Im Kaiserstuhl-Gebirge im Südwesten scheint häufiger die Sonne als anderswo in Deutschland. Dort wächst der Wein, und dort wissen die Menschen zu feiern. Aber auch im “Rebland”, so der Titel des ARD-Tatorts, passiert das Unfassbare. Beate Schmidbauer (Victoria Trauttmansdorff) wird auf dem Nachhauseweg nach einem Weinfest bewusstlos geschlagen und brutal vergewaltigt. Die Radiomoderatorin kann sich deshalb kaum an Details erinnern. Auch dem Zuschauer werden sie vorenthalten, doch die Polizeifotos der Verletzungen sprechen eine eindeutige, grausame Sprache.

Jährlich werden etwa 8000 Vergewaltigungen in Deutschland angezeigt, die Dunkelziffer liegt um einiges höher. Dass viele Frauen gar nicht erst zur Polizei gehen, dürfte auch daran liegen, dass von 100 angezeigten Vergewaltigungen gerade 13 mit einer Verurteilung enden. Das ist ein gesellschaftlicher Skandal. Und auch Kripochefin Cornelia Harms (Steffi Kühnert) kann ihrer Freundin zunächst nur wenig Hoffnung machen, dass der Täter ermittelt werden kann.

Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) sind so ein bisschen das neue Traumpaar des Tatorts. Er, der große Stämmige, ist eher pragmatisch veranlagt. Sie, die Zierliche, ist in dieser Beziehung die Intellektuelle. Zwischen beiden Ermittlern passt kein Blatt Papier, trotz durchaus unterschiedlicher Meinungen bei den Methoden ihrer Nachforschungen. So will Berg auf eine erweiterte, in Deutschland nicht erlaubte DNA-Analyse der französischen Polizei zurückgreifen. Tobler hegt grundsätzliche Bedenken, denn neben Alter und Augenfarbe kann so auch die Hautfarbe des vermutlichen Täters herausgefunden werden. Kritiker befürchten ein neues Tool für “Racial Profiling”. Doch diese Baustelle macht der Krimi nicht auf. Tobler willigt ein, und mit Hilfe der unerlaubten Methode konzentrieren sich die Ermittlungen bald auf drei (weiße) Männer, die sich weigerten, DNA-Proben abzugeben.

Der bemerkenswerte Krimi nimmt hier freilich eine etwas problematische Wendung. Denn plötzlich steht die gesellschaftliche Ächtung der möglichen Verdächtigen im Vordergrund, die Opferperspektive der Radiomoderatorin dagegen gerät zunehmend aus dem Blickfeld von Autorin Nicole Armbruster und Regisseurin Barbara Kulcsar, zumal sich die Empathie des Zuschauers für die Verdächtigen in Grenzen halten dürfte. Die Motive der zwei “Unschuldigen” bleiben zu lange im Dunkeln, was dramaturgisch Sinn machte, die Geduld des Zuschauers aber strapazierte. Dennoch bot diese SWR-Produktion einen spannenden Fernsehabend. Die gesellschaftliche Relevanz blieb ob der Tatsache, dass die erweiterte DNA-Analyse mittlerweile auch in Deutschland erlaubt ist, erhalten. Das letzte Bild des Krimis war nämlich dann doch dem weinenden Opfer mitten im schönen Rebland vorbehalten.



Source link

Von Veritatis

Schreibe einen Kommentar