Nachruf ǀ Wissen, dass eine andere Welt möglich ist — der Freitag

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Wir alle kennen Professorinnen, die gelegentlich an Demonstrationen teilnehmen und Petitionen unterzeichnen; und Aktivistinnen, die forschen sowie lehren. David Graeber war jedoch beides zugleich, Wissenschaftler und Aktivist, untrennbar in seiner Person verbunden. In beiden Bereichen engagierte er sich so stark, dass es unmöglich wäre, einem von den beiden die Hauptrolle zuzuweisen. Für ihn war klar, dass Wissenschaft und Aktivismus einander in ständigem Austausch bereichern.

Ich traf David zum ersten Mal während der großen globalisierungskritischen Kämpfe, die den WTO-Protesten in Seattle 1999 folgten. Er zeichnete sich durch die Intelligenz seiner Interventionen bei Treffen und Demonstrationen aus, zweifellos. Was mich aber am meisten beeindruckte, war sein Engagement für praktische Militanz, seine Geduld bei endlosen Treffen und seine Bereitschaft, dorthin zu reisen, wo der nächste Kampf losbrach. Tatsächlich war David in den vergangenen 20 Jahren allgegenwärtig, wo auch immer Aktivisten zusammenkamen.

Natürlich wird er weithin für seine Rolle bei Occupy Wall Street im Jahr 2011 gefeiert, zudem für seine Unterstützung der Kämpfe in Rojava in jüngster Zeit. Aber er hat auch an unzähligen weniger sichtbaren Veranstaltungen und Begegnungen teilgenommen, den großen und den kleinen. Ich habe Davids Hingabe an die Militanz nie als eine Verpflichtung interpretiert, als ob er ein Opfer bringen und eine Pflicht erfüllen müsste. Stattdessen gehört er zu den Glücklichen, die die Belohnungen und Freuden eines aktivistischen Lebensstils entdeckt haben, ungeachtet dessen Härten und Nöten.

Ich erinnere mich, wie ich David im Juli 2008 in Tokya traf, vor dem G8-Gipfel in Japan. Ich war mitgenommen und erschöpft, nicht nur vom langen Flug, sondern auch von den Stunden, in denen ich nach meiner Ankunft am Flughafen festgehalten und befragt worden war – den japanischen Behörden lag eine entsprechende Liste internationaler Aktivisten vor. All mein Selbstmitleid war wie weggeblasen, als ich realisierte, dass David gerade aus einem Aktivistencamp außerhalb der Stadt zurückgekehrt war, im Regen in einem Zelt schlief und sich eine Lebensmittelvergiftung zugezogen hatte. Er war blass und schwach, verständlicherweise, aber seine Stimmung dämpfte das keineswegs. Voller Enthusiasmus sprach er beim Gegengipfel und all den Protesten auf der Straße. Unmöglich, sich von seiner Energie nicht anstecken und antreiben zu lassen.

Unmöglich, sich von seiner Energie nicht anstecken zu lassen

Ein Aspekt von Davids Schreiben, den ich sehr bewundere, ist die Art und Weise, wie es ernsthafte akademische Forschung mit populärer, zugänglicher, oft sehr humorvollem Schreibstil verband. Genau diese Verbindung von Forschung und Schreiben ist eine der Facetten seines Wirkens als Gelehrter und zugleich Aktivist. Er zögert nicht, sich in seinen Schriften mit komplexen Argumenten aus der Geschichte der Anthropologie auseinanderzusetzen, aber diese wendet er stets auf die aktuellen politischen Probleme der Gegenwart an, wie etwa Verschuldung oder kapitalistische Ausbeutung. Dies ist zweifellos einer der Gründe für seine außerordentlich breite Leserinnenschaft.

Als Optimismus wird häufig das bezeichnet, was die Anziehungskraft von Davids Arbeit ausmacht, obwohl ich diesen Begriff nicht für angemessen halte. Entscheidend ist, dass seine Analysen und Kritiken zeitgenössischer Herrschaftsformen (einschließlich kapitalistischer Sozial- und Wirtschaftsbeziehungen, staatlicher und polizeilicher Gewalt, der heutigen austrocknenden Arbeitskultur und mehr) immer von einem Aufzeigen realer, demokratischer Alternativen begleitet wurden. Er war, zweifellos wegen seines anthropologischen Blicks, immer sehr empfänglich für die demokratischen sozialen Beziehungen, die bereits in unseren täglichen Interaktionen präsent sind.

Solche Erfahrungen mit demokratischen Alternativen wurden dann intensiviert und vervielfältigt in den aktivistischen Organisationen und vor allem in den Experimenten, die sich in den Besetzungen und Camps entwickelten der letzten Jahrzehnten entwickelten. David war der festen Überzeugung, dass selbst kleine Experimente in neuen demokratischen Beziehungen mächtige zukünftige Entwicklungen vorwegnehmen könnten. Ich zögere, diese Haltung Optimismus zu nennen, denn während dieser Begriff lediglich die Hoffnung impliziert, dass eine andere Welt möglich ist, halte ich Davids Vertrauen in eine demokratische Zukunft für völlig realistisch, gerade wegen der vielen Kämpfe, die schon so lange darauf abzielen.

David wird für mich ein Vorbild dafür bleiben, wie man ein zugleich wissenschaftliches und aktivistisches Leben in vollen Zügen leben kann.

Michael Hardt ist ein US-amerikanischer Politphilosoph und Literaturtheoretiker



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