Ein Mann, der Bücher und Platten alphabetisch sortiert, hat auch seine schmutzige Fantasie unter Kontrolle. Welche Frau schmachtet schon nach so einem? Und ein Typ, der Sojamilch trinkt, Yoga macht, Sandalen trägt, auf Fleisch verzichtet oder bei DFB-Pokalspielen darauf hofft, dass diese drittklassigen Nieten, wie er selber eine ist, gegen den FC Bayern gewinnen, der ist kein Mann, sondern ein Weichei, ein Schattenparker, ein Warmduscher, ein Frauenversteher. Damit das mal klar ist.

Befänden wir uns nicht in einem Zeitalter mit dem weithin akzeptierten Begriff der toxischen Männlichkeit, sondern in den 1990er Jahren, dann würde dieser Texteinstieg mehr Leute zum Nicken bringen als zum Kopfschütteln. Denn damals fand erst allmählich eine Sozialfigur ihren Weg in die Debatten, die Männlichkeitsbilder umkrempeln sollte: der „Metrosexuelle“ – eine Zusammensetzung aus „metropolitan“ und „heterosexuell“, die einen Mann charakterisiert, der keine Furcht kennt vor weiblich konnotierten Eigenschaften.

Bloß nicht wie der Vater

Parallel dazu vollzog sich eine Neudefinition in Genderfragen. „Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht, außen hart und innen ganz weich“, wie Herbert Grönemeyer noch in den 1980er Jahren halbironisch sang, das galt immer weniger. Viele freuten sich, dass Männer nun Elternzeit nahmen und den Stubenbesen schwangen. In allen sozialen Klassen und Milieus schärfte sich das Bewusstsein dafür, dass sich Mannsein nicht mehr über Härte und Trinkfestigkeit definieren musste.

Mit Verzögerung nimmt diese Transformation seit einigen Jahren in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur auffallend viel Raum ein. Immer mehr Autoren vermitteln in ihrem Werk ein Bild des Maskulinen, das sich von toxischer Männlichkeit abgrenzt. Dazu gehören etwa Thomas Melle (Die Welt im Rücken, 2016), Arno Frank (So, und jetzt kommst du, 2017), Lukas Rietzschel (Mit der Faust in die Welt schlagen, 2018), Saša Stanišić (Herkunft, 2019) oder Cihan Acar (Hawaii, 2020).

Ein herausragender Vertreter ist Bov Bjerg, der in seinen Büchern dem Leben mit und dem Leiden an der Depression aus männlicher Perspektive eine Leichtigkeit verleiht, die ohne altbackene Klischees auskommt. In der Coming-of-Age-Geschichte Auerhaus (2015) knüpft Bjerg sich vormals eherne Männlichkeitsideale vor. Bei der Figur des Harry wird um ihre Homosexualität kein Tamtam veranstaltet; sie wird nonchalant eingeführt, wie die normalste Sache der Welt. Die romantische Liebe zwischen Höppner und Vera wird nicht – wie es in Romanen dieses Genres oft der Fall ist – in die Schablone des um die holde Maid werbenden Minnesängers gepresst, sondern in all der Komplexität literarisiert, wie sie im „echten Leben“ typisch ist für solche Beziehungen. Und der depressive Frieder durchläuft ganz und gar nicht die sonst allzu übliche „Erst mal muss-sich-der-werdende-Mann-selbst-finden“-Reise bis zum kitschigen Happy End.

Auerhaus verkaufte sich hunderttausendfach, was ein Zeichen dafür ist, dass die Autoren mit ihrem neuen Blick aufs Männliche einen Nerv treffen. Weil Bov Bjerg in seinem in diesem Frühjahr erschienenen Roman Serpentinen in jeder Hinsicht sogar noch einen Schritt weitergeht, ist es wiederum aufschlussreich, dass er damit auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. Endlich honorierte die Jury einer solchen Auszeichnung die erzählerische Kraft und die sprachlichen Mittel dieses Autors, dem es wie keinem anderen gelingt, den Ernst des Lebens mit dem Humor des Träumens zu vermengen und daraus große Literatur jenseits ausgetretener Erzählpfade zu erschaffen.

In Serpentinen reist ein Vater mit seinem Sohn in das Hügelland, aus dem der Vater stammt. Seine Flucht und sein Bildungsaufstieg haben ihm keine Erlösung gebracht, jetzt soll die Rückkehr alte Wunden heilen. Um ein dunkles Geheimnis kreist die Handlung permanent: In der Familie haben sich reihenweise Männer selbst umgebracht. Das vielleicht größte künstlerische wie gesellschaftspolitische Verdienst des Romans besteht darin, dass Bjerg eine Sprache gefunden hat für die meist männliche Sprachlosigkeit. Der Erzähler will bloß nicht so enden wie sein Vater, er gesteht seine Unzulänglichkeiten ein und kalauert sich verzweifelt durch Vergangenheit und Gegenwart, was in Sätzen wie diesem gipfelt: „Ich war ein guter Vater, indem ich eine gute Mutter war.“

Autoren wie Bov Bjerg setzen Trends, und darum fallen auch jene auf, die sich der neuen Männlichkeit sattsam verweigern. Einige von ihnen haben ihre Absage als Marktnische entdeckt. Seit dem Beginn des Jahrtausends nimmt beispielsweise der Schriftsteller Thomas Glavinic dankbar die Rolle als schreibende Abrissbirne wahr. Er konsumiert viele Drogen und trinkt viel Alkohol. Zumindest berichtet er gern davon. Im Internet titulierte er 2016 seine Kollegin Stefanie Sargnagel als „talentfreie Krawallnudel“, worauf sie antwortete und vom Autor wiederum diese Reaktion erhielt: „Wieso darf ein sprechender Rollmops meine Seiten verschweinen? Ich muss endlich irgendein Genie diese Dinge abstellen lassen.“

Seine Inszenierung als tabubrechender Zampano geht einher mit einer Überanpassung an traditionelle Geschlechterrollen, die den sich um politische Korrektheit einen Dreck scherenden Künstler mit den auf Papier gebannten „Geniestreichen“ in Einklang bringt. Die Journalistin Hannah Lühmann schrieb 2016 in der Welt eine Hommage an Glavinic. Sie stellte ihn als Künstler vor, „der die Kampfsportart WingTsun betreibt, bei der man einen Gegner mit ein paar Handkantenschlägen töten kann, der einen Lamborghini beim Überholen einer Lkw-Kolonne zu Schrott gefahren hat und der auf Facebook einmal ein Foto seines Gemächts gepostet hat“.

In Glavinics von der Kritik gefeiertem Roman Die Arbeit der Nacht (2006) ist alles Leben von der Erde verschwunden – mit Ausnahme von Jonas, der sich in seelenloser Sprache auf die Suche nach sich selbst begibt. In Das bin doch ich (2007) schrieb Glavinic dann aus der Perspektive eines Schriftstellers namens Glavinic, der in eine Schaffenskrise gerät, wie sie seit dem Geniekult um den „ganzen Kerl“ in der Epoche des Sturm und Drang dem männlichen Künstler zugeschrieben wird. Eine Zuhörerin, die ihm während einer Radioshow vorwirft, sein Roman Die Arbeit der Nacht sei ein Plagiat von Marlen Haushofers Die Wand, nennt der fiktionalisierte Glavinic in Das bin doch ich eine „Denunziationsschlampe“.

Subtiler betreibt dieses Geschäft sein Kollege Simon Strauß. In dessen sprachmächtigem Essay Sieben Nächte (2017) greint und raunt ein junger Mann, „seine“ Generation sei so wohlstandsbesoffen, dass ihr Leben keine sinnliche Bedeutung mehr finde. Darum durchlebt er alle sieben Todsünden. Wo sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts kriegslüsterne Literaten nach einem „Stahlbad“ sehnten, da wünscht sich Straußens Erzähler ein „heroisches Zeitalter“, das er im Sinne einer traditionellen Männlichkeit verstanden wissen will. Eine sich über Wochen erstreckende Feuilletondebatte überhöhte Strauß damals zum personifizierten Backlash. Ein Image, das er auch in seinem 2019 erschienenen Buch Römische Tage bedient, in dem ein junger Mann in der Ewigen Stadt alten Zeiten nachtrauert, in denen der intellektuelle Mann sich noch nicht von Netzfeministinnen herausgefordert sah.

Lorbeeren und Shitstorms

Weil sich die Dinge in der Genderdebatte in den vergangenen Jahren stark beschleunigt haben, ernten Glavinic und Strauß zugleich Lorbeeren des alteingesessenen Feuilletons und aufmerksamkeitsökonomisch ergiebige Shitstorms im Netz. Während Strauß sich als Theaterredakteur der FAZ mit der Rolle des konservativen Dandys angefreundet hat, ist Glavinics berserkerhafte Attitüde ein Merkmal, das ihn in einem dem neuen Feminismus zunehmend wohlgesinnten Kulturbetrieb unverwechselbar macht.

Derartige Intellektuelle gibt es ansonsten fast nur noch im Boulevardjournalismus, etwa in Gestalt des Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner, den kundige Kritiker einmal „Gossen-Goethe“ getauft haben und der sich darum seinen Auftritt in diesem Text verdient hat. In einer Folge seiner Reihe Post von Wagner schrieb er vor gar nicht allzu langer Zeit einen Satz, der sich wie die populäre Variante des literarischen Programms von Glavinic oder Strauß liest: „Eines Tages werden die Frauen uns Männer nur noch zum Schwere-Sachen-Heben brauchen.“ Die Protagonisten in den Romanen von Bov Bjerg oder Saša Stanišić würden vermutlich hämisch ergänzen: „Und das ist auch gut so!“



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Von Veritatis

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