Berlin/Athen (dpa) – Soll Deutschland vorangehen und Migranten von den griechischen Inseln aufnehmen – oder versuchen, andere EU-Staaten für eine umfassendere Lösung der Asylproblematik zu gewinnen?

Nach dem Brand des Flüchtlingslagers Moria auf der Insel Lesbos wird die Diskussion in Deutschland heftiger denn je geführt. Die Bundesregierung als derzeit amtierende EU-Ratspräsidentschaft setzt weiter auf eine europäische Lösung und hält sich mit einseitigen Aufnahmeangeboten zurück. Doch nun schert Entwicklungsminister Gerd Müller aus und fordert, 2000 Migranten aufzunehmen.

Deutschland solle mit einem entsprechenden «Zeichen der Humanität» vorangehen, sagte der CSU-Politiker am Mittwochabend in der ARD. «Ich persönlich bin der Meinung, dass wir die Angebote der deutschen Länder annehmen sollten.» Mehrere Bundesländer hatten konkrete Zahlen von Migranten genannt, die sie bereit seien zusätzlich aufzunehmen. Sie hatten den zuständigen Bund aufgefordert, dem zuzustimmen – wissend, dass der dann auch einen Großteil der Kosten tragen müsste.

Bisher hat die Bundesregierung eine solche Positionierung vermieden und lediglich davon gesprochen, dass Deutschland Griechenland helfen werde. Diese Haltung verteidigte auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, der sich derzeit um den CDU-Vorsitz bewirbt. Nachdem er tagsüber die Bereitschaft zur Aufnahme von bis zu 1000 Migranten bekundet hatte, sprach er am Abend lediglich von einem Signal an die Bundesregierung und betonte vor allem die Notwendigkeit einer umfassenderen europäischen Lösung.

«Hier wird man eine viel größere Lösung brauchen als nur einen deutschen Alleingang», sagte Laschet im ZDF. «Das ist nicht damit gelöst, dass alle nach Deutschland kommen.» Sonst sei wenige Wochen später das Problem wieder da, und die anderen EU-Länder zögen sich zurück, erklärte er in der ARD. Er teile deshalb die Haltung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU).

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen, wie Laschet Bewerber um den CDU-Vorsitz, sagte dem «Handelsblatt»: «Ich bin dafür, dass Deutschland möglichst mit anderen europäischen Ländern 5000 Flüchtlinge vom griechischen Festland aufnimmt, so dass in der Folge Moria entlastet werden kann.»

Durch den Brand im Lager Moria, das eigentlich nur auf 2800 Bewohner ausgelegt war, sind auf einen Schlag mehr als 12.000 Migranten auf Lesbos ohne Bleibe – einem Eiland mit gerade einmal 85.000 Einwohnern. Am Mittwochabend forderten mehrere Tausend Demonstranten in deutschen Städten die Bundesregierung auf, Migranten von dort und von anderen Ägäis-Inseln in der EU und Deutschland aufzunehmen. In Berlin beteiligten sich laut Polizei rund 3000 Menschen, in Leipzig 1800, in Hamburg mehr als 1200 und in Frankfurt am Main 300.

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak verlangte eine rasche Entscheidung über Hilfe für die Betroffenen. «Wir müssen im Interesse der Menschen vor Ort schnell handeln. Die humanitäre Versorgung sowie die Unterbringung der Kinder und Erwachsenen muss gewährleistet sein», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Zugleich verlangte er, endlich über ein langfristiges europäisches Konzept zum Umgang mit Flüchtlingen zu entscheiden. «Die jetzige Situation zeigt wieder, dass wir dringend ein abgestimmtes Vorgehen in Europa brauchen.»

Hessens Europaministerin Lucia Puttrich (CDU) warnte nachdrücklich davor, Migranten aus Moria aufzunehmen, und bezog sich darauf, dass der Großbrand offensichtlich bewusst gelegt wurde. «Dieser Gewaltausbruch einiger darf nicht belohnt werden. Weder durch eine Verlegung in andere europäische Länder noch bei der Dauer oder dem Ergebnis des Asylverfahrens», sagte sie der «Bild»-Zeitung. Die Europäische Union solle aber dennoch «alles dafür tun, die Bedingungen in diesen Einrichtungen zu verbessern».

Die SPD als Koalitionspartner sowie die oppositionellen Grünen und Linken setzen die Regierung hingegen erheblich unter Druck, Migranten aus Moria aufzunehmen. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken mahnte Seehofer, eine Aufnahme nicht zu blockieren und «diesen armen, verzweifelten Menschen, vor allem den Familien und Kindern zu helfen». Sie befürwortete in der ARD-Sendung «Maischberger» eine europäische Lösung und sagte: «Wir werden nicht alleine 13.000 Menschen aus Moria aufnehmen, das kann nicht der Weg sein, aber wir werden einen maßgeblichen Beitrag dazu leisten.»

Grünen-Chefin Annalena Baerbock hatte zuvor die Evakuierung aller griechischen Lager und die Hilfe Deutschlands dabei gefordert. Die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt will heute für drei Tage nach Moria fahren.

Auch der Vertreter des UN-Flüchtlingshilfswerks in Deutschland, Frank Remus, appellierte an die Bundesregierung, zusätzliche Migranten aufzunehmen. «Deutschland pocht bisher auf eine europäische Lösung, was ich verstehen kann», sagte Remus der «Welt». In einer Notsituation wie dieser begrüße er es aber, wenn die bisherige Politik überdacht würde. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, schloss sich dieser Forderung in der «Passauer Neuen Presse» an.

Norwegen kündigte an, nach dem Brand 50 Menschen aus dem Lager aufzunehmen, vorzugsweise Familien. Frankreich sicherte ebenfalls Unterstützung zu.

Andere blockten ab. «Wir müssen sehr vorsichtig sein, dass wir hier nicht Signale ausschicken, die dann eine Kettenreaktion auslösen, der wir vielleicht nicht mehr Herr werden», sagte Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg im ORF. Würde das Lager durch Verteilung der Migranten auf europäische Staaten geräumt, wäre es bald wieder voll. Die niederländische Justiz-Staatssekretärin Ankie Broekers-Knol sagte dem TV-Sender RTL Nieuws: «Die Niederlande haben immer den Standpunkt vertreten, dass wir keine Menschen übernehmen.»

Auf Lesbos lagen am Tag nach dem Großbrand im Lager Moria Container, Zelte und Sanitäranlagen in Schutt und Asche. Auch am Mittwochabend randalierten einige Migranten wieder und skandierten «Bye Bye Moria!». Griechischen Medienberichten zufolge wurden mehrere kleine Feuer gelegt.

In einem ersten Schritt kündigte der griechische Migrationsminister Notis Mitarakis an, Schiffe und Zelte als provisorische Unterkünfte zu schicken. Doch auch das kann angesichts des nahenden herbstlichen Regenwetters nur eine Übergangslösung sein. Die Internationale Organisation für Migration entsandte ein Team einschließlich Dolmetschern, um Helfende vor Ort zu unterstützen und mobile Lagereinheiten aufzubauen.

Griechenland hat inzwischen die ersten Lager-Insassen aufs Festland gebracht. Etwa 400 Minderjährige, die ohne Begleitung ihrer Eltern unterwegs sind, wurden am Mittwochabend und am Donnerstag von der Insel Lesbos in die Hafenstadt Thessaloniki geflogen. Der stellvertretende Migrationsminister Giorgos Koumoutsakos schloss allerdings aus, dass auch erwachsene Migranten die Insel verlassen dürfen. Im Nachrichtensender Skai sagte er: «Wer denkt, er könne zum Festland und dann nach Deutschland reisen, der soll es vergessen.»

Mehr als 24 Stunden nach Ausbruch des Feuers gab es immer noch keine offiziellen Angaben, wie viele Menschen obdachlos wurden. Zuletzt hielten sich in Moria und unmittelbarer Umgebung etwa 12.500 Migranten auf. Tausende mussten die Nacht unter freiem Himmel auf den Straßen rund um das Camp verbringen. Mehrere neue kleine Brände konnte die Feuerwehr löschen. Die Feuer hätten übrig gebliebene Zelte und andere provisorische Unterkünfte zerstört, berichtete das Staatsfernsehen. In der Luft lag der Gestank von verbranntem Plastik.

Vize-Minister Koumoutsakos sagte: «Niemand in Europa hat sich bislang mit einem solchen Zustand auseinandergesetzt.» Die griechische Regierung müsse sich jetzt nicht nur um die Folgen des Brandes kümmern, sondern auch um die Angst der Menschen auf Lesbos vor Verbreitung des Coronavirus. Man sei auf der Suche nach einem geeigneten Ort, wo Zelte aufgeschlagen werden könnten. Vonseiten der örtlichen Behörden gebe es aber keine Antwort. Zudem will die Regierung Migranten auf Schiffen unterbringen.

Zuvor hatte das Migrationsministerium keinen Hehl daraus gemacht, wer die Brände am Mittwoch in Moria gelegt haben soll. Hinter vorgehaltener Hand hieß es, hinter den Bränden steckten radikale Migranten. Am Donnerstag veröffentlichte das Ministerium eine schriftliche Erklärung mit den Worten: «Erpressungstaktiken werden nicht akzeptiert.» Die Polizei stoppte mehrere jugendliche Migranten, die versuchten, in die Hauptstadt der Insel zu kommen. Zuvor hatten einige Jugendliche auf die Beamten Steine geworfen. Die Polizei setzte Tränengas ein.

Groß ist auf Lesbos die Angst vor einem Ausbruch der Corona-Epidemie, der nicht mehr unter Kontrolle zu bringen ist. Nach offiziellen Angaben wurden 35 Migranten positiv auf das Virus getestet. Nach dem Großbrand sind viele von ihnen nicht mehr aufzufinden. Befürchtet wird, dass sie Tausende andere Menschen mit dem Virus anstecken könnten. Bislang habe die Polizei nur acht infizierte Migranten aufgreifen können, teilte die Regierung mit.

Am Morgen lief eine Fähre, die «Blue Star Chios», im kleinen Hafen Sigri im Westen der Insel ein. Das Schiff soll etwa 1000 Migranten aufnehmen. Andere Migranten sollen in den nächsten Tagen auf zwei Schiffen der griechischen Kriegsmarine eine vorübergehende Bleibe finden.



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Von Veritatis

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