Vor 30 Jahren hauchte der Staat DDR sein Leben aus. Alles scheint unausweichlich und folgerichtig. Doch sind die letzten Tage vor dem 3. Oktober 1990 kein stilles Innehalten, sondern bewegt, unberechenbar, teilweise dramatisch. Sie haben es verdient, erinnert zu werden. Mit einer kleinen Serie auf freitag.de wollen wir das versuchen.

Guido Seebers zieht es schon Ende 1911 auf das Babelsberger Gelände im Südwesten Berlins, das damals noch Alt-Nowawes zugeschlagen wird. Dem Kameramann und Regisseur der „Deutschen Bioskop Gesellschaft“ ist das Atelier in der Berliner Chausseestraße zu eng geworden, um die Stummfilme zu drehen, die ihm vorschweben. So entsteht Der Totentanz mit Asta Nielsen ein Jahr später bereits dort, wo sich mit der Filmgesellschaft Ufa gegen Ende des Ersten Weltkrieges eine Filmstadt zu etablieren beginnt, die in Europa kaum ihresgleichen hat – die Filmstudios Barrandov in Prag (ab 1932) oder den Cinecittà-Komplex an der Peripherie von Rom (ab 1937) einmal ausgenommen.

Ab 1946 kann in mehr als 20 Ateliers die im gleichen Jahr gegründete Filmgesellschaft DEFA künstlerische Kreativität entfalten und bis Sommer 1990 mit etwa 700 Spielfilmen Zeugnis ablegen, wie ihr das gelungen ist. Nur was hilft der Blick zurück? Die Zeichen stehen auf Abbruch, Abriss, Abschied. Im September 1990 hat die Geschäftsführung gut tausend Mitarbeitern Briefe mit der Kündigung zum 31. Dezember zugestellt. Bei bis dahin 2.200 DEFA-Angestellten insgesamt ist das ein Aderlass, der Dramaturgen, Aufnahmeleiter, Szenenbildner, Kameraleute und Kraftfahrer gleichermaßen trifft. Wird die Agonie unabwendbar sein? Droht das Ende des Produktionstyps „alles unter einem Dach“ – von der Idee über das Drehbuch und die Studioaufnahmen bis zum Schnitt und fertigen Film?

Wer jetzt nicht dreht

Dabei könnte die Auslastung der Babelsberger Kapazitäten im Spätsommer vor 30 Jahren kaum besser sein. Am 30. August haben die Dreharbeiten für Stein in der Regie von Egon Günther und mit Rolf Ludwig (Deutsches Theater) in der Hauptrolle begonnen. Es stehen die Dekorationen für die Streifen Das Mädchen aus dem Fahrstuhl (Herrmann Zschoche) und Kinderfilme wie Olle Hexe (Günter Meyer) oder Die Sprungdeckeluhr (Gunter Friedrich). Selbst der Deutsche Fernsehfunk (DFF), für dessen Fernsehfilm- und Serienproduktion (600 Programmtitel seit 1953) die DEFA jahrzehntelang ein hochgeschätzter Partner war, hat trotz drohender Abwicklung weiterhin Dienstleistungen geordert.

Noch greift für die DEFA-Produktionen mit Geldern aus dem DDR-Kulturministerium das überlieferte Subventionierungsmodell, auch wenn sich die Treuhand bereits lebhaft dafür interessiert, Vorbehalte geltend macht, doch gelassen bleibt. Schließlich wird am 3. Oktober damit Schluss sein. Der erduldete, ertragene, erlittene, verachtete und dabei doch als Finanzier und Schutzpatron so unentbehrliche Staat DDR ist in Bälde auf und davon. Und die „Kulturschaffenden“ werden wissen, woran es ihnen warum fehlt. Wer im Herbst 1990 bei der DEFA nicht dreht, dreht womöglich nimmer mehr.

Fortan ist für alle Filmproduzenten Ost die westdeutsche Filmförderung zum Muster erkoren. Das heißt, Investoren suchen, Landesregierungen überzeugen, Gelder sammeln, sich auf Standorte einlassen, von denen die lokale Wirtschaft (Hotellerie, Catering, Transport usw.) zum Beispiel in Berlin und Brandenburg etwas hat, wenn sich deren Medienboard exponiert. Vor allem Verleiher müssen gefunden werden, damit ins Kino kommt, was nicht gleich in die Archive soll. All die neuen „Schirmherren“ der ostdeutschen Filmemacher brauchen eine Adresse. Eine DEFA-Tochtergesellschaft namens DEFA-Spielfilm-GmbH wäre wünschenswert. Die ist zwar in Sicht, aber bis dahin – das verstehe, wer will – nicht gegründet. Offenbar fällt es schwer, sich im Überschwang errungener künstlerischer Unabhängigkeit auf die ökonomischen Zwänge von Filmproduktion in der Marktwirtschaft einzulassen.

Für 420 DM geschützt

Am 20. September 1990 tagt zum letzten Mal der Volkskammerausschuss für Kultur, um zu beklagen, wie wenig Kunst in diesen Übergangszeiten konsumiert werde, Kinos und Theater seien halbleer, Bücher würden in Ramschcontainern landen und gleich geschreddert. Der „Lebenshelfer“ Kunst hat scheinbar ausgedient, wenn es ans Existenzielle geht, oder muss seine Schutzbefohlenen erst wieder von sich überzeugen.

Besagten Kulturausschuss beschäftigt unter seinem Vorsitzenden Dietmar Keller (PDS) die Frage, welches Kulturgut der DDR in Einheitsdeutschland ankommen soll. Aber – so das Protokoll – „Repräsentations- und Staatskultur haben keinen Anspruch auf Fortbestand“. Was ist damit gemeint? Was bedeutet das für die DEFA, einen bis Mitte 1990 volkseigenen Betrieb durch und durch?

Die zitierte Beauflagung bezeugt, wie schizophren der Umgang mit dem kulturellen Erbe der DDR damals sein kann. Soviel wie möglich zur Disposition stellen und anschließend jammern, dass westdeutscher Entsorgungswille gründlich ist und nichts übriglässt. Wagt es doch einmal, den Kopf aus dem Tagessumpf zu ziehen und über den Tellerrand hinauszudenken, möchte man im Nachhinein fluchen.

Immerhin drohte verlorenzugehen, was unverzichtbar war und ist, um sich der eigenen Geschichte zu vergewissern. Schon 1946 drehte Wolfgang Staudte für die DEFA den Spielfilm Die Mörder sind unter uns, womit es einen Maßstab gab, was von Nachkriegsfilmen zu leisten war.

Wenigstens denkt der scheidende Kulturminister Herbert Schirmer (CDU) laut über eine Stiftung der DEFA zum Schutz und zur Verwertung der Rechte an ihrem Filmfundus nach. Er offenbart Sinn für Realitäten, wenn zu verstehen gibt, was eine solche Instanz auch immer einbringen mag – für die Förderung und Finanzierung von Filmprojekten reiche es sicher nicht.

In Babelsberg wird zumindest begriffen, dass man gut daran tut, der heraufziehenden Rechtsordnung gewachsen zu sein und sich urheberrechtlich abzusichern. Die Geschäftsführung beschließt noch im September, das DEFA-Logo wird eingetragen und damit geschützt. Das kostet 420 DM im Noch-DDR-Gebiet, noch einmal 300 DM für ganz Deutschland.

Nachtrag

Die DEFA – über diverse Irrwege gelotst und längst nicht mehr, was sie einmal war – mutiert ab 2004 zur Studio Babelsberg AG und ist nur noch Dienstleister in ihrem Stammquartier, das heute größtenteils als touristischer Erlebnispark sein Dasein fristet. Und die Stiftung? Sie brauchte Zeit, bis sie im Jahr 1998 endlich mit der Verpflichtung in die Welt gesetzt war, einen eindrucksvollen Filmstock zu schützen und zu verwerten. Das gelingt umso besser, je älter die Filme werden.



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Von Veritatis

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