Interview ǀ Bissmarck — der Freitag

Interview ǀ Bissmarck — der Freitag


In der Hamburger Galerie Conradi weht ein kaputter preußischer Geist. Bismarck ist da! Der Künstler Alex Wissel hat den deutschen Staatsmann in drei großen Zeichnungen gemalt, aus einer Installation guckt der graue Denkmalkopf, daneben eine Flasche Bismarck-Kornbrand, den der Reichskanzler selbst erfunden und später zu überregionaler Bedeutung gebracht hat. Wissel beschäftigt sich damit, wie und warum Bismarck und sein Mythos immer wieder vereinnahmt werden, legt Spuren bis zur Fußball-WM und Corona-Querfront. Und malt Bilder über eine neue transmediale deutsche Erzählung.

der Freitag: Herr Wissel, wie kamen Sie darauf, Bismarck für Ihre Arbeiten zu benutzen?

Alex Wissel: Ich beschäftige mich schon länger mit der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte deutscher Nationaldenkmäler. Früher oder später führt das nach Hamburg, wo das weltgrößte Bismarck-Denkmal steht. Dort habe ich die neue Imagekampagne von Kärcher gesehen, die das Denkmal unter dem Stichwort Kultursponsoring aktuell kostenlos sanieren.

Die Bismarckverehrung der Deutschen kennt keine Grenzen?

Keiner anderen Persönlichkeit, keinem Dichter oder Denker sind je mehr Denkmäler gewidmet worden. Neben Schnäpsen, Bieren und Wasser Tausende Straßen, Plätze, Bäume, Apotheken und Hotels. Stadtteile, Schiffe, Städte und sogar ganze Inselgruppen sind nach ihm benannt.

Was ist dabei das Besondere?

Oft geht es durch den Magen. Bismarck-Gurken, -Äpfel, -Zigarren, und nicht zuletzt die berühmten Heringe sind beliebte Dauerbrenner der Konsumgüterindustrie. Man könnte dabei fast von einem metabolistischen Prozess sprechen. Mithilfe von Speisen und Getränken soll wohl ein spezielles Geschichtsnarrativ in die Körper der Menschen eingeschrieben und damit naturalisiert werden. Seit seinem Tod gibt es gewaltige Bemühungen um Bismarcks Gründungsmythos, auch er selbst stilisierte sich zeitlebens als Übervater, Schmied und Lotse Deutschlands.

Was ist das Geschichtsnarrativ und warum funktioniert Bismarck bis heute für Reichsbürger, Querfront, AfD so gut?

Die Zeit von 1871 bis 1914 wird von vielen dieser Leute als Höhepunkt deutscher Geschichte gesehen, zu der unbedingt zurückgekehrt werden soll. Aber nicht nur in den Denkmalarchitekturen des 19. Jahrhunderts wurde Geschichte inszeniert und Tradition gezielt erfunden, um die eigenen Privilegien zu sichern. Was eben auch stimmt: Die beliebtesten Wohnungen unter Akademikern sind Altbauwohnungen aus der Gründerzeit. Es ist zu einfach, bestimmten Leuten den Buhmann zuzuschieben. Um das 21. Jahrhundert zu verstehen, muss man ins 19. schauen, denn die Probleme liegen da immer noch unbearbeitet herum.

Während Sie an Ihren Bildern gearbeitet haben, entstand plötzlich ein globaler Denkmaldiskurs und die praktische Bewegung der Denkmalstürzer, die es auch auf Bismarck abgesehen haben. Im Juni wurde ein Denkmal in Altona mit einem roten Farbbeutel beworfen. Was haben Sie gedacht?

Ich finde den Prozess sehr gut. Gerade jetzt ist es wichtig, dass die Länder, die wir einmal den Westen genannt haben, sich ihrer Vergangenheit stellen und blinde Flecken aufarbeiten. Durch die Debatte wird die moralische Integrität genau dieser Länder zu Recht in Frage gestellt. Wir müssen ändern, wie wir unsere Geschichte erzählen, und das müsste im besten Fall in einem öffentlichen transmedialen Prozess passieren, der auch Stimmen Gehör verschafft, die bisher nicht öffentlich vorkommen.

Sie konstruieren neue Spuren, indem sie unterschiedliche Dinge zeichnend zusammenführen. Von Bismarck zu schwarz-rot-goldenen Anglerhütchen von Pegida-Demonstranten – warum?

Ich denke über nationale Repräsentation und Rezeption nach. Die Denkmäler des 19. Jahrhunderts entsprechen klassischen Formen von „Nation Building“, ich kreuze die mit eher neuen Formen von „Nation Branding“, das seit den 1990er-Jahren eine große Rolle spielt und das Deutschlandbild seitdem massiv medial verändert hat.

Alex Wissel, 37, ist Künstler und lebt in Düsseldorf. Neben dem Kunstkontext arbeitet er im Theater, Film und öffentlichen Raum. Aktuelle Arbeiten unter dem Titel Land der Ideen, bis 5. 12. in der Galerie Conradi, Hamburg.

Was hat Guido Knopp damit zu tun?

Guido Knopp hat in den 1980er-Jahren den Anfang gemacht. Der Fernsehmann hatte den History Channel für das ZDF entworfen. Wenn man in den 1990er Jahren nach 22 Uhr den Fernseher eingeschaltet hat, ist man früher oder später immer auf Hitlers Helfer, Hitlers Kinder, Hitlers Manager oder Hitlers Frauen gestoßen. Stets mit der gleichen einflüsternden Erzählerstimme und dramatisierenden Musik. Man dachte manchmal, Hitler würde immer noch leben. Es spricht eine unverhohlene Faszination für die Nazizeit aus den Produktionen. Das war eine von der Bundesregierung, also der GEZ, also der Steuerzahler*in, finanzierte Form kultureller und nationaler Geschichtsschreibung. Nico Hofmann hat das später aufgegriffen. Der jetzige Chef der UFA-Produktion, der größten Filmproduktionsfirma in Deutschland mit Filmen wie Die Flucht, Unsere Mütter, unsere Väter oder Dresden, wo zum ersten Mal das deutsche Leid im Mittelpunkt der Erzählung stand. Ebenfalls produziert als „Eventfernsehen“ vom ZDF.

Das „Sommermärchen“ interessiert Sie in diesem Zusammenhang auch sehr stark.

Nachdem feststand, dass Deutschland die Fußball-WM im eigenen Land ausrichtet, wurden speziell Hamburger Werbeagenturen damit beauftragt, große Kampagnen zu entwerfen, die ein neues Nationalgefühl möglich machen und das Land endlich mit seiner Identität aussöhnen sollten. „Du bist Deutschland“ oder „Land der Ideen“ waren die Claims dieser Kampagnen. Bereits drei Jahre vor dem später so genannten Sommermärchen erschien Sönke Wortmanns Film Das Wunder von Bern. Der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz wurde da wie eine Gebrauchsanleitung für die kommende WM inszeniert. Herfried Münkler nannte es mal den Gründungsmythos der BRD, das Ereignis, das das Wirtschaftswunder möglich und dann die Marke Made in Germany weltbekannt gemacht hat. Der Film wurde im Grunde in der Hoffnung gedreht, das Wunder im eigenen Land noch einmal zu wiederholen. Noch später hat Wortmann übrigens neben der offiziellen WM-Dokumentation Deutschland. Ein Sommermärchen auch das Musical Das Wunder von Bern produziert, das bis vor kurzem in einem stahlhelmförmigen Stadion hier in Hamburg aufgeführt wurde.

Vor 150 Jahren war es „Nation Building“, heute ist es „Nation Branding“

Alex Wissel „Unsere Mütter, unsere Väter“, 2020/Foto: Christian Neumeister

Auf der Oberfläche Ihrer Bilder, die Sie mit Buntstiften anfertigen, geraten diese unterschiedlichen Zeichen in Bewegung, befruchten sich. Inwiefern eignet sich Zeichnung als Medium?

Meine Arbeit besteht aus der Aneignung bestimmter Bilder aus der Kulturgeschichte. Das Zeichnen ist eine sehr langwierige Arbeit, in der man den Gegenstand zu verstehen versucht. Ich möchte die Komplexität der abgebildeten Dinge erhalten. Bei dem Bild ICH LEIDE NICHT unter WAHNSINN! Ich GENIESSE es habe ich versucht, das anarchische Moment der Querfront darzustellen, statt paternalistisch zu erklären, wie diese Leute sind. Für die Zeichnung habe ich mich mit der Kuttentradition bei Fußballfans und Rockern beschäftigt, bei der Aufnäher eine zentrale Rolle spielen, die mich teilweise vom abgebildeten Humor sehr an die Bildkulturen erinnerten, die ich auf Pegida- und Anti-Corona-Demos gesehen habe. Michail Bachtin beschreibt in seinem Buch Rabelais und seine Welt Volkskultur als Gegenkultur. Das Karnevaleske ist politisch schwer einzuordnen, da es von einem anarchischem Moment lebt. Ich habe das Gefühl, da ist auch so ein Schwelgen drin, die Leute sehen sich nicht als Opfer, für sie sind das Formen der Selbstermächtigung.

Sie zeichnen auf deutscher Raufasertapete, die in derselben Zeit wie die kaiserliche Nation erfunden wurde, stimmt das?

Ja, richtig, von der Firma Erfurt in Wuppertal. In dieser Zeit sind auch die sogenannten Künstlerfeste entstanden. Das waren große Feste, die Ende des 19. Jahrhunderts im öffentlichen Raum stattgefunden haben, in denen historische Szenen als Tableau Vivant aufgeführt wurden, also mit echten Menschen und Verkleidungen und teilweise bis zu 20.000 Teilnehmer*innen. Dort wurden historische Situationen nationaler Geschichtsschreibung performativ dargestellt, die den eigenen preußischen Machtanspruch legitimieren sollte, in der Folge wurden sie immer rassistischer. Teilweise gingen aus den Bühnenbildern und Theaterarchitekturen, die für diese Feste gebaut wurden, dann Nationaldenkmäler wie etwa das riesige Kyffhäuserdenkmal in Thüringen hervor, das nun Björn Höckes AfD-Flügel als Treffpunkt dient. Es klingt verrückt, aber viele Kunstwerke, die nach wie vor im öffentlichen Raum stehen, waren zuvor Partydekoration dieser nationalistischen Künstlerfeste. Sie bestanden aus Pappmaché und Gips und wurden später eins zu eins in Bronze abgegossen. Mit dem Wissen um diese Zusammenhänge verändert sich der Blick auf den öffentlichen Raum natürlich total.



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