Anti-Blockbuster ǀ Kluges Kino — der Freitag

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Fünfmal täglich beten? Ja! „Tindern“ für schnellen Sex? Auch ja! Ramy (Ramy Youssef) ist Mitte 20, in New Jersey geboren und aufgewachsen. Als Sohn einer palästinensischen Mutter und eines ägyptischen Vaters schwankt er unentschlossen zwischen beiden Welten, ist auf einer Selbstsuche zwischen der säkularen Lebensrealität seiner Generation, der Millennials, und seinen traditionellen muslimischen Wurzeln.

Mal schämt er sich für das eine, mal muss er sich für das andere rechtfertigen – so oder so, Ramy ist ständig getrieben. Sowohl beruflich als auch in Liebesangelegenheiten zeigt sich diese Unentschiedenheit. Während er als Mitarbeiter eines weiteren sinnentleerten Start-ups bald arbeitslos wird, hat er mal wie selbstverständlich (vorehelichen!) Sex mit einer Jüdin, schreckt aber vor einer ebenso selbstbestimmten jungen muslimischen Frau zurück. Ramy ist einerseits ungeheuer mitfühlend, kann sich in andere hineinversetzen, andererseits treibt ihn der Zwiespalt an – bis zur Scheinheiligkeit.

Scheinheilig sind gewissermaßen auch schon seine Eltern bei der Erziehung ihrer beiden Kinder: Während Ramy oft zwischen „Freitagsgebet und Freitagnacht“ hin- und hergerissen ist, wäre Schwester Dena froh, über den Luxus dieser Art von „Qual der Wahl“ zu verfügen. Während der Sohn länger ausbleiben darf und seine sexuellen Abenteuer (solange sie mit nichtmuslimischen Frauen stattfinden) hinter vorgehaltener Hand zelebriert werden, schleicht sich die Angst der Tochter, vor ihrer Verwandtschaft als „entehrt“ zu gelten, sogar in ihre Alpträume.

Wahrscheinlich auch, weil die nach ihrem Titelhelden benannte Serie Ramy zu weiten Teilen autobiografisch ist, schert sie sich nicht um das Risiko, für islamophobe Vorbehalte missbraucht zu werden. Figuren wie Onkel Naseem, der nicht nur ein Anhänger antisemitischer Verschwörungstheorien („Die Juden planten 9/11, um den Muslimen eins auszuwischen“), sondern auch voller misogyner Überzeugungen („Während der Periode sind Frauenhirne nicht ausreichend mit Blut versorgt, weshalb sie in dieser Zeit nicht zurechnungsfähig sind“) ist, würden es einem leicht machen.

Dafür müsste man aber die sonstige Vielfältigkeit der Figuren bewusst ausblenden. Gerade ihr urmenschliches Hadern mit Alltäglichem ist es, das ihre Erfahrungen vielleicht nicht immer universal, aber doch zumindest nachvollziehbar macht – und Ramy davor bewahrt, bloß eine weitere platte Integrations-Comedy zu sein. Stattdessen zeigt die Serie aufrichtiges Interesse daran, die individuellen Erfahrungen der ersten Generation muslimischer Amerikaner zu erkunden – und die Serienlandschaft um ihre Perspektive zu erweitern.

Im Meer der Remakes

Ramy ist das aktuelle Vorzeigeprojekt einer kleinen New Yorker Filmverleih- und Produktionsfirma namens A24, die mit außergewöhnlicher Zuverlässigkeit Produktionen abliefert, die inhaltlich wie stilistisch anspruchsvoll sind, und damit zeitweise sogar einen erfrischenden Gegenpol zu einem Mainstream bildet, der sich immer öfter den Vorwurf gefallen lassen muss, uninspiriert zu sein.

Zumindest wenn man den Blick auf die nach ihrem weltweiten Einspiel-Ergebnis erfolgreichsten Kinofilme richtet, müsste man der Filmbranche in puncto Kreativität und gesellschaftlicher Relevanz ein ziemlich vernichtendes Zeugnis ausstellen: Unter den Top 30 findet sich nur ein einziger Titel, der weder ein Remake noch Teil eines Franchise ist – und das ist dann ausgerechnet James Camerons Titanic. Mit den Avengers, Star Wars und Fast & Furious stehen besonders jene Reihen hoch im Kurs, denen man thematisch leicht „Weltflucht“ attestieren könnte: Es geht um Superhelden, fremde Galaxien und Autos, und mehr oder weniger steht da stets ein vereinfachtes „Gut“ einem stereotypen „Böse“ gegenüber.

Szene aus „Lady Bird“

Ein solches Pauschalurteil über die Branche wäre allerdings unfair, denn besagte Filme sind natürlich ausdrücklich darauf ausgerichtet, einen möglichst großen Profit zu erzielen, und meiden dementsprechend den Widerspruch, um für eine Masse weltweit möglichst leicht verdaulich zu sein. Wie gesellschaftlich relevant kann ein Film schon sein, der sie in keiner Form herausfordern möchte? Welche kulturelle Bedeutung kann ihm beigemessen werden, wenn er sich nicht zumindest bemüht, sich an einem ihrer Aspekte abzuarbeiten? Filme, die genau das tun, sind dafür die Spezialität von A24.

Erst 2012 von Daniel Katz, David Fenkel und John Hodges gegründet, bringt es das Unternehmen bereits auf stolze 25 Nominierungen bei den Academy Awards, drei davon in der Rubrik „Bester Film“. Ausgerechnet die erste Eigenproduktion wurde in besagter Kategorie sogar ausgezeichnet – trotz eines schmalen Budgets von nur 1,5 Millionen Dollar und eines bis zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannten Regisseurs und Drehbuchautors.

Barry Jenkins’ Moonlight (2016), eine sensible Coming-of-Age-Geschichte über einen schwulen, afroamerikanischen Drogendealer, ist beispielhaft für das Vorgehen des Produktionsstudios. Das Vertrauen auf Debütanten, die am Anfang ihrer Karriere stehen, trifft auf ein Gespür für Themen, die in den Zeitgeist passen – und ihm zugleich etwas hinzufügen: Moonlight war nicht nur der erste fast komplett mit schwarzen Schauspielern besetzte Titel, der je als „Bester Film“ ausgezeichnet wurde. Es ist auch der erste mit einem queeren Protagonisten, dem die Auszeichnung zuteilwurde. Dass die Produktionen trotz alledem keine kommerziellen Riesenerfolge werden, gehört allerdings auch zum Phänomen „A24“. Mit nur 28 Millionen Dollar erzielte Moonlight das zweitniedrigste US-Einspielergebnis unter allen Preisträgern der Kategorie (nur Kathryn Bigelows The Hurt Locker brachte es mit gerade mal 17 Millionen auf noch weniger).

Szene aus „Moonlight“

Zumindest in den USA gilt A24 bei Kinobegeisterten mittlerweile als zuverlässiger Kurator für Inhalte, die gerade der jüngeren Generation am Herzen liegen. Das prägnante Logo ist zum Gütesiegel avanciert. Verantwortlich dafür sind Filme wie Lady Bird (2017), die erste eigene Regiearbeit von Greta Gerwig, ein erfrischend feministisches Coming-of-Age-Drama, das das Lebensgefühl junger Frauen um den Jahrtausendwechsel einfing – und umgehend Kultstatus (sowie fünf Oscar-Nominierungen) erreichte.

Auch in Genres, die weniger dafür bekannt sind, den Zeitgeist zu transportieren, gelingt es A24, ästhetisch neue Maßstäbe zu setzen: Erst im letzten Jahr sorgte Ari Asters Midsommar (2019) für Aufsehen, als Horrorfilm, der Angst und Schrecken und gesellschaftliche Ambivalenz aus dunklen Ecken ins grelle Tageslicht holt. Asters zweiter Spielfilm nach Hereditary (ebenfalls von A24 produziert) brachte dem Regisseur und Drehbuchautor endgültig den Ruf ein, das nächste Horrorgenie zu sein. Beide Filme spielen außerdem mit zeittypischen Ängsten: Während Hereditary als Beitrag zur „Regretting-Motherhood-Debatte“ durchgeht, ist Midsommar eine gnadenlose Abrechnung mit „Fuckboys“, die eine enorme Welle an Memes nach sich zog – und damit viel Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken.

Szene aus „Midsommar“

Substanz trotz Hipness

Eine Domäne, in der sich A24 ohnehin zu Hause fühlt, die man nutzt, um sich gleichermaßen hip wie philanthropisch zu präsentieren. Im Zuge der Corona-Krise versteigerte A24 zahlreiche Requisiten und Kostüme, um mit dem Erlös wohltätige Zwecke in New York zu unterstützen. An dem ikonischen „May Queen“-Kleid, das Florence Pugh in einer der letzten Szenen in Midsommar trägt, meldeten selbst Sängerin Halsey und Ariana Grande via Twitter öffentlichkeitswirksam Interesse an. Auch dass die eigenen Drehbücher teilweise als hochwertige Prints veröffentlicht werden, dass es ein eigenes Magazin und (natürlich!) einen Podcast (mit namhaften Gästen wie Sofia Coppola oder Martin Scorsese) gibt, lässt A24 zunehmend zur hippen Lifestyle-Marke werden – dank anspruchsvoller Filme allerdings ohne den unangenehmen Beigeschmack der Oberflächlichkeit. Dieser „Hipness-Faktor“ kommt selbstverständlich auch bei den Streaming-Giganten gut an: A24 schloss nicht nur einen mehrjährigen Deal mit Apple ab, sondern überließ auch Netflix etwa die internationalen Vertriebsrechte an Der schwarze Diamant (2019) von Benny und Josh Safdie. Der Thriller, in dem ausgerechnet Adam Sandler zu schauspielerischen Höchstleistungen auflaufen darf, ist der bis dato größte kommerzielle Erfolg des Indie-Studios.

Ob man sich bei A24 mit wachsender Aufmerksamkeit plötzlich für andere, möglicherweise für finanziell lukrativere Projekte entscheiden könnte? Die Serie Ramy wurde um eine dritte Season verlängert, nachdem die zweite Staffel gerade für drei Emmys nominiert wurde. Schon im letzten Jahr wurde Hauptdarsteller Ramy Youssef, der für die Serie erstmals auch als Autor und Regisseur in Erscheinung trat, mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Als er den Anwesenden in seiner Dankesrede versicherte, dass er sich dessen bewusst sei, dass die wenigsten unter ihnen seine Show gesehen hätten, lachte der Saal offenbar erleichtert auf.

Vertrauen auf Regisseure und Autoren, die sich an Neues heranwagen, ein authentisches Interesse an Themen, die dem Zeitgeist eine neue Perspektive hinzufügen – es scheint, als würde A24 seinem Erfolgsgeheimnis treu bleiben. Auch wenn „Erfolg“ vor allem kritische Würdigung und eine loyale (immerhin stetig wachsende) Fangemeinde bedeutet. Gerade im Zuge der Corona-Krise, in einem Spätsommer fast ohne Blockbuster, wird der Filmbranche verstärkt vorgeworfen, dass sie, statt risikofreudig zu sein und neuen Ideen eine Chance zu geben, stets auf Altbekanntes setzt. Die Erwiderung lautet einfach: Es gibt sie zuhauf, die Filme (und Serien!) mit Substanz, die mehr sind als ein möglichst gut recycelbares Produkt. Man muss sie sich nur ansehen. Wenn möglich, im Kino.



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