Das Betrugssystem beim DAX-Konzern Wirecard wird heftig skandalisiert: Finanzminister Olaf Scholz wird angeprangert, ein bisschen auch Felix Hufeld, Chef der Finanzaufsicht und auch noch ein bisschen die Wirtschafts“prüfer“gesellschaft Ernst & Young (EY). Aber wo bleiben die eigentlich Verantwortlichen, die Eigentümer, die Aktionäre von Wirecard, dann die Kreditgeber und sonstigen Mittäter auf der Kapitalseite? Von Werner Rügemer.

Die wichtigsten Eigentümer von Wirecard

Fangen wir auf der ersten Ebene an, den Aktionären. Gegenwärtig hält BlackRock noch gut ein Prozent der Wirecard-Aktien. Aber die längste Zeit war es anders; noch zum Meldedatum 2.7.2020 waren es 5,57 Prozent.

Die längste Zeit gehörte BlackRock zu den Großaktionären. Die wichtigsten Aktionäre waren, nach der Größe ihrer Aktienanteile: Goldmann Sachs (16 Prozent), Société Générale (6,37), BlackRock (5,57), Bank of America (5,48), Morgan Stanley (5).

Für dieses Milieu durchaus bezeichnend: Der aufsteigende französische Großspekulant Nicolas Walewski war über seine Luxemburger Briefkastenfirma Alken European Opportunities mit 9 Prozent kurzzeitig der zweitgrößte Aktionär. Mitte Juli 2020 hat er einen Teil seines Kapitals auf ein anderes Unternehmen konzentriert, das aus anderen Gründen aufsteigt: auf den deutschen Waffenhersteller Heckler & Koch. Hier ist Walewski jetzt Haupteigentümer.

BlackRock als Aktionär der anderen Wirecard-Aktionäre

Aber mit den Aktionären ergibt sich noch nicht das ganze Bild. Hier setzt ja das verdummende Gerede der BlackRock-Verteidiger wie Friedrich Merz ein: Was kann ein Aktionär mit 5 Prozent Aktien schon groß entscheiden?

Tja, ihr schlauen Naivlinge und Verharmloser: BlackRock ist Mehrfach-Akteur. Der größte Kapitalorganisator des gegenwärtigen, mehr denn je US-geführten westlichen Kapitalismus – Miteigentümer von 18.000 Unternehmen, Banken und Finanzdienstleistern -, war und ist auch Aktionär bei allen anderen wichtigen Wirecard-Aktionären: Größter Aktionär bei der „französischen“ Bank Société Générale, drittgrößter Aktionär von Goldman Sachs und der Bank of America und viertgrößter Aktionär der Bank Morgan Stanley.

BlackRock als Aktionär bei den Kreditgebern von Wirecard

Aber auch das ist noch nicht das ganze Bild. Die Aktionäre bilden das Grundkapital. Aber Wirecard konnte ja nur weiter aufsteigen und seine globalen Betrugskonstrukte bis nach Asien finanzieren, weil große Banken dafür Milliarden an Krediten gewährten.

Der wichtigste Kreditgeber von Wirecard war die nach der letzten Finanzkrise staatlich gerettete Commerzbank mit 1,75 Mrd. Euro, mit gleicher Kredithöhe war ABN Amro (Niederlande) dabei, dann folgte mit 200 Millionen die ING (Niederlande), dann folgten die deutsche „Genossenschafts“bank DZ und die französische Crédit Agricole mit jeweils 120 Millionen, dann Barclays (London). Und auch eine deutsche öffentliche Landesank war dabei, die LBBW aus dem grün-christlich regierten Baden-Württemberg mit 200 Millionen.[1]

Eine besonders betrugsfördernde Rolle spielte die Deutsche Bank: Sie gewährte Wirecard 80 Millionen, die Investtochter DWS versorgte Wirecard mithilfe massiver Wetten auf die Wirecard-Aktien mit Eigenkapital. Aber vor allem gab die Deutsche Bank dem guten Freund, dem obersten Wirecard-Betrugschef Markus Braun, einen persönlichen Kredit von mal so 150 Millionen Euro.[2]

Und auch mit diesen Mittätern ist BlackRock eng verflochten: Als größter Aktionär der Deutschen Bank, als drittgrößter Aktionär der Commerzbank (nach dem deutschen Staat, vertreten durch das Finanzministerium, und nach der US-“Heuschrecke“ Cerberus) und auch jeweils als einer der kleineren unter den 10 größten Aktionären bei den Kreditgebern ABN Amro, ING und Crédit Agricole.

BlackRock als Aktionär der Rating-Agentur Moody’s

Aber das ist immer noch immer nicht das ganze Bild der hochprofessionellen, kriminogenen Vetternwirtschaft im heutigen BlackRock-Kapitalismus.

Denn die Banken geben die Kredite aufgrund der Bonitäts-Einstufung durch die staatlich eingesetzten Rating-Agenturen. Bei Wirecard war es die zweitgrößte der US-Ratingagenturen, Moody‘s, die gegen ein Millionenhonorar das Rating vergab.

So stufte Moody’s auch noch mitten in der Betrugs-Hochkonjunktur Wirecard im August 2019 mit „investment grade“ ein (Baa3): Diese uneingeschränkte Kreditwürdigkeit war der Start für die Kreditgeber Deutsche Bank, ING und Crédit Agricole. Sie legten für Wirecard nochmal eine 500 Millionen-Anleihe auf. Wie hieß es doch so schön in dem hochprofessionellen Rating-Geplapper: Das Baa3-Rating „spiegelt Wirecards führende Rolle auf dem Zahlungsabwicklungsmarkt insbesondere in Europa und in den stark wachsenden asiatischen Märkten… stabiler Ausblick und erwartetes starkes Wachstum.“[3]

Und wem gehört der Betrugsgehilfe Moody’s? Die Eigentümer sind, in dieser Reihenfolge: Berkshire Hathaway, die Holding des beliebten, populistischen Großspekulanten Warren Buffett, dann folgen Vanguard und offenbar unvermeidlich BlackRock.

Und noch ein kleiner Nachsatz für unsere Merz-verführten Naivlinge und Verharmloser: Natürlich ist BlackRock Großaktionär bei Berkshire Hathaway, und Vanguard ist Aktionär von BlackRock.

Und bekanntlich oder schon vergessen: Moody’s gehörte mit den beiden anderen Ratingagenturen Standard&Poor’s und Fitch zu den Verursachern der letzten Finanzkrise, mit den betrügerischen Gefälligkeits-Ratings für Spekulationspapiere.[4] Gekaufte, betrügerische Ratings gehören zum Geschäft, und BlackRock & Co sind Eigentümer und Auftraggeber solcher Betrüger, auch ungebrochen nach der Finanzkrise.

Die Wirtschafts“prüfer“: Ernst & Young (EY)

Der Wirtschafts“prüfungs“konzern Ernst & Young (EY) hat bis einschließlich der letzten veröffentlichten Bilanz 2018 immer auftragsgemäß und mit zweistelligem Honorar bis zum letzten Testat auftragsgemäß nie etwas vom Betrug gemerkt.

Ernst & Young: Eine Schleimspur des Testierens von Betrug zieht dieser Wirtschafts“prüfungs“konzern hinter sich her: Den Betrügern der Wall Street-Bank Lehman Brothers hat EY bis zum bitteren Ende die Buchhaltung und die Geschäftsberichte als korrekt testiert. Schon vergessen? Und nur zum Beispiel in Deutschland, was mal ein ganz großer Skandal war: Auch die Betrügereien bei der dann insolventen Einzelhandelskette Schlecker – EY war der Wirtschafts“prüfer“.

Und die Großaktionäre von Wirecard, Goldman Sachs, Société Générale und BlackRock & Co beauftragten niemand anders als EY als Wirtschafts“prüfer“!

Nur als kleine Ergänzung: US-Präsident Donald Trump berief nach seiner Wahl den Weltchef von EY, Mark Weinberger, ebenso wie den BlackRock-Chef Laurence Fink in seinen Business Council. Trump hat in solchen Sachen gewiss einen guten Riecher.[5]

BlackRock: Aktienspekulation als Geschäftsfeld

Für heutige Großaktionäre sind Aktien ein wichtiges Mittel der Spekulation. Sie holen ihre Gewinne weniger durch möglichst hohe Gewinnausschüttungen (Dividenden), sondern durch den ständigen Handel mit ihren Aktien. Auf jede Bewegung des Aktienwertes – etwa ausgelöst durch Erfolgsmeldungen, durch ein neues Rating, auch durch Betrugsvorwürfe – wird spekuliert, durch Kauf und Verkauf der Aktien, gesteigert durch Leerverkäufe, durch Wetten auf die Aktienwertentwicklung mithilfe von Derivaten. Die Aktie schwankte spekulationsfördernd zwischen 199 Euro und 0,25 Euro.

BlackRock hat immer wieder seinen Wirecard-Bestand an Derivaten und am Indexfond ETF erweitert und verkleinert. So war es beim zeitweiligen Kursrückgang im Februar 2019: BlackRock baut seinen Aktienanteil von 5,92 auf 4,42 Prozent ab, erhöhte aber die Derivateposition auf 1,47 Prozent, „was durch eine Leihe erklärbar ist … Selbiges ist bei etwaigen Mittelabflüssen aus den BlackRock-ETFs der Fall.“[6] Dann ein Jahr später: „Großaktionär BlackRock hat zum dritten Mal in diesem Jahr seine Aktien-Position beim Payment-Anbieter Wirecard meldepflichtig verändert“.[7]

BlackRock führt in diesem Geschäftsfeld, aufgrund seiner einzigartigen Stellung als Vielfach-Insider, auch mithilfe der roboterisierten, algorythmisierten Spekulation. Dazu betreibt BlackRock die Tochtergesellschaft ALADDIN, die größte Maschine der westlichen Welt zur Erfassung und Verwertung von Finanz- und Unternehmensdaten im Nanosekundenbereich – da kommt keine Finanzaufsicht mit, schon gar nicht die Bafin, wie sich im viel kleineren Fall der Lufthansa zeigte, wo BlackRock die Meldepflichten verletzte und lässig ein Millionen-Bußgeld zahlte.[8]

BlackRocks Wirecard-Aktien in Finanzoasen

Nur nebenbei, auch vielleicht als ebenfalls noch nicht gestellte Frage an die aufgeregten fleissigen Aufklärer im Deutschen Bundestag, damit das Bild in etwa komplett ist:

BlackRock hat die zum 2.7.2020 gemeldeten 5,57 Prozent seiner Wirecard-Aktien auf etwa 130 Briefkastenfirmen in einem Dutzend Finanzoasen zwischen den Cayman Islands und Luxemburg verteilt. (siehe Anhang) BlackRock selbst gibt in dieser Meldung seinen juristischen und Steuersitz in der größten Finanzoase der westlichen Welt an, in Wilmington im winzigen US-Bundesstaat Delaware.

Und Delaware steht irgendwie geheimnisvoll nicht auf der von der EU erstellten schwarzen Liste der Steueroasen.

Komplizen: Regierung, Finanzaufsicht, Staatsbank, Landesbank

Diese kriminogene Vetternwirtschaft funktioniert um so leichter, weil die Regierungen, die „zuständigen“ staatlichen Behörden nicht nur „zusehen“ oder „wegsehen“, wie es oft verharmlosend heißt. Nein, sie sind und waren Komplizen.

  • Die führende „Unsere Werte“-Propagandistin, Bundeskanzlerin Merkel, warb beim Staatsbesuch in China für die Zulassung Wirecards in der Volksrepublik. (Im „bösen“ China, das die Kanzlerin doch sonst so heftig wegen „Menschenrechtsverletzungen“ attackiert).
  • Finanzminister Olaf Scholz agiert seit Jahren im Dienst der aggressivsten Spekulanten. Als Hamburger Bürgermeister bereitete er die Rettung der Landesbank HSH Nordbank vor: Die war durch betrügerische Spekulationen eigentlich insolvent. Aber Scholz setzte mit über 5 Mrd. an Staatshilfen die staatliche Rettung durch – das hatten die US-“Heuschrecken“ Cerberus und Flowers zur Bedingung gemacht, um die HSH gnädigerweise zum Schleuderpreis aufzukaufen.[9] Mit diesem Tabubruch der ersten Privatisierung einer öffentlichen Landesbank in Deutschland bekamen die US-Spekulanten Zugriff auf den öffentlichen Finanzsektor, auch sonst in der EU.[10]
  • Sofort mit Amtsantritt berief Scholz Jörg Kukies zum Staatssekretär: Kukies war Chef der führenden Wall Street-Bank Goldman Sachs in Deutschland, und Goldman Sachs war u.a. Hauptaktionär von Wirecard. Scholz und Kukies führten auch während der HSH-Rettung und während des Bekanntwerdens der Wirecard-Betrügereien mehrere Gespräche mit BlackRock-Vertretern, auch mit Chef Laurence Fink, auch unter Beteiligung des BlackRock-Lobbyisten in Deutschland, Friedrich Merz.[11]
  • Beim größten Wirecard-Kreditgeber, der Commerzbank, ist der deutsche Staat der Hauptaktionär, dann nach Cerberus folgt BlackRock. Kukies hat die Aufsicht und berät sich ständig mit dem Vorstand.
  • Zum Chef der Finanzaufsicht Bafin wurde unter Finanzminister Wolfgang Schäuble Felix Hufeld berufen: Er kommt von der Seite der Investoren-Berater und -Lobbyisten. Er begann bei der Boston Consulting Group, war dann bei Agora und Inex24 und zuletzt bei Westlake Partners. Er sollte in der Bafin also die überwachen, die er selbst beraten hatte und an denen er teilweise selbst beteiligt war.
  • Mitarbeiter der Bafin, vor allem in der auch für die Wirecard-Aufsicht zuständigen Abteilung WA 2, spekulierten privat 69 mal mit Wirecard-Aktien.[12]
  • Beim Wirecard-Kreditgeber LBBW, der Landesbank Baden-Württemberg, sitzen im Aufsichtsrat: die Finanzministerin in der grün geführten Landesregierung, Edith Sitzmann, dann noch direkt dem grünen Ministerpräsidenten zugeordnet Florian Stegmann, Chef der Staatskanzlei sowie Fritz Kuhn, grüner Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart.

Untersuchungsausschuss des Bundestages?

Also: Der Untersuchungsausschuss des Bundestages hat zur Aufklärung des ganz normalen Wirecard-Skandals doch noch einiges zu tun, mehr als bisher angekündigt. Ob das gelingt? Von den ach so aufgeregt anprangernden Staats- und privaten Leitmedien und „investigativen Journalisten“ ist auch nichts zu erwarten, trotz ihrer Hundertschaften an gut bezahlten Rechercheuren und Faktencheckern bzw. fake-Produzenten. Oder müssen da doch andere ran?

Titelbild: nitpicker/shutterstock.com

Letzte Buchveröffentlichung von Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Gemeinverständlicher Abriss zum Aufstieg der neuen Finanzakteure. 360 Seiten, 2. erweiterte Auflage Köln 2020.



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Von Veritatis

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