An einer ganzen Reihe von Schulen werden die Hygiene-Regeln deutlich strenger umgesetzt, als es die jeweiligen Landesregeln vorschreiben. Schüler, Lehrer und Eltern sind gespalten. Wer nicht mitmacht, riskiert schnell, ausgegrenzt zu werden. Von Sandra Reuse.

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Früher gab es mal Lehrer, die haben uns Schülern (in Westdeutschland) alles durchgehen lassen, wenn wir es nur geschickt genug verkauften. Zum Beispiel hatten wir in der Oberstufe einen Deutschlehrer, der sich regelmäßig breitschlagen ließ, mit uns ins Café zu gehen. Den einen oder anderen Klassiker der Literaturgeschichte haben wir daher nur durchgewunken. Dafür haben wir aber etwas anderes erfahren, nämlich dass unsere Lehrer versucht haben, unsere Kumpels zu sein, auch wenn wir Schüler das ein bisschen peinlich fanden. Diese Lehrer – es waren natürlich nicht alle so – waren eigentlich immer offen für Gespräche, sie liebten es geradezu, wenn es im Klassenzimmer zu Debatten kam. Wer etwas gut begründen konnte, wurde von ihnen wertgeschätzt.

Heute läuft das anders. An vielen Schulen, die doch eigentlich ein Ort der Bildung, der Aufklärung, des Denken-Lernens, der Entwicklung freier Bürger sein sollen, wird nicht mehr gerne diskutiert. Jedenfalls nicht über die Dinge, die den Schulablauf derzeit fundamental bestimmen, die so genannten AHA-Regeln und ihre Auslegung vor Ort. Das heißt, über die fundamentalsten Bedürfnisse des Menschen: Wann darf ich tief Luft holen, wann und wohin darf ich mich bewegen, wann darf ich etwas essen, mit wem darf ich reden und lachen?

Heute gibt es Lehrer, die sagen den Kindern: Zieht die Maske auf im Unterricht – auch wenn es gar nicht vorgeschrieben ist. Ihr werdet doch solidarisch sein mit uns Lehrern, ihr wollt uns doch wohl nicht gefährden? Oder sie sagen, wenn Ihr die Maske nicht aufzieht, ziehe ich sie auf – dann könnt Ihr mich eben kaum noch verstehen. Selbst schuld, wenn es dann schlechte Noten gibt. Die Konsequenzen müsst ihr tragen. Eine weitere Methodik ist: Bei herbstlichen Temperaturen auf Durchzug zwischen Tür und Fenstern schalten, schnell entsteht ein Gruppenzwang gegen Maskenmuffel. So wird es jetzt derzeit vielfach aus Nordrhein-Westfalen berichtet, wo die Masken seit dem 31. August im Unterricht nicht mehr vorgeschrieben sind. Vorausgegangen war eine Petition, die in kürzester Zeit 40.000 Unterschriften gesammelt hatte. Hier berichten die Petenten, wie es bisher weiterging.

Wie die Regeln umgesetzt werden, bestimmen die mit der größeren Angst

Was Recht ist und welche Regeln durchgesetzt werden, ist immer auch eine Frage von Machtverhältnissen. Und die Macht liegt in der Schule ganz überwiegend bei den Lehrern. Formal liegt sie natürlich bei den Schulleitungen, doch die sitzen angesichts des schon lange bestehenden Fachkräftemangels am kürzeren Hebel. Bei einem insgesamt hohen Altersdurchschnitt fühlen sich zu viele Pädagogen der Risikogruppe zugehörig. Deutschlandweit sind 37 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer über 50 Jahre alt, in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern sind es sogar über 60 Prozent (Quelle: Statistica, auf Basis von Zahlen des Statistischen Bundesamtes). Der monatelange digitale Nachrichtenregen mit all seinen alarmierenden Schlagzeilen hat bei vielen von ihnen Existenzängste ausgelöst. Kinder wurden teilweise als Superspreader dargestellt, als Virenschleudern, kurz: als lebensbedrohliche Gefahr. Appelle von Ärzteverbänden und fachliche Stellungnahmen, denen zufolge Kinder das Virus kaum verbreiten, fanden hingegen seltener eine gute Platzierung in den Medien – am Ende dieses Textes folgen einige Informationen dazu. Videos, die sich kritisch mit der Maskenpflicht und den bereits jetzt messbaren negativen psychischen Folgen der Hygienemaßnahmen für Kinder auseinandersetzen, werden seit Monaten bei Youtube gelöscht oder die Kommentarfunktion wird abgeschaltet.

Viele Schulen versuchen daher, die jeweils geltenden Landesregeln noch strenger umzusetzen, als sie müssten: Da, wo die Maske gilt, soll sie am besten lückenlos getragen werden. An einer Oberschule in Hessen sollten die Schüler zwischenzeitlich noch nicht einmal mehr in den Pausen essen oder trinken, damit sie nur ja keine Viren verbreiten. Erst nach Protest von Eltern wurde das wieder rückgängig gemacht. An Schulen deutschlandweit, sogar an Grundschulen, kann die Maske auch auf dem Schulhof vorgeschrieben sein, bei Hitze wie bei Regen, obwohl bekannt ist, dass sich im feuchten Stoff schnell Bakterienstämme und Schimmelkolonien bilden. An einem normalen Schultag mit Nachmittagsbetreuung sind es schnell 8-9 Stunden, an denen ein Kind die Maske tragen muss, kommt eine Fahrt im ÖPNV hinzu, noch länger. Ein hygienischer Umgang mit den Masken ist im schulischen Alltag kaum durchzuhalten. Die Masken werden in Schul- und Hostentaschen geknüllt, an die Toilettentür gehangen, fliegen runter und werden weiter benutzt. Wer reinniest und nur eine Maske dabei hat, muss sie weiterbenutzen. Wer sich mit Desinfektionsmittel an den Händen an die Maske fasst, muss es stundenlang einatmen. Nicht wenige Kinder sind mittlerweile so konditioniert, dass sie den „Mund-Nasen-Schutz“ sogar in der Freizeit im Freien anlassen, zu beobachten vor allem bei jüngeren Kindern.

Ein trauriges Beispiel, gesehen in Berlin: Ein Mädchen, das seit Ferienende in die zweite Klasse geht und auch im Schulhort Maske tragen muss, trifft spätnachmittags auf dem Spielplatz auf zwei Freundinnen aus ihrer alten Kita. Sie trägt Maske, die Kinder auf dem Spielplatz nicht. Das Mädchen fängt erstmal an zu weinen. Erst nach einer halben Stunde auf dem Schoß ihrer Mutter lässt sie sich darauf ein, mit ihren alten Freundinnen zu spielen und irgendwann auch die Maske abzulegen.

Kinder werden vereinzelt und gegeneinander ausgespielt

Kinder, die sich weigern, die Hygieneregeln umfänglich zu befolgen, riskieren sehr schnell, ausgegrenzt zu werden. Verstärkt wird das auch dadurch, dass sie sowieso Abstand halten sollen. Zusammenstehen und tuscheln, sich verbünden, das geht faktisch nicht mehr. Sich in den Arm nehmen, jemanden zu trösten oder aus Spass miteinander zu rangeln, alles was Bindungen unter Gleichaltrigen stärkt, ist auf dem Schulgelände untersagt. Für heutige Erwachsene, egal ob aus dem West- oder Ostteil des Landes, ist das alles eigentlich unvorstellbar. Kinder, die die Maske zwischendurch auch nur unter die Nase ziehen, werden von anderen belehrt, dass sie Menschenleben gefährden. Ärztliche Atteste werden von Lehrern und Schulleitungen ignoriert, eingezogen, vor den Augen der Schüler zerrissen. Kinder ohne Maske, aber mit Attest, werden im Schulbus nicht mitgenommen. So lauten Berichte in Elternchats.

Kein Mitleid, keine Rücksicht auf reale gesundheitliche Gründe

Keine Rolle spielt in dieser Gemengelage, ob es reale gesundheitliche Gründe gibt, die Maske wegzulassen, wie etwa Atemprobleme, Kopfschmerzen oder Konzentrationsprobleme. Während Arbeitnehmern empfohlen wird, spätestens nach vier Stunden die Maske zu wechseln, bei anstrengenden Tätigkeiten noch häufiger, fehlen entsprechende Leitlinien für Kinder. Auch Brillenträger oder Kinder mit Hörbeeinträchtigungen, die auf das Lippenlesen angewiesen sind, sind stark benachteiligt. Gleiches gilt natürlich für Kinder, die besser Deutsch lernen müssen: Selbst wenn der Lehrer keine Maske trägt – was die Mitschüler sagen, können sie oft nicht verstehen. Inklusive, integrative Bildung? Fehlanzeige.

Gerade in diesem Jahr zeigt sich, wie hilfreich es wäre, wenn die Klassen kleiner und überschaubarer wären, Klassenlehrer mehr Unterricht bei „ihren“ Schülern hätten und Lehrer mehr über die Familienverhältnisse ihrer Schüler wüssten. Wer hat zu Hause keinen eigenen Arbeitsplatz, keinen PC, sondern nur ein Handy, um die Aufgaben zu erledigen? Wer hat viele Geschwister und muss sich kümmern, welches Kind ist den ganzen Tag allein und braucht in der Schule dringend etwas Fürsorge und Anschluss? Auch die gesundheitlichen Sorgen und Ängste, die einige Schüler mit sich rumtragen, spielen im Schulalltag keine angemessene Rolle. Dabei hätten die Klassenkameraden sowohl für Kinder, die keine Maske tragen wollen, aber auch für diejenigen, die immer eine tragen, viel mehr Verständnis, wenn die Hintergründe bekannt wären.

Dafür benötigt es an den Schulen einen offene und ehrliche Kommunikation und einen respektvollen Umgang miteinander. Der Trend läuft gerade in die Gegenrichtung: An verschiedenen Schulen werden derzeit PCR-Tests zur Ermittlung von Covid-19-Infektionen durchgeführt, teilweise ohne vorherige Information der Eltern, teilweise auch gegen deren schriftlich erklärten Willen. Die Methoden zur Durchsetzung sind ähnlich wie bei den AHA-Regeln: Wer nicht mitmacht, wird als Gefahr eingestuft und ausgegrenzt. Ist das noch Ausnahmezustand oder ist das nun die neue schulische Normalität? Deutschland, im Jahr 2020.

Info-Kasten:

Aktuelle Stellungnahmen von Ärzteverbänden und medizinischen Fachgesellschaften, die die geringere Rolle, die Kinder bei der Verbreitung von Covid-19 spielen, betonen:

Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V.

Dachverband der Kinder- und Jugendmedizinischen Gesellschaften

Fachartikel zum Thema:

British Medical Journal, Children are no Covid19 super-spreaders

Das deutsche Ärzteblatt zum Infektionsgeschehen in Sachsen, wo die Kinder bereits im Mai wieder „normal“ zur Schule gehen konnten.

Titelbild: Sichon / shutterstock.com



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Von Veritatis

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