert werden kann, wie man es aktuell erlebt, dann nährt das bei vielen Bürgern berechtigte Ängste bezüglich weiterer Entwicklungen. Dass diese Sorgen über aktuelle Alltagseinschränkungen hinausgehen und wenig mit einem asozialen Hedonismus zu tun haben, das haben die NachDenkSeiten kürzlich in dem Artikel „Corona-Demo: Widerspruch wird pauschal verteufelt“ beschrieben. Demnach haben manche der Corona-Skeptiker die Verfasstheit der Gesamtgesellschaft mehr im Blick als die in einer akuten Alarmstimmung des Augenblicks verharrende Mehrheit der Journalisten und Politiker. Es ist daher auch eine Ironie, dass diese Mehrheit die Skeptiker allzu pauschal als „verantwortungslos“ bezeichnet.

Die Horror-Vision von der „neuen Normalität“

Die Vokabel „neue Normalität“ ist nicht nur in Deutschland mit großem medialen Aufwand eingeführt worden. Der auf Englisch erschienene Artikel „The Invasion Of The New Normals“ von CJ Hopkins listet zahlreiche daran beteiligte US-Medien auf, darunter CNN, NPR, CNBC, die New York Times, den Guardian, The Atlantic oder Forbes. Auch internationale Institutionen reihen sich ein, wie etwa der IWF und die Weltbank, das World Economic Forum, die UN oder die WHO.

Laut Hopkins harter und zugespitzter Polemik ist der Umgang mit Corona „ein Trojanisches Pferd, ein Mittel, um die ‚Neue Normalität‘ einzuführen.“ Demnach ist die „Neue Normalität“ eine „klassisch totalitäre Bewegung (wenn auch mit einem pathologischen Dreh) und sie hat das Ziel jeder totalitären Bewegung, die Gesellschaft radikal und komplett zu verändern, um die Welt nach ihrem monströsen Abbild neu zu erschaffen“. Sein Ausblick ist wahrhaft düster:

„Kinder werden am schlimmsten leiden, wie immer. Vom Moment ihrer Geburt an werden sie terrorisiert und verwirrt sein, dank ihrer Eltern, ihrer Lehrer und der Gesellschaft als Ganzes. Sie werden einer ideologischen Konditionierung und paranoiden Verhaltensveränderungen unterzogen werden, in jedem Stadium ihrer Sozialisierung. (…) Diese Konditionierung (oder Folter) wird zu Hause stattfinden, da es keine Schulen mehr geben wird, beziehungsweise keine öffentlichen Schulen mehr. Die Kinder der Reichen werden private Schulen besuchen, wo sie kosteneffektiv „sozial distanziert“ werden. Kinder der Arbeiterklasse werden zu Hause sitzen, alleine, in die Bildschirme glotzen, ihre Masken tragen, und ihre Hyperaktivität und ihre Angststörungen werden mit Antidepressiva stabilisiert.“

Das mag (noch) weit überzogen klingen. Aber ob das möglicherweise übertriebene Horror-Szenario von Hopkins realistisch ist (oder noch werden kann), das hängt auch von den jetzigen Reaktionen der Bürger auf die Ausnahmezustände ab und auf eventuelle Versuche, diese als „neue Normalität“ zu verkleiden und sie dadurch zu verewigen.


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Titelbild: Laongphan / Shutterstock



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