Leipzig.

Kinos haben es nicht in leicht in der Corona-Zeit, Dokumentarfilme auch nicht. Und dennoch wird nun gefeiert: Am Samstag findet der erste deutschlandweite Dokumentarfilmtag statt. “Die Idee hatten wir schon vor Corona”, erklärt Jan Sobotka, Sprecher der AG Dok Ost, “doch es war lange nicht klar, ob er stattfinden kann.” Jetzt kann er – pünktlich zum 40. Geburtstag der AG Dok, der Interessenvertretung der Dokumentarfilmschaffenden. In zwei Monaten wurde ein Programm aus dem Boden gestampft, das sich sehen lassen kann, auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Insgesamt gibt es in den drei Bundesländern über 25 Kino- und Branchenveranstaltungen sowie Dokumentarfilmevents, nicht nur in Dresden und Leipzig, sondern auch in Annaberg-Buchholz und Schwarzenberg. Das Ring Kino Schwarzenberg und der Gloria Filmpalast Annaberg zeigen zum Beispiel den Film “Die Wismut” über die gleichnamige sowjetisch-deutsche Aktiengesellschaft, die bis zum Ende der DDR unter teilweise menschenverachtenden Bedingungen rund 220.000 Tonnen Uran zutage förderte. In seinem vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilm lässt Regisseur Volker Koepp Betroffene zu Wort kommen, die mit Würde und Stolz auf 40 Jahre Leben zurückblicken. In anderen Städten stehen Filme wie “Wildes Herz” über die Band Feine Sahne Fischfilet, “Leben in Demmin” über das Trauma der Stadt oder “Gundermann Revier” über die Lausitz auf dem Programm.

Ziel des Tages ist, den Dokumentarfilm zu feiern und sichtbar zu machen. “Dokumentarfilm ist eine künstlerische Form, die sich mit der Realität auseinandersetzt und zur Diskussion anregt”, sagt Sobotka. Gerade heutzutage seien Diskussionen oft schwierig und die Fronten verhärtet. “Dokumentarfilme gegen das Nicht-Miteinander-Sprechen” wollen sie zeigen, um eine Diskussionsvorlage zu bieten und ins Gespräch zu kommen. Dabei geht es an dem Dokumentarfilmtag nicht darum, neue Filme zu präsentieren, wie es beim jährlichen Festival Dok Leipzig der Fall ist, sondern auch ältere. “Viele Filme sind nachhaltig und haben eine Relevanz, die länger als ein Jahr oder eine zweiwöchige Kinorunde ist”, meint Sobotka.

Er ist selbst Filmemacher, in Chemnitz aufgewachsen, lebte später in Hamburg und Berlin und ist dann nach Halle gezogen – wieder in Richtung Heimat, wie er selbst sagt. Dort ist er unter anderem Sprecher der Regionalgruppe AG Dok Ost, die sich am Dokumentarfilmtag gründen wird, weil es 30 Jahre nach der Wende dort immer noch eine Lücke gibt. Zwar war AG Dok in ihrer nun 40-jährigen Geschichte auch hier in der Gegend präsent – sie setzte sich nach der Wende zum Beispiel dafür ein, dass die Dok-Woche in Leipzig geblieben ist -, aber “wir haben auch etwas beizutragen”, sagt Sobotka. So gibt es immer mehr Filmemacher, die sich den Themen ihrer Heimat – auch wenn sie weggezogen sind – zuwenden und mit ihnen auseinandersetzen. “Mit den Mitteln des Filmemachens kann man ergründen, wie manche Meinungen entstanden sind und etwas zum Verständnis beisteuern”, findet Sobotka. “Wir müssen wieder lernen aufeinander zu zugehen, miteinander zu sprechen und uns zu fragen: Was bedeutet Gesellschaft? Demokratie? Menschenrechte? Menschlichkeit? Das ist meine Aufgabe als Dok-Regisseur und auch als Mensch”, betont Sobotka.

Ein Ziel der neuen Regionalgruppe Ost ist es zudem, neben der langen Tradition des westdeutschen Dokumentarfilms auch die des ostdeutschen zu zeigen. Zu zeigen, dass Dokumentarfilme nicht nur systemtreu waren, sondern auch ein Feld der Subversion. “Viele Autoren haben Filme gemacht, bei denen man zwischen den Zeilen lesen kann und musste”, sagt Sobotka. Regisseurinnen wie Helke Misselwitz (“Winter adé”) oder Regisseure wie Thomas Heise, die auch nach der Wende noch spannende Filme machen.

Dass nun im Gründungsjahr der Ost-Regionalgruppe die Pandemie hereinbrach, schlägt sich im Programm des Tages kaum nieder. Das liegt vor allem auch daran, dass Dokumentarfilme Zeit brauchen für Beobachtung, Recherche und Umsetzung. Dennoch habe Corona gezeigt, dass journalistische Dokumentationsformen wichtig sind, wenn sie zum Beispiel in Sendungen wie den Tagesthemen auftauchen, findet Sobotka. Doch Ziel des ersten Dokumentarfilmtages sei es, den Blick auf andere Themen zu richten. “Wir wollen klarmachen, dass das Leben weitergeht.”

Veranstaltungen In Sachsen gibt es Filme u.a. in Annaberg-Buchholz (Gloria Filmpalast), Dresden (Schauburg), Gröditz, Leipzig (Kinobar Prager), Löbau und Schwarzenberg (Ring Kino) zu sehen.



Source link

Von Veritatis

Schreibe einen Kommentar